Alois Hudal

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Alois Hudal (* 31. Mai 1885 in Graz, Steiermark; † 19. Mai 1963 in Rom, Italien) war ein österreichischer katholischer Theologe, Rektor des deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell'Anima und Titularbischof von Aela sowie nach dem Zweiten Weltkrieg Fluchthelfer von Kriegsverbrechern.

Werdegang[Bearbeiten]

Hudal studierte von 1904 bis 1908 Theologie in Graz und wurde am 19. Juli 1908 zum Priester geweiht. 1911 wurde er Mitglied der katholischen Akademischen Vereinigung Winfridia zu Graz.[1] Er promovierte im selben Jahr zum Dr. theol. in Graz und ging anschließend zu Studienzwecken an das deutsche Priesterkolleg Santa Maria dell'Anima nach Rom. Dort erlangte er eine zweite Promotion und die Habilitation auf dem Gebiet des Alten Testamentes. Anschließend befasste sich Hudal intensiv mit den Ostkirchen und sollte auf diesem Gebiet in Wien auch einen Lehrstuhl erhalten, der allerdings nicht eingerichtet wurde. Stattdessen wurde er 1919 außerordentlicher, ab 1923 ordentlicher Professor für Altes Testament in Graz. 1923 wurde Hudal als Rektor an das Priesterkolleg Santa Maria dell'Anima berufen, das er in den folgenden Jahren zum geistigen Zentrum der deutschen Geistlichen in Rom auszubauen suchte. Er lernte dort auch Eugenio Pacelli kennen, den päpstlichen Nuntius für Deutschland und späteren Papst Pius XII., der ihn am 18. Juni 1933 zum Bischof weihte. Er wurde später vom Papst mit dem Ehrentitel „Päpstlicher Thronassistent“ ausgezeichnet. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Campo Santo Teutonico in Rom.

Verhältnis zum Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Hudal kritisierte unter anderem Alfred Rosenberg, da dieser das Christentum ablehnte. Er war der Ansicht, Gemeinsamkeiten in den Zielen des Nationalsozialismus und denen der katholischen Kirche zu sehen, vor allem, was das Wiederherstellen einer antiliberalen, antiinternationalen Ordnung und entsprechender Werte sowie die Abwehr des „Ostbolschewismus“ anging. Er strebte eine Symbiose zwischen Katholizismus und Nationalsozialismus an, was er auch eindeutig in seinem Hauptwerk „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ (1936) zum Ausdruck brachte. Das Buch, das für Adolf Hitler die Widmung Dem Führer der deutschen Erhebung [und] Siegfried deutscher Hoffnung und Größe[2] enthielt, hat ihm den Ruf eines „Hoftheologen der Nazis“ eingetragen. Hudal befürwortete darin den Nationalsozialismus, sofern dieser nicht versuche, den Platz des Christentums einzunehmen, und ebenfalls als dogmatische Metaphysik, sprich Religionsersatz, fungiere. Wichtigste ideologische Klammer von Hudals Christentum mit dem Nationalsozialismus war und blieb aber der radikale Antibolschewismus.

Hudals Werk wurde sowohl von der katholischen Kirche wie auch von den Nationalsozialisten kritisch aufgenommen. Für seine Arbeit wurde er von Hitler ausdrücklich gelobt; es wird behauptet, er habe auch das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP erhalten, doch gibt es dafür keine Nachweise.[3] Gleichzeitig wurde er aber vor allem von radikal kirchenfeindlichen Ideologen des Neuheidentums innerhalb der NSDAP der Unterwanderung und Anbiederung verdächtigt, weil er deren Plänen im Wege stand, die Kirchen nach einem gewonnenen Krieg endgültig auszuschalten. Auch innerhalb der katholischen Kirche machte ihn sein Eintreten für den Brückenschlag zum Nationalsozialismus zu einem Außenseiter, dem daher noch höhere Ämter verwehrt blieben, mit Ausnahme des reinen Ehrentitels eines „päpstlichen Thronassistenten“. Er verlor seine Professur in Graz jedoch erst 1945 nach dem Ende des NS-Regimes, erhielt diese nach Angaben in seiner Autobiographie jedoch nach einem Gerichtsverfahren zurück, allerdings unter der Bedingung, sie nicht auszuüben, und ohne Erwähnung seines Namens im Status der Universität.

Tätigkeit als Fluchthelfer[Bearbeiten]

Nach Ende des Krieges avancierte er zum Fluchthelfer und bezeichnete diese Aktionen als „caritativen Akt der Nächstenliebe“. Im März 1948 erstellte er ein Merkblatt für Auswanderer mit wichtigen Tipps und Unterstützungsmöglichkeiten durch die katholische Kirche. Hudal stellte die aufgrund von nationalsozialistischen Verbrechen Verfolgten gemeinhin so dar, als seien sie politisch Verfolgte, die „vielfach persönlich ganz schuldlos, nur die ausführenden Organe der Befehle ihnen übergeordneter Stellen und so Sühneopfer für große Fehlentwicklungen des Systems waren“. Darüber hinaus betonte Hudal immer wieder den Nutzen der SS-Männer als erfahrene Kämpfer gegen den „antichristlichen Bolschewismus“.

Die als Rattenlinie berühmt gewordene Fluchtroute nach Südamerika und in den Nahen Osten wurde von Hudal gemeinsam mit Krunoslav Draganović geführt. Unterstützung erhielten sie von Seiten des Roten Kreuzes und der Caritas, wie auch von Giuseppe Siri, dem Erzbischof von Genua. Daneben arbeitete Hudal auch eng mit dem deutschen Unterstützerverein Stille Hilfe von Helene Elisabeth Prinzessin von Isenburg zusammen, der sowohl von Vertretern der evangelischen (Bischof Theophil Wurm) als auch der katholischen (Weihbischof Johannes Neuhäusler) Kirche unterstützt wurde.

Für die in Buenos Aires herausgegebene deutsche Emigrantenzeitschrift Der Weg, in der viele geflüchtete NS-Täter (Johann von Leers, Gerhard Bohne) aktiv waren, schrieb er aufmunternde Artikel.

Die Kenntnisse über diese Vorgänge reichten bis in die höchsten Ebenen europäischer Nachkriegspolitik, vor allem im Bereich der konservativen Parteien Österreichs, Deutschlands und Italiens. Zeitweise wurde ihm sogar nachgesagt, er habe Martin Bormann zur Flucht nach Südamerika verholfen, was sich aber als falsch erwies.

1962 schrieb Hudal über seine Tätigkeiten: „Alle diese Erfahrungen haben mich veranlaßt, nach 1945 meine ganze karitative Arbeit in erster Linie den früheren Angehörigen des Nationalsozialismus und Faschismus, besonders den sogenannten Kriegsverbrechern zu weihen, die von Kommunisten und 'christlichen' Demokraten verfolgt wurden. ... Hier zu helfen, manchen zu retten, ohne opportunistische und berechnende Rücksichten, selbstlos und tapfer, war in diesen Zeiten die selbstverständliche Forderung eines wahren Christentums, das keinen Talmudhaß, sondern nur Liebe, Güte und Verzeihung kennt ...“

Erst nach massivem Druck seitens des Vatikans trat Hudal 1952 als Rektor des deutschen Priesterkollegs zurück, arbeitete jedoch noch bis Ende 1953 intensiv als theologischer Gutachter für das Heilige Offizium (die spätere „Kongregation für die Glaubenslehre“), bis er diese Tätigkeit, in einem verbitterten Abschiedsbrief an Papst Pius XII. dokumentiert, aus eigenem Entschluss zurücklegte. Er starb am 19. Mai 1963 in Rom. In seinen postum erschienenen Memoiren lehnt er zwar den Nationalsozialismus in seiner historisch konkreten Ausprägung ab, bleibt aber immer noch bei seiner Idee der Verbindung von Christentum, Nationalismus und Sozialismus (i. S. einer christlichen Soziallehre) als Idee und bei einem klaren Antikommunismus.

Er wurde auf dem Campo Santo Teutonico in Rom begraben, wo bereits seine Mutter Maria Hudal-Wieser beigesetzt worden war.[4]

Forschung[Bearbeiten]

Die Öffnung des Hudal-Archivs des Priesterkollegs Santa Maria dell'Anima im Herbst 2006 war Impuls, sich mit der Person Hudal eingehender zu beschäftigen. Ein Symposion von Historikern aus diesem Anlass[5] brachte kein einheitliches Bild. So wurde neben den bekannten Vorwürfen auch erwähnt, dass Hudal bis 1945 Kontakte mit der italienischen Resistenza gepflegt und Juden vor der Deportation gerettet habe.

Johann Ickx, der Archivar des Santa Maria dell'Anima, äußerte anlässlich der Sichtung des Nachlasses Hudals, dass dessen angebliche Mitgliedschaft in der NSDAP ebenso eine Erfindung sei wie dessen konkrete Hilfe bei der Flucht Adolf Eichmanns. Hudal selbst sei aber an diesem Verdacht insofern nicht unschuldig, als er in seinen Memoiren selbst bestätige, „sogenannten Kriegsverbrechern“ geholfen zu haben.

Laut der Katholischen Nachrichtenagentur vom 11. Oktober 2006 werfen die neuen Funde „ein etwas milderes Licht auf die auch in Kirchenkreisen als ziemlich finster angesehene Gestalt Hudals“. Eine „Reinwaschung“ des „braunen Bischofs“ werde dabei nicht herauskommen können, da die „Widersprüche und Fehler in seinem Denken zu eklatant“ seien. Zwar seien pauschale Verurteilungen nicht mehr zulässig, doch dürfe „Hudal nun ebenso wenig zum unverstandenen Märtyrer einer aussichtslosen, aber edlen Sache hochstilisiert werden“.

Literatur[Bearbeiten]

  • Alois Hudal: Die Grundlagen des Nationalsozialismus. Eine ideengeschichtliche Untersuchung. Johannes Günther Verlag, Leipzig/Wien, 1937, Reprint Faksimile-Verlag, Bremen 1982
  • Alois Hudal: Römische Tagebücher. Leopold Stocker Verlag, Graz-Stuttgart 1976, ISBN 3-7020-0242-1
  • Ernst Klee: Persilscheine und falsche Pässe. Frankfurt 1991 (Fischer-TB 10956), ISBN 3-596-10956-6
  • Gitta Serenyi: Am Abgrund. Frankfurt/Berlin/Wien 1980, ISBN 3-492-11867-4
  • Thomas Brechenmacher, Alois Hudal – der „braune Bischof“? In: Freiburger Rundbrief, Nr. 2 14 (2007) S. 130–132, ISSN 0344-1385
  • Markus Langer: Alois Hudal. Bischof zwischen Kreuz und Hakenkreuz. Versuch einer Biographie. Wien 1995 (Univ. Diss.)
  • Dominik Burkard: Alois Hudal – ein Anti-Pacelli? Zur Diskussion um die Haltung des Vatikans gegenüber dem Nationalsozialismus. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 59,1 (2007), S. 61-89, ISSN 0044-3441.
  • Uki Goñi: Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Berlin/Hamburg 2006. ISBN 3-935936-40-0
  • Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen. Studienverlag Wien/Innsbruck/München 2008 ISBN 978-3-7065-4026-1
  • Christian Blankenstein: Die Merk-würdigen von Gestern und ihre Spuren im Heute. 15 Portraits aus Österreich. Traugott Bautz, Nordhausen 2012 (u. a. über Hudal)
  • Martin Lätzel: Alois Hudal. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 21, Bautz, Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-110-3, Sp. 687–692.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alois Hudal, biographischer Eintrag beim Österreichischen Cartellverband
  2. Rezension zu Timothy W. Ryback: Hitlers Bücher (Fackelträger Verlag, Köln 2010); in: Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg, Nr. 18, 12. März 2010, Literaturbeilage, S. 72
  3. siehe auch: die englische Wikipedia
  4. Albrecht Weiland: Der Campo Santo Teutonico in Rom und seine Grabdenkmäler. Band I, Herder, Freiburg im Breisgau 1988, ISBN 3451208822. S. 275 f.
  5. Radio Vatikan Symposium zu Bischof Hudal, 7. Okt. 2006

Weblinks[Bearbeiten]