Charles G. Koch

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Charles G. Koch auf einer Buchseite (Portratiskizze, Danor Shtruzman, Dezember 2016)

Charles de Ganahl Koch [kɔʊk] (* 1. November 1935 in Wichita, Kansas) leitet das Öl- und Chemiekonsortium Koch Industries, das zweitgrößte Unternehmenskonglomerat in den USA in Privatbesitz. Er besaß 2016 – wie sein Bruder David H. Koch – ein geschätztes Vermögen von 39,6 Milliarden US-Dollar und ist damit der siebtreichste Mensch in den USA und auf Platz 9 der reichsten Menschen der Welt. Die Brüder gehören zu den bedeutendsten Unterstützern der Tea-Party-Bewegung.

Erziehung, Ausbildung und Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Charles Kochs Eltern waren Fred C. Koch († 1967) und Mary Robinson Koch († 1990), die zusammen die vier Söhne Freddie, Charles, David und William (genannt Bill) hatten.[1] Nach der Darstellung von Charles brachte der Vater ihm bereits im Alter von acht Jahren eine Arbeitsethik bei. Während andere Kinder in ihrer Freizeit im Pool spielen durften, musste er arbeiten. Diese Behandlung habe ihm im späteren Leben genutzt. Laut David belehrte der Vater die Kinder anhaltend über Nachteile von Regierungen.

Koch besuchte eine Militärschule.[1] In den 1950er-Jahren studierte er am Massachusetts Institute of Technology Ingenieurswissenschaften, Kerntechnik und Chemietechnik und schloss mit Bachelor of Arts / Science sowie Master of Science ab.[2]

Charles Koch ist mit Liz Koch verheiratet, mit der er zwei Kinder hat.[3]

Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit David und Bill arbeitete er nach dem Studium im Unternehmen des Vaters. Charles übernahm bald die Leitung, David wurde sein Stellvertreter. Bills Karriere in der Firma verlief weniger erfolgreich. Frederick studierte Dramaturgie in Yale (und soll deswegen angeblich von dem Vater finanziell bestraft worden sein, was Frederick durch einen Stellvertreter aber abstritt).

1967 erbten die vier Brüder das Unternehmen ihres verstorbenen Vaters und Charles benannte es ihm zu Ehren in Koch Industries.[1]

1980 versuchten Frederick und Bill die Firma zu übernehmen, da Charles einen autokratischen Führungsstil entwickelt habe. Den Machtkampf entschied Charles für sich, indem er die Anteilseigner David Koch und J. Howard Marshall auf seine Seite ziehen konnte.[2] Bill wurde aus der Firma entlassen. Daraufhin stritten sich die Brüder vor Gericht. 1983 kauften Charles und David die Unternehmensanteile von Frederick und Bill für eine Milliarde US-Dollar und führten die Firma ohne sie weiter.[1]

Das Mischunternehmen, dessen Präsident er in den folgenden Jahrzehnten war, ist unter anderem in den Sektoren Pipelines, Raffinerien, Fasern, Dünger, Forsterzeugnisse, Verbrauchsgüter und Chemie tätig.

Fremdaktionäre, die Mitspracherechte und Einblicke in die Geschäftsaktivitäten haben, lehnt Koch ab; Koch Industries gehört zu den größten nicht-börsennotierten Unternehmen.[4] Nach einer Studie der University of Massachusetts zählt das Unternehmen zu den zehn größten Luftverschmutzern der USA.

2008 überstieg der Umsatz die Grenze von 100 Milliarden US-Dollar.[2] Im Jahr 2012 wurde das Unternehmen nach Schätzungen 20 Milliarden US-Dollar reicher.[2]

Gemäß der Forbes-Liste 2016 beträgt Kochs Vermögen ca. 39,6 Milliarden US-Dollar. Damit belegt er Platz 9 auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt (und Platz 7 in den USA).[5]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Charles G. Koch und sein Bruder David H. Koch sind Anhänger des Libertarismus und gehören zu den Hauptfinanzierern der libertär-konservativen Tea-Party-Bewegung.[6][7] Sie wünschen sich drastisch niedrigere Steuern, minimale staatliche Hilfe für Bedürftige und viel weniger Marktregulierung der Industrie, insbesondere in Bezug auf Umweltschutzvorschriften.

Nach Charles Koch sei „die freie Gesellschaft in Gefahr, unter anderem wegen Klimawandel-Alarmismus“.[2]

Er schlägt vor, dass jedes Gesetz auf eine nicht näher definierte „Förderung von Wohlstandswachstum“ überprüft werden soll, nach der 90 Prozent aller Gesetze durchfallen würden.[8] Viele Kritiker werfen ihm vor, zu viel Macht angehäuft zu haben. Nach Kochs Auffassung bekämpfe er aber die Macht der Zentralregierung, die ganze Industrien durch Besteuerung ruinieren würde, Bürger zum Kauf einer Krankenversicherung zwinge und große Unternehmen wie die Koch Industries in die Knie zwingen könne.[9]

Stiftungen und Denkfabriken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Logo des Charles-Koch-Instituts[10]

1977 gründete Koch zusammen mit Ed Crane das Cato Institute, eine der einflussreichsten ökonomisch-politischen Denkfabriken der USA.[11] Gemeinsam haben die Koch-Brüder mehr als 30 Denkfabriken und Stiftungen (Foundations) finanziell unterstützt, unter ihnen die Heritage Foundation, das Mercatus Center, das Manhattan Institute, das George C. Marshall Institute, die Reason Foundation, das American Enterprise Institute und die Lobby-Organisation Americans for Prosperity.[12] Ebenfalls unterstützt wurde die Federalist Society.[9] Die Historikerin Nancy MacLean entdeckte 2013 im Archiv des Politökonomen James M. Buchanan auf dem Campus der George Mason University Korrespondenzen mit Koch, der Buchanans Arbeit finanziell gefördert hatte. Diese Korrespondenz wertete sie in ihrem 2017 erschienen Buch Democracy in Chains aus. Auf Basis dessen warf sie Charles G. Koch und Buchanan vor, dass sie einen verdeckten Plan zum Umbau des politischen Gefüges der USA zugunsten der kleinen Minderheit der Superreichen und zum Nachteil der Bevölkerungsmehrheit entwickelten und auch dessen Realisierung in die Wege leiteten.[13] Diese Schlussfolgerung wurde kontrovers (und dabei in unterschiedlichen politischen Richtungen zustimmend oder ablehnend) diskutiert.[14][15][16]

Wie viel Geld die Kochs insgesamt für politische Zwecke ausgeben, ist nicht bekannt. Aus dem Teil der Steuerakten, die öffentlich zugänglich sind, geht hervor, dass die Charles G. Koch Charitable Foundation bisher mehr als 48 Millionen US-Dollar ausgegeben hat, die Claude R. Lambe Charitable Foundation (die von Koch und seiner Frau sowie 3 Angestellten kontrolliert wird) 28 Millionen US-Dollar, die David H. Koch Charitable Foundation seines Bruders mehr als 120 Millionen US-Dollar. Deshalb wird vermutet, die Kochs hätten über 100 Millionen US-Dollar in an diverse Organisationen geleitet. Nach Einschätzung des National Committee for Responsive Philanthropy handeln die verschiedenen Koch-Stiftungen eigennützig, da sie Forschung und Interessenvertretung zu Themen finanzieren, die sich auf die Gewinnspanne von Koch Industries auswirken. Koch Industries hat mehr als 50 Millionen US-Dollar für direktes Lobbying ausgegeben, der Koch-PAC hat verschiedene Wahlkämpfe mit 8 Millionen US-Dollar unterstützt.[1] Zudem unterstützen die Brüder Charles und David Koch die Tea-Party-Bewegung finanziell und organisatorisch.[17][18][17] Laut Charles Lewis, dem Gründer der Center for Public Integrity gegen Machtmissbrauch und Korruption, haben die Koch-Brüder einen sehr großen Einfluss auf die Politik. Sie würden weit mehr Geld dafür ausgeben als jeder Andere und hätten ein konsistentes Schema des Gesetzesbruchs, der politischen Manipulation und der Verschleierung. David Koch protestierte gegen die Darstellungen der Presse und behauptete, dass der Einfluss der Koch-Brüder auf die Politik überschätzt würde.[1]

Kochtopus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kochs haben ein einflussreiches ideologisches Netzwerk geschaffen, das Organisationen wie die Heritage Foundation, das Cato Institute, das Mercatus Center, Americans for Prosperity und FreedomWorks umfasst.[19][1][20][21][22][23] In den 1980er Jahren kam es zu einer Auseinandersetzung innerhalb der Libertären Bewegung. Eine Gruppe um Murray Rothbard kämpfte gegen den wachsenden Einfluss der von den Kochs finanzierten libertären Organisationen, die Samuel Edward Konkin III als Kochtopus bezeichnete (engl. für „Koch-Krake“).[24] Das Netzwerk soll von den Kochs allein in den Jahren 1997 bis 2011 mindestens 48 Millionen US-Dollar erhalten haben.[25] Seit den umfangreichen Kampagnen gegen Initiativen von Präsident Obama, u.a. gegen die Gesundheitsreform und die Konjunkturprogramme aufgrund der Finanzkrise ab 2007 und Weltwirtschaftskrise ab 2007, hat sich die kritische Bezeichnung für das ideologische Netzwerk u.a. auch bei Liberalen etabliert.[26]

Rolle bei der organisierten Klimaleugnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die von Koch gegründeten Koch family foundations wurden in der wissenschaftlichen Fachliteratur als besonders einflussreicher Akteur und Sponsor der organisierten Klimawandelleugnerszene identifiziert.[27][28][29] Nach Recherchen der Journalistin Jane Mayer haben die Kochs zwischen 2005 und 2008 größere Summen als ExxonMobil für Lobbyiniativen aufgebracht, um die Einführung von Klimaschutzmaßnahmen zu bekämpfen.[1] Über Americans for Prosperity brachten sie u.a. Hunderte von republikanischen Politikern, darunter einen Großteil der Spitzenpolitiker des Repräsentantenhauses dazu, eine Verpflichtung zu unterzeichnen, keine "Klimasteuer" einzuführen.[30]

Die Strategie der Koch-Brüder folge dem Rat des Meinungsforschers Frank Luntz, dass eine erfolgreiche Kampagne bei den Bürgern ansetzen müsse, sie davon zu überzeugen, dass es in der Wissenschaft keinen Konsens über die Globale Erwärmung gäbe.[1] Organisationen der Kochs stellen über ihre Öffentlichkeitsarbeit eine Plattform für Klimaskeptiker her, insbesondere durch die Heritage Foundation und das Cato Institute. Das Cato Institute schaltete 2009 bei mehreren großen amerikanischen Tageszeitungen ganzseitige Anzeigen, in denen u.a. verbreitet wurde, dass in den letzten zehn Jahren keine globale Erwärmung messbar gewesen sei. Diese Aussage stand rundweg im Widerspruch zum diesbezüglich herrschenden wissenschaftlichen Konsens.[25] Zu der Kampagne gehörte laut Bill Press auch die Bestechung von Politikern. In Meinungsumfragen stellte sich heraus, dass die Zahl der amerikanischen Bürger, die die Erderwärmung für wissenschaftlich erwiesen halten, von 71 % im Jahr 2008 auf 57 % im Jahr 2009 zurückgegangen war. Während im Präsidentschaftswahlkampf 2008 zwischen Demokraten und Republikanern noch Einigkeit bestand, dass etwas gegen die globale Erwärmung getan werden muss, sind die Republikaner seit 2009 nicht mehr dieser Ansicht. Charles Koch glaubt, dass die globale Erwärmung für die Menschheit gut sei, weil es dadurch in der nördlichen Hemisphäre länger warm sei.[31]

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nancy MacLean: Democracy in Chains: The Deep History of the Radical Right's Stealth Plan for America. London, 2017. ISBN 978-1-101-98098-9.
  • Jane Mayer: Dark Money: The Hidden History of the Billionaires Behind the Rise of the Radical Right. Doubleday, New York 2016, ISBN 978-0-3855-3559-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Jane Mayer: Covert Operations: The Billionaires Koch Brother's War Against Obama, The New Yorker Online vom 30. August 2010
  2. a b c d e Biografie: Charles Koch, Forbes Magazine Online aus dem März 2013
  3. Biografie: Charles Koch, New Netherland Institute, abgerufen am 22. Juli 2013
  4. Heike Buchter: Wahl in den USA: Big Brothers, Die Zeit Online vom 28. Oktober 2010
  5. The World’s Billionaires: Charles Koch. In: Forbes. Abgerufen am 5. März 2016.
  6. Libertäre als Tea-Party-Großsponsoren, TELEPOLIS, 1. September 2010.
  7. Jane Mayer: Covert Operations, The New Yorker Online am 30. August 2010
  8. Stephen Moore: Private Enterprise. In: Wall Street Journal. ISSN 0099-9660 (wsj.com [abgerufen am 27. November 2015]).
  9. a b Daniel Fisher: Inside The Koch Empire: How The Brothers Plan To Reshape America, Forbes Magazine Online vom 5. Dezember 2012
  10. charleskochinstitute.org: About us
  11. James A. Dorn: Saving the Cato Institute Culture of Liberty, Forbes Magazine Online vom 9. April 2012
  12. George Monbiot: The Tea Party movement: deluded and inspired by billionaires, The Guardian Online vom 25. Oktober 2010
  13. George Monbiot: A despot in disguise: one man’s mission to rip up democracy – George Monbiot. In: theguardian.com. 19. Juli 2017, abgerufen am 20. Juli 2017 (englisch).
  14. Historian alleges coordinated criticism of her latest book, which is critical of radical right. In: Inside Higher Ed. 12. Juli 2017, abgerufen am 24. Juli 2017 (englisch).
  15. A New History of the Right Has Become an Intellectual Flashpoint, The Chronicle of Higher Education , 19. Juli 2017
  16. Nancy MacLean Responds to Her Critics, The Chronicle of Higher Education , 19. Juli 2017
  17. a b Libertäre als Tea-Party-Großsponsoren, TELEPOLIS vom 1. September 2010
  18. Moritz Koch: Die großen Erbfälle: Geld – Macht – Hass – Zwei Brüder auf Kreuzzug, Süddeutsche Zeitung Online vom 25. September 2010
  19. Bill Press: The Obama Hate Machine, ISBN 978-0-312-64164-1, S. 12
  20. William Marsden, Fools Rule: Inside the Failed Politics of Climate Change, 2011, ISBN 978-0-307-39824-6, S. 214
  21. James Gustave Speth, America the Possible, ISBN 978-0-300-18076-3, Seite 179
  22. Julian Go, Rethinking Obama, ISBN 978-0-85724-911-1, Seite 108
  23. Thomas Frank, What´s the matter with America?, ISBN 9780436205392, Seite 82
  24. LewRockwell.com, David Gordon, The Kochtopus vs. Murray Rothbard
  25. a b William Marsden: Fools Rule: Inside the Failed Politics of Climate Change, 2011, ISBN 978-0-307-39824-6, S. 214
  26. Ronald P. Formisano, The Tea-Party: A Brief History, Abschnitt Libertarian Fundamentalism vs. Christian Fundamentalism, ISBN 978-1-4214-0596-4
  27. Justin Farrell: Corporate funding and ideological polarization about climate change. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 113, Nr. 1, 2015, S. 92–97, doi:10.1073/pnas.1509433112.
  28. Robert J. Brulle: Institutionalizing delay: foundation funding and the creation of U.S. climate change counter-movement organizations. In: Climatic Change. Band 122, Nr. 4, 2014, S. 681–694, doi:10.1007/s10584-013-1018-7.
  29. Riley E. Dunlap, Aaron M. McCright: Organized Climate Change Denial. In: John S. Dryzek, Richard B. Norgaard, David Schlosberg (Hrsg.). The Oxford Handbook of Climate Change and Society. Oxford University Press 2011, S. 144–160, S. 149.
  30. Riley Dunlap, Aaron M. McCright: Challenging Climate Change. The Denial Countermovement. In: Riley Dunlap, Robert J. Brulle (Hrsg.): Climate Change and Society. Sociological Perspectives. Report of the American Sociological Association’s Task Force on Sociology and Global Climate Change. Oxford University Press 2015, 300-332, S. 316.
  31. Bill Press: The Obama Hate Machine, ISBN 978-0-312-64164-1, S. 207/208