Blutsonntag (Nordirland 1972)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Edward Heath (1987)
The Guildhall in Londonderry, Ort der 2. Untersuchung (1998–2010) durch Lord Saville
35. Gedenkmarsch zum Bloody Sunday (Londonderry, 2007)
Denkmal für die Opfer in Londonderry

Als Blutsonntag (auch Blutiger Sonntag, englisch Bloody Sunday, irisch Domhnach na Fola) wird in Nordirland der 30. Januar 1972 bezeichnet. An diesem Tag wurden in der nordirischen Stadt Derry bei einer Demonstration für Bürgerrechte und gegen die Internment-Politik der britischen Regierung unter Edward Heath 13 Menschen von Soldaten des British Parachute Regiments erschossen und 13 weitere angeschossen. Da die Opfer offensichtlich unbewaffnet waren, führte das Ereignis zur Eskalation des Nordirlandkonflikts. Erst spät nahm die britische Regierung Stellung zu dem Ereignis: Am 15. Juni 2010 bat der britische Premierminister David Cameron im Namen der Regierung um Verzeihung für die Taten der britischen Soldaten.

Hergang[Bearbeiten]

Nach Angaben der Armee wurde im Katholikenviertel Bogside aus den Reihen der Demonstranten das Feuer auf die Soldaten eröffnet, welches diese erwiderten. Allerdings steht dies in deutlichem Widerspruch zu Aussagen von Teilnehmern des Protestzuges sowie zu der Tatsache, dass kein Soldat verletzt, fünf Demonstranten aber von hinten getroffen wurden. Unklar ist bis heute, welche militärische Rolle den rund 30 beteiligten Fallschirmjägern, die für eine polizeiliche Absicherung des Zuges nicht ausgebildet waren, an diesem Tage zugedacht war. Gesichert ist, dass nach dem Befehl zur Feuereinstellung noch etwa 100 Schüsse abgegeben wurden.

Lange Zeit wurde dem ehemaligen IRA-Mitglied und heutigen Politiker der Partei Sinn Féin Martin McGuinness die Aussage zugeschrieben, er selbst habe am Bloody Sunday den allerersten Schuss abgegeben. Diese Behauptung wurde aber von ihm stets bestritten.

Eine erste Untersuchung des Vorfalls durch Lord Widgery drei Monate später entlastete die Armeeführung und die beteiligten Soldaten. Da allerdings starke Zweifel an der Neutralität der Untersuchungskommission bestanden, wurde dieses Ergebnis von den meisten irischen Beobachtern abgelehnt. Der Name Widgery sowie der Ort Coleraine, an dem die Untersuchung stattfand, sind daher in Nordirland zu Synonymen für Behauptungen der britischen Armee geworden, die mit den Beobachtungen vieler Zeugen offensichtlich nicht übereinstimmten.

Im Januar 1998 kündigte der damalige Premierminister Tony Blair angesichts andauernden Protests von Angehörigen gegen die ersten Untersuchungen eine Revision unter Lord Saville an. Der Untersuchungsbericht, der sogenannte Saville-Report, wurde am 15. Juni 2010 veröffentlicht und belegt, dass die britischen Soldaten zuerst geschossen haben und nicht zuvor beschossen worden sind. Anlässlich der Vorstellung des 5000 Seiten umfassenden Berichtes bat Premierminister David Cameron im Namen der britischen Regierung um Verzeihung für die tödlichen Schüsse. Er bedauerte die Gewaltanwendung der britischen Armee zutiefst und bezeichnete das Handeln der Soldaten als ungerechtfertigt und unvertretbar.[1]

Am 22. September 2011 beschloss die britische Regierung, die Hinterbliebenen der Opfer des Blutsonntags zu entschädigen. Wer diese Entschädigungen erhalten sollte – und in welcher Höhe – war zunächst unklar. Einige Familien der Opfer hatten angekündigt, keine Entschädigungen zu beantragen, solange die eingesetzten Soldaten nicht angeklagt werden. Zwei Schwestern eines getöteten Demonstrationsteilnehmers lehnten die Entschädigung sofort ab.[2]

Folgen[Bearbeiten]

Infolge des Blutsonntags verschärfte sich der Nordirlandkonflikt deutlich, die IRA verübte mehrere Anschläge als Racheakte. Nach Bekanntwerden der Ereignisse stürmte eine wütende Menge die britische Botschaft in Dublin und brannte sie bis auf die Grundmauern nieder. 1972 wurde zum blutigsten Jahr des Nordirlandkonflikts.

Zum 35. Jahrestag des Blutsonntags erkannte die republikanische Partei Sinn Féin 2007 erstmals die reformierte nordirische Polizei offiziell an.

Zitate[Bearbeiten]

„Es fällt auf, dass die britischen Soldaten an jenem Blutsonntag nur Amok gelaufen sind und, ohne wirklich nachzudenken, wild um sich geschossen haben. Sie haben unschuldige Menschen getötet. Dass diese Menschen an einer nicht gestatteten Demonstration teilgenommen haben, rechtfertigt bei weitem nicht das Verhalten der Soldaten. Aus diesem Grund bezeichne ich das Verhalten der Soldaten als nichts anderes als bloßen Mord.“

Hubert O’Neill, Rechtsmediziner der Stadt Londonderry: im Obduktionsbericht der Opfer

„Die Regierung stellte bereits 1974 eindeutig klar, dass all diejenigen, die am Blutsonntag 1972 in Nordirland gestorben sind, unschuldige Menschen sind – unabhängig der Vorwürfe, dass die Opfer Schusswaffen oder Bomben dabei gehabt hätten, als sie erschossen wurden. Ich hoffe, dass alle Angehörigen der Opfer diese Zusicherung annehmen.“

John Major, Premierminister des Vereinigten Königreichs: in einem Brief an John Hume, Friedensnobelpreisträger von 1998.

Die Opfer[Bearbeiten]

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst. Näheres ist eventuell auf der Diskussionsseite oder in der Versionsgeschichte angegeben. Bitte entferne zuletzt diese Warnmarkierung.

Die einzelnen Toten waren:[3]

  • Jackie Duddy (17 Jahre alt) wurde auf dem Parkplatz des Rossville-Wohnblocks durch einen Schuss in die Brust getötet. Vier Zeugen sagten später aus, dass er unbewaffnet war und vor den Soldaten wegrannte. Drei von ihnen sahen einen Soldaten, der bewusst auf ihn zielte.
  • Patrick Doherty (31 Jahre alt) wurde von hinten erschossen, als er versuchte, sich kriechend auf dem Vorplatz des Rossville-Wohnblocks in Sicherheit zu bringen. Sekunden bevor er starb, wurde er von dem französischen Fotografen Gilles Peress fotografiert. Die Fotografien zeigen, dass er unbewaffnet war.
  • Bernard McGuigan (41 Jahre alt) wurde von hinten in den Kopf geschossen, als er versuchte, Patrick Doherty zu helfen. Er winkte mit einem weißen Taschentuch, um den Soldaten zu zeigen, dass er friedvolle Absichten hatte.
  • Hugh Gilmour (17 Jahre alt) wurde in die Brust geschossen, während er auf der Rossville Street von den Soldaten weglief. Er wurde Sekunden, nachdem er getroffen wurde, fotografiert. Zeugen sagten aus, dass er unbewaffnet war.
  • Kevin McElhinney (17 Jahre alt) wurde von hinten erschossen, während er versuchte, sich im Vordereingang des Rossville-Wohnblocks in Sicherheit zu bringen. Zwei Zeugen sagten aus, dass er unbewaffnet war.
  • Michael Kelly (17 Jahre alt) stand nahe der Trümmer-Barrikade vor dem Rossville-Wohnblock, als man ihm in den Bauch schoss. Er war unbewaffnet.
  • John Young (17 Jahre alt) wurde in den Kopf geschossen, als er nahe der Trümmer-Barrikade vor dem Rossville-Wohnblock stand. Zwei Zeugen sagten aus, dass er unbewaffnet war.
  • William Nash (19 Jahre alt) stand in der Nähe der Barrikade, als man ihm in die Brust schoss. Zeugen sagten aus, dass er unbewaffnet war und anderen helfen wollte, als er erschossen wurde.
  • Michael McDaid (20 Jahre alt) wurde ins Gesicht geschossen, als er sich von den Soldaten wegbewegte. Die Flugbahn der Kugel, welche ihn traf, deutet an, dass er von Soldaten, die auf den Derry Walls positioniert waren, erschossen wurde.
  • James Wray (22 Jahre alt) wurde zunächst nur verwundet und anschließend aus kurzer Entfernung erschossen, als er auf dem Boden lag. Augenzeugen sagten aus, dass er nicht mehr in der Lage war, seine Beine zu bewegen, als man auf ihn schoss.
  • Gerald Donaghy (17 Jahre alt) wurde in den Bauch geschossen, als er versuchte, sich zwischen Glenfada Park und Abbey Park in Sicherheit zu bringen. Er wurde in ein nahe gelegenes Haus gebracht, wo ihn ein Arzt untersuchte. Seine Taschen wurden nach außen gewendet, als man versuchte, ihn zu identifizieren. Ein späteres Foto der Polizei von seiner Leiche zeigte Nagelbomben in seinen Taschen. Weder die, die seine Taschen durchsucht hatten, noch der britische Armee-Arzt, welcher seinen Tod feststellte, konnten sich an diese Bomben erinnern. Gerald Donaghy war Mitglied der IRA-nahen Fianna Éireann, einer republikanischen Jugendbewegung.
  • Gerald McKinney (34 Jahre alt) wurde kurz nach Gerald Donaghy erschossen. Zeugen sagten aus, dass er hinter Donaghy rannte. Er riss seine Arme hoch und schrie „Don’t shoot!“ [Nicht schießen], als er sah, wie Donaghy zu Boden ging. Darauf wurde ihm in die Brust geschossen.
  • William McKinney (27 Jahre alt, nicht mit Gerald McKinney verwandt) wurde in den Rücken geschossen, als er versuchte, Gerald McKinney zu helfen.

John Johnston (59 Jahre alt) wird von manchen Quellen zu den Opfern dieses Tages gezählt. Er wurde bereits 15 Minuten bevor das Feuer auf die Demonstranten eröffnet wurde, in der William Street angeschossen. Johnston erlag vier Monate später einem Hirntumor.[4]

Rezeption in der Kunst[Bearbeiten]

Etliche Lieder setzten sich mit diesem Ereignis auseinander, unter anderem Sunday Bloody Sunday der irischen Rockgruppe U2, The Luck of the Irish und Sunday Bloody Sunday von John Lennon, Give Ireland back to the Irish von Paul McCartney, Bloody Sunday der irischen Gruppe Cruachan.

In katholischen Vierteln Belfasts und Derrys erinnern bis heute zahlreiche Wandgemälde an das Ereignis und die Opfer. Teilweise werden sie dabei in einen größeren Zusammenhang irischen Widerstandes gegen britische Herrschaft gestellt.

Paul Greengrass (Regie und Drehbuch) verarbeitete die Ereignisse des 30. Januar 1972 in dem halbdokumentarischen Spielfilm Bloody Sunday, der 2002 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde.

Margo Harkin, die bei den Demonstrationen am 30. Januar 1972 in Derry selbst dabei war, hat 2006 die Dokumentation „Blutiger Sonntag“ veröffentlicht, die sich mit dem Tathergang, aber vor allem mit der von Lord Saville geleiteten Untersuchung und dem Umgang mit den damaligen Opfern und Hinterbliebenen beschäftigt.

Im Februar 2010 wurde den unter dem Namen „Bogside Artists“ arbeitenden Künstlern Tom Kelly, William Kelly und Kevin Hasson aus der nordirischen Stadt Derry der Preis der Joseph Beuys/Demarco European Art Foundation verliehen. Richard Demarco, Gründer der Stiftung, sagte, dass die Bogside Artists ganz im Sinne des Gründers und Namensgebers des Preises, Joseph Beuys, arbeiteten und dessen Praxis, Kunst als Heilungsprozess zu begreifen, fortsetzten.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Graham Dawson: Trauma, Place, and the Politics of Memory. Bloody Sunday, Derry, 1972-2004. In: History Workshop Journal. Jg. 59, 2005, ISSN 1363-3554, S. 151–178.
  • Patrick Hayes und Jim Campbell: Bloody Sunday. Trauma, Pain and Politics. Pluto Press, London u. a. 2005, ISBN 0-7453-1854-1.
  • Peter Pringle, Philip Jacobson: Those Are Real Bullets, Aren’t They? Bloody Sunday, Derry, 30 January 1972. Forth Estate, London 2000, ISBN 1-84115-290-0.
  • Dermot P. J. Walsh: Bloody Sunday and the Rule of Law in Northern Ireland. Macmillan u. a., London u. a. 2000, ISBN 0-333-72288-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Blutsonntag (Nordirland 1972) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bericht zum „Blutsonntag“ vorgelegt: Cameron entschuldigt sich, ntv, 15. Juni 2010
  2. Government to pay compensation to Bloody Sunday families; BBC News, 22. September 2011
  3. Civil Rights Movement: The Dead. In: Massacre at Derry. Fionnuala McKenna, 14. Januar 2012, abgerufen am 31. Januar 2012 (englisch).
  4. The Rt Hon The Lord Saville of Newdigate (Chairman), The Hon Willian Hoyt OC, The Hon John Toohey AC: The shooting of Damien Donaghey and John Johnston. In: The Bloody Sunday Inquiry Report (Volume 02 - Chapter 18) - par. 18.7. Archiviert vom Original am 3. November 2010, abgerufen am 26. Juni 2010 (englisch).
  5. Jürgen Schneider: Ohne Anklage; Junge Welt, 29. Januar 2010, Seite 12; online auf irish-solidarity.net, abgerufen am 22. September 2011