Shambhala (Königreich)

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Shambhala (auch Shambala, Shamballa, tibetisch: བདེ་འབྱུང་; Wylie: bde 'byung, ausgesprochen De-jang) ist im tibetischen Buddhismus ein mystisches Königreich, das irgendwo in Zentralasien verborgen sein soll. Einige antike Schriften erwähnen Shambala, wie zum Beispiel das Kalachakra. Darin wird ein apokalyptischer Endzeitkrieg zwischen Buddhisten und Muslimen beschrieben, in dem die Feinde brutal geschlagen werden.

Ganz anders als im echten Shambhala-Mythos wurde dieser im Westen, vor allem von Helena Blavatsky, theosophischen und ariosophischen Jüngern, erzählt. Es folgten in den 1930er Jahren Nicholas Roerich und ab den 1960er Jahren okkultistische und rechtsesoterische Autoren wie Miguel Serrano, Gerald Suster, Louis Pauwels und Jacques Bergier sowie Trevor Ravenscroft. Die meisten westlichen Kolportagen verklären die Bewohner Shambhalas als äußerst friedliebend, obschon sie laut den antiken Vorlagen über eine beträchtliche Kriegsmaschinerie verfügen und auf den Tag der Endzeitschlacht warten.

Erstmals wurde Shambhala im Westen 1833 in einem englischen Artikel von Sándor Csoma erwähnt.

Theosophisches Evolutionskonstrukt[Bearbeiten]

Einige westliche Okkultisten hielten Shambhala für einen real existierenden geografischen Ort. Shambhala wurde im Pantheon der strengen Ranggliederung der Theosophischen Gesellschaft rezipiert, die behauptete, dass der Herr der Welt zuoberst in Shambhala wohne, das kurzerhand in der unwegsamen Wüste Gobi lokalisiert wurde. Die Theosophen transzendierten Tibet vom geografischen zum politischen Dach der Welt, wo eine imaginierte zukünftige Weltregierung ihren Hauptsitz haben würde. Diese von Helena Blavatsky erfundenen Vorstellungen wurden von den Theosophen, dem Hochstapler und Spion Ignaz Trebitsch-Lincoln, Jan van Rijckenborgh, von Neonazis und neonationalsozialistischen Autoren wie Miguel Serrano, Gerald Suster, Pauwels/Bergier und Trevor Ravenscroft aufgegriffen und weiterentwickelt. Die von den Theosophen und neonazistischen Kreisen kolportierten Shambhala-Legenden entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage und sind in Tibet unbekannt.[1]

Die Lehren der Adyar-Theosophie bezeichnen Shambala als Wohnort der weisen Meister der größten Bruderschaft spiritueller Adepten. Gemäß einer Einführungsschrift der davon geprägten Geheimgesellschaft Lectorium Rosicrucianum befände sich der Sitz der die Welterlösung leitenden Brüderschaft von Shamballa in Zentral-Asien (Wüste Gobi). In seinem Buch Die Bruderschaft von Shamballah liess sich ihr Gründer Rijckenborgh dazu aus.[2]

Der Holocaustleugner und Faschist Miguel Serrano stellte die Behauptung auf, Adolf Hitler sei ein Avatar (eine göttliche Inkarnation) und ein reinkarnierter Geistlicher (Tulku), der sich duplizieren kann und sich dadurch gleichzeitig u.a. in Benito Mussolini und dem Inder Subhash Chandra Bose inkarniert habe. Nach Serrano ist Hitler ein Tantra-Meister aus dem Königreich Shamballah, wo er heute lebe, der wie die esoterisch ausgerichtete SS Sexualmagie praktizierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei der Eingang nach Shamballah zwischen Shigatse und Gyantse geschlossen und an den Südpol verlegt worden. Dort warte Hitler seitdem auf eine günstige Gelegenheit, um in einem Endzeitkrieg die Mächte der Finsternis zu besiegen um danach das „Vierte Reich“ zu errichten.[3]

In der Version des ehemaligen SS-Mitglieds Wilhelm Landig, dem Verfasser einer Romantrilogie über den Thule-Mythos, die vornehmlich in rechtsextremen Kreisen Anklang fand, berichtet ein tibetischer Abt, dass es sich bei dem von geheimen Bruderschaften und Logen der westlichen Welt zutiefst verehrten Shambala um eine irdische Stadt der Macht und Kraft handele, die vom König der Furcht beherrscht werde, dem Quell materieller Energie und Pfad zur linken Hand. Gewisse Persönlichkeiten des Dritten Reichs hätten sich vollständig den destruktiven Kräften der nackten Gewalt Shamballas unterstellt, und dadurch dessen Gesandten Stalin in die Hände gespielt. Das Pendant Shamballas sei die Stadt Agartha, ein inneres, unterirdisch gelegenes Reich der Kontemplation und des Geistes, der Pfad zur rechten Hand. In Agartha regiere der Herr und König der Welt, der zu einem vorstimmten Zeitpunkt die Guten in einem Feldzug gegen die Bösen führen werde, um das Mongolische Reich zu errichten. Eine ähnliche Geschichte veröffentlichten Pauwels und Bergier in ihrer 1960 veröffentlichten Studie Le Matin des magiciens über Nazi-Okkultismus. [4]

In seiner Thule-arischen-Rassenlehre greift der deutsche Rechtsextremist und Verschwörungstheoretiker Jan Udo Holey, ähnlich wie andere Neonazis den theosophischen Shamballa-Mythos auf und vermischt ihn mit dem von Saint-Yves d'Alveydre und Ossendowski kreierten Argharti-Mythos. In Holeys Variante handelt es sich bei Shamballah um die Hauptstadt des unterirdischen Königreichs Agharta oder Argathi in der Himalaja-Region. Danach soll das Königreich rund um Shamballah von technisch weit fortgeschrittenen Hyperboreanern mit großen Bohrmaschinen ins Erdinnere gefräst worden sein, weil ihr von Ariern besiedelter Kontinent Hyperboräa im Verlauf einer Eiszeit untergegangen sei. Der König Shamballahs heiße Rigden Iyepo, der König der Welt. Dessen Repräsentant auf der Erdoberfläche sei der Dalai Lama, der bestätigt haben soll, dass Agarthi heute noch bewohnt ist. Dazu zitiert Holey zwar Karl Haushofer, doch die Fußnote verweist auf die dubiosen Quellen E. R. Carmin und Bronder.[5]

Es soll ein Ziel Nicholas Roerichs auf seinen Reisen gewesen sein, Shambhala zu finden: er vermutete es im Altai-Gebirge. Nach der Besetzung der Mongolei durch Japan 1937 versuchte Japan, die Legende für politische Zwecke zu nutzen, indem das Gerücht gestreut wurde, Japan sei Shambhala.

Als es den US-Truppen während des Afghanistankriegs nicht gelang, Osama bin Ladens habhaft zu werden, spekulierten 2002 amerikanische Esoteriker, er könnte sich in die unterirdische Welt von Shambhala zurückgezogen haben, die sie kurzerhand unter dem Hindukusch lokalisierten.[6]

Popkultur[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Brauen: Traumwelt Tibet: westliche Trugbilder. Verlag Paul Haupt Berne, Bern; Stuttgart; Wien 2000, ISBN 3-258-05639-0. S.47, S.75, S.91, S. 247 und S.234.
  2. Horst E. Miers: Lexikon des Geheimwissens (= Esoterik. Bd. 12179). Original-Ausgabe; sowie 3. aktualisierte Auflage, beide Goldmann, München 1993, ISBN 3-442-12179-5, S. 124 und 571.
  3. Martin Brauen: Traumwelt Tibet: westliche Trugbilder. Verlag Paul Haupt Berne, Bern; Stuttgart; Wien 2000, ISBN 3-258-05639-0. S.65-66.
  4. Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. Arische Kulte, Esoterischer Nationalsozialismus und die Politik der Abgrenzung. Marix Verlag, Wiesbaden 2009, S.292.
  5. Martin Brauen: Traumwelt Tibet: westliche Trugbilder. Verlag Paul Haupt Berne, Bern; Stuttgart; Wien 2000, ISBN 3-258-05639-0. S.69-72.
  6. Michael Barkun: A Culture of Conspiracy. Apocalyptic Visions in Contemporary America. University of California Press, Berkeley 2013, S. 168.