Bert Hellinger

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Bert Hellinger (2011)

Bert Hellinger (bürgerlich Anton Hellinger; * 16. Dezember 1925 in Leimen)[1] ist ein deutscher Theologe und Buchautor, der als Familientherapeut tätig ist. 1952 zum Priester geweiht, war er viele Jahre lang Leiter einer südafrikanischen Missionsschule. Seit den späten 1970er Jahren entwickelte er, unter Abwandlung von Methoden der systemischen Familientherapie, mit seiner Form der Familienaufstellung eine von ihm selbst als „Lebenshilfemethode“ bezeichnete Gruppenarbeit. Bei der Aufstellungsmethode nach Hellinger handelt es sich nicht um ein eigenständiges Verfahren der Psychotherapie. Hellingers zugrunde liegendes Weltbild und sein Umgang mit Klienten sind stark umstritten.

Leben[Bearbeiten]

Anton Hellinger wuchs in der späten Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus in Köln auf und studierte Philosophie, Katholische Theologie und Pädagogik. 1952 erhielt er die Priesterweihe, anschließend arbeitete er bis 1968 als Leiter einer katholischen Missionsschule in Südafrika. Als Ordensmitglied der Kongregation der Mariannhiller Missionare führte Hellinger den Namen Suitbert, abgekürzt als „Bert“. Diesen Kurznamen behielt er auch nach seinem Ordensaustritt und der Niederlegung seines Priesteramtes 1971 bei.

Anschließend ging er eine erste Ehe ein. Mit seiner zweiten Frau Maria-Sophie Hellinger-Erdödy zog er vorübergehend in die ehemalige Kleine Reichskanzlei in Stanggaß ein, einem Ortsteil von Bischofswiesen im Berchtesgadener Land, wo sich Arbeitsräume Adolf Hitlers befanden, was Kritik in der Presse auslöste.[2]

Hellinger absolvierte Kurse bei dem Vertreter der sogenannten Urschrei-Therapie Arthur Janov und Frank Farrelly, dem Begründer der Provokativen Therapie und machte eine Weiterbildung zum psychologischen Psychotherapeuten (Fachrichtung Psychoanalyse). Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung verweigerte aber die Anerkennung seiner Ausbildung, weil sie aufgrund seiner Präferenzen für die Janov'sche Primärtherapie eine Abweichung von der Psychoanalyse konstatierte. Hellinger erhielt später seine Anerkennung als Psychoanalytiker durch die Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse.

Besondere Bedeutung für Hellinger hatten die Gruppendynamik, die therapeutische Arbeit von Leslie B. Kadis und Ruth McClendon aus USA[3], die Familientherapie von Salvador Minuchin (geb. 1923) und Iván Böszörményi-Nagy (1920–2007), die Skriptanalyse von Eric Berne (1910–1970) und die lösungsorientierten Ansätze des Hypnotherapeuten Milton H. Erickson (1901–1980).

Methode[Bearbeiten]

Bei der Familienaufstellung nach Hellinger werden vom Aufstellenden möglichst Männer für Männer und Frauen für Frauen aus dem Kreis der Anwesenden stellvertretend für Familienmitglieder räumlich so angeordnet, dass sie seiner subjektiven Wirklichkeit entsprechen. Hellinger glaubt, daraus resultiere die Möglichkeit, das Beziehungsgeflecht des aufgestellten Systems wahrzunehmen und etwaige Lösungsmöglichkeiten zu erkennen. Familienaufstellung bringe etwas „Verborgenes“ ans Licht, das sich jenseits von Manipulation und bewusstem Hintergrundwissen zeigen könne. Bei Aufstellungen sei immer wieder zu beobachten, dass Stellvertreter recht genaue Auskunft über Befindlichkeiten von vertretenen Personen geben können. Nach Bert Hellinger war das Familienstellen zunächst nur eine Methode, um festzustellen, wie die Beziehungen in einer Familie beschaffen sind und was dort wirkt. Es war in erster Linie zielneutral. Der Hauptfokus der Methode richtet sich weniger auf den Aufstellenden selbst als auf sein System und das diesbezügliche Beziehungsgeflecht. Für das jeweilige System und dessen Beteiligte sei primär „Lösung“ zu erwirken, woraus sich dann für den Klienten davon abgeleitet eine „Lösung“ ergeben könne.

Für Hellinger stellen Aufstellungen nicht primär eine therapeutische Methode dar, sondern sind ein Werkzeug, welches in vielen Bereichen zu sinnvollem Einsatz kommen könne. Mittlerweile spricht Hellinger davon, dass er selbst in seiner Arbeit „Lebenshilfe“ leiste, Hilfe für Betroffene, über einen veränderten Zugang zu einem besseren Leben zu kommen. Einen psychotherapeutischen Anspruch lehnt er inzwischen ab. Heute bezeichnet Hellinger sein weiterentwickeltes Aufstellungsformat als „Neues Familienstellen“.

Die von Hellinger bei Familienaufstellungen entwickelten Vorgehensweisen wurden seit den 1990er Jahren auch auf andere Systeme (Arbeitsteams und Organisationen) übertragen und werden in allgemeinem Kontext systemische Aufstellungen oder Systemaufstellungen genannt. Aufstellungen im Unternehmenskontext werden als Organisationsaufstellungen bezeichnet. Ferner können innerhalb von Systemaufstellungen auch abstrakte Begriffe, z. B. „das Ziel“, „das Hindernis“ aufgestellt werden. Aufstellungen mit abstrakten Elementen werden als Strukturaufstellungen bezeichnet.

Bert Hellinger hat sich vom Versuch einer Verwissenschaftlichung seiner Methode distanziert. Aktuell unterhält er mit seiner Ehefrau Maria Sophie Hellinger-Erdödy eine „Hellingerschule“. Dort liegt der Arbeitsschwerpunkt einer neu entwickelten Form, dem so genannten „geistigen Familienstellen“. Dadurch sei es möglich, durch ein „Gehen mit dem Geist“, sich jener Bewegung anzuschließen, die hinter allen Bewegungen wirke. Dadurch könne man sich allem in gleicher Weise zuwenden, so wie es sei.[4]

Ideologie[Bearbeiten]

Hellingers Begriff der „Ordnung“ ist bedeutend für seine Aufstellungen und deren Auswertung. Er geht von einer sozialen Ordnung aus, die durch den Zweck des jeweiligen Systems vorgegeben sei und worin des Individuums Rang nicht folgenlos frei wählbar sei (siehe z.B. die Problematik der Parentifizierung). Weitere zentrale Begriffe sind „Ausgleich“ von Geben und Nehmen und „Zugehörigkeit“. Wesentliche Rolle spiele das „Gewissen“, wobei Hellinger unterschiedliche Arten von Gewissen unterscheidet, welche hierarchisch angeordnet sind und oft gegeneinander wirken: Das Gewissen des jeweiligen Individuums ist untergeordnet, das systemische Gewissen übergeordnet und darüber das „große“ Gewissen. Innerhalb des Familiensystems postuliert er ein System- bzw. „Sippen-Gewissen“. Die so genannte Sippe, deren „Seele“ auch verstorbene Vorfahren umfasse, sei eine „Schicksalsgemeinschaft“, wozu er meint, dass es insofern zu „Verstrickung“ auch in deren Dienst kommen könne. Diese Schicksalsgemeinschaft steht laut Hellinger im Gegensatz zur individuellen Freiheit.

„Ich halte die Idee von Freiheit, die der einzelne bei seinem Tun zu haben glaubt, für völlig illusionär.“[5]

Formal weisen Mann und Frau den gleichen Rang auf, wobei Hellinger anmerkt: „Die Frau folgt dem Mann, der Mann dient dem Weiblichen“. Jedoch teilt Hellinger Frauen typisch patriarchale Aufgaben zu. Bei leiblichen Geschwistern gäbe es eine dem Alter entsprechende Reihenfolge, wo beispielsweise das ältere Kind Vorrang vor jüngeren (leiblichen) Geschwistern habe. Weiterhin behauptet er, dass „Ebenbürtigkeit“ etwa bei einer Beziehung reich/arm oder behindert/nichtbehindert auf keinen Fall funktioniert.[6]

Hellinger geht so weit Vergewaltigungen zu relativieren. Frauen sollen nach einer Vergewaltigung sehen,

„dass etwas ganz Großes geschehen ist, was auch immer die Umstände waren. (...) Die Frau anerkennt: Es ist etwas Großes vor sich gegangen, das ihr Leben verändert hat, und ein neues Leben ist da. Dem stimmt sie jetzt zu, wie es ist, auch den Umständen, durch die es entstanden ist. (...) Wenn die Frau, die ja die Leidtragende ist, zur Anerkennung der Bindung und der Folgen fähig wäre, hätte sie eine besondere Kraft und Würde. Stellen sie sich vor, eine Frau ist zu einem solchen Vollzug fähig, dass sie zu einem Kind sagt: 'In dir achte ich Deinen Vater, was immer auch war. Ich freue mich, dass du da bist, und ich stimme dem Vollzug nachträglich zu, wie er war.' Was für eine Größe ist da drin.“[7]

Ein Beispiel aus einer Aufstellung zeigt nach Claudia Barth (2006), dass Hellinger anstelle den Betroffenen von Vergewaltigung zu helfen, sie in ihrer Unterdrückung belässt: Eine Frau, die zuvor von sechs Männern vergewaltigt worden war, suchte Hilfe. Hellinger wies die Stellvertreter der sechs Vergewaltiger an, sich in einer Reihe nebeneinander aufzustellen. Die Frau musste vor jeden einzelnen ihrer symbolisierten Peiniger treten und sich vor ihm verbeugen. Danach stellte Hellinger die Frau an das Ende der Reihe, in eine Linie mit den sechs dargestellten Vergewaltigern und ließ die Frau sagen: «Hier ist mein Platz.» Damit war die Therapie zu Ende.[8]

Durch die Aufstellungen tritt Hellinger zufolge etwas zutage, was über rein rationales Begreifen weit hinausgeht. Dies verknüpft er mit seinen Thesen über Gruppenzugehörigkeit. Da er davon ausgeht, dass jeder Mensch sich nur dann entfalten kann, wenn er uneingeschränkt seine Eltern achtet, geht es in seinen Aufstellungen häufig um Aussöhnung. Auch in Grenzfällen sei dies das Ziel, nämlich wenn in der Familie jemand eine schwere Schuld, etwa einen Mord, auf sich geladen hat. Wenn beispielsweise ein Vater als SS-Mann in der NS-Zeit für den Tod vieler Menschen verantwortlich war, wird laut Hellinger ein Klient nur dann frei von einer Belastung durch den Täter, wenn dieser in seinem systemischen Verhältnis zur eigenen Person (z. B. als Vater) geachtet, das heißt für ihn seine Schuld bei ihm gelassen wird. Politisch-moralisch motivierte Werturteile (die etwa ein Verdammen und/oder Lossagen vom eigenen Vater verlangen) hält er für kontraproduktiv für den Klienten, weil er nur diesen einen als Vater (innerlich) zur Verfügung habe. Ganz bewusst versucht Hellinger die Taten der Nationalsozialisten zu verharmlosen, so rechtfertigt er sogar die Taten des Organisators der Judenvernichtung Adolf Eichmann:

„Auf der Ebene von: 'Da muss man doch was machen, das darf doch nicht mehr passieren' herrscht die Vorstellung, als hätten die Täter selbstbestimmt gehandelt. Also: Dieser Betrunkene hat das gemacht, oder Eichmann hat die Judenvernichtung organisiert. Ich gehe da auf eine andere Ebene. Ich sehe sie alle auf einer Ebene von Schicksal, das alle handeln (...) lässt. Jeder ist ausgeliefert.“[9]

Er fordert zu einer „Achtung vor den Mächten des Schicksals“ jenseits einer Beurteilung als gut oder böse auf. Dafür nannte er nach einer Aufstellung folgendes Beispiel, welches er 2002 unter dem Titel Ordnungen der Liebe veröffentlichte:

„Da hat eine jugoslawische Dichterin unbedingt ein Denkmal errichten wollen für einen deutschen Soldaten. Der war abkommandiert zu einem Erschießungskommando, um Partisanen zu erschießen. Doch er hat sich geweigert, sein Gewehr hochzuheben, ist dann rübergegangen zu den Partisanen und hat sich mit ihnen erschießen lassen. Nun, was ist denn das für einer? (befragt Hellinger die Gruppe.) Ist er gut, ist er böse? Was hat er denn gemacht? Er hat sich vor seinem Schicksal gedrückt. Wenn er geschossen hätte, weil er sich sagt: ‘Ich bin verstrickt in meine Gruppe, und die sind verstrickt in ihre Gruppe, und das Schicksal hat es so gefügt, dass ich sie erschießen muss statt sie mich, und ich stimme dem zu, was immer auch die Folgen sind’, das ist Größe.“[10]

Rezeption[Bearbeiten]

Kritik an der Methode[Bearbeiten]

Hellingers Methode hat etwa 2000 praktizierende Anhänger, ist aber in Fachkreisen wie in der breiteren Öffentlichkeit stark umstritten.[11] Es wird ihm vorgeworfen, bei seinen öffentlichen Familienaufstellungen gegen zahlreiche Regeln evidenzbasierten psychotherapeutischen Arbeitens zu verstoßen, im Anschluss seine Klienten allein zu lassen und ihnen nicht zu helfen, ihre Eindrücke und oft starke emotionale Anspannung angemessen zu verarbeiten. Zudem handele es sich um keine anerkannte Form der Psychotherapie, sei zur Behandlung psychischer Störungen völlig ungeeignet und generell wissenschaftlich unbelegt.[12] Gleichwohl berge sie aber Risiken.[13]

Die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen bemängelt, dass „eine unreflektierte Verbindung zwischen psychologischer Beratung/Therapie und weltanschaulich geprägten Konzepten der Spiritualität (…) problematisch“ ist. Ohne Transparenz und das Mitteilen der Voraussetzungen könnten spirituelle Verfahren missbräuchlich eingesetzt werden, wofür das Familienstellen ein anschauliches Beispiel sei.[14]

Kritik an der Person[Bearbeiten]

Insbesondere das patriarchale Weltbild und eine okkultistische Ursachenlehre werden von Kritikern gegen Hellingers Verfahren vorgebracht. Die Hellingersche Therapie sei für Hilfesuchende gefährlich, da sie nicht lernten, sich aus schädigenden Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen und eigene Fähigkeiten zu entwickeln. Sie müssten sich der autoritären Führung eines Therapeuten unterwerfen, der ihnen die Fähigkeit abspricht, ihre Lebensverhältnisse selbst erklären zu können. Damit würden Ohnmacht und Unselbstständigkeit verstärkt.[15]

Breite Kritik zogen Hellingers Holocaustinterpretationen im Rahmen seiner Familienaufstellungspraxis nach sich, da er Holocaustopfer und -täter ohne moralische Unterscheidung auf eine Stufe gestellt habe und in diesem Kontext eine Verantwortung von Israel gegenüber seinen arabischen Nachbarstaaten thematisierte.[16][17] Dies stieß nicht nur in den Medien, sondern auch bei nahestehenden Therapeuten auf scharfe Ablehnung. So wandte sich Arist von Schlippe, Familientherapeut und Vorsitzender der Systemischen Gesellschaft, per offenem Brief (undatiert)[18] von Hellinger ab;[16] eine Kassler Bürgerinitiative gegen Hellinger bezeichnete ihn 2005 als „NS-Verharmloser und Psycho-Guru“.[11] Einige Journalisten – Door Koert nannte sie 2005 New Age-Journalisten – nahmen Hellinger dagegen wegen seiner anderen Leistungen in Schutz.[16]

Zustimmend äußerte sich Haim Dasberg, Holocaust Education Foundation, Newport (USA), 2003 in seinem Vorwort zu Hellingers Buch Rachel weint um ihre Kinder:

„Ich habe die große Hoffnung, dass diese Erfahrungen (dass die Stellvertreter beider Seiten – der Täter und der Opfer aufeinander zugehen und gemeinsam über die Toten trauern und weinen … dann entsteht in ihrem Herzen ein Bild, wie die Versöhnung zwischen ihnen gelingt und wie ein Kreis sich endlich schließt) (…) auch über das Familien-Stellen hinaus auf einer höheren und umfassenderen Ebene wirksam werden.“

Dagegen schrieb der Psychologe und Sachbuchautor Colin Goldner vom Forum Kritische Psychologie in München im April 2004 einen offenen Brief an Dasberg, in dem es heißt: „Was Sie hierzu [zu dem lobenden Vorwort] bewogen haben mag, weiß ich nicht. Ich sehe nur, dass Hellinger Sie und Ihren guten Namen schamlos instrumentalisiert in seiner Abwehr von Kritik an seinen rechtsesoterischen, um nicht zu sagen: protofaschistischen Umtrieben.“[19]

Auf Ablehnung stieß weiterhin ein Versöhnungsbrief an Adolf Hitler, der sich in Hellingers Schrift Gottesgedanken (2004) findet. Dort schreibt er: „Manche betrachten Dich als einen Unmenschen, als ob es je jemanden gegeben hätte, den man so nennen darf.“[20][16]

Die Systemische Gesellschaft bewertete im Juli 2004 in ihrer Potsdamer-Erklärung Hellingers Praxis zum großen Teil negativ:

„Heute sehen wir jedoch den Punkt gekommen, an dem nicht nur wesentliche Teile der Praxis von Bert Hellinger – und vieler seiner Anhänger –, sondern auch viele seiner Aussagen und Vorgehensweisen explizit als unvereinbar mit grundlegenden Prämissen systemischer Therapie anzusehen sind, etwa“
* die Vernachlässigung jeder Form von Auftragsklärung und Anliegenorientierung
* die Verwendung mystifizierender und selbstimmunisierender Beschreibungen («etwas Größeres», «in den Dienst genommen» u. ä.)
* die Nutzung uneingeschränkt generalisierter Formulierungen und dogmatischer Deutungen («immer, wenn», «schlimme Wirkung», «mit dem Tode bestraft», «der einzige Weg», «das Recht verwirkt» u. ä.).
* der Einsatz potentiell demütigender Interventionen und Unterwerfungsrituale
* die angeblich zwingende Verknüpfung der Interventionen mit bestimmten Formen des Menschen- und Weltbildes (etwa in Bezug auf Genderfragen, Elternschaft, Binationalität u. a.)
* die Vorstellung, über eine Wahrheit verfügen zu können, an der eine Person mehr teilhaftig ist als eine andere. Dies führt zu der Verwendung verabsolutierender Beschreibungsformen und impliziert, dass keine partnerschaftliche Kooperationsbeziehung angestrebt wird.“[21]

Eine Vielzahl von Familienstellern, Therapeuten, Journalisten haben sich von Hellinger abgegrenzt, wie auch die große Mehrheit der nach Virginia Satir arbeitenden Familientherapeuten und deren Vereinigung. Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) distanzierte sich 2003 von seiner Person und seiner Herangehensweise an Familienaufstellungen. Hellingers Methoden werden als ethisch nicht vertretbar und gefährlich für die Betroffenen beurteilt.[22]

Auch der Psychoanalytiker Michael Hilgers warf ihm im Jahr 2000 vor:

„Mit einer Mischung aus theologischen Phrasen und mystischen Geschichten, einfachen Wahrheiten und absoluten Werturteilen behauptet Hellinger umfassende Hilfe für alles und jeden bieten zu können. Respekt und Demut gegenüber Eltern und Familienangehörigen fordernd, behandelt er seine Patienten anmaßend und unverschämt in der Attitüde des Allwissenden.“[23]

Vor den Praktiken und der Geisteshaltung einer „Hellinger-Szene“ warnte Werner Haas 2004: Magische Rituale würden dort eine Therapie ersetzen, anstatt einer Diagnose werde ein „Orakel“ veranstaltet, und Ursachenforschung erschöpfe sich im „Nachbeten der Okkult-Lehren des Meisters über die Entstehung von Krankheiten und Leid“.[24]

Auf der anderen Seite wird nach wie vor, auch von seriösen Therapeuten und Ärzten, die klassische Familienaufstellung nach Hellinger (nach seiner ursprünglichen Methode, durch die er Anfang der 90er Jahre bekannt geworden ist) praktiziert, dies aber in erster Linie im Rahmen eines umfassenden therapeutischen Konzeptes und ohne sein Weltbild zugrundezulegen. Nach der ursprünglichen Methode werde eher hinterfragt, Hypothesen überprüft und dementsprechend sorgfältig vorbereitet. In Fachkreisen ist dies gewürdigt worden, so von Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer im Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung (1996), das 2007 in 10. Auflage erschien.[25]

Hellinger selbst führt die klassische Familienaufstellung kaum noch durch, sondern geht seit spätestens 2006 einen neuen Weg des Familienstellens. Er konstatiert eine Weiterentwicklung, die er das „neuen Familienstellen“ nennt und sieht das klassische Verfahren mittlerweile als überholt an. Dass dabei esoterisch anmutende Konzepte wie etwa das morphogenetische bzw. „Wissende Feld“[26] eine größere Rolle spielen und jegliche Exploration fehlt, wird von einer Vielzahl von Therapeuten kritisiert. Ein weiteres Problem der Hellinger'schen Methode ist, dass sie selten nach einem ausgearbeiteten Lehrkonzept verschult und vermittelt wurde und einige tausend Familienaufsteller dies folglich nie wirklich gelernt haben. Viele Aufsteller haben noch nicht einmal therapeutische Ausbildungen, trauen sich aber oft zu, nach einem einzigen Workshop Aufstellungen durchführen zu können, und behaupten, von Hellinger ausgebildet worden zu sein.

Werke und Veröffentlichungen im Eigenverlag[Bearbeiten]

  • Gunthard Weber (Hrsg.): Zweierlei Glück. Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 1995, ISBN 3-89670-197-5.
  • Bert Hellinger: Ordnungen der Liebe. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 1996, ISBN 3-89670-215-7
  • Bert Hellinger, Gabriele ten Hövel: Anerkennen, was ist. Gespräche über Verstrickung und Heilung. Kösel-Verlag, Köln 1996, ISBN 3-466-30400-8
  • Bert Hellinger: Mit der Seele gehen. Herder-Verlag, 2001, ISBN 3-451-27579-1
  • Bert Hellinger: Ordnungen des Helfens: Ein Schulungsbuch. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2003, ISBN 3-89670-421-4
  • Bert Hellinger: Gedanken unterwegs, Kösel-Verlag, Köln 2003, ISBN 3-466-30642-6
  • Bert Hellinger: Wahrheit in Bewegung, Herder-Verlag, Freiburg (2. Aufl.) 2005, ISBN 3-451-28480-4
  • Bert Hellinger: Rachel weint um ihre Kinder. Familien-Stellen mit Überlebenden des Holocaust in Israel. Vorwort: Haim Dasberg: Herder-Verlag, Freiburg 2004, ISBN 3-451-05443-4
  • Bert Hellinger: Gottesgedanken. Ihre Wurzeln und ihre Wirkung, Kösel-Verlag, Köln 2004, ISBN 3-466-30656-6, darin: Kapitel über Adolf Hitler
  • Bert Hellinger, Gabriele ten Hövel: Ein langer Weg. Gespräche über Schicksal, Versöhnung und Glück. Kösel-Verlag, Köln 2005, ISBN 3-466-30694-9
  • Jayin Thomas Gehrmann: Über Psychotherapie hinaus. Die Entwicklung des Familienstellens nach Bert Hellinger. Vorwort: Bert Hellinger. Bert Hellinger Eigenverlag, Bischofswiesen 2009, ISBN 978-3-00-028245-4

Literatur[Bearbeiten]

  • Colin Goldner (Hrsg.): Der Wille zum Schicksal. Die Heilslehre des Bert Hellinger. Ueberreuter Verlag, Wien 2003, ISBN 3-8000-3920-6
  • Klaus Weber: Verhöhnung der Opfer durch Versöhnung mit den Tätern. Bert Hellingers Unterwerfungsprojekt. In: Klaus Weber: Blinde Flecken. Psychologische Blicke auf Faschismus und Rassismus. Argument, Hamburg 2003, ISBN 978-3-88619-296-0 (= Argument Sonderband AS, zugleich Habilitationsschrift an der Universität Oldenburg).
  • Elisabeth Reuter: Gehirn-Wäsche. Macht und Willkür in der "systemischen Psychotherapie" nach Bert Hellinger. Nachwort von Klaus Weber, Lehmann Antipsychiatrieverlag, Berlin 2005, ISBN 978-3-925931-40-6 [27].
  • [Anonym]: Heil im ewigen Gestern. Der Familienaufsteller Bert Hellinger und sein reaktionär-patriarchales Weltbild. In: analyse & kritik Nr. 498 vom 16. September 2005
  • Gert Höppner: Heilt Demut, wo Schicksal wirkt? Evaluationsstudie zu Effekten des Familien-Stellens nach Bert Hellinger. Profil, München 2001 (Diss. Univ. München 2001) ISBN 3-89019-508-3; Online-Ausgabe bei Auer, Heidelberg 2006 ISBN 978-3-89670-566-2
  • Heike Dierbach: Die Seelenpfuscher: Pseudo-Therapien, die krank machen. Rowohlt TB, Reinbek b. Hamburg 2009, ISBN 978-3-499-62586-2
  • Werner Haas: Familienstellen – Therapie oder Okkultismus? Das Familienstellen nach Hellinger kritisch beleuchtet. Asanger, Kröning 2004, ISBN 3-89334-430-6 (2., korrigierte und erweiterte Auflage als: Das Hellinger-Virus. Zu Risiken und Nebenwirkungen von Aufstellungen, Asanger, Kröning 2009, ISBN 978-3-89334-538-0.)

Lehrbücher, die sich teilweise auf Hellinger beziehen[Bearbeiten]

  • Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung [Band 1], 10. Auflage, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2007 (Erstausgabe 1996). ISBN 978-3-525-45659-0.
  • Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II, Das störungsspezifische Wissen. 3. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009 (Erstausgabe 2006), ISBN 978-3-525-46256-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Familie. Da sitzt das kalte Herz, auf: zeit-online, Nr. 35, 2003
  2. Das Psycho-Hauptquartier TAZ vom 29. Juni 2004
  3. "Ein langer Weg" S. 73
  4. EZW: Die Hellingerszene driftet auseinander. [1] Abgerufen am 5. April 2014
  5. Bert Hellinger, Gabriele Hövel: Anerkennen, was ist; S. 162f.
  6. Interview mit Bert Hellinger, in: SZ-Magazin vom 21. November 1997, S. 64.
  7. Bert Hellinger, Gabriele Hövel: Anerkennen, was ist; S. 145f.
  8. Claudia Barth: Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur; Alibri, Aschaffenburg 2006, S. 142
  9. Bert Hellinger, Gabriele Hövel: Anerkennen, was ist; S. 159.
  10. Bert Hellinger: Ordnungen der Liebe; Knaur, München 2002, S. 277f.
  11. a b Joachim F. Tornau: Ein Psycho-Guru kommt nach Kassel. In: Frankfurter Rundschau, 10. Februar 2005, S. 41. 
  12. Gerbert, F.: Psycho-Szene: Wenn Therapeuten Gott spielen. In: Focus, 13/1998
  13. Werner Haas: Familienstellen nach Hellinger - ein destruktiver Kult? (Skeptiker 1/2008) [2] Abgerufen am 4. April 2014
  14. Michael Utsch: "DIE HELLINGER-SZENE DRIFTET AUSEINANDER: STREIT UM METHODE UND AUSBILDUNG". Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. [3] Abgerufen am 5. April 2014
  15. Claudia Barth: Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur; Alibri, Aschaffenburg 2006, S. 142
  16. a b c d Door Koert van der Felde: Therapeut Hellinger blijft flirten met Hitler. In: Trouw, 15. März 2005, S. 5. Abgerufen am 20. Juni 2009. 
  17. Glunk, F. R. (2003): Der Protofaschist: Das Weltbild des Bert Hellinger. In: Colin Goldner (Hrsg.): Der Wille zum Schicksal: Die Heilslehre des Bert Hellinger. Ueberreuter, Wien
  18. Offener Brief von Arist von Schlippe an Bert Hellinger pdf-Datei
  19. Colin Goldner: Offener Brief an Haim Dasberg, April 2004, abgedruckt in Polis 36, 2004, S.5
  20. Zitiert nach: Andrea Mocellin: Das dubiose Geschäft mit der Seele. Familienaufstellung nach Hellinger; hagalil.com 21. April 2004
  21. „Potsdamer Erklärung“ der Systemischen Gesellschaft, Juli 2004; als Online-Veröffentlichung: Pressemitteilung der Systemischen Gesellschaft vom 1. Juli 2007
  22. Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie: Stellungnahme der DGSF zu Hellinger
  23. Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt Oktober 2000, genaues Datum und Seite fehlen
  24. Werner Haas: Familienstellen – Therapie oder Okkultismus? Das Familienstellen nach Hellinger kritisch beleuchtet; Kröning: Asanger, 2004; ISBN 3-89334-430-6
  25. Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1996; 2007 (10.Auflage, Übersetzungen in 7 Sprachen). ISBN 3-525-45659-X
  26. Dieser Begriff wurde von Albrecht Mahr eingeführt
  27. Joschi Laibl: Gehirnverschmutzung à la Hellinger Rezension in: Materialien und Informationen zur Zeit, 1/2005

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bert Hellinger – Sammlung von Bildern