Carl Joachim Classen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Carl Joachim Classen (2009)

Carl Joachim Classen (* 15. August 1928 in Hamburg; † 29. September 2013 in Bad Homburg)[1] war ein deutscher Klassischer Philologe.

Leben[Bearbeiten]

Carl Joachim Classen, ein Urenkel des Philologen und Gymnasialdirektors Johannes Classen (1805–1891), besuchte zusammen mit seinem älteren Bruder Peter Classen (1924–1980) die Gelehrtenschule des Johanneums. Anschließend studierte er Klassische Philologie und Philosophie an der Universität Hamburg, besonders bei Ernst Zinn und Bruno Snell. Snell vermittelte ihm auch eine Stelle an der Internatsschule Birklehof, die Georg Picht in Hinterzarten gegründet hatte. Dort betreute Classen im Sommersemester 1949 die Internatsschüler, exzerpierte Literatur für Pichts Platon-Archiv und nahm als einer von wenigen Studenten am ersten Treffen deutscher Altertumswissenschaftler nach dem Zweiten Weltkrieg teil.[2] Später wechselte er an die Universität Göttingen, wo ihn vor allem der Philologe und Religionswissenschaftler Kurt Latte sowie der Philosoph Nicolai Hartmann förderten. Ein Semester brachte Classen auch an der University of Oxford zu, wo er den Abschluss B.Litt. absolvierte. 1952 wurde Classen an der Universität Hamburg mit der Dissertation Untersuchungen zu Platons Jagdbildern zum Dr. phil. promoviert.

Nach dem Ersten Staatsexamen unterrichtete Classen an einem Gymnasium. Nach dem Zweiten Staatsexamen (1956) wurde er zum Assessor ernannt. Im selben Jahr trat er eine Stelle als Dozent für Klassische Philologie (Lecturer in Classics) an der University of Ibadan in Nigeria an. Nach drei Jahren kehrte er nach Deutschland zurück und ging an die Universität Göttingen, wo er sich 1961 für Klassische Philologie habilitierte und 1963 zum Universitätsdozenten ernannt wurde. 1964/1965 vertrat er einen Lehrstuhl an der Universität Tübingen.

1966 nahm Classen einen Ruf zum C4-Professor für Klassische Philologie an der Technischen Universität Berlin an. 1969 wechselte er an die Universität Würzburg, 1973 (als Lehrstuhlnachfolger von Wolf-Hartmut Friedrich) nach Göttingen, wo er zwanzig Jahre lang in Lehre und Forschung aktiv war. 1987 wurde er zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen gewählt; im selben Jahr erlangte er bei einem Gastaufenthalt in Oxford den Titel D. Litt.. Auch nach seiner Emeritierung (1993) hielt er Vorlesungen und setzte seine Forschungsarbeit fort. Im Frühjahr 2011 zog er nach Kronberg im Taunus.

Classen war neben seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit auch als Wissenschaftsorganisator und -vermittler im In- und Ausland tätig. Er war Mitglied vieler Kommissionen der Göttinger Akademie der Wissenschaften, von 1983 bis 1987 Erster Vorsitzender der Mommsen-Gesellschaft, von 1987 bis 1989 Präsident der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Rhetorik und von 1997 bis 2002 Präsident der Fédération Internationale des Associations d’Études Classiques. Als Gastprofessor wirkte er in Austin (Texas), Ibadan, Changchun (China) sowie nach seiner Emeritierung in Rom und Tartu (Estland), wo er 2000 die Ehrendoktorwürde erhielt. Weitere Gastaufenthalte hatte er am Institute for Advanced Study in Princeton und an mehreren Colleges der University of Oxford. Er war ausländisches Mitglied der Accademia di Archeologia und korrespondierendes Mitglied der Akademie von Athen. Die Polnische Philologische Gesellschaft und die Griechische Philologische Gesellschaft Parnassos nahmen ihn als Ehrenmitglied auf. Von Oktober 2009 an war er Mitglied der Matica srpska.

Forschung[Bearbeiten]

Classens wissenschaftliches Interesse galt der antiken Rhetorik und deren Nachleben besonders im Humanismus, der griechischen Philosophie, römischen Satire, antiken Geschichtsschreibung und Wissenschaftsgeschichte. Zuletzt beschäftigte er sich mit Untersuchungen zu den antiken Wertvorstellungen und mit der rhetorischen Interpretation biblischer Texte.

Classen war (Mit-)Herausgeber mehrerer Zeitschriften und Reihen, darunter die Beiträge zur Altertumswissenschaft (1976–2010), Gnomon (1987–2007), Voces (ab 1990), Catalogus Translationum et Commentariorum (seit 1993), Emerita (ab 2002) und Studia Humaniora Tartuensia (ab 2006).

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Untersuchungen zu Platons Jagdbildern. Hamburg 1951 (Dissertation). Überarbeitete Fassung unter demselben Titel, Berlin 1960 (Schriften der Sektion für Altertumswissenschaft 25).
  • Sprachliche Deutung als Triebkraft platonischen und sokratischen Philosophierens. München 1959 (Habilitationsschrift; Zetemata 22)
  • Die Stadt im Spiegel der Descriptiones und Laudes urbium in der antiken und mittelalterlichen Literatur bis zum Ende des zwölften Jahrhunderts. Hildesheim/New York 1980 (Beiträge zur Altertumswissenschaft 2)
  • Recht – Rhetorik – Politik. Untersuchungen zu Ciceros rhetorischer Strategie. Darmstadt 1985
  • Ansätze. Beiträge zum Verständnis der frühgriechischen Philosophie. Würzburg/Amsterdam 1986 (Elementa 39)
  • Die Welt der Römer. Studien zu ihrer Literatur, Geschichte und Religion. Unter Mitwirkung von Hans Bernsdorff herausgegeben von Meinolf Vielberg. Berlin/New York 1993 (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 41)
  • Zu Heinrich Bebels Leben und Schriften. Göttingen 1997 (Nachrichten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Jahrgang 1997, Nr. 1)
  • Die Bedeutung der Rhetorik für Melanchthons Interpretation profaner und biblischer Texte. Göttingen 1998
  • Zur Literatur und Gesellschaft der Römer. Stuttgart 1998
  • Rhetorical Criticism of the New Testament. Tübingen 2000
  • Antike Rhetorik im Zeitalter des Humanismus. München/Leipzig 2003 (Beiträge zur Altertumskunde 182)
  • Vorbilder – Werte – Normen in den homerischen Epen. Berlin/New York 2008 (Beiträge zur Altertumskunde 260)
  • Aretai i virtutes: o vrednosnim predstavama i idealima kod Grka i Rimljana. Belgrad 2008
    • Deutsche Ausgabe unter dem Titel: Aretai und Virtutes. Untersuchungen zu den Wertvorstellungen der Griechen und Römer. Berlin/New York 2010 (Beiträge zur Altertumskunde 283)
  • Herrscher, Bürger und Erzieher. Beobachtungen zu den Reden des Isokrates. Hildesheim/Zürich/New York 2010 (Spudasmata 133)
Herausgeberschaft
  • Sophistik. Darmstadt 1976 (Wege der Forschung 187)
  • mit Ulrich Schindel: Dauer im Wechsel. Aufsätze von Wolf-Hartmut Friedrich. Göttingen 1977
  • Probleme der Lukrezforschung. Hildesheim/Zürich/New York 1986 (Olms-Studien 18)
  • Die klassische Altertumswissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen. Eine Ringvorlesung zu ihrer Geschichte. Göttingen 1988
  • mit Heinz-Joachim Müllenbrock: Die Macht des Wortes. Aspekte gegenwärtiger Rhetorikforschung. Marburg 1992 (Ars rhetorica 4)
  • Kurt Latte: Opuscula inedita. Zusammen mit Vorträgen und Berichten von einer Tagung zum vierzigsten Todestag von Kurt Latte. München/Leipzig 2005 (Beiträge zur Altertumskunde 219)

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfram Ax (Hrsg.): Memoria rerum veterum. Neue Beiträge zur antiken Historiographie und alten Geschichte. Festschrift für Carl Joachim Classen zum 60. Geburtstag. Steiner, Stuttgart 1990. (Palingenesia, 32) ISBN 3-515-05598-3
  • Siegmar Döpp (Hrsg.): Antike Rhetorik und ihre Rezeption. Symposion zu Ehren von Professor Dr. Carl Joachim Classen D. Litt. Oxon. am 21. und 22. November 1998 in Göttingen. Steiner, Stuttgart 1999. ISBN 3-515-07524-0
  • Heike Schmoll: Dienst an der wirksamen Sprache. Zum Tod des klassischen Philologen Carl Joachim Classen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Oktober 2013

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Traueranzeige. In: Süddeutsche Zeitung, 4. Oktober 2013 (abgerufen am 4. Oktober 2013).
  2. Carl Joachim Classen: Die Tagung der deutschen Altertumsforscher Hinterzarten 29. August – 2. September 1949. In: Eikasmós. Band 4 (1993), S. 51–59.