Radio Free Europe

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Das Zielgebiet von RFE/RL

Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL; deutsch Radio Freies Europa) ist ein Rundfunkveranstalter, der Hörfunkprogramme in 28 osteuropäischen, mittelöstlichen und zentralasiatischen Sprachen produziert; diese Programme werden hauptsächlich auf Kurzwelle ausgestrahlt.

Die vom Kongress der Vereinigten Staaten finanzierte Anstalt untersteht dem Broadcasting Board of Governors (BBG) und hat ihren Sitz in Prag. Betreiber der Sendeanlagen ist das International Broadcasting Bureau (IBB), das für die Ausstrahlung aller staatlichen Auslandssendungen der USA verantwortlich ist. RFE/RL hat nach eigenen Angaben das Ziel, Hörern in den ehemals kommunistisch regierten Ländern demokratische Werte zu vermitteln, und das Menschenrecht auf freien Nachrichtenzugang zu ermöglichen.

Während des Kalten Kriegs war RFE/RL in München angesiedelt. Es war ein wichtiges Instrument, um Rundfunkhörer im Herrschaftsbereich der Sowjetunion mit Informationen aus dem Westen zu versorgen. Der Öffentlichkeit wurde zunächst suggeriert, RFE/RL sei privat finanziert. Tatsächlich stammte bis Anfang der 1970er Jahre ein Großteil des Budgets vom US-Auslandsgeheimdienst CIA.[1] Die Sowjetunion und ihre Verbündeten sahen RFE als feindliches Propagandainstrument, weshalb eine Reihe von Geheimdienstaktionen gegen Mitarbeiter und Einrichtungen durchgeführt wurden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehemaliges Gebäude des Föderalparlaments am Wenzelsplatz in Prag, Sitz des Radios bis 2008

Radio Free Europe wurde vom Nationalkomitee für ein freies Europa unter John Jay McCloy, Allen Welsh Dulles und Charles Douglas Jackson gegründet. Auf der Gründerliste standen außerdem der Großindustrielle Henry Ford II und Nelson Rockefeller. Die Station nahm ihren Sendebetrieb 1950 von ihrem Hauptsitz in München aus auf. Am 1. Mai 1951 begannen die regelmäßigen Sendungen für die Tschechoslowakei. Radio Free Europe wandte sich an Hörer in mittel- und osteuropäischen Ländern außerhalb der ehemaligen Sowjetunion. Das Amerikanische Komitee für die Befreiung der Völker Russlands folgte dem Vorbild von Radio Free Europe und gründete im Jahr 1953 die Schwesterstation Radio Liberation, die zunächst Sendungen in russischer Sprache vom Senderstandort Lampertheim Station ausstrahlte.

In den 1950er Jahren zerschlugen sich die Erwartungen einer baldigen „Befreiung“ der Völker Russlands. 1964 benannte sich der Sender in Radio Liberty (russisch: Radio Swoboda, zu Deutsch: „Radio Freiheit“) um. Gelegentlich tauchten Berichte über geheimdienstliche Verbindungen der Sender auf, die für beide Stationen existenzbedrohend wurden und die sich später bestätigten.[1] Die Programme wurden Anfang der 1970er Jahre der Aufsicht der CIA entzogen. 1973 zog Radio Liberty zu Radio Free Europe am Englischen Garten in München. Am 21. Februar 1981 wurde auf das gemeinsam genutzte Gebäude ein Bombenattentat verübt, bei dem acht Menschen verletzt wurden.[2]

In den Zeiten des Kalten Krieges wurden viele Fremdsprachensendungen von Störsendern in der Sowjetunion gestört (Jamming). Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde das Budget der Sender reduziert. RFE/RL verlegte im Jahr 1995 seinen Hauptsitz von München nach Prag an den Wenzelsplatz.

Das ehemalige Studiogebäude in München in der Oettingenstraße beherbergt heute neben einigen Fachabteilungen der Universitätsbibliothek und Instituten der Ludwig-Maximilians-Universität auch das Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft. Die Videoüberwachung als Teil der ehemaligen Sicherheitsanlagen ist bis heute erhalten. In einigen der alten RFE/RL-Studios war bis 2002 das Aus- und Fortbildungsradio AFK M94,5 untergebracht. In vielen anderen Räumen erkennt man Spuren der Vergangenheit des Gebäudes: Doppeltüren und Doppelverglasung.

Die Kurzwellensendeanlage von IBB bei Biblis

Heute sendet RFE/RL in 28 Sprachen für Hörer in 21 Ländern und produziert rund 1100 Wochenstunden Radioprogramme.[3] In Deutschland werden Kurzwellen-Sendeanlagen an den Standorten Biblis und Lampertheim in Hessen benutzt. Der Senderstandort Holzkirchen in Bayern wurde inzwischen stillgelegt. Weitere Sendeeinrichtungen des IBB stehen in Afghanistan, Armenien, Bulgarien, Großbritannien, Kuwait, Litauen, Sri Lanka, Ungarn, Marokko, Tadschikistan, Thailand und den Philippinen, die auch Sendungen der Voice of America (VoA) und Radio Free Asia ausstrahlen.

Ein Teil der Sendungen werden in den Zielgebieten auch über Mittelwelle, UKW, das Internet und im Rebroadcasting-Verfahren ausgestrahlt. Letzteres ist die Übernahme von Radiosendungen in das Programm lokaler Radiosender. Aus politischen Gründen ist dies zurzeit in Weißrussland, dem Iran, Turkmenistan, Tadschikistan und Usbekistan nicht möglich.

Weitere Sendungen werden unter dem Namen Radio Free Afghanistan in den Sprachen Paschtu und Dari, Radio Free Iraq in Arabisch, sowie Radio Farda – in Kooperation mit der Voice of America – in Persisch betrieben.

Management[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorsitzender des RFE Corporate Board ist seit Oktober 2010 Dennis Mulhaupt, der zugleich Mitglied des Broadcasting Board of Governors ist. Außerdem ist er Direktor der philanthropischen Organisation Commonwealth Partners, Inc.[4]

Geheimdienst-Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sender wurden seit ihrer Gründung in den frühen 1950er Jahren von der Sowjetunion als Bedrohung angesehen, da sie unkontrolliert westliches Gedankengut in den Ostblock transportierten. Zudem wurden sie auch zur Übermittlung codierter Nachrichten an westliche Agenten benutzt. Starke sowjetische Störsender sollten die Empfangsqualität verschlechtern, dies wurde durch stetige Steigerung der Sendeleistung von RFE kompensiert.

Durch die Geschichte der Sender zieht sich eine Kette von Ereignissen im Zusammenhang mit nachrichtendienstlichen Aktivitäten. Besonders in den 1980er Jahren gab es zahlreiche Versuche, Angestellte des Senders zu entführen. Bei einem Bombenattentat auf die Sendergebäude in München, das der Terrorist Johannes Weinrich im Auftrag des rumänischen Geheimdienstes Securitate am Abend des 21. Februars 1981 ausführte, wurde trotz der Verwendung von 15 Kilogramm Nitropenta-Sprengstoff niemand getötet, aber sechs Menschen verletzt.[5]

Vorwurf der Propaganda[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Deutschlandradio Kultur veröffentlichte 2011 einen Beitrag mit dem Titel „Propaganda im Auftrag der CIA“, und bezeichnete darin Radio Free Europe und Radio Liberty „mehr als reine Nachrichtensender“.[6] Auch der WDR bemerkte in einem Beitrag, dass Radio Free Europe/Radio Liberty immer im Verdacht gestanden habe, ein „CIA-gesteuerte[s] Propaganda-Organ“ zu sein.[7] Robert T. Holt schrieb in einer Publikation von 1958, dass Radio Free Europe schon bei der Gründung ein Propagandaorgan gewesen sein soll. Anders als die Voice of America habe sich Radio Free Europe damals aber nicht als Stimme eines anderen Landes, sondern als die Stimme „freier Exilanten“ kommunistischer Länder verstanden.[8] George Urban, ehemaliger Chef von RFE/RL in den 1980er-Jahren gab in einem 1997 erschienenen Buch an, die amerikanische Öffentlichkeit habe sich bei der Benutzung des Worts „Propaganda“ unwohl gefühlt, weshalb man bei Diskussionen über RFE/RL diese Nutzung dieses Begriffs konsequent vermieden habe.[9] Stacey Cone bezeichnete die beiden Radiosender 1997 im Journal „Journalism History“ der Ohio University als amerikanische „Propagandasender des Kalten Krieges“.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Liebesgrüße nach Moskau – Der große Radiokrieg (Deutschland 2008) – Regie: Christian Bauer – 90 Minuten[11]
  • Diana Ivanova: LISTN 2014 (76 Min.)[12]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b S. Cone: Radio Free Europe, Radio Liberty, the CIA and the News Media. In: Journalism History, Winter 1998/1999. Abgerufen am 18. Januar 2015.
  2. Augsburger Allgemeine vom 21. Februar 2011, Rubrik Das Datum.
  3. Fast Facts, Webseite von RFE/RL, abgerufen am 24. August 2012 (englisch)
  4. Mulhaupt to chair RFE Board, 7. Oktober 2010.
  5. Kaminski, Lukasz; Persak, Krzysztof Gieseke, Jens (Hrsg.): Handbuch der kommunistischen Geheimdienste in Osteuropa 1944–1991, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-35100-0, S. 367.
  6. http://www.deutschlandradiokultur.de/propaganda-im-auftrag-der-cia.932.de.html?dram:article_id=131086
  7. http://www1.wdr.de/stichtag/stichtag-334.html
  8. Robert T. Holt: Radio Free Europe, 1958, University of Minnesota Press, Seite 3
  9. George Urban: Radio Free Europe and the Pursuit of Democracy: My War Within the Cold War, 1997, Yale University Press, Seite 60-61
  10. Stacey Cone: Presuming a Right to Deceive: Radio Free Europe, Radio Liberty, the CIA, and the News Media, in Journalism History, 1997, Ohio University
  11. Liebesgrüße nach Moskau – Der große Radiokrieg
  12. Trailer auf Vimeo, abgerufen am 7. Januar 2016 (HTML).