Albert Hartl

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Albert Hartl während der Nürnberger Prozesse

Albert Hartl (* 13. November 1904 in Roßholzen; † 14. Dezember 1982 in Ludwigshafen) war im nationalsozialistischen Deutschen Reich SS-Sturmbannführer und seit 1941 Leiter der Amtsgruppe IV B „Weltanschauliche Gegner“ im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und damit direkter Vorgesetzter von Adolf Eichmann.

Biografie[Bearbeiten]

Der Vater von Albert Hartl war von Beruf Lehrer, zudem auch Freidenker und stark vom liberalen Antiklerikalismus geprägt; er starb im Jahre 1916.[1] Das Ehepaar Hartl erzog den Sohn jedoch trotzdem katholisch, weil die Mutter streng katholisch war.[1] So war Hartl ab seinem fünften Lebensjahr – auf Drängen der strenggläubigen Mutter – Chorknabe gewesen[1] und besuchte mit neun Jahren eine Klosterschule des Benediktinerordens. Zeitgleich war Hartl als Kind bis zum Tode seines Vaters 1916 auch dessen antiklerikaler Haltung ausgesetzt.[1] Im Erzbischöflichen Seminar in Freising machte er 1923 das Abitur und studierte dort auch katholische Theologie. Hartl war immer ein hervorragender Student mit besten Noten.[1] Die Priesterweihe erhielt er im Freisinger Dom 1929 durch den Münchener Kardinal Michael von Faulhaber. Als Lehrer und 1932/33 als Präfekt war er am katholischen Knabenseminar in Freising tätig. Hartl gab sich damals noch als Modellkleriker und katholischer Akademiker, war jedoch bereits über seine priesterliche Berufung verunsichert.[1] Der damals 18-jährige Seminarist und spätere Dekan der Theologischen Fakultät Salzburg, Alfred Läpple, erinnerte sich an Hartl wie folgt:

Beim Morgenstudium unmittelbar vor der heiligen Messe hat Präfekt Hartl, breit aufgeschlagen und für jeden sichtbar, den ‚Völkischen Beobachter‘ als Vorbereitung gelesen. Bombastisch und in fast unerträglicher Lautstärke hat er in der kleinen Seminarkapelle seine Predigten herausgeschrien. Wer mit mir einen solchen ‚Spitzel in der schwarzen Soutane‘ erlebt hat, wurde gezwungen, seine eigene Berufsfrage zu stellen: Will ich ein solcher Priester, ein Verräter-Priester werden?“

Beim Sicherheitsdienst der SS[Bearbeiten]

Sein, anfangs verheimlichtes, Eintreten für den nationalsozialistischen Staat seit 1929 führte im Juli 1933 mit seinem Beitritt zur NSDAP zum endgültigen Bruch mit der katholischen Amtskirche, aber auch mit seiner bisherigen christlichen Anschauung. Im November 1933 denunzierte er den Priester und Direktor des Freisinger Knabenseminars Joseph Roßberger wegen dessen Kritik am Nationalsozialismus.[1] Roßberger war vorher immer ein guter Freund Hartls im Seminar gewesen.[1] Am 5. Januar 1934 verließ er den kirchlichen Dienst, trat aus der Kirche aus und in die SS ein. Daraufhin wurde Hartl 1934 öffentlich exkommuniziert. Vorübergehend beim SS-Hilfswerk in Dachau tätig, wurde er im November 1935 beim Hauptamt des Sicherheitsdienstes der SS (SD) in Berlin als Leiter der Gruppe II 113 „Konfessionell politische Strömungen“ in der Zentralabteilung II 1 „Weltanschauliche Gegner“ (Leiter Dr. Franz Six) angestellt.

Im Jahre 1936 heiratete Hartl Marianne Schlüter-Stolle, eine ehemalige Freundin Reinhard Heydrichs, bezeichnenderweise auf dem Brocken im Harz, der als eine der altgermanischen Kultstätten durch die neuheidnische Bewegung in der SS pseudoreligiöse Bedeutung gewann.

Im Reichssicherheitshauptamt (RSHA), das am 27. September 1939 durch den Zusammenschluss von Sicherheitspolizei (Gestapo und Kripo) mit dem SD entstand, war Hartl als Referent in der Amtsgruppe IV B 2 „Politischer Katholizismus“ mit der Bespitzelung der katholischen Kirche betraut. Dafür baute er ein Netz von V-Leuten auf. „Unser Endziel ist die restlose Zerschlagung des gesamten Christentums“, erklärte Hartl 1941.

Neben Vorträgen vor allem gegen die katholische Kirche und deren Oberhaupt sowie die Jesuiten verwendete er sich auch für die Einholung von Gutachten zur Auffassung der Kirche hinsichtlich der geplanten Tötung von Geisteskranken und Behinderten („Aktion T4“). Im Nachkriegsprozess gegen den T4-Arzt Horst Schumann trat Hartl in der öffentlichen Sitzung des Schwurgerichts Frankfurt am Main am 24. Februar 1970 als Zeuge auf. Im Protokoll des Gerichts heißt es dazu:

„Zur Person: Ich heiße Georg Albert Hartl, bin 66 Jahre alt, Schriftsteller, Ludwigshafen/Bodensee, mit dem Angeklagten n.v.u.n.v.


Zur Sache: Ich hatte von 1935 an den kirchlichen Nachrichtendienst bei der Regierung aufzubauen und zu leiten. Meine Aufgabe war, möglichst zu hohen kirchlichen Würdenträgern Verbindungen aufrechtzuerhalten bzw. anzuknüpfen. Mein höchster Vorgesetzter war Heydrich. Mein letzter Dienstgrad war Sturmbannführer der SS.

Eines Tages wurde ich zu Heydrich bestellt, der mir sagte, dass ich mich in der KdF bei Reichsamtsleiter Brack melden sollte. Dort würde mir eine vorläufig geheim zu haltende Angelegenheit eröffnet werden, und ich bekäme einen bestimmten Auftrag. Brack erklärt mir dann, dass bei der Kanzlei des Führers eine ganze Reihe von Gesuchen eingegangen sei, mit denen gebeten worden sei, unheilbar Kranken den Gnadentod zu gewähren. Diese Gesuchsteller hätten erklärt, dass sie selber von sich aus in dieser Richtung nichts veranlassen könnten und sie wären dankbar, wenn der Staat ihnen diese schwere Sorge abnehmen würde. Brack sagte mir weiter, dass Hitler gegen solche Maßnahmen große Bedenken geäußert habe, vor allem, dass sofort die beiden großen Kirchen geschlossen dagegen auftreten würden. Ich sollte ein Gutachten abgeben, wie die Prinzipien der Kirche in dieser Angelegenheit seien. Ich war studierter Theologe und in dieser Eigenschaft war man an mich herangetreten. Ich lehnte dieses Ansinnen ab und schlug vor, einen Fachmann dazu aufzufordern bzw. ich wäre bereit, an einen solchen Fachmann heranzutreten. Brack war damit einverstanden, und ich wandte mich an den Vetter Himmlers, Wilhelm Patin, der Doktor der Theologie war. Dieser erstellte ein sehr kurzes und oberflächliches Gutachten, mit dem ich nicht zufrieden war. Daraufhin wandte ich mich an einen anderen Fachmann, und zwar an den Professor für Moraltheologie Dr. Mayer in Paderborn, der mir bekannt war und von dem ich wußte, dass er sich mit den modernen Problemen befaßt hatte. …“

Da auch das neue Gutachten Dr. Mayers für die Kanzlei des Führers keine wirkliche Entscheidungshilfe darstellte, wurde der im Reichskirchenministerium als Ministerialrat beschäftigte Priester Josef Roth beauftragt, Vertreter des deutschen Episkopats von den Plänen der Kanzlei des Führers zu unterrichten. Die Reaktion der kirchlichen Ansprechpartner auf diese wohl sehr zurückhaltende Darstellung der vorgesehenen Maßnahmen ließ Adolf Hitler zur Überzeugung gelangen, dass mit einer grundsätzlich fundamentalen Ablehnung durch die Kirche nicht zu rechnen sei, so dass die „Aktion T4“ im Herbst 1939 begann.

Unter dem Pseudonym Anton Holzner gab Hartl 1939 im Nordland-Verlag Berlin eine Autobiographie unter dem Titel „Das Gesetz Gottes“ heraus. Weitere Werke erschienen mit den Titeln „Zwinge das Leben“, „Ewige Front“ und „Priestermacht“ (s. Werke).

Hartl beteiligte sich im Polenfeldzug an den Aktionen des Sicherheitsdienstes gegen die Jesuiten in Krakau an führender Stelle.

Im März 1941 war Hartl als SS-Sturmbannführer zum Leiter der Amtsgruppe IV B des RSHA aufgestiegen und damit formell der unmittelbare Vorgesetzte von Adolf Eichmann. Seine Amtsgruppe bestand aus folgenden Referaten:

Bei der Einsatzgruppe C in Russland[Bearbeiten]

Wegen der mutmaßlichen sexuellen Belästigung einer Buchhändlerin wurde 1941 ein SS-Disziplinarverfahren gegen Hartl eröffnet. Aufgrund des damit verbundenen Autoritätsverlustes versetzte ihn der Amtschef I „Personal“ des RSHA, Bruno Streckenbach, 1942 zu den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD nach Russland. Hier wurde er der Einsatzgruppe C zugeteilt, die im Bereich der Heeresgruppe Mitte in der Ukraine die „sicherheitspolizeiliche Befriedung“ des eroberten Ostraumes sicherzustellen hatte. Bis zum Sommer 1943 blieb Hartl im Stab dieser Einsatzgruppe. Die Übernahme der Leitung eines Einsatzkommandos verweigerte er laut seiner Nachkriegsaussage, ohne dass dies für ihn zu nennenswerten Konsequenzen geführt habe.

In einer eidesstattlichen Erklärung vom 9. Oktober 1947 (NO-5384) äußerte sich Hartl zu seinen Beobachtungen über eine Exekution von über 100 Menschen, die der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD (KdS) Kiew, Erich Ehrlinger, selbst geleitet habe. Im gleichen Affidavit und in einem Gespräch mit der britischen Journalistin Gitta Sereny schilderte er, wie er im März 1942 zusammen mit dem Führer des Einsatzkommandos 4a, Paul Blobel, in die Schlucht von Babi Jar bei Kiew kam:

„Er erzählte mir, dass er eines Tages in eine Datscha eingeladen war, ein Wochenendhaus außerhalb Kiews. Es wurde von Brigadeführer Max Thomas bewohnt, einem höheren SS- und Polizeiführer (BdS Ukraine), der nominell sein Vorgesetzter war. ‚Ich fuhr mit Standartenführer Blobel zu diesem Abendessen‘, sagte Hartl. ‚Ich kannte ihn kaum, aber da er auch eingeladen war, fuhren wir zusammen. Es war schon spät, und es begann dunkel zu werden. Mit einem Mal – wir fuhren gerade durch eine Schlucht – bemerkte ich seltsame Erdbewegungen: Klumpen von Erde flogen wie aus eigenem Antrieb in die Luft, und über der ganzen Schlucht lag Dampf. Es war wie bei einem Vulkan, als ob Lava gerade unter der Erdoberfläche brannte. Blobel lachte und machte eine weitausladende Handbewegung. Er zeigte auf die Straße hinter uns und die Schlucht, die vor uns lag – die Schlucht von Babi Yar. ‚Hier liegen meine 30.000 Juden‘, sagte er.“ (s. Literaturhinweise).

Hartl erlitt wenige Monate später einen wirklichen oder vorgetäuschten Nervenzusammenbruch. Nach einer Krankenhausbehandlung in Kiew und einer mehrmonatigen Erholung kehrte er 1943 ins RSHA zurück, wo er in der neugeschaffenen Gruppe I „Kult“ der Amtsgruppe VI (SD-Ausland) weiterverwendet wurde.

Im September 1943 nahm Hartl nach der deutschen Besetzung Roms im Vatikan Kontakt zu Bischof Alois Hudal auf, der nach dem Krieg als Fluchthelfer für Nazi-Größen hervortrat.

Nach 1945[Bearbeiten]

Nach Kriegsende wurde Hartl von britischen Truppen in Kärnten gefangengenommen, aber nicht als maßgeblicher Angehöriger des RSHA erkannt.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden Hartls Schriften Priestermacht (1939), Das Gesetz Gottes (1940), Ewige Front (1941) und Zwinge das Leben (1941) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[2]

In einem deutschen Spruchkammerverfahren des Kammergerichts Berlin wurde Hartl neben anderen Angeklagten Mitte der sechziger Jahre wegen der Ermordung von katholischen polnischen Priestern zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung seiner Haft konnte er somit in den Nachkriegsprozessen gegen KZ-Ärzte und Beteiligte an der „Aktion T4“ unbehelligt in den Zeugenstand treten.

Nach dem Krieg lebte er als freier Publizist in Bodman-Ludwigshafen am Bodensee und wurde Mitglied der „Deutschen Unitarier“, die als freie Glaubensgemeinschaft pantheistische Vorstellungen aufwiesen. 1965 brachte Hartl im Auftrag der „Deutschen Unitarier e.V.“ eine Broschüre mit dem Titel „Unitarische Religion“ heraus. Zuvor hatte er mehrere unitarische Publikationen im Helmut Soltsien Verlag veröffentlicht (u. a. „Euthanasie in religiöser Sicht“). In den Unitarischen Blättern von 1986 wurde, neben anderen, Hartls Beitrag als „wertvoll“ für die Bereicherung des Gedankenguts der Unitarischen Religionsgemeinschaft bezeichnet. Hartl starb schließlich in Ludwigshafen am 14. Dezember 1982.

In Volker Schlöndorffs Film „Der neunte Tag“ von 2004 diente Hartl offensichtlich als Vorbild für den fiktiven SS-Untersturmführer Gebhardt, der als Gegenspieler für den im KZ inhaftierten Abbé Henri Kremer (nach dem Vorbild des Luxemburgers Jean Bernard) fungierte.

Werke[Bearbeiten]

  • Anton Holzner [d. i. Albert Hartl]: Das Gesetz Gottes. Nordland-Verlag Berlin, 1939.
  • Anton Holzner [d. i. Albert Hartl]: Ewige Front. Nordland-Verlag Berlin, 1940.
  • Anton Holzner [d. i. Albert Hartl]: Priestermacht. Nordland-Verlag Berlin, 1941.
  • Anton Holzner [d. i. Albert Hartl]: Zwinge das Leben. Nordland-Verlag Berlin, 1941.
  • Wege glücklicher Lebensgestaltung. – Band 1, Wohlmuth, 1953.
  • Teppich-Kunst. Kulturverlag Kunst und Leben Emden,1957.
  • Fridtjof Nansen. Aus seinem Leben und seiner Gedankenwelt. Helmut Soltsien Verlag Hameln, ca. 1960.
  • Fridtjof Nansen. Helmut Soltsien Verlag Hameln, 1962 [Reihe: Leitbilder. Gestalten und Ideen. Hrsg. v. Albert Hartl und Helmut Soltsien, Bd.1].
  • Unitarische Religion. Hrsg. von der Religionsgemeinschaft Deutscher Unitarier e.V., 1965.
  • Einheit in Vielfalt. (Die gute Gabe, Bd. 4). Helmut Soltsien Verlag Hameln o.J.
  • Das nichtchristliche Europa und seine religiöse Tradition. Helmut Soltsien Verlag Hameln, 1963 [Reihe: Die Begegnung. Vorträge und Betrachtungen. Hrsg. v. Albert Hartl und Helmut Soltsien, Bd.1].
  • Der Einzelne und die Gemeinschaft. Helmut Soltsien Verlag Hameln, 1964 [Reihe: Die Begegnung. Vorträge und Betrachtungen. Hrsg. v. Albert Hartl und Helmut Soltsien, Bd.3].
  • mit Helmut Soltsien: Albert Schweitzer. Leitbilder. Gestalten und Ideen, Band 2, Helmut Soltsien Verlag Hameln, 1968.
  • M. E. von Uderwangen. Leben und Werk. Verlag Friedrich Stadler Konstanz,1979.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition, 2002, ISBN 3-930908-75-1.
  • Helmut Krausnick/Hans-Heinrich Wilhelm: Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938–1942. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1981, ISBN 3-421-01987-8.
  • Roman Bleistein: Überläufer im Sold der Kirchenfeinde. Joseph Roth und Albert Hartl, Priesterkarrieren im Dritten Reich. In: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte. Bd. 42, 1996, S. 71–111.
  • Wolfgang Dierker: Hitlers Glaubenskrieger. Der Sicherheitsdienst der SS und seine Religionspolitik 1933–1941. Schöningh Verlag, Paderborn 2002, ISBN 3-506-79997-5. Mit Kurzbiographie, S. 554.
  • Gitta Sereny: Am Abgrund. Gespräche mit dem Henker. Piper-Verlag, München 1995, ISBN 3-492-11867-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h Alvarez, D.J. & R. Graham: Nothing sacred: Nazi espionage against the Vatican 1939–1945. Frank Cass Publishers, London 1997, S. 51.
  2. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur. Berlin, 1946.