Carmine Pecorelli

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Carmine „Mino“ Pecorelli (* 14. September 1928 in Sessano del Molise; † 20. März 1979 in Rom) war ein italienischer investigativer Journalist, der knapp ein Jahr nach der Entführung des italienischen Spitzenpolitikers Aldo Moro ermordet wurde. Pecorelli, der über sehr gute Kontakte zu Geheimdiensten verfügte,[1] hatte umfangreich zur Entführung und Ermordung Moros – deren Hintergründe bis heute ungeklärt sind – publiziert. Seiner Auffassung nach war die Ermordung Moros durch die terroristischen Rote Brigaden von einer dritten, mächtigen Instanz initiiert worden, die er nicht namentlich bezeichnete.[2] Pecorelli war Mitglied der rechtsgerichteten Geheimloge Propaganda Due,[3] der auch viele italienische Spitzenpolitiker, Polizeifunktionäre und Militärs angehörten. Der langjährige italienische Ministerpräsident und Minister Giulio Andreotti sowie der Mafia-Boss Gaetano Badalamenti wurden 2002 zu je 24 Jahren Haft für den Mord an Pecorelli verurteilt; das Urteil wurde jedoch 2003 aufgehoben.

Leben[Bearbeiten]

Pecorelli diplomierte sich in Rechtswissenschaften und arbeitete als Rechtsanwalt. 1962 leitete er im Ministerium für Öffentliche Arbeiten unter Fiorentino Sullo[4] die Presseabteilung und kam so zum Journalismus. Er gründete die Presseagentur Osservatorio Politico (OP), die einige politische Skandale aufdeckte; Pecorelli veröffentlichte Nachrichten für Nachrichtendienste. Der später ermordete Polizeigeneral Carlo Alberto Dalla Chiesa wurde in den Berichten von Pecorelli unter der Bezeichnung Amen geführt. Laut Pecorelli soll Amen es gewesen sein, der Innenminister Francesco Cossiga vom Auffinden der Höhle, in der Moro während seiner Entführung festgehalten wurde, berichtet habe. Nach Aldo Moros Ermordung veröffentlichte Pecorelli Moros Briefe an seine Familie. Im Mai 1978 brachte Pecorelli den Mord an Moro mit einer damals noch unbekannten Geheimorganisation in Zusammenhang, deren Aufdeckung 1990 unter dem Namen Gladio eine politische Affäre in Italien auslöste: Moro hatte während seiner Gefangenschaft gegenüber den Roten Brigaden streng geheime asymmetrische Kriegführungspläne der NATO offenbart,[1] denen er äußerst kritisch gegenüberstand (siehe auch Gladio und Strategie der Spannung).

Pecorelli veröffentlichte im September 1978 zudem eine Liste von vatikanischen Geistlichen, die zur Loge Propaganda Due gehören sollen. Unter den Genannten befanden sich u. a. die Kurienkardinäle Jean-Marie Villot, Sebastiano Baggio und Ugo Poletti.[5]

Thesen zur Moro-Ermordung[Bearbeiten]

Pecorelli schrieb in einem Artikel, dass die Entführung und Ermordung Moros von einer lucido superpotere initiiert worden sei, was wörtlich übersetzt Leuchtende Superkraft heißt. Welche Person oder welchen Personenkreis er damit meinte, ist unklar. Seiner Auffassung nach habe die Tat der „Logik der Konferenz von Jalta“ entsprochen, auf der am Ende des Zweiten Weltkriegs die Aufteilung Europas in die zwei Einflusssphären der USA und der Sowjetunion vorbereitet wurde. Diese Aussage wird so interpretiert, dass Pecorelli Moros Tod als Folge des von diesem geplanten historischen Kompromisses mit den Kommunisten ansah. Der Christdemokrat Moro strebte damit eine Regierungsbeteiligung der Kommunistischen Partei Italiens an, was das Gleichgewicht des Einflusses der beiden Supermächte in Europa möglicherweise verändert hätte.[1]

Ermordung[Bearbeiten]

Mino Pecorelli wurde im Prati-Viertel in Rom durch vier Pistolenschüsse ermordet. Die verwendete Munition war von der Marke Jules Gévelot, die auch in einem Waffenlager der Banda della Magliana[6] im Keller des italienischen Gesundheitsministeriums gefunden worden war.

Die Ermittlungen richteten sich gegen Massimo Carminati,[7] ein Mitglied der rechtsextremen Nuclei Armati Rivoluzionari, den Chef der Geheimloge Propaganda Due, Licio Gelli, Colonel Antonio Viezzer, Leiter des Militärgeheimdiensts Servizio Informazioni Difesa, sowie gegen Cristiano und Valerio Fioravanti, letzterer später rechtskräftig verurteilt für den Bombenanschlag von Bologna 1980.

Am 6. April 1993 sagte der Mafia-Aussteiger Tommaso Buscetta in Palermo vor einem Richter aus, sein Chef Gaetano Badalamenti habe ihm mitgeteilt, dass Pecorelli im Zusammenhang mit Interessen von Giulio Andreotti ermordet worden war. Buscetta bezeugte, dass ihm Badalamenti gesagt hatte, dass die „Cousins“ (Mafia-Jargon für Bandenmitglieder) von Antonio Salvo den Auftragsmord als einen Gefallen für Andreotti ausgeführt hatten. Andreotti habe befürchtet, dass Pecorelli Informationen über ihn veröffentlichen würde, die seine politische Laufbahn hätten beenden können.

1999 wurden Andreotti, Claudio Vitalone,[8] Gaetano Badalamenti, Giuseppe Calò, Massimo Carminati[7] und Michelangelo La Barbera von einem Gericht in Perugia freigesprochen.

Am 17. November 2002 wurden Andreotti und Badalamenti in zweiter Instanz zu je 24 Jahren Haft für die Ermordung von Pecorelli verurteilt. Das Urteil wurde am 30. Oktober 2003 in der Berufungsverhandlung durch das Oberste Kassationsgericht wieder aufgehoben.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Philip Willan: Moro’s ghost haunts political life, The Guardian, 9. Mai 2003
  2. Pecorelli schrieb von einer lucido superpotere, was wörtlich übersetzt Leuchtende Superkraft heißt. Welche Person oder welchen Personenkreis er damit meinte, ist ungeklärt.
  3. Lista degli appartenenti alla P2 in der italienischsprachigen Wikipedia – Liste der P2-Angehörigen
  4. Fiorentino Sullo in der italienischsprachigen Wikipedia
  5. David Yallop: Im Namen Gottes? S. 246, ISBN 3-426-03812-9
  6. Banda della Magliana in der englischsprachigen Wikipedia
  7. a b Massimo Carminati in der italienischsprachigen Wikipedia
  8. Claudio Vitalone in der italienischsprachigen Wikipedia