Wöhlerschule

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Wöhlerschule
Wöhlerschule Gymnasium-Eingang und Treppenhaus.jpg
Schulform Gymnasium
Gründung 1870
Adresse

Mierendorffstraße 6

Ort Frankfurt am Main
Land Hessen
Staat Deutschland
Koordinaten 50° 8′ 28″ N, 8° 40′ 29″ OKoordinaten: 50° 8′ 28″ N, 8° 40′ 29″ O
Träger Stadt Frankfurt am Main
Schüler etwa 1500
Lehrkräfte etwa 115
Leitung Schulleiterin: Renate Bleise
Stellv. Schulleiter: Wolfgang H. Clößner
Website www.woehlerschule.de

Die Wöhlerschule ist ein Gymnasium im Stadtteil Dornbusch von Frankfurt am Main. Es wurde 1870 von der Polytechnischen Gesellschaft, einer Frankfurter Bürgerstiftung, gegründet, und nach August Anton Wöhler (1771–1850) benannt. Dieser war langjähriger Präsident der Polytechnischen Gesellschaft, Begründer des Frankfurter Berufsschulwesens und der Vater des Chemikers Friedrich Wöhler.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die alte Wöhlerschule im Westend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ursprüngliche Wöhlerschule wurde 1870 als Schule für Jungen gegründet. Das Schulgebäude befand sich damals in der Lessingstraße im Frankfurter Stadtteil Westend-Süd.

Im Jahr 1991 weilte der amerikanische Literaturwissenschaftler und ehemalige Wöhlerschüler Kurt Bergel zu Besuch in Frankfurt. Während dieses Besuches führte Angelika Rieber von der damaligen Arbeitsgruppe Spuren jüdischen Lebens in Frankfurt, dem heutigen Verein Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main[1] ein längeres Interview mit ihm.[2] Kurt Bergel, der von 1918 an zunächst die Grundstufe der Wöhlerschule besuchte und danach das Gymnasium, erinnerte sich während dieses Interviews an einige Vorkommnisse aus seiner Schulzeit.

Eine seiner frühesten Erinnerungen betraf einen Bombenangriff im Ersten Weltkrieg, der zu Einschlägen in unmittelbarer Nähe des Schulgebäudes führte und ihn, nach der Entwarnung nach einem ersten Angriff, auf dem Schulweg überraschte:

„Ich bin morgens aus dem Haus gegangen, nachdem das Signal, daß die Gefahr vorbei war, nach einem Angriff gegeben worden war. Bin dann auf dem Weg zur Schule von der Ulmenstraße zur alten Wöhlerschule [..] überrascht worden von einem zweiten Angriff. Ich erinnere mich noch ganz lebhaft, wie meine Mitschüler schon in dem ersten, in dem Parterre der Schule und in den Kellern sich in Sicherheit gebracht, sich in Sicherheit brachten, und [..] die Lehrer mir zuwinkten, ich soll doch schnell kemmen. Und kurz nachdem ich in das Gebäude eingetreten war, fiel ganz in der Nähe, und zwar in der Feuerbachstraße, eine, eine Bombe, die einen Freund unserer Familie traf und tötete. [..] Wir haben das als ein[en] [..] ungeheuren Schock erlebt. Nicht nur, weil hier ein Bekannter der Familie getötet wurde, [..] sondern auch deswegen, weil wir einfach mit dem Gedanken, daß eine Zivilbevölkerung beschossen wurde. Daran konnten wir uns nicht gewöhnen.[2]

Bei dem von Kurt Bergel geschilderten Luftangriff handelte es sich vermutlich um den Angriff vom 12. August 1918: „Kurz nach neun Uhr morgens, fielen 30 Bomben fast zeitgleich auf die westliche Stadt. Rechts vom Opernplatz und der Goethestraße bis zum Reuterweg, links von der Feuerbachstraße bis zur Wiesenau, wurden 25 Häuser mehr oder weniger schwer beschädigt: ›Schreiend, von Entsetzen gepackt, liefen die Menschen durcheinander, suchten die nächsten Hauseingänge zu erreichen, die nicht alle geöffnet wurden, fluchten auf die Hausbesitzer. Die einschlagenden Bomben fanden Opfer genug: 12 wurden sofort getötet, 5 schwer verletzt, von denen vier noch verstorben sind. 25 kamen mit leichten Verletzungen davon.‹“[3] Die Wöhlerschule blieb unversehrt.

Ein weiteres Ereignis, an das sich Kurt Bergel erinnerte, ereignete sich 1921: „Eines Tages wurde bekannt, daß in der Wöhlerschule ein Haufen von Waffen, Gewehren und Munition in dem Keller gefunden worden war. Was sich herausstellte, war, daß ein Lehrer namens Jung, einen Putsch vorbereitete, einen der vielen Putschs, die es damals ja gab, und er wurde strafversetzt. Das war alles, was geschah. Soweit ich mich erinnern kann, muß ich sagen.“[2] Mehr zu dem Fall weiß das Institut für Stadtgeschichte der Stadt Frankfurt: „Im Keller der Wöhler-Schule waren am Samstag, den 16. Juli 1921, 500 einsatzfähige Gewehre gefunden worden – getarnt als Gesteinsproben.“[4] Einer der Drahtzieher dieser Aktion, an den sich Bergel noch erinnerte, war der Studienrat Jung, der zuvor schon dadurch in Erscheinung getreten war, dass er nachmittags auf dem Schulhof wehrsportähnliche Übungen abhielt. Er floh zunächst, stellte sich dann aber der Frankfurter Polizei und kam vermutlich unbeschadet davon: „Freimütig gestand er, dass er die Waffen zum Schutz vor einem drohenden Putsch von Links nach Frankfurt gebracht habe. Ein derartig ‚couragiertes‘ und patriotisches Verhalten mochte der Magistrat der Stadt Frankfurt nicht mit der Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen Jung beantworten. Die Stadtverordnetenversammlung fasste den Beschluss, eine Entscheidung darüber dem Regierungspräsidenten zu überlassen. Und damit verschwand die Affäre aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit. Es ist nicht bekannt, ob gegen Jung ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde.“[4] Kurt Bergel berichtete von einem Gerücht, dass Jung in der Nazi-Zeit Direktor der Wöhlerschule geworden wäre. Genaue Anhaltspunkte hierzu sind bislang nicht bekannt.

Trotz dieser Vorkommnisse und seiner rückblickenden Einschätzung, dass ein Rechtstrend an der Schule etwas stärker ausgeprägt war als andere politische Strömungen, war es für Bergel „im Großen und Ganzen eine gute Ausbildung, die wir dort in der Schule bekommen haben. Ich habe viel gelernt, das heißt, ich hätte mehr lernen können, wenn ich fleißiger in Naturwissenschaften gewesen wäre. Die haben mich nie interessiert. [..] Dagegen war ich sehr, sehr gut in Deutsch [..]. Also, es war mir ganz klar, dass ich in die deutsche Literatur beruflich gehen würde. [..] Daneben hatte ich großes Interesse an Musik und arbeitete sehr ernst als Pianist und entschied mich eigentlich erst [..] im Jahr, in dem ich Abitur machte, [..] dass ich meine ernste Arbeit in der Musik zurückstellen sollte.“[2] Auf die Frage, ob er während seiner Schulzeit Diskriminierungen erfahren habe, antwortete er: „Sehen Sie, es gab ziemlich viele Juden in der Wöhler-Schule damals, weil eben so viele Juden im Westend wohnten. Und auf diese Weise stellten Juden eíqentlich prozentual [..] ein recht beträchtlíches Kontingent. Ich habe gelegentlich antisemitísche Dinge gehört und gefühlt, aber überwiegend eigentlich bis zur Zeit meines Abiturs nicht. Die Lehrer waren korrekt. Selbst die, die pelitisch auf der rechten Seite standen. [..] Sie waren weniger Nazis als Deutschnationale, Monarchísten vielleicht zum Teil sogar. Und diese Leute waren korrekt den jüdischen Schülern gegenüber.“[2]

Kurt Bergel machte 1930 sein Abitur an der Wöhlerschule.

Die Wöhlerschule nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zweiten Weltkrieg wurden die alten Schulräume bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main zerstört und nach dem Krieg fand der Unterricht zuerst in gemeinsamen Räumen mit einem benachbarten Frankfurter Mädchengymnasium, der Bettinaschule, statt. Bis zum Umzug 1957 wurde später Schichtunterricht in der Liebigschule in der Sophienstraße in Frankfurt-Bockenheim erteilt.

Erst im Mai 1957 zog die Wöhlerschule auf ihr heutiges Schulgelände im Frankfurter Stadtteil Dornbusch um. Die Wöhlerschule war noch bis in die 1970er Jahre eine reine Jungenschule. Die ersten Mädchen kamen im Jahrgang 1972 an die Wöhlerschule.

In den späten 1990er Jahren wurde die Wöhlerschule durch den Bau eines „Ökohauses“ bekannt, das aus Elternspenden finanziert wurde. Im Jahr 2001 forschte eine Schülerarbeitsgemeinschaft den Lebensgeschichten jüdischer Wöhlerschüler nach, die in der Zeit des Nationalsozialismus im Holocaust ermordet worden waren, und errichtete 27 Gedenksteine aus Granit mit den Namen dieser ehemaligen Schüler.

Das Schulgelände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Schulgelände besteht aus dem Hauptgebäude, drei Trakten und der Aula, die sich die Wöhlerschule mit der angrenzenden Heinrich-Seliger-Schule (Primarstufe) teilt. Das Bauensemble steht unter Denkmalschutz. Auf dem Gelände stehen daneben zwei in den 1970er Jahren errichtete provisorische („IPI-“)Bauten, eine große Sporthalle, die in den 1980er Jahren hinzukam, das in den 1990er Jahren aus einer Schülerinitiative entstandene „Ökohaus“, die 2007 gebaute Mensa und die 2012 errichtete Sporthalle.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schule liegt seit 1957 im Stadtteil Dornbusch und ist gut durch die U-Bahn-Linien U1 bis U3 sowie U8 über die Haltestellen Dornbusch und Fritz-Tarnow-Straße und auch mit dem Bus der Linie 34 erreichbar. An der Wöhlerschule unterrichten derzeit 95 Lehrer und 12 Referendare in den Klassen 5 bis 12.[5]

Die heutigen Schwerpunkte der Schule sind

  • naturwissenschaftliche Bildung,
  • ökologische Bildung,
  • Sprachen und interkulturelle Verständigung,
    Wöhlerschule Gymnasium-Eingang
  • künstlerische und musikalische Bildung,
  • neue Informations- und Kommunikationstechnologien.

Die Wöhlerschule ist seit Juli 2005 eine von vier Schulen im Projekt Schule interaktiv, das von der Deutsche Telekom Stiftung finanziert wird. Zudem ist die Wöhlerschule eine Schule im Netzwerk für nachhaltige Entwicklung (BLK 21) und engagiert sich als UNESCO-Projektschule.

Beim Deutschen Schulpreis 2010 erreichte die Wöhlerschule die engere Wahl unter den besten 20 von 162 teilnehmenden Schulen aus ganz Deutschland.[6]

Die Homepage der Wöhlerschule wurde beim Schulhomepage Award 2010 mit dem 2. Platz von 560 teilnehmenden Schulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet. [7]

Am 8. November 2014 wurde ein ARISS-Schulkontakt mit der Internationalen Raumstation (ISS) durchgeführt. Mehrere Schüler konnten über Amateurfunk ihre Fragen stellen und erhielten von dem Astronauten Alexander Gerst Antworten.[8][9][10][11][12]

Bekannte Schüler und Lehrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Carl Hanser Verlag, München/Wien 1980, ISBN 3-446-17023-5.
  • Frank Braun: Demonstration gegen den "letzten Juden" von der Wöhlerschule. Peter Bloch erzählt von seiner Jugend unter dem Nationalsozialismus. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Juli 1996.
  • Ein Steinhaufen im Garten markiert das Ende von 27 Lebenswegen. Frankfurter Rundschau vom 5. Mai 2001.
  • Lebensspuren. Jüdische Wöhlerschüler; Opfer des Terrors 1938–1945; Begleitheft zur Ausstellung der Spurensuche-AG der Wöhlerschule Frankfurt a. M.; [die Ausstellung begleitet die Einweihung des Gedenkgartens am 4. Mai 2001 für die während der Nazi-Diktatur ermordeten ehemaligen Schüler der Wöhlerschule Frankfurt am Main]. Zusammengestellt von Waltraud Giesen und anderen. Wöhlerschule, Frankfurt a. M. 2001 (2., verbesserte und erweiterte Auflage 2007), ISBN 3-00-007677-8.
  • Heike Litzinger: Aufwendige Suche nach Spuren jüdischer Schüler. An der Wöhlerschule forscht eine Arbeitsgruppe nach Ehemaligen. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Oktober 2001.
  • Wöhlers wilde Gärten. 50 Jahre Wöhlerschule am Dornbusch. Wöhlerschule, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-00-022848-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main
  2. a b c d e Interview von Angelika Rieber mit Professor Dr. Kurt Bergel am 30. Juni 1991 in Frankfurt am Main, Sammlung Angelika Rieber/Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt (Transkript).
  3. JULIA SÖHNGEN: Erster Luftkrieg: Als die Bomben auf Frankfurt fielen, Frankfurter Neue Presse, 11. August 2014
  4. a b Ein Schulkeller als geheimes Waffendepot – der Waffenfund in der Wöhlerschule 1921
  5. Wöhlerschule – Kürzelliste. In: woehlerschule.de. 6. Februar 2017, abgerufen am 17. April 2017.
  6. http://www.woehlerschule.de/?page_id=689
  7. http://www.schulhomepage.de/topliste/award/2010/endergebnis.php
  8. Funkkontakt mit der Internationalen Raumstation ISS. 12. November 2014, abgerufen am 21. Dezember 2014.
  9. Von der Aula ins Weltall. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 261, 10. November 2014, S. 30.
  10. Ein kurzer Funkkontakt ins All. Schüler sprechen mit dem Astronauten Alexander Gerst. In: Frankfurter Neue Presse. 10. November 2014, S. 14 (Online [abgerufen am 21. Dezember 2014]).
  11. Plausch mit dem Astronauten. In: Frankfurter Rundschau. 10. November 2014 (Online [abgerufen am 21. Dezember 2014]).
  12. Schulkontakt des Gymnasiums Wöhlerschule. In: DARC (Hrsg.): CQ DL. Nr. 2, Februar 2015, ISSN 0178-269X, S. 67–68.
  13. Alfred Grosser, siehe Absatz zum 1. April 1933 auf: juedische-pflegegeschichte.de
  14. Gabriele Britz. In: uni-giessen.de. Archiviert vom Original am 18. April 2017; abgerufen am 17. April 2017. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.uni-giessen.de