Weltreich

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Kaiser Karl V. herrschte als Erster über ein globales Imperium, in dem „die Sonne niemals unterging“; Gemälde von Rubens

Als Weltreiche bezeichnet man meist Reiche, die sowohl große Teile der jeweils bekannten Welt umfassten als auch bedeutenden Einfluss auf die geschichtliche Entwicklung (politisch, geographisch, technologisch, sozial, kulturell, religiös oder sprachlich) hatten. Oft schließt ihr jeweiliges Selbstverständnis den Anspruch ein, entweder die ganze Welt zu beherrschen oder zumindest die größte Macht der Erde zu sein. In verschiedenen historischen Epochen tauchen unterschiedliche Begriffe für ein solches Weltreich auf.

Begriffsproblematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnungen „Imperium“, „Großreich“, „Weltreich“ und zunehmend auch "Empire" werden meist in der Politik- und in der Geschichtswissenschaft synonym gebraucht, es gibt derzeit keine einheitliche Definition, was ein Imperium, ein Großreich und was ein Weltreich eigentlich wäre, wenngleich zumal jüngere politikwissenschaftliche Arbeiten eine Reihe von Abgrenzungskriterien (etwa zum Territorialstaat), Handlungsmotive und machttheoretische Strukturmodelle angeboten haben.[1] Dennoch findet der Begriff „Weltreich“ in der Fachliteratur häufig im Zusammenhang mit den beiden Perserreichen (Achämenidenreich und Sassanidenreich), dem Alexanderreich, Imperium Romanum, Mongolenreich, dem Reich Karls V. sowie bei den Kolonialreichen Spaniens und Großbritannien immer wieder Anwendung.

Antike „Weltreiche“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das achämenidische Perserreich gilt oftmals als das erste „echte“ Weltreich der Geschichte; in den davor liegenden Jahrhunderten gab es zwar mehrere Großreiche, die kurz- oder mittelfristig die umliegenden Territorien und Völker beherrschten, jedoch war ihre Größe mit der des Perserreiches nicht vergleichbar. Das größte vor dem Perserreich existierende Großreich war das heute relativ unbekannte Neuassyrische Reich, das sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung vom Süden Ägyptens bis zum persischen Golf und dem heutigen Armenien erstreckte.

Von besonderer Bedeutung ist das Reich Alexanders des Großen, das von Makedonien und Ägypten bis zum Indus reichte. Das Alexanderreich war zwar nur äußerst kurzlebig, bewirkte aber über seine Nachfolgestaaten, die sogenannten Diadochenreiche, die Entstehung eines einheitlichen hellenistischen Kulturraums im östlichen Mittelmeerraum.

Das klassische Beispiel für ein Weltreich ist das Imperium Romanum. Es umfasste in seiner Blütezeit nicht nur große Teile Europas, Vorderasiens und Nordafrikas, sondern übte auf die von ihm über längere Zeit beherrschten Gebiete auch einen tiefgreifenden und nachhaltig prägenden zivilisatorischen, kulturellen und sprachlichen Einfluss aus, der (auch durch die spätere Verbindung mit dem Christentum) in vielen Bereichen bis heute nachwirkt. Heutige sprachliche und staatliche Strukturen können in vielen Fällen direkt mit dem römischen Imperium in Verbindung gebracht werden.

Außereuropäische „Weltreiche“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infolge des vorherrschenden eurozentrischen Geschichtsbildes wurde und wird bis heute nur unzureichend wahrgenommen, dass die meisten Weltreiche bis zum Beginn der Frühen Neuzeit außerhalb des europäischen Kontinents existierten. Bis zum Ende der Antike gab es mindestens drei europäische Weltreiche: das Alexanderreich, das Römische Reich und das (in direkter Nachfolge des Römischen Reiches stehende) Oströmische/Byzantinische Reich. Nach dem Untergang des Römischen Reiches in der Spätantike konnte kein Weltreich mehr auf dem europäischen Kontinent Fuß fassen, nur noch imperiale Peripherien anderer, außereuropäischer Weltreiche erstreckten sich über Randgebiete Europas. Byzanz bildete hier als europäisches Reich zunächst noch eine Ausnahme, war aber seit der Islamischen Expansion im 7. Jahrhundert praktisch ebenfalls kein Weltreich mehr. Stattdessen bildeten sich in Europa erst die Personenverbandsstaaten und dann das komplexe System der Territorialstaaten heraus. Mit Beginn der Europäischen Expansion im 15. Jahrhundert schufen diese Staaten dann ihrerseits außereuropäische Weltreiche (Kolonialreiche) auf anderen Kontinenten.

Aber beispielsweise sowohl beim Mongolenreich Dschingis Khans, als auch beim Reich der Kalifen (ca. 700 – 900 n. Chr.) und beim Chinesischen Kaiserreich (ca. 200 v. Chr. – 1800), lassen sich längerfristige historische Nachwirkungen ebenfalls nicht bestreiten. Auch sie waren alle für die Entwicklung ihrer Region nachhaltig bestimmende historische Größen.

Kolonialreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kolonialreich

In der Zeit des Kolonialismus und Imperialismus bauten einige europäische Länder Weltreiche auf und prägten nachhaltig die Länder, die sie kolonisierten. So wurden Lateinamerika von Spanien und Portugal, Nordamerika, Afrika und Asien durch Frankreich und Großbritannien sprachlich und kulturell geformt. Die Tatsache, dass das Britische Empire die größte Kolonial- und Handelsmacht der Welt war, hatte die weltweite Verbreitung der englischen Sprache zur Folge, so dass Englisch heute zur universellen Welt- und Verkehrssprache geworden ist.

Weltreichslehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um 1900 schien es im internationalen wissenschaftlichen Diskurs ausgemachte Sache zu sein, dass über kurz oder lang die Welt von einigen wenigen Weltreichen dominiert werden würden. Als Voraussetzung galten ein großer Raum, eine große und wachsende Bevölkerung, sowie unerschöpfliche ökonomische Ressourcen. Diese Eigenschaften trafen auf die USA und Russland voll zu, auf das britische Empire weitgehend, auf Deutschland und Frankreich dagegen fast gar nicht. Dennoch wurde auch dort Möglichkeiten diskutiert, ein Weltreich zu gewinnen. Bekannt ist die Rede des späteren Reichskanzlers Bernhard von Bülow vom 6. Dezember 1897, in der er für Deutschland einen Platz an der Sonne einforderte und die deutsche Weltpolitik einleitete. Die Weltreichslehre wurde, nach ersten Anfängen in der nachnapoleonischen Ära, um die Jahrhundertwende von Geographen, Historikern und Nationalökonomen intensiv diskutiert, wobei die Chancen, selbst in den Club der Weltreiche aufsteigen zu können, stets den gedanklichen Hintergrund bildeten. Die Alternative schien der Untergang der eigenen Nation zu sein. Am intensivsten aren die Diskussionen in den Staaten, deren Status gefährdet oder prekär schien, nämlich in Deutschland und in Großbritannien.[2]

Universalmonarchie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insbesondere das chinesische Kaiserreich sah sich als Universalmonarchie, d. h. dem Kaiser als dem „Sohn des Himmels“ kam die Oberherrschaft über alle anderen Fürsten der Welt zu. Eine ähnliche Vorstellung verband man im Europa des Mittelalters mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, unter Berufung auf den heiligen Hieronymus, der den Bibeltext Dan 2, 21ff. vom Traume Nebukadnezars so auslegte, dass es nur vier Weltreiche geben werde: das babylonische Reich, das Reich der Meder und Perser, das Reich Alexanders des Großen und das Römische Reich, das bis ans Ende der Tage dauern sollte. Unter dieser Voraussetzung konnte das Heilige Römische Reich sich nur als Nachfolger des römischen fühlen, eine Kontinuität, die von Karl dem Großen bewusst hergestellt wurde (Translatio Imperii). Allerdings verband sich mit diesem universalen Anspruch keine entsprechende reale Macht. Erst nach der Entdeckung Amerikas lässt sich unter Karl V., in dessen Reich „die Sonne nicht unterging“, wieder von einem Weltreich sprechen.

Postkoloniale Imperien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bipolare Staatenwelt im Kalten Krieg mit der westlichen Welt und dem Ostblock

Auch in der Weltordnung nach 1945 werden von Wissenschaftlern wie Herfried Münkler und Hans-Heinrich Nolte imperiale Strukturen wahrgenommen, die Parallelen zu vorherigen Weltreichsordnungen aufweisen. So wäre etwa der Kalte Krieg eine Auseinandersetzung zwischen einem östlich-kommunistischen Weltreich, der Sowjetunion mit ihren Vasallenstaaten im Ostblock, und einem westlich-kapitalistischen, den USA mit ihren Verbündeten in der westlichen Welt. In dieser Interpretation ist die Herrschaft dieser postkolonialen Imperien nicht an Territorien gebunden, sondern äußert sich maßgeblich in der Kontrolle der Weltwirtschaft sowie einem überstarken und zugleich globalen Einfluss auf Politik, Technologie, Migration, Sprache und ganz besonders deutlich auf die Kultur. Münkler verwendet den Begriff Amerikanisches Imperium, zu dem die EU eine Art imperiales Subzentrum bilde.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Weltreich – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sebastian Huhnholz: Krisenimperialität. Romreferenz im US-amerikanischen Empire-Diskurs. Campus, Frankfurt am Main und New York 2014.
  2. Sönke Neitzel: Weltmacht oder Untergang. Die Weltreichslehre im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Schöningh, Paderborn 2000.
  3. Hans-Heinrich Nolte (Hrsg.): Imperien. Eine vergleichende Studie, Wochenschau Verlag, Schwalbach 2008, S. 69 ff; Herfried Münkler: Imperien: Die Logik der Weltherrschaft. Rowohlt, Berlin 2007, S. 224 ff.