Nordhessen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Nordhessen nach dem Vorschlag des Geographentages 1973

Nordhessen bezeichnet mit dem nördlichen Teil des Landes Hessen dessen historisches Kerngebiet. Die Region ist – im Gegensatz zu der Bezeichnung Niederhessen – keine historische Landesbezeichnung und keine bestehende einheitliche und offizielle Verwaltungsgliederung. Die Benennung ist jedoch weit verbreitet und wird heute häufig verwendet, manchmal auch mit dem Zweck der bewussten Abgrenzung gegenüber dem Rhein-Main-Gebiet. In Nordhessen wohnen über eine Million Menschen, die größte Stadt ist die ehemalige kurhessische Hauptstadt Kassel.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geographische Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nordhessen ist nicht klar abgegrenzt: Insbesondere nach Süden, zu Regionsbezeichnungen wie Mittelhessen und Osthessen, sind Abgrenzungen oft widersprüchlich. Auf einem 1973 in Kassel abgehaltenen Geographentag, dessen „Festschrift“ unter dem Titel Beiträge zur Landeskunde von Nordhessen erschien, wurde unter Berücksichtigung von kulturräumlichen Gegebenheiten als ungefähre südliche Abgrenzung eine Linie Marburg (Landkreis Marburg-Biedenkopf) – Alsfeld (Vogelsbergkreis) – Hünfeld (Landkreis Fulda und damit die nördliche Vorderrhön) vorgeschlagen.

Als unumstritten gilt, dass – neben der kreisfreien Stadt Kassel – die nördlich dieser Linie gelegenen Landkreise Hersfeld-Rotenburg, Kassel, Schwalm-Eder-Kreis, Waldeck-Frankenberg und Werra-Meißner-Kreis geographisch zur Gänze zu Nordhessen gehören.

Administrative Abgrenzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Regierungsbezirk Kassel und seine Landkreise

Da die Region Nordhessen geographisch betrachtet nicht abschließend definiert ist, gibt es je nach Aufgabenbereich unterschiedliche politische Abgrenzungen:

Landschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Landschaft bei Homberg (Efze)
Edersee und Staumauer, Blick vom Uhrenkopf

Nordhessen ist durch eine waldreiche Mittelgebirgslandschaft geprägt. Folgende Gebirge durchziehen die Region (sortiert nach Maximalhöhe über Normalnull): Rothaargebirge (im Upland 843,2 m), Fulda-Werra-Bergland (mit Hohem Meißner 753,6 m), Kellerwald (675,3 m), Knüllgebirge (635,5 m), Habichtswald (614,7 m), Reinhardswald (472,2 m) und Burgwald (443,1 m). Der höchste Berg im Regierungsbezirk Kassel ist die 950,2 m hohe Wasserkuppe in der Rhön.

Durch Nordhessen fließen die Flüsse Werra und Fulda, die sich in Hann. Münden zur Weser vereinen. Ein Nebenfluss der Fulda ist die Eder, die mit dem Edersee den flächenmäßig zweitgrößten Stausee Deutschlands bildet. Weitere Stauseen sind unter anderem Diemelsee und Twistesee.

In der Region befindet sich mit dem Nationalpark Kellerwald-Edersee der einzige Nationalpark Hessens. Zudem existieren zahlreiche Naturparks, beispielsweise der Naturpark Meißner-Kaufunger Wald oder der Naturpark Diemelsee.

Größte Städte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Herkules an der Wilhelmshöhe in Kassel
Die Stiftsruine in Bad Hersfeld

Nordhessen ist im Vergleich zum Rhein-Main-Gebiet dünner besiedelt und somit unter dem Durchschnitt des Landes Hessen. Wirtschaftlicher Mittelpunkt ist mit Abstand die Region Kassel, mit der Stadt Kassel und Vororten wie Lohfelden oder Baunatal. Folgende Städte haben mehr als 10.000 Einwohner:[2]

(Gemeinden ohne Stadtrechte sind nicht aufgeführt.)

Größte Städte per 30. Juni 2012
Stadt Landkreis Einwohner
Kassel kreisfrei 194.747
Bad Hersfeld Landkreis Hersfeld-Rotenburg 28.839
Baunatal Landkreis Kassel 27.403
Korbach Landkreis Waldeck-Frankenberg 23.169
Eschwege Werra-Meißner-Kreis 19.466
Vellmar Landkreis Kassel 18.037
Schwalmstadt Schwalm-Eder-Kreis 17.987
Frankenberg (Eder) Landkreis Waldeck-Frankenberg 17.848
Bad Wildungen Landkreis Waldeck-Frankenberg 16.711
Bad Arolsen Landkreis Waldeck-Frankenberg 15.399
Hofgeismar Landkreis Kassel 14.783
Witzenhausen Werra-Meißner-Kreis 14.701
Fritzlar Schwalm-Eder-Kreis 14.304
Homberg (Efze) Schwalm-Eder-Kreis 13.881
Bebra Landkreis Hersfeld-Rotenburg 13.789
Lohfelden Landkreis Kassel 13.622
Rotenburg an der Fulda Landkreis Hersfeld-Rotenburg 13.318
Melsungen Schwalm-Eder-Kreis 13.334
Wolfhagen Landkreis Kassel 12.856
Borken (Hessen) Schwalm-Eder-Kreis 12.494
Hessisch Lichtenau Werra-Meißner-Kreis 11.984
Felsberg Schwalm-Eder-Kreis 10.673

Geschichte und Brauchtum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sagenumwobene Sababurg im Reinhardswald

Die heutige Region Nordhessen bildet historisch das Kerngebiet des späteren Landes Hessen. Es entspricht weitgehend dem Siedlungsgebiet der germanischen Chatten (Hessengau), deren Name sich durch Lautverschiebung im Frühmittelalter zum Wort „Hessen“ wandelte.

Nordhessen setzt sich hauptsächlich aus den historischen Gebieten Niederhessen, Fürstentum Waldeck und Teilen von Oberhessen zusammen; eine andere historische Beschreibung fasst Nordhessen als das vormalige Kerngebiet der Landgrafschaft Hessen-Kassel und des Fürstentums Waldeck. Nach 1866 ging das Kurfürstentum Hessen in der preußischen Provinz Hessen-Nassau auf. Als historische Bezeichnung innerhalb der Geschichtswissenschaft wird der Begriff Nordhessen für dieses Gebiet jedoch nicht verwendet, stattdessen spricht man von „Hessen-Kassel“ oder „Kurhessen“, was sich bis heute noch in Begriffen wie „Kurhessenbahn“ erhalten hat.

Ahle Wurst

Wenngleich Nordhessen ein integraler Bestandteil Hessens ist und sich auch die dortige Bevölkerung ebenso als Hessen versteht, gibt es einige kulturelle Unterschiede, vermutlich bedingt auch durch die verschiedenen hessischen Staaten in der Deutschen Geschichte. Anders als im Rest Hessens gibt es eine gewisse Orientierung hin zur alten Residenzstadt Kassel und nicht in das Ballungsgebiet um Frankfurt.

Kulinarisch ist Nordhessen für die Spezialitäten „Ahle Wurscht“ und „Weckewerk“ bekannt, die „Grüne Soße“ mit ihren sieben Geheimnissen wird zudem etwas anders zubereitet als im Süden des Bundeslandes. Architektonisch fällt der häufige Gebrauch des Fachwerks auf, so finden sich in Nordhessen neben zahlreichen Wohnhäusern auch viele Kirchen und andere Gebäude dieses Baustils. Beispielsweise am Marställer Platz 7 das letzte Fachwerkhaus der Kasseler Altstadt, das Jüdische Haus in Wanfried, das Heimatmuseum der Stadt Homberg oder das 10-türmige Rathaus in Frankenberg.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volkswagenwerk Kassel
Universität Kassel

Traditionell war die Region Kassel, in der die Industrialisierung erst mit dem Anschluss an die Eisenbahn um 1850 einsetzte, durch ihre schnell an Größe zunehmenden Betriebe aus dem Bereich Lokomotiv- und Waggonbau, wie Henschel (eine Nachfolgefirma fertigte den Transrapid), Credé und Wegmann, später durch Maschinen- und Fahrzeugbau mit der Kanalisierung der Industrie zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg mit Fieseler und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten durch die Umstellung auf Rüstungsproduktion mit Rheinstahl und Krauss-Maffei Wegmann gekennzeichnet. In diesem Kontext gibt es heute das Volkswagenwerk Kassel in Baunatal, Daimler AG Werk Kassel und Bombardier Transportation Werk Kassel. Historisch bestand aber parallel dazu eine starke Textil- und Weberindustrie mit den Unternehmen Gottschalk&Co und Salzmann & Comp., sowie seit den 1920er Jahren der ENKA Spinfaser für chemische Garne. Aufgrund der geografischen Lage und der guten Infrastruktur sind jedoch seit den Umstrukturierungen durch globale Investitionsausrichtungen und Kapitalkonzentration andere Branchen gewachsen, darunter die Logistik. So entstand das Baunataler Original Teile Center der Volkswagen AG das europaweit größte Ersatzteilelager in Nordhessen, das durch die Volkswagen Original Teile Logistik vernetzt wird oder das Amazon.de Logistikzentrum in Bad Hersfeld. In diesem Bereich liegen auch zumeist die Betriebe in den von der Stadt und dem Landkreis Kassel gemeinsam erschlossenen Gewerbegebiete.

Flughafen Kassel-Calden

Andere Unternehmen umfassen K+S mit Hauptsitz in Kassel, Wintershall mit Hauptsitz in Kassel, Viessmann mit Hauptsitz in Allendorf (Eder), B. Braun Melsungen AG mit Hauptsitz in Melsungen und ein Continental Werk in Korbach. In Frankenberg befinden sich mit EWIKON und Günther zwei weltweit führende Unternehmen der sogenannten Heißkanaltechnik sowie auch die Firma Thonet, deren Gründer Michael Thonet die industrielle Fertigung von Stühlen entwickelte, lange bevor das Fließband Einzug hielt.

Eine Wachstumsbranche der Region sind die erneuerbaren Energien, begünstigt durch die frühzeitige Schwerpunktsetzung der Universität Kassel auf den Umweltbereich und entsprechende Fraunhofer Forschungsinstitute, etwa des Zentrum für Umweltbewusstes Bauen e. V. (ZUB). Darüber hinaus kam es zu erfolgreichen Forschungsausgründungen im Rahmen des ISET – Institut für Solare Energieversorgungstechnik. Die Firma SMA Solartechnologie hat sich im Bereich der Umwelt- und Energieregelungstechnik zu einem hervorgehobenen und innovativen Unternehmen entwickelt.

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

RegioTram (Kassel Hauptbahnhof)
Fuldatalbrücke Morschen mit ICE 2
Bundesautobahn 44 bei Walburg

Die Region hatte durch ihre historisch gewachsene Bedeutung in der Eisenbahnindustrie ursprünglich ein dichtes Schienennetz, das infolge der Privatisierung seit den 1990er Jahren, die Investitionen in den Hochgeschwindigkeitsfernverkehr und die Ausschreibungen von Strecken im Zuge der Europäisierung zunehmend in seiner Bedeutung als Verkehrsnetz eingebüßt hat.

In der Region besteht der Nordhessische Verkehrsverbund (NVV) als Aufgabenträger des Nahverkehrs und als Tarifverbund. Betreiber des Verkehrs sind die Kurhessenbahn, die Hessische Landesbahn und die cantus-Betriebsgesellschaft. Die Verbindungen aus dem Waldecker Land durch den Burgwald ins oberhessische Marburg sind ebenso wie die direkte Lossetalstrecke der Waldkappeler Bahn seit langem außer Betrieb. Nebenstrecken nach Bad Karlshafen, durch die Schwalm oder den Knüllwald sind als Nebenverbindungen ebenso brachgefallen.
Die wichtigsten Fernstraßen sind die A 7 in Nord-Süd-Richtung und die A 44 zwischen Dortmund und Kassel. Der Weiterbau von Kassel durch Lossetal und den Werra-Meißner-Kreis zur A 4 bei Wommen wird derzeit als Verkehrsprojekt Deutschen Einheit gebaut.

Im Gebiet der Gemeinde Calden liegt der Flughafen Kassel-Calden, der seit 1970 als Verkehrslandeplatz bestand und bis 2013 zum Regionalflughafen umgebaut wurde.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das protestantisch geprägte Nordhessen galt in den Jahrzehnten seit 1945 als sozialdemokratische Hochburg, wobei anders als im Ruhrgebiet diese politische Prägung nicht vornehmlich auf ein Industrieproletariat zurückgeht. Die katholische Enklave Fritzlar ist eine christdemokratische Hochburg. Die Region steht im Gegensatz zur Region um Fulda, dem katholisch und eher konservativ bestimmten Osthessen. Das bundesweit zu beobachtende Abschmelzen solcher einst sicheren Parteibastionen hat in den letzten Jahren aber auch in Nordhessen stattgefunden. Bei den Landtagswahlen 2003 errang die CDU hier sogar fast alle Direktmandate, die die SPD bei der Wahl 2008 jedoch fast alle wieder zurückerobern konnte.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Regionaler Service. In: ihk-kassel.de. Abgerufen am 4. Juli 2013.
  2. Die Bevölkerung der hessischen Gemeinden (Stand 30. Juni 2012). In: Hessisches Statistisches Landesamt. Abgerufen am 4. Juli 2013.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]