Steinkammergrab von Züschen

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Lochstein und Vorkammer des Galeriegrabes von Züschen

Das Steinkammergrab von Züschen, auch Steinkiste genannt, ist eine vorgeschichtliche Megalithanlage, die im Feld zwischen den Fritzlarer Ortsteilen Züschen und Lohne in Nordhessen liegt. Es ist ein Galeriegrab, eines der bedeutendsten Exemplare seiner Art, und stammt aus dem 4. bis 3. Jahrtausend v. Chr. Wegen seiner eingeritzten Bildzeichen nimmt es eine Sonderstellung unter den Megalithanlagen vom Typ Züschen der Wartberg-Kultur ein.

Entdeckung und Ausgrabung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Müller Schmalz aus Züschen war beim Bestellen des Feldes schon Jahre vor der eigentlichen Entdeckung des Grabes auf eine ihn hindernde Reihe von Sandsteinen gestoßen. Er verschob die Steine vorläufig und begnügte sich damit, einige der Platten sich an der Oberkante abarbeiten zu lassen. Im Frühjahr 1894 sollten die Hindernisse endgültig entfernt werden. Dem Inspektor Rudolf Gelpke von der in Züschen im Bau befindlichen Garvensburg fiel das Vorkommen von Sandstein auf der Basaltkuppe als ungewöhnlich auf. Nach eingehender Besichtigung kam er zu der Überzeugung, dass es sich bei den zwei Reihen senkrecht stehender regelmäßiger Platten um einen vorgeschichtlichen Fund handeln musste. Gelpke setze beim Besitzer des Feldes durch, dass dieser nur an den beiden Enden die Erde abheben ließ. Dabei kamen Scherben und Knochen zum Vorschein. Daraufhin wurde der Besitzer der Garvensburg, Wilhelm Garvens, benachrichtigt, der wiederum einen Archäologen, den Baron Felix von und zu Gilsa informierte. Dieser nahm den Fund in Augenschein, woraufhin unter Aufsicht des ehemaligen Direktors der Staatlichen Museen Kassel, Johannes Boehlau, das Grab freigelegt wurde. Nachuntersuchungen erfolgten durch O. Uenze vom Amt für Bodenaltertümer in Marburg 1939 und 1949.

Der Aufbau des Steinkammergrabes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die rechteckige und in den Boden eingelassene Grabkammer ist 20 m lang und 3,50 m breit. Zusammengesetzt ist die Anlage aus rechteckigen Sandsteinplatten, die man auf dieser Talseite des Elbebaches nicht findet. Die Längswände bestehen aus zwei Reihen von je 12 Steinen, wovon einer fehlt. Die Schmalseiten bestehen je aus einer Platte.

Eine Abschlussplatte trennt die eigentliche Grabkammer von einem kleinen Vorraum mit 2,50 m Länge ab. Diese Platte hat in der Mitte eine kreisrunde Öffnung, das so genannte Seelenloch, von 50 cm Durchmesser, die als Zugang und als Tür zwischen Lebenden und Toten für die im Vorraum stattfindenden Opferhandlungen gedeutet werden kann. Ob die Öffnung geschlossen war, wie dies bei vergleichbaren französischen Anlagen der Fall ist, lässt sich nicht nachweisen. Der Boden des Vorraums besteht aus tennenartig festgetretenem Lehm. Reste einer im Inneren des Grabes liegenden Platte belegen die ursprüngliche Abdeckung der Anlage. Das Auffinden ortsfremder Steine lässt eine Hügelanschüttung vermuten.

Baumaterial[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene verwendete Sandstein-Platten

Die zur Hessischen Senke gehörende Umgebung des Grabs ist von durch Basaltkuppen durchbrochenen Buntsandsteinflächen geprägt. Untersucht wurden 25 Steinplatten. Bei dem verwendeten Baumaterial handelt es sich um die Wilhelmshausen-Schichten der Solling-Folge, die dem Mittleren Buntsandstein zuzuordnen sind. Die Schichten stehen in mehreren Aufschlüssen nördlich und südlich der Anlage an. Aufgrund der geringen Entfernung und der Beschaffenheit der Schichten für einen Abbau unter neolithischen Bedingungen kommen zwei Stellen in Frage. Die ermittelten Entfernungen ergeben 1300 m nach Norden und 1000 m nach Süden. Da der Transportweg vom nördlicheren Aufschluss zum Grab weniger steil ist, ist dieser trotz der etwas größeren Entfernung der wahrscheinlichere. Bis vor wenigen Jahren wurde nördlich des Grabes Buntsandstein abgebaut, sodass die Schichten hier bis in große Tiefe offen liegen. Während des Neolithikums ist von einer oberflächennahen Entnahme auszugehen. Südlich der Anlage finden sich naturbelassene Aufschlüsse. Die an der Oberfläche liegenden Schichten sind stark verwittert und zeigen Risse, die auch der nördliche Aufschluss vor der modernen Ausbeutung gezeigt haben wird. Die Wilhelmshausen-Schichten eignen sich zum Gewinn von plattigem Baumaterial. Die Schichten bzw. Bänke sind natürlicherweise vertikal und horizontal durch Kluftsysteme und Schichtflächen getrennt und mit einfachen Mitteln abzubauen. Durch diese natürlichen Fugen war die Form des Werkstücks vorgegeben. Die Steine sind aufgrund der sandigen Struktur relativ weich und gut für eine Bearbeitung der Oberflächen geeignet. Das Anbringen des kreisrunden Seelenlochs im Türlochstein und die Verzierung mit Ritzzeichnungen bereiteten keine Schwierigkeit.

Die Funde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schutt war mit zahlreichen menschlichen Knochen durchsetzt. Da man am Grund der Grabanlage nur 27 Skelettreste nachweisen konnte und die Knochen stark vermischt und nicht mehr im Verband und in Reihe lagen, ist davon auszugehen, dass die ursprüngliche Anzahl der Bestatteten wesentlich größer war. Die frühe Zerstörung der Grabanlage und der Deckenplatten muss vor dem 10. bis 9. Jahrhundert v. Chr. erfolgt sein, da man die Überreste einer urnenzeitlichen Nachbestattung fand. Holzkohle und Asche wurden an verschiedenen Stellen, besonders bei den Knochenresten am Türlochstein und an der südwestlichen Abschlussplatte, gefunden. Die menschlichen Knochen weisen aber keinerlei Brandspuren auf. In der Mitte der Vorkammer wurde zudem eine zusammenhängende Ascheschicht entdeckt.

Grabbeigaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die meisten Fundstücke stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Hauptkammer und waren somit den Toten der Bestattung beigegeben. Neben den Skelettresten und Rinderknochen fand man, da das Grab schon frühzeitig zerstört worden war, sehr wenig Keramik, einige Stein- und Knochenwerkzeuge, eine tönerne Tasse und eine der nordischen Trichterbecherkultur zuzuordnende Kragenflasche. In dieser wurden vermutlich pflanzliche Öle oder Schwefel, die als Heilmittel Verwendung fanden, aufbewahrt. Zudem fand man ein Bruchstück einer Tasse, das den Funden des Grabes von Lohra ähnlich ist. Der so genannte Riesenbecher stammt vermutlich aus einer Nachbestattung. Aus Feuerstein hergestellte Messerklingen und Sicheleinsätze fand man ebenso wie kleine trapezförmige Beile aus Wiedaer Schiefer. An Knochengeräten wurden ein Meißel, eine Spitze und eine Pfeilspitze aufgefunden.

Die Felsritzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingeprägte federförmige Felsritzungen (farblich gekennzeichnet)

Zu den beeindruckenden Funden der Ausgrabung gehören die eingeritzten Zeichen. Mit einem womöglich frühen Metallgerät (?) wurden punktförmige Einschläge zu Linien gereiht. Ein wiederkehrendes Zeichen ist eine Linie mit einem aufgesetzten geöffneten Halbbogen, die als Rinderdarstellungen gedeutet wird. Meist sind zwei Rinder durch eine Linie mit zwei betonten Endpunkten miteinander verbunden. Die Darstellung könnte ein Pflug sein. Seltener verbinden sich die Zeichen durch ein Joch mit einer Deichsel zu Karren. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Rinderdarstellungen keinen Bezug zueinander haben. Es handelt sich vermutlich um eine Summierung von Einzelzeichen, was durch die Überschneidungen zu belegen ist. Sollte wirklich ein Karren dargestellt sein, wäre das eine der ältesten Raddarstellungen in der Geschichte der Menschheit überhaupt.

Des Weiteren ist auf dem Stein B2 ein Gesicht zu erkennen. Aufgrund von Vergleichen mit anderen Darstellungen in Frankreich wird dieses Gesicht als Bild der Großen Göttin bzw. Dolmengöttin gedeutet, deren Attribut ein von Rindern gezogener Wagen ist[1].

Als Rindergespanne vergleichbare Ritzzeichnungen sind unter anderem die entsprechenden aber weit jüngeren Zeichen auf Felsen in Valcamonica bei Capo di Ponte in Oberitalien und in den ligurischen Alpen von Mont Bégo, Frankreich.[2] Die Bildzeichen könnten die Vorstellungen einer steinzeitlichen Religion widerspiegeln.

Eine Nachbildung der Grabanlage befindet sich im hessischen Landesmuseum in Kassel.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dietrich Evers (Hrsg.): Die ältesten Wagenbilder Europas. Gravuren im Steinkammergrab von Züschen in Nordhessen – Versuch einer Deutung. Gutenberg, Melsungen 1988, OCLC 475317755 (Zur Ausstellung im Hessischen Landesmuseum Kassel 8. Mai – 24. Juli 1988).
  • Irene Kappel: Das Steinkammergrab bei Züschen – Denkmal europäischer Bedeutung in Nordhessen. Führungsblatt zu der Grabstätte der Jungsteinzeit in der Gemarkung Lohne, Stadt Fritzlar, Schwalm-Eder-Kreis. In: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Archäologische Denkmäler in Hessen. 2. erg. Auflage. Heft 22. Wiesbaden 1989, ISBN 3-89822-022-2.
  • Irene Kappel: Steinkammergräber und Menhire in Nordhessen, Kassel 1989a
  • Kerstin Schierhold: Der Bauplatz für ein Grab – Rohstoff- und Raumnutzung in der hessisch-westfälischen Megalithik. In: Varia neolithica. VI. Langenweißbach 2009.
  • Waldraut Schrickel: Westeuropäische Elemente im neolithischen Grabbau Mitteldeutschlands und die Galeriegräber Westdeutschlands und ihre Inventare. In: Beiträge zur ur- und frühgeschichtlichen Archäologie des Mittelmeer-Kulturraumes. Band 4. Habelt, Bonn 1966, DNB 458885762.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Steinkammergrab von Züschen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Kappel 1989a, S. 16f.
  2. Irene Kappel: Steinkammergräber und Menhire in Nordhessen. Hrsg. v. Staatliche Kunstsammlungen Kassel. Kassel 1978, S. 6–8, 11–23.

Koordinaten: 51° 10′ 26″ N, 9° 14′ 26″ O