Weißrussische Literatur

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Die weißrussische Literatur (in neuerer Zeit auch belarussische Literatur) ist die Literatur der weißrussisch sprechenden Bevölkerung in Weißrussland (Belarus), Polen und Litauen. Das Weißrussische ist aus der ruthenischen Sprache hervorgegangen, nahm aber auch immer wieder Einflüsse aus dem Polnischen auf und wirkte seinerseits auf das Kirchenslawische. Eine weißrussische Identität bildete sich erst im späten 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts im Spannungsbereich zwischen russischen, polnischen und litauischen Macht- und Kulturinteressen. Nicht wenige Intellektuelle sahen sich weiterhin in einer westlichen, auf das alte Großlitauische Reich zurückgehenden Tradition.

Im Folgenden werden die weißruthenische Literatur und die weißrussische Literatur im Zusammenhang behandelt.

Frühe Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 15. und 16. Jahrhundert entstanden im Großfürstentum Litauen erste Chroniken in der weißruthenischen Volkssprache. Der Reformator und Humanist Francysk Skaryna (ca. 1490–1551) druckte zuerst in Prag, dann in Wilna Bibelübersetzungen in einem noch an die kirchenslawische Sprache angelehnten unreinen Weißruthenisch. Die damals in Litauen siedelnden Tataren nutzten ebenfalls die weißruthenische Sprache, schrieben aber die Übersetzungen moslemischer Texte mit arabischen Buchstaben (Kitab). Wassil Zjapinsky (ca. 1540–1604) übersetzte das Neue Testament, Symon Budny (1530–1593) übersetzte und druckte den calvinistischen Katechismus ins Weißruthenische und zog sich damit die Feindschaft der Orthodoxen zu. Daneben fanden sich Anfänge einer Versdichtung durch Andrej Rymscha (ca. 1550–1604)

Titelseite der Bibel von Francysk Skaryna

Durch die Union mit Litauen 1386 und 1569 kamen viele weißrussisch- (und ukrainisch-) sprachige orthodoxe Christen unter die Herrschaft der polnischen Könige. Der Vizekanzler des Großfürstentums Leŭ Sapieha gab 1588 den umfassenden Rechtskodex in weißruthenischer Sprache heraus. 1596 wurde die kirchliche Union beschlossen, wonach die orthodoxe Kirche im Großfürstentum dem Papst unterstellt wurde. Das führte dazu, dass Latein bzw. Polnisch Sprachen der Gelehrten blieben, während das Weißrussische, damals die Sprache der Bevölkerungsmehrheit im Großfürstentum Litauen, polonisiert und barockisiert wurde, u. a. durch den Mönch Simjaon von Polack, der im 17. Jahrhundert gelehrte Gedichtsammlungen herausgab und Dramen verfasste. Im 17. Jahrhundert war Minsk weitgehend katholisch geworden, 1697 wurde die weißruthenische Kanzleisprache per Dekret abgeschafft. Die Volksdichtung, die bedeutsamer war als die Kunstdichtung, der aber epische Großformen fehlten, überlebte bis ins 19. Jahrhundert.[1]

Das 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den Teilungen Polens schrieben auch immer mehr Landadlige im von Russland annektierten Teil Weißrutheniens in russischer Sprache. Der polnischstämmige Adel war zwar überzeugt davon, dass das weißruthenische Volk ein polnischer Volksstamm sei, doch wurden die Grundlagen für eine selbstbewusste Nationalbewegung gerade von der polonisierten Oberschicht gelegt. Erste romantische Werke auf Basis der Volksdialekte stammen von Wikenzi Rawinski (1786–ca. 1855) und Jan Barschtscheuski (1794(?)–1851). Winzent Dunin-Marzinkewitsch (1808–1884) lässt in seinen romantischen Verserzählungen und Bühnendichtungen vor allem Bauern Weißruthenisch, die Gebildeten aber Polnisch sprechen. Nach dem polnischen Novemberaufstand 1830 ging der polnisch-litauische Einfluss in Weißrussland immer mehr zurück; der polnische Adel wurde vertrieben, der weißrussische Kleinadel und die orthodoxe Kirche erstarkten. Das Weißruthenische erfuhr eine größere Verbreitung, der Begriff "Weißrussland" wurde allgemein gebräuchlich. Doch nach dem letzten erfolglosen polnischen Aufstand, dem Januaraufstand von 1863 setzte eine massive Russifizierungspolitik ein. Der Begriff "Weißrussland" wurde getilgt, weißruthenische Druckerzeugnisse wurden 1867 verboten.[2]

Seit Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigten sich auch Philologen systematisch mit der weißruthenischen Sprache, den zahlreichen Märchen und Sagen des Bauernvolks und seiner Folklore, was nicht verboten werden konnte. Die schöpferische Ausformung einer weißrussischen Schriftsprache begann mit den Gedichten und realistischen Epen von Franzischak Bahuschewitsch (1840–1900), die das sorgenvolle Leben der Bauern behandelte. Damit wurde die rein phonetische Wiedergabe lokaler Dialekte überwunden. 1905 wurde das zaristische Druckverbot aufgehoben; der Begriff „weißrussisch“ begann sich als Bezeichnung der Sprache durchzusetzen. In diesem Jahr konnte Janka Kupala (1882–1942) das erste Gedicht in weißrussischer Sprache drucken.

Die weißrussische Minderheit im österreichischen Teil Polens konnte sich nach dem Ende der Germanisierungspolitik unter der seit 1867 bestehenden weitreichenden Autonomie Galiziens mit der Gleichberechtigung aller Nationalitäten wesentlich besser entfalten. In Lemberg und Krakau wurden Texte in weißrussischer Sprache gedruckt und verlegt. Die Jagiellonen-Universität als bedeutendes Zentrum der Slawistik wurde zum Ort der Pflege weißrussischer Sprache und Literatur. Auch im preußischen Teil des annektierten Polens - weitgehend identisch mit der Provinz Posen - waren alle Sprachen zunächst gleichberechtigt, allerdings befanden sie sich nach der Reichsgründung 1871 in einer Minderheitsposition gegenüber dem Deutschen und sahen sich Germanisierungsbestrebungen ausgesetzt.

Die weißrussische Wiedergeburt 1905–1930[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die weißrussischen Nationalisten und die ersten Prosaautoren versammelten sich um die in Wilna, dem damaligen intellektuellen Zentrum der weißrussischen Intelligenz, 1906 gegründete Zeitschrift Nascha Niwa (1906–1915). Eine wichtige Figur dieser Bewegung war der früh verstorbene Lyriker und Prosaist Maksim Bahdanowitsch (1891–1917), der Weißrusslang früh verlassen hatte. Der Romancier Maksim Harezki (1893–1938) verfasste mit seinem Werk Zwei Seelen (zuerst 1919 als Fortsetzungsgeschichte publiziert) in einer Zeit, als der Kampf um die Unabhängigkeit noch nicht entscheiden war, einen Schlüsselroman der Zeit der Wiedergeburt. Sein Held, vermeintlich Sohn eines Gutsbesitzers, der jedoch von seiner Amme mit deren eigenem Sohn vertauscht worden, steht hin- und hergerissen zwischen Adel und Bauern, zwischen den Bolschewisten und den ebenso fanatischen Wiedergeburts-Aktivisten, während sein Ziehbruder den Bolschewiken folgt.[3]

Maxim Harezki (1937)

In der Vorkriegszeit entstand eine Aufbruchstimmung, die auch von Krieg und Revolution sowie der Abtrennung der westlichen Landesteile und der Stadt Wilna, welche an Polen fielen, nur kurz unterbrochen wurde. Die Literatur konnte sich zunächst in der Weißrussischen Sowjetrepublik auch nach ihrem 1922 erfolgten Anschluss an die Sowjetunion bis etwa 1930 frei entfalten. Erstmals wurde der freie Vers in weißrussischer Sprache erprobt. 1920 erhielt das Minsker Theater den Status eines staatlichen Theaters. Der wichtigste Repräsentant dieser Phase war der Lyriker und Theaterautor Janka Kupala (1882–1942), ein Vertreter der nationalen "Wiedergeburt" ebenso wie der Lyriker und Epiker Jakub Kolas (1882–1956).

Die Zwischenkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den von Polen annektierten Gebieten bildete sich bald eine intellektuelle Gruppierung, die die Tradition des um die Nascha Niva herum entstandenen konservativen Flügels der nationalrevolutionären Bewegung fortsetzte. Mit dieser, so fürchteten die Bolschewiken, könnten viele Intellektuelle im Lande sympathisieren. Die dauernde Beschwörung der symbolschweren Untergangsgeschichte der weißrussischen Sprache seit 1697 durch die Opposition jenseits der Grenze führte zu heftigen Reaktionen des Staates und brachte die weißrussische Intelligenz im Land in einen zwiespältige Lage, entweder den nationalen Traditionen abzusagen oder sich dem Vorwurf auszusetzen, mit Faschisten und Klerikalen in Polen zu liebäugeln.[4]

1932 wurde der Schriftstellerverband gleichgeschaltet; der Sozialistische Realismus wurde zur literarischen Doktrin. Kandrat Krapiwa (1896–1991) schilderte seit den 1930er Jahren in seinen Dramen die Ereignisse der Revolution und des Bürgerkriegs. Als Lyriker trat Pilip Pestrak (1903–1978) hervor. Die Avantgardisten Pauljuk Schukajla, Todar Kljaschtorny, Walery Marakou, Uladsimir Chadyka, Michas Tscharot, Ales Dudar und Jurka Ljawonn waren hingegen Repressionen ausgesetzt.[5] Dudar wurde 1937 in Minsk hingerichtet, Kupala starb 1942 in Moskau unter ungeklärten Umständen. Schon 1920 war Harezki von den Polen vorübergehend in Haft genommen worden; nun wurde er 1938 bei stalinistischen Säuberungen erschossen. Auch andere Autoren wie der Arbeiterschriftsteller Zischka Hartny (1888–1937), erster Regierungschef der Weißruthenischen Sozialistischen Sowjetrepublik, wurden Opfer der Säuberungen.

Im seit 1920 zu Polen gehörenden Westteil des Landes traten in der Zwischenkriegszeit etliche Lyriker hervor, z. B. der Kommunist Maksim Tank (1912–1995), der gegen die polnische Besetzung agitierte und dafür ins Gefängnis kam. Andere weißrussische Autoren, die in den 1920er und 1930er Jahren aus Wilna (oder aus Prag wie Uladsimir Schylka) nach Minsk übergesiedelt waren, wurden unter Stalin liquidiert, da diesem die anfangs geförderten kulturellen Autonomiebestrebungen nunmehr gefährlich erschienen.

Die Zeit nach 1960[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prosa und Lyrik der 1940er und 1950er Jahre standen ganz unter dem Einfluss der Ideologie; thematisch standen der Krieg und die Nachkriegszeit im Vordergrund. Erst nach 1960 meldeten sich weißrussische Schriftsteller wieder mit eigenständigen Beiträgen zu Wort, so zuerst Iwan Melesch (1921–1976) mit einer Romantrilogie über die unmenschliche Kollektivierung der Landwirtschaft. Nach ihm wurde ein Literaturpreis benannt. Maksim Tank veröffentlichte weiter. Als Dramatiker wurde Andrej Makajonak (1920–1982) bekannt. Aljaksej Karpjuk kämpfte in den 1960ern mit Zensur und Bespitzelung.

Die Lyrikerin Larysa Henijusch, die 1948 in Prag verhaftet wurde, durfte erst nach 1963 wieder veröffentlichen. In Deutschland wurde der in der Sowjetunion der 1970er und 1980er Jahre hoch geehrte Erzähler Wassil Bykau (1924–2003), der sich mit dem Thema des Zweiten Weltkriegs befasste, sich dann Ende der 1980er Jahre der Bürgerrechtsbewegung anschloss und 1997 ins Exil ging, durch die von ihm selbst verfassten Übersetzungen seiner Werke aus dem Russischen bekannt (zuerst durch Die dritte Leuchtkugel, dt. Berlin 1964).[6] Andere Autoren blieben bis weit in die 1980er Jahre in Deutschland weitgehend unbekannt, wie Neureiter 1983 in der von ihm herausgegebenen Anthologie weißrussischer Literatur konstatierte.

Die Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Denkmal für Larysa Henijusch in Selwa, wo sie nach ihrer Entlassung aus der Lagerhaft lebte

Nach der Unabhängigkeit begann vor allem eine literarische Abrechnung mit der Vergangenheit. Dazu gehörte auch die posthume Veröffentlichung der Lebenserinnerungen von Larysa Henijusch im Jahr 1990. In den 1990er Jahren entstand auch die sogenannte Bum-Bam-Lit (BBL), die ein Jahrzehnt lang den totalen Individualismus proklamierte und deren Vertretern heute eine wichtige Rolle in der weißrussischen Literatur zukommt.

Seit 1995 wurden jedoch zahlreiche Publikationsorgane zensiert oder verboten. Die literarische Produktion und Diskussion wurde dadurch erheblich eingeschränkt. Immerhin ist es der Zeitschrift Kultura zu verdanken, dass 1995 der Begriff des Postmodernismus in die literarische Diskussion Weißrussland eingeführt wurde. Auch steigt das Interesse an der weißrussischen Sprache wieder.

Als unabhängige zeitgenössische Autoren gelten der innovative Dichter und Übersetzer Ales Rasanau (* 1947), der durch das Buch Minsk – Sonnenstadt der Träume auch in Deutschland bekannt gewordene Artur Klinau (russ.: Klinow, * 1965), die in den USA lebende Lyrikerin Valzhyna Mort (* 1981), Alherd Bacharewitsch (* 1975), dessen Roman Die Elster auf dem Galgen 2010 in Deutschland erschien, ferner der experimentierfreudig-avantgardistische Smizer Wischnjou (* 1973), die Linguistin, Lyrikerin und Schriftstellerin Wolha Hapejewa (* 1982) und die Journalistin und Erzählerin Natalka Babina (* 1966), deren Geschichten im ländlichen Grenzbereich Weißrusslands mit der Ukraine und Polen angesiedelt sind.

Die Werke dieser Autorinnen und Autoren werden selten in ihrer Heimat verlegt, oft kämpfen sie mit der Zensur.[7] Offizielles Organ der Autoren ist der Verband der Schriftsteller Weißrusslands, den der ehemalige Polizeigeneral Nikolai Tscherginez anführt.[8]

Nur in russischer Sprache schreibt die in Minsk lebende Swetlana Alexijewitsch, die für ihre dokumentarische Prosa über das Leben in der sowjetischen und postsowjetischen Gesellschaft (u. a. Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, dt. Berlin 1987; Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus, dt. München 2013) mehrfach ausgezeichnet wurde. Sie erhielt 2013 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2015 den Nobelpreis für Literatur.

Zu den weißrussischen Literaturfestivals zählt das jährlich stattfindende Nefarmat, an dem neben Autoren auch Performer, darstellende Künstler und Musiker beteiligt sind. Das private Verlagswesen ist schwach entwickelt, doch sind auch in den Staatsverlagen einige wichtige Werke erschienen. Die früher wichtige private Zeitschrift Kultura berichtet weitgehend nur noch über offizielle Anlässe, so dass das Internet zum wichtigen Medium der unzensierten Verbreitung von Literatur geworden ist.[9]

Anthologien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Weißrussische Literatur, in: Der Literatur-Brockhaus. Bd. 3, Mannheim 1988.
  2. Weißrussische Literatur, 1988.
  3. Eine deutsche Übersetzung erschien 2014. Lerke von Saalfeld: Schlüsselwerk der weißrussischen Literatur. Deutschlandfunk, 21. November 2014.
  4. Rainer Lindner: Historiker und Herrschaft: Nationsbildung und Geschichtspolitik in Weißrußland im 19. und 20. Jahrhundert. München 1999, S. 99 ff.
  5. Literaturlandschaft Belarus: Eine Begehung, eine Darstellung von Zmicer Višnëŭ, undatiert, mit zahlreichen Literaturangaben; zuerst in längerer Form (aber ohne Lit.) in der Zeitschrift Annus Albaruthenicus, 2010
  6. Weißrussische Literatur, 1988.
  7. Vgl. McMillin 2010
  8. Leipziger Buchmesse: Literatur aus Ukraine und Belarus, 13. März 2012, Zugriff 21. Mai 2014
  9. Literaturlandschaft Belarus – eine Begehung. In: novinki.de, ohne Datum, Abruf: 1. September 2017.