Topik (Psychologie)

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Topik (abgeleitet von altgriechisch τόπος (topos) = Ort, Stelle Landstrich, Grund, Grundlage der Beweisführung, Thema, Terminus technicus der Rhetorik) ist ein übergreifendes Modell, das sowohl in der Psychologie als auch in den klassischen Naturwissenschaften und in den Geisteswissenschaften gültig ist. In diesem Sinne wird sowohl von

als auch von

gesprochen.[1][2][3] Diese Gemeinsamkeit ist u. a. auch auf die Erfolge der Psychophysik im 19. Jahrhundert zurückzuführen, die gesetzliche Zusammenhänge u. a. in der Wahrnehmungsphysiologie zum Gegenstand hatten, → Experimentalpsychologie.

Zum Verständnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neurologie und Psychiatrie haben trotz mannigfacher Berührungspunkte in ihrem wissenschaftlichen Selbstverständnis unterschiedliche Ansätze. Neurologen wie Robert Bing (1878–1956) oder Paul Dubois (1848–1918) führten einen Kampf um die Verselbständigung ihres Fachgebietes, das sich erst langsam von der Psychiatrie abzulösen begann. Während für die Neurologie lokalisatorische Gesichtspunkte von ausschlaggebender Bedeutung für die naturwissenschaftliche Ausrichtung dieses Fachs sind, gilt für die Psychiatrie diese Forderung zwar ebenfalls, aber es gewinnen auch andere Tatsachen zunehmend an Bedeutung, wie etwa die von Sigmund Freud (1856–1939) aufgestellte Unterscheidung verschiedener Systeme des „psychischen Apparats“, siehe Kap. Psychische Topik. Diese Unterscheidung beruht weniger auf anatomischen als vielmehr auf abstrakten, ggf. auch als hypothetisch oder psychogenetisch aufzufassenden Prinzipien. Freud hat die topische Terminologie eingeführt, um auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Sichtweisen hinzuweisen, die ihm hierbei sehr bewusst waren. Da er ursprünglich neuropathologische Tätigkeiten ausübte, ist ihm die Anatomie des Nervensystems keineswegs fremd. In seiner Topik ist zwar weniger von Lokalisation als vielmehr von metaphorischer Bedeutung die Rede, aber weder topische noch lokalisatorische Erkenntnisse können sich gegenseitig ausschließen. Es besteht vielfach eine Komplementarität zwischen psycholoigsch-metaphorischen und neurologischen Gesichtspunkten, die um so mehr erforderlich ist, als den vielfältigen psychologischen Erkenntnissen und auch den neuesten Forschungsergebnissen auf den Gebieten der Neurophysiologie, Biochemie und Neuroradiologie Rechnung zu tragen ist. Auch der ursprünglich philosophische Begriff der Topik besitzt diese doppelte Bedeutung.

„Weder philosophische Logik noch Psychoanalyse kommen ohne Topik aus. Sobald man es mit Begriffen zu tun hat, die etwas unter sich befassen, oder mit der Reichweite von Urteilen und Schlüssen, sind räumliche Konnotationen im Spiel, und Modelle des psychischen Apparats können gar nicht anders, als Unbewußtes, Vorbewußtes und Bewußtes oder Es, Ich und Über-Ich wie übereinandergelagerte Schichten zu denken.“

Christoph Türcke: Philosohie des Traums 2008; S. 75

Anatomische Topik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die engen Beziehungen zwischen psychischen Phänomenen und Neuroanatomie begründeten die noch heute anhaltende Ära des engen Zusammenhangs von Neurologie und medizinischer Psychologie / Psychiatrie. Viele inzwischen erforschte neuropsychologische Syndrome begründen den Erfolg dieser naturwissenschaftlich-anatomischen Anschauungsweise. Der topographische Gesichtspunkt hat sich in der Anatomie als wesentlicher Gesichtspunkt einer funktionellen Anatomie herausgestellt neben deskriptiver und systematischer Anatomie. Mit funktioneller Anatomie sind die strukturellen anatomischen Vorkenntnisse gemeint, die zum Verständnis der Körperfunktionen und damit der Physiologie erforderlich sind (→ Strukturfunktionalismus).

Der aus der Soziologie entlehnte Begriff des Strukturfunktionalismus trifft insofern auf die Anatomie zu, als es sich im Falle der Topik eben nicht um einen rein anatomischen, sondern in erster Linie um einen fachübergreifenden Begriff handelt. Das auch die Gesellschaft umfassende Modell des „Zusammenlebens von Lebewesen in einem räumlich abgegrenzten Bereich“[4] lässt sich auch auf biologische Organismen übertragen, die als ein System zusammenwirkender Organe und Zelleinheiten beschreibbar sind, ähnlich wie es die Anatomie tut.

Topistische Hirnforschung ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts bemüht, Regionen innerhalb des makro- und mikroskopischen Bauplans des Gehirns zu beschreiben und zu umgrenzen, die mit qualitativen Sonderfunktionen nach dem Prinzip der Selbstorganisation ausgestattet sind. Die Beschreibung solcher Sonderfunktionen wird gestützt durch strukturelle Besonderheiten cyto-, myelo-, angio-, fibrillo- und glioarchitektonischer Art.[5]

Soziologische topische Modelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hier ist vor allem die Feldtheorie von Kurt Lewin (1890–1947) zu nennen, die auch als topologische Psychologie bezeichnet wird. Nach dieser Theorie geht das individuelle Verhalten aus einer Anordnung psychologisch relevanter Kräfte (Vektorkräfte) hervor, die sowohl in einem räumlich konkret zu denkenden System (dem Nervensystem) von Teilen eines sich im Raum entwickelnden Ganzen zu verstehen ist, als z. B. auch metaphorisch als Methode der Überwindung von Hindernissen in der Denkpsychologie etwa bei der Lösung von Problemen durch die Wahl von „Umwegen“. Lewin sprach dann von „aus dem Feld“ gehen.[6]

Psychische Topik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Psychoanalyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der psychologische Begriff Topik wurde von Sigmund Freud als eine von drei Betrachtungsweisen seiner Metapsychologie angesehen. Topik im psychophysiologischen Sinne, also die „Verortung“ der psychischen Vorgänge, gehört somit neben der Psychodynamik und der Ökonomie des psychischen Vorgangs zu den wesentlichen Bestandteilen der Metapsychologie.[7] Bei dieser grundlegenden Annahme verwendete Freud sowohl den Begriff der anatomischen Topik als auch den der psychischen Topik. Dieser letztere Begriff sollte unabhängig von der impliziten Forderung nach anatomischer Topik aller psychischen Phänomene gebraucht werden.[8]

Der psychoanalytische Begriff Topik bezeichnet ein Konzept der Organisation von Vorstellungsinhalten, sogenannten Repräsentanzen innerhalb der menschlichen Psyche.

Nach diesem Konzept sind Vorstellungen nicht durch zeitliche oder physiologische Grenzen getrennt, sondern durch assoziative Schranken, insbesondere „Zensurmechanismen“ und Verdrängungen. Durch diese Mechanismen werden Bewusstseinsinhalte in das Unbewusste abgeschoben bzw. abgespalten, sofern sie dem Bewusstsein nicht von vornherein schon unzugänglich sind (vgl. psychophysisches Niveau).

Freud entwickelte zwei verschiedene topische Modelle der Psyche: zuerst das Modell der Instanzen Bewusstes/Unbewusstes/Vorbewusstes, später dann das einflussreiche Strukturmodell der Psyche der Instanzen Es/Ich/Über-Ich. Nachfolger Freuds modifizierten dieses Modell oder ersetzten es durch eigene Modelle, insbesondere im Kontext der Selbstpsychologie und der Objektbeziehungstheorie.

Gestaltpsychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Topik wurde jedoch auch von anderen psychologischen Richtungen und Schulen verwendet, so z. B. von der Gestaltpsychologie. Kurt Lewin (1890–1947) sprach von topologischer Psychologie.

Andere Verwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Motivationspsychologie ist von Motivationsräumen die Rede.[9] Thure von Uexküll hat darüber hinaus das Modell des Integrationsraums in die Begrifflichkeit der Psychosomatischen Medizin eingebracht. Damit werden übergreifende Modelle verstanden, in denen „Körperliches und Seelisches ineinandergreifende Glieder einer durchgehenden Ordnung darstellen“[10] (vgl. z. B. auch Psychosoziale Dimension).

Geisteswissenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Topik ist auch Gegenstand der Geisteswissenschaften. Wenn z. B. das Denken selbst als innerhalb der Strukturen des Zentralnervensystems lokalisiert angenommen werden muss, so ist doch der Gegenstand des Denkens von solcher örtlichen Festlegung völlig frei. Hannah Arendt schreibt dazu:

„Zeit und Raum sind in der Alltagserfahrung nicht einmal denkbar ohne ein Kontinuum, das sich vom Nahen zum Fernen erstreckt, vom Jetzt in die Vergangenheit oder Zukunft, vom Hier zu jedem Punkt unter der Sonne, links und rechts, vorwärts und rückwärts, nach oben und nach unten; daher kann man mit gewisser Berechtigung sagen, daß nicht nur Entfernungen, sondern auch Zeit und Raum selbst beim Denken außer Kraft gesetzt sind. Was den Raum betrifft, so kenne ich keinen philosophischen oder metaphysischen Begriff, der einleuchtend mit dieser Erfahrung in Verbindung gebracht werden könnte; ...“[11]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik an der Modellvorstellung Freuds zur Frage der Topik hat Harald Schultz-Hencke (1892–1953) geübt. Er bezeichnete den topischen Gesichtspunkt der Psychoanalyse als eine räumliche Metaphorik. Hinter dieser verberge sich die Frage nach dem Zeitpunkt der Entstehung von seelischen Eigenschaften (Psychogenese). Man denke aus Gründen der Veranschaulichung z. B. das System Ubw nur als „quasi räumlich“. Die Entwicklung dieser frühesten Bewusstseinsstufe des System Ubw werde metaphorisch als die „tiefste“ Schicht bezeichnet. Das Rezente werde dann die „obere“ Schicht. Weil das zeitlich Ehemalige heute noch aktuelle Wirksamkeit besitze, werde es auch als existent betrachtet.[12] Entsprechend dieser quasi archäologischen Grundannahme ist die Vorstellung einer Schichtenlehre im psychoanalytischen Schrifttum zwar geläufig, sie verleitet jedoch nach Schultz-Henke dazu, das psychologische Denken in der Zeit als psychogenetisches Denken zu vernachlässigen. Auch Felix Krueger (1874–1948) hat ähnliche Auffassungen vertreten.[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Broser, Fritz: Topische und klinische Diagnostik neurologischer Krankheiten. 2. Auflage. U&S, München 1981, ISBN 3-541-06572-9. Broser bezieht sich in seiner Darstellung auf die Begründung der topisch-neurologischen Sichtweise durch den deutsch-schweizerischen Neurologen Robert Bing (1878–1956) sowie auf die Zusammenarbeit mit dem Psychiater Rudololf Degkwitz (1920–1990).
  2. Duus, Peter: Neurologisch-topische Diagnostik. 5. Auflage. Georg Thieme Verlag Stuttgart 1990, ISBN 3-13-535805-4.
  3. Peters, Uwe Henrik: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Urban & Schwarzenberg, München 3. Auflage 1984, S. 567 - Hier wird unter dem Stw. psychische Topik und psychische Topographie von einer „Einordnung psychischer Gegebenheiten in ein räumlich gedachtes metaphorisches Schema“ gesprochen.
  4. Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie. Kröner-Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-520-41004-4, S. 284, Stw. Gesellschaft.
  5. Benninghoff, Alfred u. a.: Lehrbuch der Anatomie des Menschen. Dargestellt unter Bevorzugung funktioneller Zusammenhänge. 3. Bd. Nervensystem, Haut und Sinnesorgane. Urban und Schwarzenberg, München 1964, Seiten 228 – Der Bau der Großhirnrinde.
  6. Hofstätter, Peter R. (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a.M. 1972, ISBN 3-436-01159-2; S. 96 zu Stw. „Denkpsychologie“.
  7. Freud, Sigmund (1915): Das Unbewusste. GW, X. Frankfurt a. M., S. Fischer.
  8. Freud, Sigmund: Das Unbewußte. In: Das Unbewußte. Schriften zur Psychoanalyse. S. Fischer Verlag 1963, S. 15.
  9. Uexküll, Thure von: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963, S. 105.
  10. Uexküll, Thure von: a.a.O., S. 129.
  11. Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. Band 1: Das Denken. Piper, München 1979, S. 91.
  12. Schultz-Hencke, Harald: Die psychoanalytische Begriffswelt. Verlag für medizinische Psychologie im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen (1947), überarbeitete Ausgabe 1972, ISBN 3-525-45620-4, S. 112 ff. zu Kap. „Der topische, der dynamische und der ökonomische Gesichtspunkt“.
  13. Arnold, Wilhelm et al. (Hrsg.): Lexikon der Psychologie. Bechtermünz, Augsburg 1996, ISBN 3-86047-508-8; Sp. 662 zu Stw. „Ganzheit, Gestalt, Struktur“.