Toxic masculinity

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Toxic masculinity (zu Deutsch: toxische oder giftige Männlichkeit) ist ein Begriff, der aus der Soziologie stammt und dort ursprünglich im Kontext der Verhandlungen um hegemoniale Männlichkeit entstanden ist. Arbeiten zur hegemonialen Männlichkeit untersuchen die sozialen Praktiken und systemischen Machtstrukturen einer Gesellschaft, die die dominante Position von Männern beibehalten bzw. bestärken und zugleich die untergeordnete Position von Nicht-Männern (Frauen und anderen Geschlechtsidentitäten) aufrechterhalten sollen. Beachtung finden hierbei auch die in einer Gesellschaft vorherrschenden Vorstellungen von Männlichkeit, die sich anhand entsprechender Verhaltensweisen und Beziehungskonzepten von Männern und kollektiven männlichen Strukturen beschreiben lassen. Die soziologische Geschlechterforschung geht davon aus, dass einige der Verhaltensweisen und Umgangsformen zur Demonstration von Männlichkeit als giftig oder schädlich zu begreifen sind, vor allem, da sie ein sehr eindimensionales und schablonenhaftes Bild von Mann-Sein entwerfen. Zu diesem (als toxisch verstandenen) Bild von Maskulinität zählen u. a.:

  • Männer dürfen keine Schwäche zeigen, sondern müssen hart sein.
  • Gefühle sollten weitestgehend versteckt oder unterdrückt werden, es sei denn, es handelt sich um Wut oder Aggression. Konflikte werden durch Gewalt gelöst.
  • Ein wahrer Mann artikuliert seine Ängste und Sorgen nicht, sondern behält sie für sich.
  • Männer sind nicht überfordert oder hilflos; sie packen Probleme an und bewältigen sie, ohne andere um Hilfe bitten zu müssen.
  • Verhaltensformen, die als verweichlicht oder weibisch gelten (Weinen, Schüchternheit, Angst, liebevolle oder zärtliche Gesten etc.), gehören sich nicht für einen richtigen Mann.
  • Männer sind im Umgang mit anderen grundsätzlich auf Wettbewerb und Dominanz ausgerichtet, nicht auf Kooperation.
  • Ein echter Mann will immer Sex und ist auch immer dazu bereit.
  • Männer und Frauen sind grundsätzlich nicht in der Lage, einander zu verstehen oder miteinander befreundet zu sein.
  • Männer, deren Körper nicht dem maskulinen Idealbild entsprechen (breitschultrig, muskulös, hochgewachsen, schmerzresistent), werden nicht ernst genommen oder verlacht.

Für Formen toxischer Maskulinität existieren eine Reihe euphemistischer Vokabeln, darunter Alphamännchen oder Macho-Mann. Männlichkeit muss hierbei immer wieder unter Beweis gestellt werden, zum Beispiel durch Mutproben, Trinkspiele, physisches Kräftemessen oder Erniedrigungsrituale anderen gegenüber.[1]

Der Begriff toxic masculinity wird häufig fehlinterpretiert als Unterstellung, jedes männliche Verhalten sei grundsätzlich als schädlich oder schlecht zu begreifen. Tatsächlich meint toxische Männlichkeit aber die stereotypen, repressiven Vorstellungen der männlichen Geschlechterrolle in einer Gesellschaft, die limitieren, welche Art von Emotionen und Verhaltensweisen Jungen und Männer an den Tag legen dürfen (und welche nicht).[2] Diese Verhaltensformen der toxischen Maskulinität werden gesellschaftlich eingefordert und forciert; darunter fällt das Belächeln, Auslachen, Kleinreden, Verurteilen, Verletzen, Bloßstellen, Beleidigen, Beschimpfen und Diskriminieren von Männern, die nicht der Idee des wahren Mann-Seins entsprechen. Eines der zentralen Anliegen der Geschlechterforschung, die sich mit toxischer Maskulinität beschäftigt, ist es daher aufzuzeigen, dass auch Männer unter den Machtstrukturen des Patriarchats, d. h. den so propagierten Männlichkeitsbildern und Rollenklischees, leiden können.[3][4]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der akademischen Verortung in der Soziologie, Psychologie und Geschlechterforschung lässt sich die Idee toxischer Maskulinität vor allem auf die Anschauungen der mythopoetischen Männerbewegung der 1980er und 1990er Jahre zurückführen. Zu dieser Zeit wendeten sich Männer gegen die traditionellen Männlichkeitskonzepte der Nachkriegszeit; durch Selbsthilfe wollten sie ihre wahre Männlichkeit von jener giftigen Männlichkeit trennen, die die Gesellschaft ihnen aufgezwungen hatte. Toxische Maskulinität steht hierbei für die Gender-Norm, die Männer zwingt, ihre Gefühle zu unterdrücken und sich dominant bis aggressiv zu geben.

Die mythopoetische Männerbewegung will die archetypische Vorstellungen vom Mann als Krieger oder König hinter sich lassen und die Vorstellung eines biologischen Determinismus ("Männer sind eben so") und hierarchischen Denkens ("Männern steht eine dominante Position zu") kritisch hinterfragen. Prof. Shepherd Bliss, einer der führenden Köpfe der Männerbewegung, setzt dagegen das Bild einer kooperativen Männlichkeit der präindustriellen Zeit, in der Männer gemeinsam arbeiteten anstatt gegeneinander.[5] Bliss hat eine Reihe an Vorschlägen gemacht, wie toxische Maskulinität überwunden werden könne, darunter:

  1. Vater-Sohn-Beziehung: Väter sollten ihre Söhne nicht auf Distanz halten, sondern ihnen genauso Liebe und Zuneigung zeigen wie Mütter. Bliss appelliert auch dafür, den eigenen Vätern zu vergeben, falls sie nicht gleichermaßen in der Lage waren, Fürsorge zu zeigen.
  2. Das Pflegen von Freundschaften unter Männern, die nicht auf Wettbewerb, sondern auf Kooperation und gegenseitige Unterstützung ausgerichtet sind.
  3. Auf das Wohl des eigenen Körpers achten, und seine Warnsignale ernst nehmen (medizinische und therapeutische Hilfe suchen, falls nötig).
  4. Das Etablieren von Modi, in denen Männer Intimität zulassen können (keine sexuelle Intimität, sondern ein gegenseitiges Vertrauen)
  5. Das Etablieren von Modi, in denen Männer Gefühle zulassen und zeigen können anstatt sie zu unterdrücken
  6. Der Einsatz für ein positiveres Körperbild des Manns, nicht das Beschämen des eigenen Körpers und anderer für ihr Aussehen[6]

Robert Bly hat in seinem Werk Iron John: A Book about Men (1990) dargelegt, wie Männer in einer toxischen Maskulinität gefangen seien, die von ihnen vor allem Effizienz, Wettbewerb und emotionale Distanz verlange und sie so voneinander fernhalte; Nähe und Wärme erfahren Jungen und Männer dank dem Fehlen der Väter daher vor allem durch Frauen.[7][8]

Erklärungsmodelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häufig wird auf (evolutions)biologische Faktoren hingewiesen, die toxische Maskulinität durch die Natur des Manns zu erklären versucht. Männer seien dank der Notwendigkeit, zu überleben (natural selection) und sich fortzupflanzen (sexual selection) darauf gepolt, aggressiv und dominant aufzutreten.[9] Das Toxin sei demnach Testosteron, das die Männer zur Gefahr mache.[10]

Gegen den biologischen Erklärungsansatz steht die Annahme, dass Formen toxischer Maskulinität meist schon von Kindesbeinen an als sozial normiertes Verhalten erlernt werden ("Jungs weinen nicht", "Jungs prügeln sich halt mal"). Wird aggressives Verhalten bei Mädchen eher unterbunden, wird es bei Jungs eher toleriert oder sogar noch unterstützt. Autor Jack Urwin hat hierzu festgehalten:

"Im Englischen gibt es den Begriff 'toxic masculinity', also einer Form von Männlichkeit, die auf Dominanz und Gewalt basiert und Gefühle nicht zulässt. Es ist ein Problem, wenn Jungs und Männern immer wieder erzählt wird, dass ein 'richtiger Kerl' nicht weine, eine ausschweifende und geradezu animalische Sexualität habe und alles, was sich ihm in den Weg stellt, eigenhändig beiseiteräumen müsse - ein Problem für Frauen und Männer. Es ist diese Form von Männlichkeit, die wir thematisieren müssen. Dass sie weitverbreitet ist, heißt nicht, dass sie in der 'Natur' von irgendwem liegt."[11]

Zu den möglichen Folgen toxischer Maskulinität gehören ein risikoreicheres und gewaltbereiteres Verhalten, aber auch Einsamkeit und soziale Isoliertheit, Depressionen und eine höhere Suizidrate, vor allem, da Betroffene sich aufgrund des vermeintlichen Stigmas nicht in Therapie begeben.[12][13] Vermutet wird auch ein tendenziell höheres Risiko zu Arbeitssucht (bis zum Burn-out), Alkoholabhängigkeit und Drogenmissbrauch.

Mediale Verarbeitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Reihe an Mediendarstellungen setzt sich mit dem Konzept toxischer Maskulinität auseinander.

Besonders bekannt geworden ist der Werbefilm der Marke Gillette, der am 13. Januar 2019 unter dem Titel We Believe: The Best Men Can Be | Gillette (Short Film) veröffentlicht wurde und darin verschiedene Szenarien nachstellt, wie Männer toxische Maskulinität ausüben oder erfahren.[14]

Auch der Disney-Pixar-Animationskurzfilm Purl, veröffentlicht am 4. Februar 2019, beschäftigt sich mit der Thematik: Hier ist es ein Wollknäuel, das sich in der männlichen Arbeitswelt behaupten muss, aber als zu weich wahrgenommen wird und daraufhin das eigene Aussehen und Verhalten anpasst.[15]

Die Organisation White Ribbon hat am 26. Februar 2019 ebenfalls das PSA-Video Boys Don't Cry veröffentlicht.[16]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff der toxic masculinity ist seit seiner Prägung vielfach auf Kritik gestoßen und wird nach wie vor kontrovers diskutiert.

Sprachlich legt das durchaus polemische Attribut toxic den irreführenden Kurzschluss nahe, das Maskulinität bzw. männliches Verhalten per se als giftig zu verstehen sei (The idea that all men are inherently bad for being men)[17], was der Unschärfe der Formulierung geschuldet ist und berechtigterweise einen umfassenden Diskurs darum angestoßen hat, welche männlichen Verhaltensweisen gesellschaftlich toleriert bzw. unterbunden werden sollten und wem die Verfügungsgewalt über derartige Bestimmungen zustehe. Dem Begriff wird außerdem Misstrauen entgegengebracht, weil er als Modewort ausgehöhlt scheint[18][19] und in der Hashtag-Kultur des 21. Jahrhunderts auf schlagwortartig verdichtete Thesen mit Anschuldigungscharakter verdichtet worden ist (z. B. #MasculinitySoFragile, #FailingMasculinity).[20][21][22]

Bei der inhaltlichen Kritik tut sich ein ganzes Spektrum an Reaktionen auf, die sich erstrecken von (a) dem grundlegenden Anzweifeln der hegemonialen Position des Manns in der Gesellschaft, der die strukturelle Benachteiligung von Männern (z. B. in Sachen Elternzeit oder den Debatten um die Frauenquote) entgegengesetzt wird, (b) dem Abstreiten des Vorhandenseins von toxischer Maskulinität in einer Gesellschaft, und (c) dem Hinterfragen der Toxizität der hierunter verstandenen Verhaltensweisen und Umgangsformen, die stattdessen als Teil eines normalen, biologisch begründeten Verhaltens interpretiert wird.[23]

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein prominentes Beispiel ist Terry Crews, der im Zuge der #MeToo-Bewegung am 10. Oktober 2017 auf Twitter öffentlich dazu bekannte[24], dass er im Februar 2016 auf einer Party von einem Hollywood-Produzenten sexuell belästigt worden zu sein, der ihm in den Schritt griff. Crews erstattete jedoch zunächst keine Anzeige und machte den Fall auch nicht publik, weil er Konsequenzen, gerade als schwarzer Mann im Showbusiness, befürchtete. Nach seinem öffentlichen Bekenntnis im Jahr 2017 wurde Crews von verschiedenen anderen männlichen Prominenten (darunter 50 Cent[25], Tariq Nasheed, Russell Simmons und D. L. Hughley[26]) auf Social-Media-Plattformen lächerlich gemacht, wieso so ein starker Mann wie er sich nicht selbst hätte verteidigen können. In seinem Statement, das Crews vor dem Senate Judiciary Committee gab, sagte er hierzu:

“When my assault happened, quite honestly, I probably would have been laughed out of the police station. [...] This is how toxic masculinity permeates culture. As I told my story, I was told over and over that this was not abuse. That this was just a joke. That this was just horseplay.”[27][28]

„Als mein Missbrauch passierte, ganz ehrlich, man hätte mich wahrscheinlich auf der Polizeistation ausgelacht. [...] So durchzieht toxische Männlichkeit unsere Kultur. Als ich meine Geschichte erzählte, wurde mir immer und immer wieder gesagt: Das war kein Missbrauch. Das war nur ein Witz. Das war doch nur Herumgeblödel.“

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hä, was heißt Toxic Masculinity? Abgerufen am 13. März 2019 (deutsch).
  2. Maya Salam: What Is Toxic Masculinity? In: The New York Times. 22. Januar 2019, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 13. März 2019]).
  3. Jacey Fortin: Traditional Masculinity Can Hurt Boys, Say New A.P.A. Guidelines. In: The New York Times. 10. Januar 2019, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 13. März 2019]).
  4. Katharina Alexander: Wenn Männlichkeit toxisch wird: So leiden Männer unter Geschlechterrollen. In: ze.tt. Abgerufen am 13. März 2019 (deutsch).
  5. Martin Robinson: What is toxic masculinity? A sensible person's guide. In: The Book of Man. 29. November 2018, abgerufen am 14. März 2019 (englisch).
  6. Shepherd Bliss: Revisioning Masculinity. A report on the growing men's movement. In: In Context: A quarterly of humane sustainable culture [Gender: Fresh Visions and Ancient Roots]. Nr. 16, 1987, S. 21.
  7. Robert Bly: Iron John: A Book About Men. Addison-Wesley, Reading, MA 1990.
  8. Linda L. Lindsey: Gender Roles: A Sociological Perspective. 6. Auflage. Taylor and Francis, Abingdon, Oxon 2015, ISBN 978-0-205-89968-5.
  9. Dorian Furtuna: Male Aggression. In: Psychology Today. 22. September 2014, abgerufen am 14. März 2019 (amerikanisches Englisch).
  10. Toxische Männlichkeit: Das gefährliche Schweigen der Männer - derStandard.at. Abgerufen am 4. April 2019 (österreichisches Deutsch).
  11. Jack Urwin: Boys don't Cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit. Aus dem Englischen von Elvira Willems. Nautilus, 2017, ISBN 978-3-96054-042-7.
  12. Mike C. Parent, Teresa D. Gobble, Aaron Rochlen: Social media behavior, toxic masculinity, and depression. In: Psychology of Men & Masculinity. 23. April 2018, ISSN 1939-151X, doi:10.1037/men0000156.
  13. Fiza Pirani: ‘Traditional masculinity’ officially deemed ‘harmful’ by American Psychological Association. In: The Atlanta Journal. Abgerufen am 13. März 2019 (englisch).
  14. Gillette: We Believe: The Best Men Can Be | Gillette (Short Film). 13. Januar 2019, abgerufen am 14. März 2019.
  15. Disney•Pixar: Purl | Pixar SparkShorts. 4. Februar 2019, abgerufen am 14. März 2019.
  16. White Ribbon: Boys Don't Cry | White Ribbon PSA. 26. Februar 2019, abgerufen am 14. März 2019.
  17. Eric Anderson: 'Toxic Masculinity' why we need to stop using the phrase. In: The Book of Man. 15. April 2018, abgerufen am 14. März 2019 (englisch).
  18. Word of the Year 2018 is... | Oxford Dictionaries. Abgerufen am 14. März 2019.
  19. Nina Apin: Debatte um „toxische Männlichkeit“: Problematische Kerle. In: Die Tageszeitung: taz. 14. Juli 2017, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 4. April 2019]).
  20. https://twitter.com/HuffPostWomen/status/854394368115003393
  21. https://www.huffingtonpost.com/entry/twitter-hashtag-failing-masculinity_us_58f62238e4b0bb9638e67f46?guccounter=1&guce_referrer_us=aHR0cHM6Ly93d3cuZ29vZ2xlLmNvbS8&guce_referrer_cs=fwZ3SrVsftQk8MI8_upf-w
  22. https://mic.com/articles/125752/masculinity-so-fragile-hashtag-exposes-toxic-masculinity-standards#.EslfCKfbG
  23. Gad Saad: Is Toxic Masculinity a Valid Concept? In: Psychology Today. 8. März 2008, abgerufen am 14. März 2019 (britisches Englisch).
  24. Terry Crews: My wife n I were at a Hollywood function last year... In: Twitter @terrycrews. 10. Oktober 2017, abgerufen am 14. März 2019 (englisch).
  25. ET Canada: 50 Cent Mocks Terry Crews’ Assault. 27. Juni 2018, abgerufen am 14. März 2019.
  26. Celebrities Mock Terry Crews Sexual Assault Claims Because He’s Too Strong To Get Assaulted, He Shuts Them Down. Abgerufen am 14. März 2019 (amerikanisches Englisch).
  27. C-SPAN: Terry Crews complete opening statement (C-SPAN). 26. Juni 2018, abgerufen am 14. März 2019.
  28. Jessica M. Goldstein: ‘I believed no one would believe me’: Terry Crews’ powerful testimony on sexual assault. In: Think Progress. 27. Juni 2018, abgerufen am 14. März 2019 (amerikanisches Englisch).