Dänische Volkskirche

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Kirche in Holte/Dänemark

Die Dänische Volkskirche (dänisch: Folkekirken) ist die evangelisch-lutherische Staatskirche des Königreichs Dänemark. An ihrer Spitze stand früher die Königin oder der König als Oberhaupt. Seit der Verfassung von 1849 ist diese Regelung abgeschafft. Sie ist die mit Abstand größte Kirche in Dänemark sowie Grönland und zählt 4.469.109 Kirchenmitglieder (Stand: 2011).[1] Auf den Färöern gibt es seit 2007 die selbständige Volkskirche der Färöer.

Geschichte[Bearbeiten]

Kirche in Villingerød/Dänemark

Im Verlauf der Reformation nahm König Christian III. die lutherische Konfession an und ließ die katholischen Bischöfe in Gewahrsam nehmen. Auf dem Reichstag von Kopenhagen im Jahr 1536 wurden die Kirchengüter von der Krone eingezogen und die lutherische Konfession zur allein gültigen erklärt. An die Stelle der Bischöfe traten 1537 sieben Superintendenten, die jedoch schon bald wieder die Bezeichnung Bischof erhielten.

Die größte und wichtigste Neuerung war die Einführung der Landessprache in der Liturgie zwischen 1537 und 1539. Durch die „Lex regia“ von 1661 wurde der Absolutismus eingeführt und in Art. 6 die Oberhoheit des Königs über die Geistlichkeit und die Gottesdienste festgeschrieben. Das Gesetz Christians V. von 1683 (Danske Lov) wiederholte diese absolute Oberhoheit des Königs über die Kirche gleich im 1. Buch, 1. Kapitel.[2] Als Glaubensinhalt wurde die Heilige Schrift, das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Nicänische und Athanasische Glaubensbekenntnis, das Augsburger Bekenntnis und der Kleine Katechismus Luthers festgeschrieben.[3] Katholiken („Papisten“) verloren das Erbrecht und mussten das Reich verlassen: Mönchen, Jesuiten und Papisten war der Aufenthalt bei Todesstrafe verboten.[4] Dies galt außer dem Luthertum für alle anderen Religionen. Ausnahmen galten nur für Diplomaten und deren Personal.

Die Verfassung von 1849 beseitigte die Kirchenleitung durch den König und führte die Religionsfreiheit ein. Nachdem 1903 ein Gemeindekirchenräte-Gesetz erlassen worden war, begann eine zunehmende Demokratisierung der Staatskirche, was 1947 zur Zulassung von Frauen zum Pfarramt und 1995 zur Wahl der ersten Bischöfin führte. Ab 2012 ermöglicht die Dänische Kirche die kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.[5]

Einen großen Einfluss auf die dänische Kirche übte der im 19. Jahrhundert lebende Theologe und Schriftsteller Nikolai Frederik Severin Grundtvig aus. Viele Kirchenlieder stammen von ihm. Nach ihm wurde die Kirchenbewegung des Grundtvigianismus benannt.

Organisation[Bearbeiten]

In der dänischen Verfassung ist festgelegt, dass der Monarch lutherischen Bekenntnisses sein muss. In administrativen und nicht-theologischen Fragen hat das nationale Parlament Folketing die Befugnis zur Rahmengesetzgebung und das seit 1916 bestehende Kirchenministerium (seit 2011 Ministerium for ligestilling og kirke) die Zuständigkeit für die Ausführungsbestimmungen. Das Ministerium leitet seit Oktober 2011 Manu Sareen, der in einer hinduistischen Familie aufwuchs und erst 2002 durch Taufe Mitglied der Volkskirche geworden war.[6]

Eine zentrale Kirchenverwaltung gibt es nicht, nur den Zwischenkirchlichen Rat (Folkekirkens mellemkirkelige råd), der für die ökumenischen Beziehungen im In- und Ausland zuständig ist. Das Kirchenministerium ist für die Registrierung von Geburten und Todesfällen zuständig, unabhängig von der Kirchenmitgliedschaft. Die Gemeindebüros der einzelnen Kirchengemeinden übernehmen damit auch die Aufgabe von Standesämtern.

Die Bistümer sind in theologischen Fragen selbständig. Die Leitung der Bistümer obliegt den Bischöfen, gemeinsam mit den staatlich eingesetzten Verwaltungsdirektoren (stiftamtmand), wobei ein Bistumsrat (stiftsråd) bestehend aus Pfarrern und Kirchenvorständen wesentliche Mitspracherechte hat. Die Bischöfe werden von den Pfarrern und Kirchenvorständen gewählt und im Anschluss von der Königin ernannt. Der Bischof von Kopenhagen, der unter den Bischöfen die Rolle als primus inter pares (erster unter gleichen) einnimmt, führt die Einführung durch.

Die Bistümer sind unterteilt in Propsteien, welche das Bindeglied zwischen den Gemeinden und den Bistümern bilden. In den 11 Bistümern, wovon eines das Bistum von Grönland ist, gibt es insgesamt 111 Propsteien und 2200 Gemeinden.

Bis 2007 bestand die dänische Volkskirche aus zwölf Bistümern. Mit dem Übernahmegesetz vom 4. April 2005 beschloss die Landesregierung der Färöer die Unabhängigkeit des Bistums der Färöer. Zum Nationalfeiertag der Färöer, dem Ólavsøka, wurde 2007 die Färöische Volkskirche gegründet.

Rund 78,4 % aller Dänen sind Mitglied der Volkskirche (Stand 1. Januar 2014).

Erik Norman Svendsen, emeritierter Bischof von Kopenhagen
Bistum
(dänisch: Stift)
Bischof Mitglieder Dom
Aalborg Henning Toft Bro 451.774 Sct. Budolfi Domkirke Aalborg
Fünen (Fyn) Tine Lindhardt 406.567 Sankt Knuds Kirke
Haderslev Marianne Christiansen 396.852 Haderslev Vor Frue Domkirke
Helsingør Lise-Lotte Rebel 712.601 Sct. Olai Domkirke Helsingør
København Peter Skov-Jakobsen 465.970 Vor Frue Domkirke København
Lolland-Falster Steen Skovsgaard 90.864 Maribo Domkirke
Ribe Elisabeth Dons Christensen 315.514 Vor Frue Domkirke Ribe
Roskilde Peter Fischer-Møller 589.476 Roskilde Domkirke
Viborg Karsten Nissen 366.408 Vor Frue Domkirke Viborg
Århus Kjeld Holm 658.440 Skt. Clemens Domkirke Århus
Grönland Sofie Bodil Louise Lisbeth Petersen 33.000 Vor Frelser Kirke Nuuk

Bekenntnis[Bearbeiten]

Die zentralen Bekenntnisse der evangelisch-lutherischen Volkskirche sind:

Sie gehört dem Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Lutherischen Weltbund, der Konferenz Europäischer Kirchen und der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa an. Nachdem die Dänische Volkskirche 15 Jahre nur Beobachterstatus hatte, trat sie 2010 auch der Porvoo-Gemeinschaft bei, die aus den nordischen und baltischen lutherischen Kirchen und den britischen und irischen anglikanischen Kirchen besteht.

Deutschsprachige Gemeinden[Bearbeiten]

Für die deutsche Minderheit in Nordschleswig unterhält die dänische Volkskirche vier deutsche Pfarrämter in den Städten Haderslev (Hadersleben), Aabenraa (Apenrade), Sønderborg (Sonderburg) und Tønder (Tondern), die jeweils mit einem Pastor oder einer Pastorin besetzt sind, die in Deutschland (Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche) ausgebildet wurden. Auf dem Lande werden die deutschen Gemeinden kirchlich durch 5 Pastorinnen und Pastoren der als Freigemeinde organisierten Nordschleswigschen Gemeinde versorgt.

Der deutschsprachigen Gemeinde in Kopenhagen wurde im Jahre 1585 von König Friedrich II. die St.-Petri-Kirche (Kopenhagen) zur Verfügung gestellt.

Die Hauptkirche Heiliggeistkirche in Flensburg.

Dänischsprachige Gemeinden im Ausland[Bearbeiten]

Die dänischen Gemeinden im Ausland werden von der Dänischen Kirche im Ausland (Danske Sømands- og Udlandskirker) betreut. In Deutschland besteht jeweils eine dänische Kirche in Berlin (Christianskirken) und in Hamburg (Benediktekirken). Auch in der Schweiz und Österreich besteht jeweils eine dänische Gemeinde.

Der Dänischen Kirche im Ausland ist auch die Dänische Kirche in Südschleswig angeschlossen, die die 35 Kirchengemeinden der dänischen Minderheit im Norden Schleswig-Holsteins betreut. Deren Hauptkirche ist die Heiliggeistkirche in Flensburg.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Otmar Hahn, Volker Herrmann (Hrsg.): Schwerpunktthema: Diakonie in Dänemark. (= DWI-Info 24). Universität Heidelberg, Heidelberg 1990/1991 (Volltext).
  • Mark Hallett: Staat und Kirche in Dänemark. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2001, ISBN 3-631-36977-8 (zugl. Dissertation, Universität Freiburg i. Br. 2000).
  • Poul Hartling (Red.): Die dänische Kirche. Det Danske Selskab, Kopenhagen 1964.
  • Günter Weitling: Deutsches Kirchenleben in Nordschleswig seit der Volksabstimmung 1920. Bund Deutscher Nordschleswiger & Archiv/Historische Forschungsstelle der deutschen Volksgruppe, Aabenraa 2007, ISBN 978-87-991948-0-3.
  • Martin Schwarz Lausten: Dänemark I. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE) Bd. 8 (1981), S. 300–317.
  • Martin Schwarz Lausten: Danmarks kirkehistorie. Gyldendal, Kopenhagen 1987,2004, ISBN 87-02-02701-1 (englisch: A church history of Denmark. Ashgate, 2002 ).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Dänische Volkskirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lutheranworld.org (pdf-Dokument; 150 kB)
  2. Kongen haver og eene Høyeste Magt over ald Clericiet, fra den Høyeste til den Laveste, at beskikke og anordne ald Kirke og Gudstieniste, Moder, Sammenkomst og Forsamlinger om Religions-Sager efter Guds Ord og den Augsburgiske Confession, …. (Der König hat auch die höchste Macht über die gesamte Geistlichkeit, vom höchsten bis zum niedrigsten, und er bestellt und ordnet alle Kirchen und Gottesdienste, Versammlungen und Tagungen in Kirchensachen nach Gottes Wort und der Augsburger Konfession …)
  3. 2. Buch.
  4. 7. Buch, 1. Kapitel.
  5. Der Standard:Kirchliche Trauung für dänische Lesben und Schwule
  6. ”Jeg har brug for, at Gud er der” Kristeligt Dagblad online, 4. Oktober 2011