Winfried Muthesius

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Winfried Muthesius, 2014

Winfried Muthesius (* 28. August 1957 in Berlin) ist ein deutscher Maler, Fotograf und Installationskünstler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sein Urgroßonkel war der deutsche Architekt Hermann Muthesius. Seit dem Tod seiner Frau Marianne Muthesius (2001) ist er auch Inhaber eines Immobilienunternehmens. Er ist Vater von Laura Muthesius, Bloggerin und Fotografin.[1]

Er lebt und arbeitet in Berlin und Brandenburg.

Künstlerisches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

X-Serie II, pittura oscura
Winfried Muthesius, 2016

Muthesius studierte an der Hochschule der Künste (heute Universität der Künste) in Berlin (1979–1984). Er war Schüler von Hermann Wiesler, dessen kunstsoziologische Ausführungen ihn prägten. Seine erste künstlerische Auslandsstation führte in 1982/82 nach Florenz an die Accademia di Belle Arti.[2] Dort setzte er sich mit der Architektur der Stadt auseinander. Aus einer Vielzahl von Skizzen entstanden die ersten Arbeiten in Tusche, Aquarell, Tempera und Öl.

Ab 1982 fokussiert er das Brandenburger Tor in seiner Heimatstadt Berlin als Motiv für seine Werke.[3] Diese belegen, wie Muthesius seine Formensprache durch Reduktion immer stärker pointiert und so den Grundstein für seinen heutigen Malstil legt.[4] 1987 erhält er ein Arbeitsstipendium des Künstlerhauses Salzburg. Aus dieser Phase stammt eine Serie von Salzburg-Bildern.[5] 1988 zieht es ihn erstmals[6] dann regelmäßig nach New York.[7] Im Laufe der Jahre sind dort viele Skizzen von hochragenden Raumperspektiven und architektonischen Höhepunkten entstanden, insbesondere auch vom World Trade Center.[8] Nach 9/11 schuf er bis in die jüngste Zeit weitere Arbeiten zu Ground Zero.[9] Als er im Jahr 1989 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhält,[10] wählt er in einer Serie von Bildern die neuralgische Schnittstelle zwischen Ost und West als zentrales Motiv: das Brandenburger Tor.[11]

Von 1991/1992 stammen seine erste Serien von Kreuz- und Schädelbildern, die er bis heute fortsetzt.[12]

Muthesius begann im Jahr 1992 Technik und Begriff der pittura oscura zu entwickeln. Dabei handelt es sich um vielschichtige Bilder mit Tiefenwirkung, die in mehreren Arbeitsprozessen entstehen und die Genren Fotografie und Malerei vereinen: Aus einer Skizze kreiert Muthesius ein Ursprungsgemälde. Dies stellt er in einen öffentlichen Raum und fotografiert es. Das so entstandene Foto wird übermalt und erneut reproduziert. Bis heute arbeitet Muthesius mit dieser Technik.[13]

Die Serie Stern entstand ab 1995. Sie umfasst großformatige Bilder. In den Serien Stern, aber auch Kreuz wird Gewalt aus Geschichte und Gegenwart thematisiert.[14]

Stern
Winfried Muthesius, 1995

Mit Axt und Kettensäge in Bildträger eingehauene Davidsterne greifen die Vertreibung des jüdischen Volkes über Jahrhunderte auf, als Mahnung gegen das Vergessen und für den Respekt und die Anerkennung des Anderen.[15]

Bei den Kreuz Bildern löst Muthesius die Statik des Kreuzes auf, so dass ein Eindruck der Bewegung entsteht.[16] Auf einem großformatigen Bildträger aus Holz werden die Kreuze in Bitumen und Öl aufgetragen.[17]

Ab 2002 widmet sich Muthesius monochromen Bildern in Gold, den Golden Fields, wie z. B. tabula aurea in der Staatlichen Antikensammlung und Glyptothek, München oder Der Himmel unter Berlin.[18]

Daraus entwickelt er die Technik broken gold. Der mit Blattgold versehene Bildträger wird nachträglich in Teilen zerstört, ausgefranst oder auf der Fläche geritzt. So entstehen Werke, die auf Brüchigkeit und Verletzlichkeit in Geschichte und Zeit verweisen.[19]

Muthesius lässt sich von unterschiedlichen Konkreta im Raum ansprechen, die er skizziert, malt, fotografiert, übermalt, weiter bearbeitet, installiert, in neue Zusammenhänge setzt und mit denen er den Betrachter bewusst in Wahrnehmungskonflikte bringen und ihm veränderte Perspektiven und Sichtweisen ermöglichen will.[20]

Ausgangspunkt für Muthesius' Arbeitsweise ist stets ein konkretes Objekt, dessen Kern er durch unterschiedliche Techniken und Reduktionen in mehreren Arbeitsprozessen freilegt.[21]

Ausstellungs- und Installationsorte (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dauerhafte Präsentationen und Sammlungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

tabula aurea (Bild im Hintergrund)
Staatliche Antikensammlung und Glyptothek München, dauerhaftes Exponat seit 2003
Öl-Bilder
Golden Field, Broken Gold

Zitate zu Arbeiten von Winfried Muthesius nach Werkgruppen sortiert (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jörn Merkert über Brandenburger Tore:[26]

„Wieder begegnen wir dieser für die Haltung von Winfried Muthesius so charakteristischen Widersprüchlichkeit, die wir schon in zahlreichen Zusammenhängen haben benennen können; diesmal in der Gleichzeitigkeit von Bewusstem und Unbewusstem. Oder darin, dass Eindeutigkeit und Präzision der Architektur in seiner Malerei mit offenen, bewegten Mitteln beschrieben werden. […] Es zeigt auf der geistigen Ebene das so ganz anders gelagerte und erst von ihm erforschte Terrain, das der internationale abstrakte Expressionismus noch nicht betreten hatte.“

Christoph Tannert[27][28] zu Stern:[29]

„Muthesius hat mit dieser Bildreihe eine Gedächtnisreihe gestaltet, die die Leere benötigt, denn sie will nach all den rassistischen Gewalttaten, die es wieder in Deutschland gibt […], hinweisen, auf etwas, das herausgebrochen wurde aus dem deutschen Kulturkreis. Das Zuschlagen mit der Axt thematisiert vergangene und gegenwärtige Gewalt. […] Bis heute verbindet sich mit dem Material Bitumen etwas von brennendem Asphalt und verbrannter Erde. Muthesius bezieht sich auf unser kollektives Gedächtnis, dessen Konstruktion er dem Betrachter abverlangt….“

Thomas A. Baltrock zu Kreuz:[30]

„Winfried Muthesius […] fixiert unsere Aufmerksamkeit, ohne sie zu binden. Sein Kreuz ist Präsenz, kein Verweis, und holt so uralte kirchliche Traditionen ein, die in den historisierenden Machwerken, die uns manche neue „Kirchenkunst“ präsentiert, längst vergessen ist.“

Hermann Wiesler über Schädelbilder:[31]

„[…] die Schädelbilder von Muthesius weisen auf das Leben unmittelbar zurück, so, als ob „Im ernsten Beinhaus“ (Goethe) „ein Lebensquell dem Tod entspränge“.“

Thomas Sternberg zu Golden Fields:[32]

„… Es sind keine aufwändigen Installationen, sondern unerwartete, stille Interventionen im öffentlichen Raum. Denn im Einfachsten, im Erbärmlichsten, an völlig unbedeutenden Orten des Alltags kann Gott begegnen. Wie Joseph Beuys es einmal ausdrückte: „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt.““

Christoph Tannert zu Pittura Oscura:[33]

„… Natürlich verweisen die eingearbeiteten fotografischen Bilder auf klar zu identifizierende Orte […] Muthesius denkt dabei nicht nur an Diskontinuitäten, er zelebriert sie. […] Muthesius legt den Finger in die Wunde des Unzulänglichen in der Gewissheit, dass sich das Eigentliche erst noch ereignen muss.“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Winfried Muthesius. Berlin-Bilder. Berlin 1985.
  • Winfried Muthesius. Peinture. M.P.M. Project Bastille, Paris 1988.
  • Live Kunst: mit Frank Dornseif und Winfried Muthesius aus dem Martin-Gropius-Bau. ZDF 1989
  • Friedhelm Mennekes (Hrsg.): Winfried Muthesius. Peinture – Painting – Malerei. Münsterschwarzach 1990 (Katalog zur Ausstellung in Paris, Köln, Berlin, New York).
  • Galerie vier (Hrsg.): Winfried Muthesius. Brandenburger Tore. Berlin 1991 (Katalog zur Ausstellung in Leverkusen, Köln, Berlin und Paris).
  • Thomas A. Baltrock (Hrsg.): Winfried Muthesius. ZeitBrüche. Lübeck 1992.
  • Thomas Sternberg (Hrsg.): Winfried Muthesius. hell Schützenhofbunker. Eine Installation von Winfried Muthesius. Münster 1994.
  • Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst (Hrsg.): Winfried Muthesius. ZeitBrüche – untentwegte Kreuzwege. München 1995.
  • Thomas Sternberg (Hrsg.): Winfried Muthesius. Himmel, Malerei. Münster 2001.
  • Winfried Muthesius. Stern. Berlin, Trier 2002 (Katalog zur Ausstellung im Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Trier, in Zusammenarbeit mit Galerie Michael Schultz, Berlin, und der Stiftung St. Matthäus).
  • Winfried Muthesius. Golden Fields – Der Himmel unter Berlin. Münster 2003 (Katalog zur Ausstellung in Berliner U-Bahnhöfen im Rahmen des Ökumenischen Kirchentags in Berlin).
  • Jürgen Lenssen (Hrsg.): Winfried Muthesius. ZeitBrüche. Bonn 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. photography-now.com
  2. Winfried Muthesius. Himmel. Malerei. Münster 2001, S. 14.
  3. „Winfried Muthesius ist Berliner und ganz offensichtlich einer der hellsichtigen unter ihnen. Für einen Berliner bedeutet das Brandenburger Tor mehr als ein Stadtzeichen. Es beinhaltet […] das wechselnde historische Schicksal der Stadt. […] 1982 taucht das Wahrzeichen der anscheinend ewigen Teilung zum erstenmal in seinem Werk auf…“ Heinz Ohff: Ein Europäisches Leitmotiv. In: Winfried Muthesius – Brandenburger Tore, Berlin 1991, S. 13.
  4. „Konkret sieht der Arbeitsprozess so aus, dass ich in der Stadt, vor Ort, in unmittelbarer Konfrontation mit einer Situation zu zeichnen beginne. Immer liegen meinen Bildern Serien von Zeichnungen zugrunde. In ihnen versuche ich, mit Hilfe von ganz wenigen und einfachen Linien das Wesentliche von dem, was ich gesehen habe, auszudrücken.“ […] „Mir ist wichtig, dass die Formsprache, die ich entwickle, zwar eine ganz eigenständige ist, aber immer bezogen auf die direkte Konfrontation mit einem realen Gegenstand.“ In: Friedhelm Mennekes: Im Gespräch mit Winfried Muthesius. In: W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 33.
  5. Siehe Winfried Muthesius – Brandenburger Tore. Berlin 1991, S. 103.
  6. Siehe Winfried Muthesius. Stern. Berlin, Trier 2002, S. 37
  7. Siehe W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 77.
  8. Siehe Friedhelm Mennekes: Im Gespräch mit Winfried Muthesius. „Von den Wolkenkratzern ging sofort eine ganz eigene Faszination aus, vor allem vom World Trade Center. Diese eigenartige Konstellation der Zwillingstürme, die aus unterschiedlichen Perspektiven ihr Aussehen sehr verändern, hat mich zu einer Vielzahl von Skizzen inspiriert.“ In: W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 32/33.
  9. Siehe Friedhelm Mennekes: Im Gespräch mit Winfried Muthesius. In: W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 32ff.
  10. Siehe Winfried Muthesius. Stern. Berlin, Trier 2002, S. 37.
  11. „Das Brandenburger Tor zieht sich leitmotivisch durch sein ganzes bisheriges Werk. […] Der Endpunkt dieser Reihe, die sozusagen endgültige Entrückung des Brandenburger Tors aus der Realität, hängt – bezeichnenderweise, wie man hinzufügen muss, und zurecht – im Berlin-Museum.“ Heinz Ohff: Ein Europäisches Leitmotiv. In: Winfried Muthesius – Brandenburger Tore, 1991, S. 13.
  12. „Noch im selben Jahr 1992 präsentiert Muthesius sein Kreuzbild in der historischen Krypta von St. Maria im Kapitol. Gleichzeitig sind Schädelbilder im Römisch-Germanischen Museum und in einem Fernwärmetunnel in Köln zu sehen.“ In Markus Wimmer: Eine Bildgeschichte. In: Winfried Muthesius. ZeitBrüche – untentwegte Kreuzwege. München 1995, S. 10.
  13. fnweb
  14. museum.com
  15. „Die Bilder sind Artefakte einer brutalen Verletzung und Zerstörung, die sich im Objekt mitteilt und die Assoziation auf den Holocaust visuell auslöst.“ aus Winfried Muthesius: In: Golden Fields. Winfried Muthesius. Berlin 2003, S. 2.
  16. „Wie Unten und Oben, Hell und Dunkel, Tod und Leben, welche das Kreuz als kosmische Idee komprimieren, vollzieht Muthesius nochmal durch die Bewegung Geschichte, welche sein Bild mitleidet, nacherlebt.“ In: In Markus Wimmer. Eine Bildgeschichte. In: Winfried Muthesius. ZeitBrüche – unentwegte Kreuzwege. München 1995, S. 10.
  17. „In der gleichen Weise der Verletzung der zunächst farbigen und mit Bitumen übermalten Untergründe entstehen jetzt auch Tafeln zum Thema Kreuz.“ Siehe: Winfried Muthesius. In: Golden Fields. Winfried Muthesius. Berlin 2003, S. 2.
  18. „Eine weitere Korrespondenz besteht zwischen einem Gemälde ‚Die Auferstehung Christi‘ aus dem 16. Jahrhundert in der Nähe des Tabernakels, das Ercole Ramazzini (1530–1598) zugeschrieben wird, und einem etwa gleich großen Altarbild ‚Golden Field‘ von Winfried Muthesius (* 1957), das im Rahmen eines Projekts in U- und S-Bahn-Stationen zum Ökumenischen Kirchentag im Jahr 2003 entstand und hinter dem Altar angebracht wurde.“ In: Innenraum und Ausstattung von St. Canisius
  19. Stiftung St. Matthäus
  20. „Für diese geschenkte Wahrnehmung, sich nicht von Einbrüchen bannen und lähmen zu lassen, stattdessen die Möglichkeiten der Ausbrüche zu erfassen, bin ich Winfried Muthesius […] dankbar […].“ Jürgen Lenssen. In: Winfried Muthesius. Zeitbrüche. Bonn 2014, S. 10.
  21. Friedhelm Mennekes: Im Gespräch mit Winfried Muthesius. In: W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 32–38.
  22. Vgl. Ausstellungskatalog zur Ausstellung Charakterköpfe in der Staatlichen Antikensammlung und Glyptothek, München, Kaiser Konstantin mit Golden Field, Abbildung in: F. Knauß, C. Gliwitzky (Hrsg.), Charakterköpfe. Griechen und Römer im Porträt, München 2017
  23. Vgl. Link zur pics4peace-Ausstellung auf der Homepage des Museums für Franken
  24. Vgl. Link zu Zeitungsartikel über die Ausstellung des Golden Field im Numismatischen Museum
  25. Vgl. Link zu dpa-Video mit Informationen zur Ausstellung und anschließenden Kettensäge-Aktion auf dem Syntagma-Platz in Athen
  26. Konzeptuelle Stadtlandschaften oder Ein Fest für die Augen. In: Winfried Muthesius – Brandenburger Tore. Berlin 1991, S. 9.
  27. Goethe Institut, Kuratorinnen und Kuratoren aus Deutschland
  28. Künstlerhaus Bethanien
  29. Über Himmlisches Licht und Materie. In: Winfried Muthesius. STERN. Trier 2002, S. 7.
  30. In: Winfried Muthesius. Das Kreuz für die Apsis von St. Petri Lübeck. In: Winfried Muthesius. ZeitBrüche, Lübeck 1992.
  31. In: Winfried Muthesius. Das Kreuz für die Apsis von St. Petri Lübeck. In: Winfried Muthesius. ZeitBrüche, Lübeck 1992.
  32. In: „Farbe“ Gold. Imagination des Heiligen. In: Winfried Muthesius, Golden Fields – Der Himmel unter Berlin. Münster 2003.
  33. Äußerungsbeweise des Lebendigen. In: Winfried Muthesius. ZeitBrüche. Bonn 2014, S. 22