Justinianische Pest

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Bei der Justinianischen Pest handelt es sich um eine zur Zeit des oströmischen Kaisers Justinian I. (527–565) ausgebrochene Pandemie, die erstmals 541 in Ägypten in den Gesichtskreis der Geschichtsschreiber trat, 542 Konstantinopel erreichte und sich bald darauf im gesamten spätantiken Mittelmeerraum verbreitete. Die Pandemie hat vielleicht zum Misserfolg der Restauratio imperii Justinians beigetragen und gilt als die größte antike Epidemie zwischen Nord- und Nordwesteuropa, dem Mittelmeerraum und dem Iran. Bis in die Zeit nach 770 kam es zu unregelmäßigen Ausbrüchen der Krankheit, der apokalyptische Ausmaße zugeschrieben wurden.

Quellenlage[Bearbeiten]

Neben Prokop sind die Kirchengeschichte des Euagrios, die Kirchengeschichte des Johannes von Ephesos und die Weltchronik des Johannes Malalas die wichtigsten erzählenden Quellen für den ersten Ausbruch der Pandemie. Euagrios Scholastikos berichtet aus Antiochia von einem Ausbruch der Epidemie im Jahr 594, die für ihn den vierten Ausbruch seit demjenigen des Jahres 542 darstellte, jenem ersten Ausbruch, den er als Kind überlebt hatte.

Für die späteren Ausbrüche sind auch andere, nicht-byzantinische Quellen greifbar, etwa arabische. Sie berichten einen Ausbruch für das Jahr 628, den sie nach dem König, der ihm zum Opfer fiel, als Pest des Sharawaygh bezeichneten. Von 628 an wütete die Seuche im byzantinischen Syrien und im sassanidischen Mesopotamien, wo ihr zahlreiche Menschen in Ktesiphon zum Opfer fielen. 638 begegneten die muslimischen Invasoren erstmals selbst der Pest, einen Ausbruch, den sie nach dem Ort dieser Erstbegegnung Pest von Anwas nannten. Der Lexikograph al-Asmai († 862) kompilierte als erster eine Liste der Pestausbrüche. Der Historiker, der unabhängig von al-Asmai, aber auf der Basis gemeinsamer Quellen arbeitete, lieferte einen ausführlichen Bericht über die Pest in Basra. Das Werk des al-Mubarrad († 899 oder 900), das nur aus Zusammenstellungen aus den 1360er Jahren bekannt ist, ist bezeichnend für die komplizierte Situation der arabischen Quellen, denn sie sind allesamt erst vergleichsweise spät, frühestens jedoch aus dem 9. Jahrhundert überliefert. Die ursprünglichen Werke des 7. Jahrhunderts sind verloren.

Gregor von Tours ist die wichtigste Quelle für Westeuropa. Er berichtet, wie 543 die Pest im Tal der Rhone grassierte. Sie habe die Provinz Arles entvölkert. Der Onkel des Verfassers, Bischof Gallus von Clermont, habe Gott um Verschonung gebeten, und tatsächlich wurde Clermont von der Pest verschont. Einer von Gallus' Nachfolgern, Bischof Cautinus hingegen erlebte, wie nicht mehr zählbare Menschenmassen der Pandemie zum Opfer fielen, und dass man, angesichts fehlender Grabsteine und Särge, mehr als zehn Menschen in jedes Grab legen musste. In der Peterskirche wurden angeblich an einem einzigen Sonntag 300 Leichen gezählt. Auch Bischof Cautinus starb. Betroffen waren neben Clermont auch die Städte Lyon, Bourges, Chalon-sur-Saone und Dijon, aber auch Nantes. Möglicherweise erreichte die Pest von hier aus Cornwall und Irland. Reims und Trier wurden laut Gregor durch das Eingreifen von Heiligen verschont. Nach ihm brachte ein Schiff aus Spanien die tödliche Krankheit 588 nach Marseille. Nachdem die Pest dort grassiert hatte, verschwand sie nach zwei Monaten. Doch die Bewohner kamen zu früh zurück, denn die Heimkehrer wurden von einer neuen Welle getötet. Auch später wurde die Stadt noch mehrmals von der Epidemie schwer getroffen.[1]

Der Engel auf der römischen Engelsburg steckt sein Schwert wieder in die Scheide, ein Symbol für das Ende der Pest im Jahr 590. Wohl schon im 13. Jahrhundert stand hier eine Statue, die 1554 durch ein Werk des Raffaello da Montelupo ersetzt wurde, dem wiederum die jetzige Skulptur von Peter Anton von Verschaffelt 1752 folgte.

Auch über Italien berichtet Gregor. Ein Gewährsmann namens Agiulf, der für Gregor in Rom Reliquien beschaffen sollte, berichtete, wie im Januar 590 die Pest in Rom ausbrach, der Papst Pelagius II. zum Opfer fiel. Sein Nachfolger Gregor, genannt der Große, betete und veranlasste Bittprozessionen um Vergebung der Sünden, denn es war gängig, solcherlei Katastrophen als Strafe Gottes zu betrachten. Eine weitere Quelle zu Italien stellt Paulus Diaconus mit seiner Historia gentis Langobardorum dar. Er erwähnt vier Ausbrüche der Pest, davon den ersten für Ligurien im Jahr 565. Ausdrücklich beschreibt er, wie massiv die Auswirkungen auch auf dem Lande waren. Die Dörfer waren verlassen. Wie Gregor beschreibt Paulus den Ausbruch in Rom im Jahr 590, dann einen im Jahr 593 in Ravenna, Grado und auf Istrien. Schließlich beschreibt er für das Jahr 680 einen schweren Ausbruch, der von Juli bis September Rom traf, aber auch Pavia.

Archäologische Belege[Bearbeiten]

Jean Durliat bezweifelte als einer der ersten, dass die Justinianische Pest die gewaltigen Ausmaße hatte, die aus den schriftlichen Quellen herausgelesen worden war.[2] Er mutmaßte, dass die Pest überwiegend ein städtisches Phänomen war, und dass das Land nur wenig davon betroffen war. Clive Foss, der den Verlauf für Syrien untersucht hatte, kam zu ähnlichen Ergebnissen.[3]

Massengräber ließen sich in der Tat nicht finden. Doch Untersuchungen an Inschriften aus Palästina, die Yoram Tsafrir und Gideon Foerster in Scythopolis durchführten, kamen zu dem Ergebnis, dass die Häufung von Grabinschriften aus der zweiten Jahreshälfte 541 „very striking“ sei.[4] Auch nahm die Bautätigkeit insofern ab, als es zwar noch zu An- und Umbauten kam, doch erschienen nach etwa 550 keine Bauinschriften mehr, die sich auf Neubauten ganzer Häuser bezogen. Nach 550 entstanden im syrischen Hauran allerdings zahlreiche Dorfkirchen, was, in Analogie zum Schwarzen Tod des 14. Jahrhunderts, allerdings keine Aussage gestattet, denn auch in den Jahren ab 1347 entstanden, trotz gewaltiger Bevölkerungsverluste, kaum weniger Kirchen als in den Jahren zuvor.

Ausbreitung der Seuche (541-544)[Bearbeiten]

Von der Beulenpest verursachte Schwellungen (Beulen genannt) in der Leistenregion

Etwa 15, womöglich 17 Pestwellen lassen sich belegen. Zuerst soll die Krankheit laut Prokop[5] in Pelusium (Tell el-Farama) am Ostrand des Nildeltas aufgetreten sein, wohin sie wohl aus dem subsaharischen Afrika oder über Fernhändler aus Indien eingeschleppt worden war.[6] Nach Johannes von Ephesus überlebten dort nur sieben Männer, dazu ein Knabe von zehn Jahren.[7] Nach Prokop breitete sich die Epidemie zunächst ostwärts nach Gaza und westwärts nach Alexandria, dann in ganz Ägypten und Palästina aus.

Im Frühjahr 542 erreichte sie die Reichshauptstadt Konstantinopel, noch im selben Jahr Antiochia, Illyrien, Tunesien, Spanien, schließlich 543 auch Atropatene, wo sie die Armee der Perser traf, Italien und Gallien[8] und breitete sich bis zum Rhein und auf die britischen Inseln aus. Nicht betroffen war anscheinend die arabische Halbinsel.[9] Wie die meisten späteren Autoren beschreibt Prokop die Symptome: Fieber, dem beulenartige Geschwüre in der Leistenregion, unter den Achseln und am Hals folgten. Auch Kaiser Justinian erkrankte, doch wundersame Heilungen durch Kosmas und Damian retteten ihm das Leben. Der Kaiser glaubte, seine Rettung gleich in vier Fällen dem Eingreifen Heiliger oder der Gottesmutter zu verdanken.[10]

544 ließ Justinian, der wie der Perserkönig Chosrau I. selbst erkrankt war, aber überlebt hatte, zwar das Ende der Pestepidemie verkünden, doch brach sie 557 erneut aus, kehrte im Jahr 570 abermals zurück und trat bis über die Mitte des 8. Jahrhunderts hinaus in etwa 15- bis 25-jährigem Rhythmus immer wieder in Erscheinung, bevor sie nach etwa 770 wieder verschwand.[11] Als besonders verheerend galt der letzte große Ausbruch von 746 bis 748.

Betroffen waren von diesen Ausbrüchen die Länder des westlichen Mittelmeerraums, das rheinische Germanien und etwa zwei Drittel von Gallien und Hispanien sowie Kleinasien, Syrien, Mesopotamien und Persien. Nicht alle Länder waren gleich stark betroffen; häufig grassierte die Krankheit zwei oder drei Jahre in einem bestimmten Gebiet und schwächte sich dann wieder ab. Schon Agathias, der Fortsetzer des Prokop, berichtete, wie die Krankheit, nachdem sie Konstantinopel verlassen hatte und in verschiedenen Gebieten grassiert hatte, 558 in die Hauptstadt zurückkehrte. Auch er berichtete, dass die Befallenen unter Schwellungen litten und sie unter stetig steigendem Fieber verstarben. Einige hätten jedoch weder Fieber noch Schmerz gelitten, sondern seien einfach tot umgefallen.[12]

Anhand der Quellen, allen voran Prokop, konnte zunächst wahrscheinlich gemacht werden, dass die Pest afrikanische Ursprünge hatte, was sich schon früh in der rückläufigen Quellenproduktion insbesondere auf dem Land niederschlug, aber auch dem dortigen Münzumlauf. Damit war die frühere Vorstellung, die Epidemie habe sich vornehmlich in den Städten ausgebreitet, obsolet.[13]

Mutmaßungen über den Bevölkerungsrückgang[Bearbeiten]

In der Folge der Seuchenzüge seit Mai 541 reduzierte sich die Bevölkerung des Oströmischen Reiches um die Hälfte, nach jüngeren Forschungen vielleicht um 20 bis 30 Prozent,[14] andere gehen von einem Viertel bis der Hälfte aus.[15]

Chris Wickham führte die Bevölkerungsverluste weniger auf die Epidemie als auf politisch-militärische Vorgänge zurück,[16] zugleich beklagte er die Nachfrage nach apokalyptischen Erklärungsmustern[17] und die zeitlich zu frühe Einordnung von erkennbar drastischen Bevölkerungsrückgängen vor allem in Regionen des Nahen Ostens.

Diese Revision der als „hysterische“ Übertreibungen bezeichneten, womöglich überschätzten Bevölkerungsverluste begann mit einem Aufsatz von Jean Durliat im Jahr 1987.[18]

Klimageschichtliche Rahmenbedingungen und mögliche Auslöser[Bearbeiten]

Eine Hypothese ging 2005 von der Übertragung der Krankheit, bei der es sich nicht um die eigentliche Pest gehandelt habe, durch große Fliegenschwärme aus, die in Intervallen das Reich heimgesucht hätten. Ihr Auftreten sei durch klimatische Änderungen ermöglicht worden.[19] Diese Minderheitenmeinung hat sich in der Forschung nicht durchgesetzt, zumal inzwischen so gut wie sicher ist, dass es sich bei der Seuche um die Beulenpest gehandelt hat (siehe unten); und diese kann nicht durch Fliegen übertragen werden.

Als gut denkbar gilt allerdings, dass die so genannte Wetteranomalie von 535/536 insofern eine Rolle gespielt haben mag, als eine zeitweilige Klimaverschlechterung zu Missernten und einer Schwächung der Abwehrkraft der Menschen geführt haben könnte. Voraussetzung für die rasche Ausbreitung der Krankheit und die hohe Sterberate war nämlich neben dem Umstand, dass der Erreger wohl erstmals im Mittelmeerraum auftrat (siehe unten), auch diese allgemeine Schwächung der Bevölkerung durch Missernten und Kriege.

Die Ursachen für diese gut belegte Kälteperiode sind umstritten: Der Vulkanologe Ken Wohletz vom Los Alamos National Laboratory fand im Jahr 2000 Indizien dafür, dass der Ausbruch eines riesigen Vulkans im heutigen Indonesien eine globale Katastrophe verursachte. Der 1883 ausgebrochene Krakatau soll demnach ein „Nachkomme“ dieses Riesenvulkans namens Rabaul gewesen sein. Der Paläoökologe Mike Baillie vertrat 2001 (publiziert in einem Buch 2007) dagegen die Auffassung, dass der Temperaturrückgang von Kometen­einschlägen verursacht worden sei.[20]

Auch Dallas Abbott vom interdisziplinären Wissenschaftlerteam der Holocene Impact Working Group, einer Vereinigung von Wissenschaftlern, die sich zum Ziel gesetzt hat, Meteoriten- und Kometenimpakte nachzuweisen, die innerhalb der letzten 10.000 Jahre, also im Bereich des Holozäns stattgefunden haben, verwies 2007 auf den Fund zweier großer Meteoritenkrater namens Kanmare (18 km Durchmesser) und Tabban (12 km) im Golf von Carpentaria (nördlich von Australien). Deren Entstehungszeit legten die Forscher anschließend auf das Jahr 572 ± 86 fest, was sie als Verursacher der Klimaanomalie wahrscheinlich werden lasse.[21]

Der Klimatologe Robert Dull von der Universität von Texas vertrat 2010 die These, der Ausbruch des Ilopango in El Salvador sei für dieses Ereignis verantwortlich.[22][23]

Diskussion über den Krankheitserreger[Bearbeiten]

Diese Epidemie wurde vor allem aufgrund der genannten Krankheitssymptome in den Werken der spätantiken Historiker Prokopios von Caesarea (Prokop, Kriege 2, 22 ff.), der die Seuche in enger Anlehnung an die berühmte Darstellung der „Attischen Seuche“ im Werk des Thukydides (2, 47-55) beschrieb, und Euagrios Scholastikos, der selbst erkrankt war, früh dem Pesterreger (Yersinia pestis) zugeordnet. Prokopios erwähnt ausdrücklich Geschwulste, wie sie für die Beulenpest charakteristisch sind, wenngleich die Epidemie vielleicht von anderen Seuchen begleitet wurde. Auch eine griechische Grabinschrift aus dem Jahr 542 berichtet, der Bischof Varus von Zora im römischen Syrien sei an bösartigen „Schwellungen an den Lenden und in den Achseln“ gestorben.[24] Der von Prokopios ebenfalls beschriebene Bluthusten könnte daneben auf ein Auftreten der Lungenpest hindeuten.

Dennoch war sehr lange umstritten, ob es sich bei der Seuche tatsächlich um die Pest im eigentlichen Sinne gehandelt hat. Doch bereits Untersuchungen aus den Jahren 2004 und 2005 stützten die These, dass es sich bei dem Erreger der Justinianischen Pest um eine Variante von Yersinia pestis handelte: Die DNA des Bakteriums wurde in einem Massengrab bei Sens gefunden, das stratigraphisch auf das 5. oder 6. Jahrhundert datiert worden ist.[25] Auch in Aschheim im östlichen Umland von München wurde bei zwei weiblichen Skeletten aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts die DNA von Yersinia pestis entdeckt.[26] Eine Studie aus dem Jahr 2011 zweifelte dies jedoch an und kam zu dem Ergebnis, dass Yersinia pestis zum allerersten Mal im späten 12. oder 13. Jahrhundert auf den Menschen übertragen worden sei: Die Gruppe um Johannes Krause von der Universität Tübingen konnte im Vergleich von heutigen und mittelalterlichen Yersinia pestis Genomen keine Stämme finden, die sich vom Stammbaum zwischen dem 4. und 12. Jahrhundert abzweigten. Ein Vergleich des Erbguts des Erregers der Pandemie von 1347 bis 1351 mit neueren Varianten von Yersinia pestis hatte ergeben, dass alle heutigen Peststämme einen gemeinsamen Vorfahren im 12./13. Jahrhundert besitzen.[27]

2012 konnte dagegen dieselbe Arbeitsgruppe aus Tübingen mit Hilfe eines weitaus umfassenderen Datensatzes von mehr als 300 Peststämmen zeigen, dass es zur Zeit der Justinianischen Pest, entgegen der bisherigen Erkenntnisse, zu einer Verzweigung des Yersinia pestis-Stammbaumes kam; dieser Abzweig konnte dem Erregerstamm ANT-1 zugeordnet werden.[28] Diese Ergebnisse wurden 2013 durch eine in verschiedenen Labors an DNA-Material der Individuen aus Aschheim (s. o.) parallel durchgeführte internationale Studie unter der Leitung von Michaela Harbeck und Holger C. Scholz bestätigt.[29] Denn die phylogenetische Einordnung des betreffenden Erregers ergab, dass es sich um ANT-1 handelt, einen Stamm, der sich zwischen den frühen Stammbaum-Abzweigungen N03 und N05 befindet. Mithin kann es nach dem derzeitigen Forschungsstand (Stand: 2015) als gesichert gelten, dass ein Erreger vom Stamm Yersinia pestis an der Justinianischen Pest zumindest prominent beteiligt war und es sich bei der verheerenden Seuche somit in der Tat um die Pest gehandelt hat. Anfang 2014 bestätigten erneute Untersuchungen an den Skeletten aus Aschheim nochmals den Befund: In der Spätantike sprang demnach eine besonders aggressive Variante von Yersinia pestis auf den Menschen über und kehrte mehrmals wieder, um dann im 8. Jahrhundert auszusterben. Im 12./13. Jahrhundert gelang einer anderen Variante des Bakteriums ebenfalls der Sprung von Nagetieren auf Menschen; auf diesen gehen die heute bei Menschen anzutreffenden, insgesamt weniger aggressiven Erreger zurück.[30][31]

Mögliche längerfristige Folgen[Bearbeiten]

Die mit der Pandemie einhergehende Nahrungsmittelknappheit, das Absinken der Steuereinnahmen und die (allerdings von manchen Historikern bezweifelte) zunehmende Unfähigkeit, genügend Soldaten aufzustellen, um die langen Grenzen des Reiches zu verteidigen, trugen vielleicht dazu bei, dass bis 700 die östlichen und südlichen Küsten des Mittelmeers unter arabischer Herrschaft standen und das Oströmisch-byzantinische Reich nun auf Konstantinopel, Kleinasien, die Randgebiete des Balkans und diverse Inseln im Mittelmeer begrenzt wurde. Allerdings wurden auch die wichtigsten Gegner der Römer – Sassaniden und Araber – von der Seuche betroffen.

Şevket Pamuk und Maya Shatzmiller gehen von einem ursächlichen Zusammenhang zwischen der Justinianischen Pest und dem wirtschaftlichen Erstarken des islamischen Weltreichs aus. Sie argumentierten, dass die Löhne für die stark verminderte Zahl der einfachen Arbeiter aufgrund des verminderten Angebots deutlich stiegen.[32] Zugleich war die erste Invasionswelle, die sich eher durch dünn besiedelte Regionen bewegt hatte, weniger stark von der Epidemie betroffen, als die stärker verstädterten Gebiete der Großreiche Ostrom und Persien.[33]

Für Irland und Großbritannien wurde angenommen, dass die monastischen Gemeinschaften besonders stark von der Pest betroffen waren, und, dass die Mönche vielfach Träger des Krankheitserregers waren. Dies führte etwa 664 und 684 zu größeren Ausbrüchen. Andererseits beeinflusste die Epidemie die gemeindlichen Strukturen.[34]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Pauline Allen: The Justinianic Plague. In: Byzantion. Band 49, 1979, S. 5–20.
  • Peregrine Horden: Mediterranean Plague in the Age of Justinian. In: Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Justinian. Cambridge 2005, S. 134-160. ISBN 0-521-52071-1
  • Lester Little (Hrsg.): Plague and the End of Antiquity. The Pandemic of 541–750. Cambridge 2007. ISBN 978-0-521-84639-4
  • Mischa Meier: „Hinzu kam auch noch die Pest …“ Die sogenannte Justinianische Pest und ihre Folgen. In: Mischa Meier (Hrsg.): Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, S. 86 ff. ISBN 3-608-94359-5
  • Mischa Meier: Prokop, Agathias, die Pest und das „Ende“ der antiken Historiographie. In: Historische Zeitschrift 278, 2004, S. 281–310, hier S. 301–303
  • William Rosen: Justinian’s Flea. Plague, Empire, and the birth of Europe. Cambridge 2007, ISBN 978-1-84413-744-2 (Populärwissenschaftlich und gut lesbar, aber problematisch, da teils sehr generalisierend und zu stark vereinfachend).
  • Dionysios Ch. Stathakopoulos: Famine and pestilence in the Late Roman and early Byzantine empire. A systematic survey of subsistence crises and epidemics. Aldershot 2004. ISBN 0-7546-3021-8

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Gregor von Tours: Historia Francorum, IX 22.
  2. Jean Durliat: La peste du VIe siècle.
  3. Clive Foss: Syria in Transition.
  4. Zitiert nach Hugh N. Kennedy: Justinianic Plague in Syria and the Archaeological evidence, in: Lester K. Little (Hrsg.): Plague and the End of Antiquity: The Pandemic of 541-750, Cambridge University Press, 2007, S. 87-96, hier: S. 88.
  5. BP 2.22.6, S. 250.
  6. Costas Tsiamis, Effie Poulakou-Rebelakou, George Androutso: The Role of the Egyptian Sea and Land Routes in the Justinian Plague: the Case of Pelusium, in: Demetrios Michaelides (Hrsg.): Medicine and Healing in the Ancient Mediterranean, Oxbow, 2014, S. 334-338.
  7. Lester K. Little: Plague and the End of Antiquity. The Pandemic of 541-750, S. 119.
  8. Bernard S. Bachrach: Plague, Population, and Economy in Merovingian Gaul, in: Journal of the Australian Early Medieval Association 3 (2007) 29–56.
  9. Hugh N. Kennedy: Justinianic Plague in Syria and the Archaeological evidence, in: Lester K. Little (Hrsg.): Plague and the End of Antiquity: The Pandemic of 541-750, Cambridge University Press, 2007, S. 87-96, hier: S. 89.
  10. N. Stavrakakis: The miraculous cures for diseases of Emperor Justinian I (482–565 AD), in: Archives of Hellenic Medicine 32,2 (2014) 224-229.
  11. Lester K. Little: Life and Afterlife of the First Plague Pandemic, in: Lester K. Little (Hrsg.): Plague and the End of Antiquity. The Pandemic of 541-750, Cambridge University Press, 2007, S. 3-32, hier: S. 8.
  12. Agathias: The Histories (= Corpus Fontium Byzantinae IIA), de Gruyter, 1975, S. 145, V,10,3-4.
  13. Peter Sarris: The Justinianic plague: origins and effects, in: Continuity and Change 17,2 (2002) 169-182.
  14. Rene Pfeilschifter: Der Kaiser und Konstantinopel. Kommunikation und Konfliktaustrag in einer spätantiken Metropole, de Gruyter, 2014, S. 62.
  15. Lawrence I. Conrad: Die Pest und ihr soziales Umfeld im Nahen Osten des frühen Mittelalters, in: Der Islam 73,1 (1996) 81–112.
  16. Chris Wickham: Framing the Early Middle Ages. Oxford 2005, S. 548–550.
  17. Chris Wickham: Framing the Early Middle Ages. Oxford 2005, S. 13 f.
  18. Jean Durliat: La peste du VIe siècle, pour un nouvel examen des sources byzantines, in: in C. Morrisson, J. Lefort (Hrsg.): Hommes et richesses dans l'empire byzantin I, IVe– VIIe siècle, Paris 1989, S. 107–120.
  19. Ioannis Antoiou, Anastasios K. Sinakos: The Sixth-Century plague, its repeated appearance until 746 AD and the explosion of the Rabaul Volcano. In: Byzantinische Zeitschrift 98, 2005, S. 1–4.
  20. Axel Tillemans: Das dunkle Zeitalter. Hat ein gewaltiger Vulkanausbruch die Kälteperiode im 6. Jahrhundert verursacht?, in: Bild der Wissenschaft 2001.
  21. Impact ejecta and megatsunami deposits from a historical impact into the gulf of Carpentaria, 2007 GSA Denver Annual Meeting.
  22. Robert Dull, John Southon, Steffen Kutterolf, Armin Freundt, David Wahl, Payson Sheets: Did the Ilopango TBJ Eruption Cause the AD 536 Event?, 2010
  23. ZDF History Dokumentation Aus heiterem Himmel, 2013.
  24. Johannes Koder: Ein inschriftlicher Beleg zur „justinianischen“ Pest in Zora (Azra'a). In: Byzantinoslavica 56 (1995), S. 13-18.
  25. Michel Drancourt, Véronique Roux, Vu Dang u. a.: Genotyping, orientalis-like Yersinia pestis, and plague pandemics. In: Emerging Infectious Diseases. 10 (2004), S. 1585–1592.
  26. Ingrid Wiechmann, Gisela Grupe: Detection of Yersinia pestis DNA in two early medieval skeletal finds from Aschheim (Upper Bavaria, 6th. century A.D.). In: American Journal of Physical Anthropology. 126/1 (2005), S. 48–55.[1](abstract)
  27. Der Weg des schwarzen Todes Zeit-Online, 13. Oktober 2011
  28. Kirsten I. Bos, Philip Stevens, Kay Nieselt, Hendrik N. Poinar, Sharon N. DeWitte, Johannes Krause (2012): Yersinia pestis: New Evidence for an Old Infection. In: PLoS ONE. 7(11). http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0049803.
  29. Michaela Harbeck, Lisa Seifert, Stephanie Hänsch, David M. Wagner, Dawn Birdsell D, et al. (2013): Yersinia pestis DNA from Skeletal Remains from the 6th Century AD Reveals Insights into Justinianic Plague. In: PLoS Pathog. 9(5). http://dx.plos.org/10.1371/journal.ppat.1003349.
  30. David M. Wagner et al.: Yersinia pestis and the Plague of Justinian 541–543 AD: a genomic analysis, in: The Lancet. Infectious Diseases 14,4 (2014) 319–326.
  31. Letzte Botschaft der Pest-Toten, in: SZ-Online, 30. Januar 2014 (populärwiss. Zusammenfassung).
  32. Şevket Pamuk, Maya Shatzmiller: Plagues, Wages, and Economic Change in the Islamic Middle East, 700–1500, in: The Journal of Economic History 74,1 (2014) 196-229.
  33. S. Sabbatani, R. Manfredi, S.Fiorino: Influence of the epidemic on the rise of the Islamic Empire, in: Le Infezioni in Medicina : Rivista Periodica di Eziologia, Epidemiologia, Diagnostica, Clinica e Terapia delle Patologie Infettive 20,3 (2012) 217-232.
  34. Craig A. Molgaard, Amanda L. Golbeck, Kerry E. Ryan: Justinian’s Plague, Hagiography and Monasticism, in: International Journal of Interdisciplinary Social Sciences 6,10 (2011) 67-80.