Wechselwähler

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Wechselwähler sind Wähler, die nicht auf eine bestimmte Partei festgelegt sind (Stammwähler), sondern bei den verschiedenen Wahlen die gewählte Partei wechseln.

Der Anteil der Wechselwähler hat im Vergleich zu früher deutlich zugenommen. Die Wechselwähler spielen für die Wahlwerbung der großen Parteien eine besondere Rolle, weil sie als wahlentscheidend gelten. Während die Stammwähler als "sicher" angesehen werden und wenig umworben werden (müssen), richtet sich die Wahlwerbung gezielt an die zu überzeugenden Wechselwähler. Diese werden von den großen Parteien in der Regel in der politischen Mitte vermutet.

Weiterhin findet sich Wechselwahlverhalten innerhalb der beiden politischen Lager, also dem linken und dem rechten. Ist beispielsweise ein SPD-Wähler mit seiner Partei unzufrieden, dann gibt er seine Stimme eher einer anderen linken Partei wie den Grünen oder der Linken und nicht der CDU/CSU oder FDP.

Die Ursache für den gestiegenen Anteil wird unter anderem darin gesehen, dass sich traditionelle Bindungen zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppierungen zunehmend lockern: Religiöse Menschen wählen oder wählten eher CDU, Gewerkschafter eher SPD.

Über die Eigenschaften von Wechselwählern gibt es konkurrierende Ansichten. Die skeptische Position sieht in ihnen "politischen Flugsand", der - politisch wenig interessiert und informiert - bald hierhin, bald dorthin getragen werde. Die optimistische Sichtweise erkennt in Wechselwählern nicht nur diejenigen Bürger, die bei Wahlen besonders einflussreich sind, sondern sieht in ihnen gewissermaßen eine Wählerelite, die überdurchschnittlich gebildet sei und sich stark für Politik interessiere.[1] Tatsächlich lassen sich in Deutschland zwischen Wechselwählern und anderen Wählern keine generellen Unterschiede im Hinblick auf Bildung und politisches Interesse erkennen. Unter Wechselwählern scheinen demnach ähnlich viele desinteressierte, wenig gebildete und uninformierte Personen sowie hochgradig interessierte, hochgebildete und sehr gut informierte Personen zu finden zu sein wie unter Wählern, die nicht bei zwei aufeinanderfolgenden Wahlen für verschiedene Parteien stimmen.[2]

Um festzustellen, ob Bürger Wechselwähler sind oder nicht, werden in der Regel Befragungen eingesetzt. Wird die sog. Panelmethode verwendet, werden Personen zur ersten betrachteten Wahl nach ihrem Wahlverhalten gefragt; dieselben Personen werden zur zweiten betrachteten Wahl wieder nach ihrem aktuellen Stimmverhalten gefragt. Vergleicht man beide Angaben miteinander, kann man feststellen, ob sie übereinstimmen oder nicht. Problematisch ist diese Vorgehensweise vor allem deshalb, weil nicht alle ursprünglich Befragten wiederbefragt werden können und die verbliebenen Personen sich systematisch von den ausgeschiedenen unterscheiden können. Zudem sind Wiederholungsbefragungen mit erheblichem Aufwand verbunden. Daher wird häufiger die sog. Rückerinnerungsmethode verwendet. Dazu werden Personen zum Zeitpunkt der zweiten betrachteten Wahl nach ihrem aktuellen Wahlverhalten sowie nach dem Wahlverhalten bei der interessierenden Wahl in der Vergangenheit gefragt. Es ist nur eine Befragung notwendig. Aber etliche Befragte können sich an ihr früheres Wahlverhalten nicht mehr erinnern oder wollen sich im Interview nicht dazu bekennen. Daher kommt es zu erheblichen Messfehlern. In Deutschland wird mit dieser verbreiteten Methode die Häufigkeit der Wechselwahl deutlich unterschätzt. [3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Siegfried F. Franke: Wechselwähler. Eine Analyse der Wählerbeweglichkeit am Beispiel der Bundestagswahl 1998 und der Landtagswahlen der Jahre 1998 bis 2000. Metropolis-Verlag, Marburg 2000. ISBN 3-89518-322-9
  • Sebastian Haffner: Überlegungen eines Wechselwählers. Kindler, München 1980. ISBN 3-463-00780-0
  • Ute Kort-Krieger: Wechselwähler. Verdrossene Parteien - routinierte Demokraten. Centaurus, Pfaffenweiler 1994. ISBN 3-89085-924-0
  • Harald Schoen: Wählerwandel und Wechselwahl. Eine vergleichende Untersuchung. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003.
  • Harald Schoen: Wechselwähler in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland: Politisch versiert oder ignorant? In: Zeitschrift für Parlamentsfragen 35, 2004, S. 99-112.
  • Harald Schoen: Wechselwahl. In: Jürgen W. Falter, Harald Schoen (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, S. 367-387.
  • Carsten Zelle: Der Wechselwähler. Eine Gegenüberstellung politischer und sozialer Erklärungsansätze des Wählerwandels in Deutschland und den USA. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995. ISBN 3-531-12766-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Wechselwähler – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klaus von Beyme: Das politische System der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung, 9. Auflage, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 1999, S. 112.
  2. Jürgen W. Falter, Harald Schoen: Wechselwähler in Deutschland: Wählerelite oder politischer Flugsand? In: Oskar Niedermayer, Bettina Westle (Hrsg.), Demokratie und Partizipation. Festschrift für Max Kaase, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 2000, S. 13-33.
  3. Harald Schoen: Den Wechselwählern auf der Spur: Recall- und Paneldaten im Vergleich. In: Jan W. van Deth, Hans Rattinger, Edeltraud Roller (Hrsg.): Die Republik auf dem Weg zur Normalität? Wahlverhalten und politische Einstellungen nach acht Jahren Einheit. Leske und Budrich, Opladen 2000, S. 199-226; Harald Schoen: Wechselwahl. In: Jürgen W. Falter, Harald Schoen (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, S. 367-387; Harald Schoen: Does ticket-splitting decrease the accuracy of recalled previous voting? Evidence from three German panel surveys, in: Electoral Studies 30, 2011, S. 358-365.