Birklehof

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Birklehof
Schule Birklehof, Haupthaus (2010)
Schulform Internat und Gymnasium
Gründung 1932
Ort Hinterzarten
Land Baden-Württemberg
Staat Deutschland
Koordinaten 47° 54′ 46,7″ N, 8° 5′ 40″ O47.9129722222228.0944583333333Koordinaten: 47° 54′ 46,7″ N, 8° 5′ 40″ O
Schüler ca. 230
Lehrkräfte 35
Leitung Henrik Fass
Website www.birklehof.de

Die Schule Birklehof ist ein reformpädagogisches Internat und Gymnasium mit ganzheitlichem Schulkonzept in Hinterzarten im Schwarzwald.

Der Birklehof gehört der Round Square Conference an, einem internationalen Zusammenschluss von Internatsschulen mit gemeinsamer Zielsetzung. Diese Schulen unternehmen zusammen internationale soziale Projekte und pflegen einen regen Schüleraustausch quer über alle Kontinente. Außerdem ist der Birklehof Mitglied in der Internate Vereinigung sowie im Schulverbund 'Blick über den Zaun'.


Geschichte[Bearbeiten]

Seinen Namen erhielt der Birklehof von Adam Birkle, der ihn von seinem Schwiegervater Moritz Hecht († 1608) erbte. Die Familie Hecht hatte den Hof schon längere Zeit besessen, von dem eine Sage berichtet, er sei einst das Messmer-Haus zur Kapelle Sankt Oswald im Höllental gewesen.[1]

Der Birklehof wurde 1932 als Schwesterschule von Schloss Salem gegründet, die der Pädagoge Kurt Hahn leitete. Besitzer des Birklehofs, der als Landerziehungsheim für Jungen und Mädchen gegründet wurde, war Hans Wendelstadt.[2]

Ab 1933 wurde die Schule von Wilhelm Kuchenmüller geleitet, bis sie im Sommer 1944 geschlossen wurde. Von 1940 bis 1942 unterrichtete der spätere Heidelberger Religionsphilosoph Georg Picht am Birklehof. Er verließ die Schule jedoch, da er Kuchenmüller vorwarf, die Verstaatlichung der Schule durch die Nationalsozialisten zu fördern.[3] Allerdings wird an anderer Stelle berichtet, dass Kuchenmüller bis fast zum Ende „Nichtarier“ als Schüler behielt und Lehrer beschäftigte, die im Staatsdienst aus politischen Gründen keine Anstellung mehr finden konnten.[1]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schule am 7. Januar 1947 wieder eröffnet,[1] auf Wunsch von Wendelstadt mit Georg Picht als Schulleiter.[3] Den Anfang machten 12 interne und etwa 50 externe Schüler.[1] Im Jahr 1947 zerstörte ein Brand Teile des Haupthauses.[4][1] Am 26. November 1949 wurde der Verein der Schule Birklehof e.V. gegründet, im Jahr darauf erfolgten der Eintrag in das Vereinsregister sowie die Anerkennung der Gemeinnützigkeit.

Im gleichen Jahr wurde Hans Döhmer eingestellt, um Wendelstadt bei der Geschäftsführung zu unterstützen. Zusammen mit einem Steuerberater zeigte er auf, wie schlecht es um die Finanzen der Schule stand. Dies führte zum Rücktritt von Wendelstadt als Geschäftsführer, und Döhmer übernahm dessen Aufgaben. Nach längeren Pachtvertragsverhandlungen gelang es dem Schulträger 1954, das Gelände von Wendelstadt und seiner Familie zu kaufen.[5] In den folgenden Jahren engagierte sich Picht in der Bildungspolitik, wo er unter anderem mit seinem ehemaligen Lateinlehrer Leo Wohleb zu tun hatte. 1955 trat Picht von der Schulleitung zurück, da die von ihm zu Beginn seiner Tätigkeit angekündigten 10 Jahre Schulleitung vorüber waren. Er wurde Vorstandsvorsitzender im Schulverein. Seine Nachfolge trat eine Dreierspitze („Triumvirat“) aus Unterrichtsleiter Rudolf Till, Internatsleiter Ludwig Herchenröther und Wirtschaftsleiter Hans Döhmer an.

1959 verließ Till den Birklehof und ging an die Universität Erlangen. Bereits im Vorfeld begab man sich auf die Suche nach jemandem, der die Nachfolge übernehmen könnte. Zu den damals erwogenen und teilweise angefragten Personen gehörten Klaus Ritter, Heinz Haerten, Dieter Sauberzweig, Karl Friedrich Scheidemann, Charlotte von der Schulenburg, Hartmut von Hentig, Axel von dem Bussche sowie Kurt Thomas. Letzterer war bis 1963 im Gespräch, um im Birklehof ein Musikgymnasium zu realisieren.[6]

Der Schulvorstand bestimmte schon im April 1961 den SPD-nahen Publizisten Helmut Lindemann zum Nachfolger, der jedoch kein Jahr im Amt verblieb. 1963 übernahm der Altphilologe Klaus Weidauer die Position des Schulleiters und bekleidete sie bis 1985. Von 1985 bis 2002 leitete der Historiker Götz Plessing die Internatsschule, der zuvor an der Schule Schloss Salem unterrichtet hatte. Ihm folgte bis zum Ende des Schuljahres 2011/2012 Christof Laumont als Schulleiter, bevor er von Henrik Fass abgelöst wurde.[7]

Als im Jahr 2010 Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim untersucht wurden, mit der der Birklehof in den 1940er- und 1950er-Jahren zusammen an einer Reform der Oberstufe gearbeitet hatte,[8] unternahm die Leitung des Birklehofs ebenfalls Nachforschungen in diese Richtung. Dabei wurden Anschuldigungen gegen einen örtlichen Mediziner laut, der über Jahrzehnte Sprechstunden im Birklehof abgehalten hatte und dabei Mädchen und Jungen missbraucht haben soll. Daneben wurde von einem gewalttätigen Lehrer berichtet sowie von drei Lehrkräften, die infolge sexueller Belästigung in den 1950er-Jahren entlassen worden seien.[9]

Konzept[Bearbeiten]

Der Birklehof verbindet die schulische Ausbildung mit einem ganzheitlichen Erziehungskonzept. Das bedeutet, dass die Schüler nicht nur auf das Abitur hinarbeiten, sondern sich zugleich in der Gemeinschaft zu weltoffenen, leistungsfähigen und verantwortlichen Menschen entwickeln sollen. Erwerben von Schlüsselqualifikationen wie soziale Kompetenzen, freies Sprechen und Präsentieren von Inhalten vor größeren Gruppen, das Moderieren von Gruppeninteraktionen, Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft sind Schwerpunkte der internatlichen und schulischen Erziehung. Grundlage dieses Konzepts ist ein „Moderner Humanismus“. Der Birklehof misst Sprachen und Naturwissenschaften die gleiche Bedeutung zu. Musikalisches, künstlerisches und sportliches Engagement haben einen hohen Stellenwert im schulischen Alltag. Begegnungen mit Menschen aus aller Welt sollen zu auch international verantwortlichem Handeln anregen.

Schulisches Profil[Bearbeiten]

Als staatlich anerkanntes, konfessionell nicht gebundenes Gymnasium hat der Birklehof ein naturwissenschaftliches, ein sprachliches sowie ein musisches Profil. Altgriechisch kann freiwillig als zusätzliches Wahlfach belegt werden; die Übernahme des viele Jahre mangels Nachfrage zurückgestuften Altgriechischen in den Kanon der Wertungsfächer für das Abitur ist aufgrund erneuten Zuspruchs geplant.[10] Alle Schüler, die 2004 oder später in die 5. Klasse kommen, legen das Abitur nach 12 Schuljahren ab. Schule und Internatszimmer bieten Zugang zum Internet und zum Birklehof-Intranet. Die neuen Medien werden produktiv in Unterricht und Gemeinschaftsleben integriert.

Der Musikunterricht in der Unterstufe wird am Birklehof nach der „Music Learning Theory“ von Edward E. Gordon erteilt. Das bedeutet, dass die Schüler nicht über aufgezeichnete Noten oder Melodien an die Musik herangeführt werden, sondern über das Singen und Hören von Tönen, die sich ihnen als inneres Tonrepertoire einprägen. So wird den Schülern früh ein eigenständiger, kreativer Umgang mit Musik als Ton-Sprache ermöglicht.

Als freie – wiewohl staatlich anerkannte – Schule hat der Birklehof das normale Unterrichtspensum um eigene Angebote erweitert: Die wöchentliche Schulversammlung, die Spielstunde in Klasse 5 und 6, IT-Unterricht und Textiles Gestalten in den Klassen 6 und 7, Werken und Töpfern in Klasse 8 und 9, der Nachmittagssport.

Zusammensetzung der Schülerschaft[Bearbeiten]

Die rund 160 im Internat lebenden Schüler kommen zu 40 % aus Baden-Württemberg, die übrigen aus allen Teilen Deutschlands und dem Ausland; dazu rund 70 externe Schüler aus den umliegenden Gemeinden. Das Schulgeld für die internen Schüler beträgt rund 2600 € pro Monat. Ähnlich der Schule Schloss Salem, aus der der Birklehof 1932 hervorging, bedingen die Kosten eine Zusammensetzung der Schülerschaft aus vorwiegend wohlhabenden Familien.

Der Birklehof schreibt alljährlich Schulen in ganz Deutschland an, um interessierte Schüler für das Internat zu gewinnen. An 20 % der internen Schüler werden Stipendien und Teilstipendien vergeben; mit Leistungsstipendien wendet sich die Schule an besonders begabte und interessierte Schüler.

Ganzheitliche Förderung[Bearbeiten]

Rund 40 Arbeitsgemeinschaften bieten jedem Schüler die Möglichkeit, seinen besonderen Interessen und Fähigkeiten nachzugehen. Schwerpunkte liegen bei Musik, Theater, Kunst(handwerk) und den Freiluft-Sportarten. In der unmittelbaren Umgebung des Birklehofs bieten sich Möglichkeiten zum Mountainbiken, Skifahren, Reiten, Golfen, Tennisspielen, Wandern und Klettern.

Viele Schüler des Birklehofs nutzen die ihnen gebotenen Möglichkeiten intensiv. Davon zeugen die Auszeichnungen bei Wettbewerben wie „Jugend musiziert“, „Jugend forscht“, „Jugend debattiert“, „Demokratisch Handeln“, Filmwettbewerben und Sportwettkämpfen sowie die über dem Durchschnitt liegende Zahl der Aufnahmen in die Studienstiftung des Deutschen Volkes. Ein Schüleraustausch mit über 40 Schulen auf allen Kontinenten[11] und die Teilnahme an internationalen Umwelt- und Hilfsprojekten ermöglichen den Schülern Begegnungen mit Menschen in aller Welt.

Schulgemeinschaft[Bearbeiten]

Leben und Lernen in einer großen und doch überschaubaren Gemeinschaft wird am Birklehof als bereichernde Ergänzung zum Aufwachsen in der Familie verstanden. Die meisten Lehrer wohnen am Birklehof, betreuen die Internatshäuser und sind für die Schüler auch außerhalb des Unterrichts ansprechbar. Jeder Schüler ist zur Mitgestaltung des „Gemeinwesens Birklehof“ aufgefordert. In den für alle verbindlichen Diensten lernen die Schüler, ihre Fähigkeiten für andere einzusetzen, Verantwortung zu übernehmen und mit persönlichem Einsatz Veränderungen herbeizuführen.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Bekannte Schüler[Bearbeiten]

Bekannte Lehrer und weitere Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Birklehof – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Hildegard Herchenröther: Meine Geschichte der Schule Birklehof in: Der Birklehof in der Nachkriegszeit 1946–1963, eine Textsammlung (PDF-Datei; 306 kB), 2004
  2. Löwe, S. 7
  3. a b Löwe, S. 3
  4. Löwe, S. 12
  5. Löwe, 27 ff.
  6. Löwe, S. 43
  7. : Hinterzarten: Der Neue ist ein alter Bekannter, Badische Zeitung, 4. September 2012, abgerufen am 28. November 2012
  8. Löwe
  9. Jörg Schindler: Elite-Internat Birklehof: Vorwürfe gegen ehemaligen Schularzt, Frankfurter Rundschau, 9. April 2010, abgerufen am 28. November 2012
  10.  Salvete, discipuli!. In: Der Spiegel. Nr. 14, 2006 (online).
  11. Homepage des Roundsquare Projekts