Böhmit

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Böhmit
Böhmite-89904.jpg
Böhmit-Kristalle auf Natrolith aus der Grube Saga 1, Porsgrunn, Norwegen (Sichtfeld: 10 mm)
Chemische Formel

AlO(OH)[1]

Mineralklasse Oxide und Hydroxide
4.FE.15 (8. Auflage: IV/F.06) nach Strunz
06.01.02.01 nach Dana
Kristallsystem orthorhombisch
Kristallklasse; Symbol nach Hermann-Mauguin orthorhombisch-dipyramidal; 2/m2/m2/m[2]
Raumgruppe (Raumgruppen-Nr.) Cmcm (Raumgruppen-Nr. 63)
Farbe Weiß, Hellgelb, Gelbgrün, Rotbraun
Strichfarbe Weiß [3]
Mohshärte 3,5 [3]
Dichte (g/cm3) gemessen: 3,02 bis 3,05 ; berechnet: [3,08] [3]
Glanz Glasglanz bis Perlmuttglanz
Transparenz durchscheinend
Spaltbarkeit vollkommen nach {010}, gut nach {100}
Habitus körnige bis massige Aggregate
Kristalloptik
Brechungsindex nα = 1,644 bis 1,648;
nβ = 1,654 bis 1,657;
nγ = 1,661 bis 1,668 [4]
Doppelbrechung
(optischer Charakter)
δ = 0,017 bis 0,020 [4]; zweiachsig positiv
Optischer Achsenwinkel 2V = gemessen: 74° bis 88°, berechnet: 80° [4]

Böhmit ist ein häufig vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“. Es kristallisiert im orthorhombischen Kristallsystem mit der chemischen Zusammensetzung AlO(OH)[1] bzw. γ-AlOOH[5] und entwickelt überwiegend körnige bis massige Aggregate von weißer, hellgelber, gelbgrüner oder rotbrauner Farbe bei weißer Strichfarbe. Nur selten bildet Böhmit kleine, tafelige bis prismatische Kristalle von einigen Millimetern Größe.

Etymologie und Geschichte[Bearbeiten]

Unklar ist, ob das Böhmit nach dem deutschen Geologen und Paläontologen Johannes Böhm (1857–1938)[3] oder nach dem deutsch-böhmischen Chemiker und Korr. Mitglied der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften Johann (Hans, Jan) Böhm (1895–1952)[6] benannt wurde.[7]

Erstmals gefunden und beschrieben wurde es 1925 von dem Chemiker Johann Böhm (1895–1952) bzw. dem Geologen J. de Lapparent 1927, der es Böhmit nannte.[4]

Klassifikation[Bearbeiten]

In der mittlerweile veralteten, aber noch gebräuchlichen 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Böhmit zur Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort zur Abteilung der „Hydroxide und oxidische Hydrate“, wo er zusammen mit Akaganeit, Diaspor, Feitknechtit, Feroxyhyt, Goethit, Groutit, Lepidokrokit, Manganit, Schwertmannit und Tsumgallit eine eigenständige Gruppe bildete.

Die seit 2001 gültige und von der International Mineralogical Association (IMA) verwendete 9. Auflage der Strunz'schen Mineralsystematik ordnet den Böhmit ebenfalls in die Klasse der „Oxide und Hydroxide“, dort allerdings in die Abteilung der „Hydroxide (ohne V oder U)“ ein. Diese Abteilung ist zudem weiter unterteilt nach der möglichen Anwesenheit von Hydroxidionen (OH) und Kristallwasser (H2O) sowie der Kristallstruktur, so dass das Mineral entsprechend seiner Zusammensetzung und seines Aufbaus in der Unterabteilung „Hydroxide mit OH, ohne H2O; Lagen kantenverknüpfter Oktaeder“ zu finden ist, wo es nur noch zusammen mit Lepidokrokit die unbenannte Gruppe 4.FE.15 bildet.

Auch die Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Böhmit in die Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort in die Abteilung der „Hydroxide und hydroxyhaltige Oxide“. Hier ist er Namensgeber der „Böhmitgruppe“ mit der System-Nr. 06.01.02 und den weiteren Mitgliedern Lepidokrokit und Guyanait innerhalb der Unterabteilung „Hydroxide und hydroxyhaltige Oxide mit der Formel: X3+O OH“ zu finden.

Modifikationen und Varietäten[Bearbeiten]

Böhmit ist eine Modifikation von Aluminiumhydroxid und eng verwandt mit Diaspor (α-AlO(OH)).

Bildung und Fundorte[Bearbeiten]

Böhmit ist zusammen mit Diaspor, Gibbsit, sowie den Eisenmineralen Hämatit und Goethit ein Bestandteil von Bauxit.

Weltweit konnte Böhmit bisher (Stand: 2011) an rund 130 Fundorten nachgewiesen werden.[4] In Deutschland konnte das Mineral bisher nur am Bärenstein im Erzgebirge gefunden werden. In Österreich fand sich Böhmit unter anderem bei Dreistetten in Niederösterreich, in den Bauxitvorkommen des Untersberg in Salzburg und bei Weißwasser im Reichraminger Hintergebirge in Oberösterreich. In der Schweiz trat das Mineral bisher nur in der Gemeinde Collombey-Muraz im Kanton Wallis auf.

Weitere Fundorte sind Australien, Brasilien, China, Dominikanische Republik, Frankreich, Ghana, Griechenland, Grönland, Guyana, Irak, Israel, Italien, Jamaika, Japan, Kambodscha, Kanada, Kolumbien, Madagaskar, Mexiko, Neuseeland, Nigeria, Norwegen, Russland, Schweden, Slowakei, Sudan, Tschechien, Türkei, Ungarn, die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und Vietnam.

Kristallstruktur[Bearbeiten]

Böhmit kristallisiert orthorhombisch in der Raumgruppe Cmcm (Raumgruppen-Nr. 63) mit den Gitterparametern a = 2,86 Å, b = 12,22 Å und c = 3,69 Å sowie vier Formeleinheiten pro Elementarzelle.[5]

Verwendung[Bearbeiten]

Als Bestandteil von Bauxit ist Böhmit ein wichtiger Rohstoff zur Gewinnung von Aluminium.

Durch vorsichtige Dehydratisierung (Entwässerung) von Böhmit kann chemisch Aluminiumoxid (Al2O3) erzeugt werden, welches vor allem zur Herstellung von Keramiken, als Feuerfestmaterial oder in modernen Panzerungen für Fahrzeuge benutzt wird.

Man verwendet „Böhmitschichten“ für den Korrosionsschutz. Sachgemäß erzeugte Schichten (durch kochendes entionisiertes Wasser oder Wasserdampf) sind farblos bis milchig, weitgehend porenfrei, geschmacksneutral und gesundheitlich völlig unbedenklich. Der pH-Bereich liegt zwischen 3,5 und 9. Böhmitschichten schützen gegen Angriffe von kochendem Leitungswasser, Fruchtsäuren, Milchsäuren und leicht aggressiven Nahrungs- und Genussmitteln. Des Weiteren werden sie benutzt zum Schutz von Innenwänden von Behältern, Wärmetauschern und Leitungssystemen, da sie auch nach der Montage aufgebracht werden können.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Böhmit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b IMA List of Mineral Names - Böhmite (englisch, PDF 1,8 MB; S. 35)
  2. Webmineral (englisch)
  3. a b c d Handbook of Mineralogy - Bohmite (englisch, PDF 64,6; 66 kB)
  4. a b c d e Mindat - Böhmite (englisch)
  5. a b  Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. 9. Auflage. E. Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 239.
  6. Web of Science v České republice: Buletin 04_2000
  7. Meine liebe Hildička!“ Mutmaßungen über Hans Böhm. Von Peter Lachnit und Heike Possert, Radioprogramm Ö1, 18. Dezember 2010