Bahman Nirumand

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Bahman Nirumand

Bahman Nirumand (* 18. September 1936 in Teheran) ist ein iranisch-deutscher Germanist, Iranist und Autor.

Leben[Bearbeiten]

Bahman Nirumand wurde als Sohn einer wohlhabenden Beamtenfamilie in Teheran geboren. Er wurde im Alter von vierzehn Jahren von seinen Eltern nach Deutschland geschickt, um dort sein Abitur zu machen und besuchte eine Waldorfschule. Nach seinem Abitur studierte Nirumand in München, Tübingen und Berlin Germanistik, Philosophie und Iranistik. 1960 promovierte er an der Universität Tübingen über Probleme der Verpflanzung des europäischen Dramas in die neupersische Literatur.

Nach Abschluss seines Studiums kehrte er bis 1965 in den Iran zurück und arbeitete dort als Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Teheran, daneben als Schriftsteller und Journalist. 1979 kehrte er noch vor der Gründung der Islamischen Republik Iran in den Iran zurück. Nach dreijährigem Aufenthalt im Iran ging Nirumand ins Exil, zunächst nach Paris, da man ihm die Einreise in die Bundesrepublik zunächst verweigerte, und anschließend wieder nach Berlin.

Nirumand ist Vater der Journalistin Mariam Lau.

Politik[Bearbeiten]

Zusammen mit Mehdi Khanbaba Tehrani und Majid Zarbakhsh gründete er die Goruhe Kadreh (Kadergruppe), die sich als marxistisch-leninistische Organisation verstand und revolutionäre Kader ausbilden wollte, die als revolutionäre Zellen im antiimperialistischen Kampf in den Städten Irans als Stadtguerilla gegen das Regime des Schah agieren sollten.[1] 1965 kehrte er in die Bundesrepublik zurück, um einer angeblich bevorstehenden Verhaftung zu entgehen. Nirumand wurde in West-Berlin Mitglied der Konföderation Iranischer Studenten. 1968 beabsichtigte er zusammen mit seinem Freund Rudi Dutschke einen AFN-Sendemast zu sprengen, was u. a. an der Verweigerung der Unterstützung durch Franz Josef Degenhardt scheiterte.[2]

Auf einer Demonstration im Dezember 1978 erklärte Nirumand:

„Wenn der Schleier die Absage an die importierte Scheinwelt und die Besinnung auf die eigene Geschichte symbolisiert [...], dann können nicht wir, sondern nur die Imperialisten und anderen Feinde unseres Volkes darüber Zeter und Mordio schreien.“

Bahman Nirumand[3]

Zudem forderte Nirumand nach der Wahl Rohanis Zugeständnisse des Westens statt neuer Sanktionen, die „eine Kriegserklärung“ seien,[4] und kritisierte die westliche Politik, der es „nur um einen Regimewechsel im Iran“ ginge.[5] Iranische Oppositionelle wie Nasrin Amirsedghi und andere Regimekritiker werfen Nirumand deshalb vor, das iranische Regime zu verharmlosen und zu verteidigen sowie der islamischen Revolution von 1979 – wie damals viele Linke – unkritisch begegnet zu sein.[6][7][8]

Schriften[Bearbeiten]

Sein 1967 erschienenes Buch Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt hatte großen Einfluss auf den Internationalismus der Studentenbewegung.[9] Allerdings erschien im Oktober 1967 im Spiegel ein kritischer Beitrag, in dem Informationen, die Nirumand in seinem Buch über den Iran veröffentlicht hatte, als zweifelhaft bzw. falsch eingestuft wurden.[10]

In seinem Buch Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müsste nennt er, was das Abendland „fabriziert“ hat, „Blendwerk“ und „Gaukelspiel“. Den bekannten Ausspruch Mephistos aus Goethes Faust betrachtet er als Auffassung Goethes und als Leitlinie „europäischer Kultur- und Geistesgeschichte“, nach der „alles Bestehende unzulänglich, minderwertig, dürftig, primitiv“ sei. Als Vorbild für „den Rest der Welt“ scheide das Abendland aus, dessen Handlungen er mit einer Liste von Verbrechen charakterisiert u. a.: „Sie holen unsere Kinder, um sie zu adoptieren, sie sexuell zu missbrauchen. Sie verbreiten pornographische Fotos dieser Kinder, um die animalischen Gelüste greiser Männer zu befriedigen.“[11]

Bahman Nirumand ist Autor zahlreicher Bücher und schreibt Artikel für Die Zeit, den Spiegel, Die Tageszeitung und die Frankfurter Rundschau; zudem hat er zahlreiche Rundfunk- und Fernsehbeiträge verfasst. Er veröffentlichte eine Khomeini-Biographie, Mit Gott für die Macht, sowie Texte wie Feuer unterm Pfauenthron. Verbotene Geschichten aus dem persischen Widerstand, Iran - hinter den Gittern verdorren Blumen und Sturm im Golf. Die Irak-Krise und das Pulverfass Nahost.

Nirumand hat auch literarische Werke aus dem Persischen ins Deutsche übertragen.

Seit 2001 ist er der Verfasser des monatlich erscheinenden iran-reports[12] der Heinrich-Böll-Stiftung. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.

Monografien

  • Probleme der Verpflanzung des europäischen Dramas in die neupersische Literatur. Universität Tübingen. Dissertation, 1960.
  • Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der Freien Welt. Rowohlt, Reinbek 1967.
  • Iran. The New Imperialism in Action. Monthly Review Press, New York 1969.
  • mit Keywan Daddjou: Mit Gott für die Macht. Eine politische Biographie des Ayatollah Chomeini. Rowohlt, Reinbek 1987, ISBN 3-498-04628-4.
  • Feuer unterm Pfauenthron. Verbotene Geschichten aus dem persischen Widerstand. Rotbuch Verlag, Hamburg 1985, ISBN 3-88022-124-3.
  • mit Belge Yayınlar: Iran - hinter den Gittern verdorren Blumen, Rowohlt, Reinbek 1985, ISBN 3-499-15735-7. (Übersetzung ins Türkische durch Kemal Kurt: İran – Soluyor Çiçekler Parmaklıklar Ardında. Istanbul 1988)
  • Leben mit den Deutschen. Rowohlt, Reinbek 1989, ISBN 3-499-12404-1.
  • Sturm im Golf: Die Irak-Krise und das Pulverfass Nah-Ost. Rowohlt, Reinbek 1990, ISBN 3-499-12926-4.
  • Fremd bei den Deutschen. 1991, ISBN 3-499-12924-8.
  • Die kurdische Tragödie. Die Kurden - verfolgt im eigenen Land. Rowohlt, Reinbek 1991, ISBN 3-499-13075-0.
  • Angst vor den Deutschen. Terror gegen Ausländer und der Zerfall des Rechtsstaates. Rowohlt, Reinbek 1992, ISBN 3-499-13176-5.
  • iran-report. Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin, seit 2001. (erscheint monatlich; siehe Weblinks)
  • Iran. Die drohende Katastrophe. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, ISBN 3-462-03708-0.
  • Der unerklärte Weltkrieg. Booklett, 2007, ISBN 978-3-940153-01-2.
  • Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müßte. Autobiographie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011, ISBN 978-3-498-04693-4.
  • Iran Israel Krieg - Der Funke zum Flächenbrand. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012, ISBN 978-3-8031-2697-9.

Als Herausgeber

  • Im Namen Allahs. Islamische Gruppen und der Fundamentalismus in der Bundesrepublik Deutschland. 1990, ISBN 3-89452-307-7.
  • Im Namen Allahs. Dreisam Verlag, Köln 1990, ISBN 3-89607-346-X.
  • Deutsche Zustände. Dialog über ein gefährdetes Land. Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-13354-7.
  • Iran nach den Wahlen. Westfälisches Dampfboot, Münster 2001, ISBN 3-89691-506-1.

Als Übersetzer (Auswahl)

  • Sadegh Hedayat: Die blinde Eule - Ein Roman und neun Erzählungen. Eichborn, Frankfurt 1990.
  • Mahmud Doulatabadi: Die Reise, Unionsverlag, Zürich 1992, ISBN 3-293-20139-3.
  • Mahmud Doulatabadi: Die alte Erde. Unionsverlag Zürich 2005, ISBN 3-293-20318-3.
  • Mahmud Doulatabadi: Der Colonel. Unionsverlag Zürich 2009, ISBN 978-3-293-00402-3.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Gewalt auf dem Campus. In: Der Spiegel. Nr. 44, 1967, S. 132 (online).
  •  Welcher Perser isst schon Schwein?. In: Der Spiegel. Nr. 47, 1967, S. 164 (13. November 1967, online).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bahman Nirumand – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. manoochehryazdi.blogfa.com
  2. faz.net
  3. Des Ayatollahs nützliche Idioten. In: Jungle World. 3. September 2009.
  4. Nirumand hält neue Sanktionen gegen den Iran für eine „Kriegserklärung“. In: Deutschlandradio Kultur. 3. August 2013.
  5. Kein Krieg für Öl, kein Blut für Juden! auf: achgut.de, 23. März 2012.
  6. Gebt Ahmadinedschad den Friedensnobelpreis! auf: achgut.de, 2005.
  7. Die Sachzwänge der Revolution, Bahamas 58/2009.
  8. Thomas von der Osten-Sacken, Oliver M. Piecha, Alex Feuerherdt (Hrsg.): Verratene Freiheit – der Aufstand im Iran und die Antwort des Westens. Verbrecher Verlag, ISBN 978-3-940426-51-2.
  9. Quinn Slobodian: Foreign Front: Third World Politics in Sixties West Germany. Duke University Press, S. 106–111.
  10.  Gewalt auf dem Campus. In: Der Spiegel. Nr. 44, 1967 (online).
  11. Weit entfernt von dem Ort, an dem ich sein müßte. Autobiographie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011, ISBN 978-3-498-04693-4, S. 279.
  12. boell.de