Die Wand

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Dieser Artikel behandelt den Roman Die Wand. Zu dem gleichnamigen Film siehe Die Wand (Film).

Die Wand ist ein Roman der Schriftstellerin Marlen Haushofer aus dem Jahr 1963. Dieser dritte und erfolgreichste Roman der Autorin beschreibt das Leben einer Frau, die in aller Radikalität von der Zivilisation abgeschnitten wird. Die Verfilmung des Romans kam unter demselben Titel Die Wand im Oktober 2012 in die Kinos.[1] Der Stoff wurde im Dezember 2012 von Christian Nickel für das Burgtheater inszeniert.

Inhalt[Bearbeiten]

Die vierzigjährige Protagonistin, die namentlich nicht genannt wird, tritt in dem Roman als Ich-Erzählerin auf. Sie reist mit ihrer Cousine Luise und deren Ehemann Hugo an einem Wochenende zu einer Jagdhütte ins Gebirge. Das Ehepaar sucht abends noch eine im Tal gelegene Gaststätte auf. Morgens vermisst die Erzählerin ihre Begleiter und verlässt die Hütte, um nach ihnen Ausschau zu halten. Doch am Ausgang der Schlucht stößt sich ihr Hund die Schnauze an einer unsichtbaren Sperre blutig. Ein Mann, der im Tal an einem Brunnen Wasser schöpft, wirkt in ihrem Fernglas wie versteinert.

Es scheint, als habe ein großes Unglück alle – zumindest aber alle ihr durch die gläserne Wand sichtbaren – Lebewesen getötet. Damit wäre sie durch die rätselhafte Wand zugleich geschützt und gefangen. Da sich das von der Wand umschlossene Gebiet über mehrere Jagdreviere erstreckt, lernt die so Isolierte allmählich, sich von den verbliebenen Vorräten, den Früchten und Tieren des Waldes und ihrem Garten zu ernähren. Zu der Sorge um ihre eigene Existenz kommt dabei bald die Sorge um verschiedene Tiere, die ihr zulaufen: neben einem Hund und Katzen eine trächtige Kuh. Während eines Winters holt sie ihre Notizen hervor und fertigt den vorliegenden Bericht an – ohne zu wissen, ob ihn jemals jemand zu Gesicht bekommen wird.

Gegen Ende erscheint auf der Alm, die die Frau als Sommerquartier bezogen hat, ein Mann. Da er ohne ersichtlichen Grund ihren jungen Stier und ihren Hund erschlägt, erschießt die Frau den Mann. Trotz dieses Mordes klingt die Erzählung optimistisch aus; so heißt es unter anderem: „Seit heute früh weiß ich sicher, daß Bella ein Kalb haben wird. Und, wer weiß, vielleicht wird es doch wieder junge Katzen geben.“[2] Die Gefangene verschiebt ihren schon wiederholt erwogenen Ausbruch, obwohl ihr sowohl die Munition als auch die Zündhölzer ausgehen. Ihr Schicksal bleibt offen.

Entstehung und Hintergrund[Bearbeiten]

Wohnsitz ab 1960: Taborweg 19 in Steyr

Nach der Übersiedelung von der Steyrer Innenstadt in den Stadtteil Tabor, Haus Taborweg 19, begann Haushofer im November 1960 mit der Niederschrift des Romans. Sie erwähnte in einem Gespräch: „Der Stoff zur Wand muß immer schon dagewesen sein (…) Ich habe ihn mehrere Jahre herumgetragen, aber ich habe mir nicht einmal Notizen gemacht (…). Ich habe auch mit niemandem darüber gesprochen.“ Der Arbeitstitel lautete erst Die gläserne Wand, wurde jedoch noch während der Arbeit am Manuskript in Die Wand umgeändert. Die erste Niederschrift ist noch in der dritten Person abgefasst und die später namenlose Icherzählerin heißt Isa, der Hund Maxi (später: Luchs). Das Vorbild für das Jagdhaus ist die 1924 erbaute, etwa eine Stunde Fußmarsch vom Forsthaus Effertsbach entfernte Lackenhütte im Mollner Ortsteil Ramsau. Die Alm, auf welche die Icherzählerin mit den Tieren im Sommer übersiedelt, ist der Haidenalm nachempfunden. Die Autorin ließ sich bei Fragen über Tiere und Pflanzen von ihrem Bruder Rudolf beraten, der ein Studium der Forstwissenschaft abgeschlossen hatte. Das Setzen von Interpunktionszeichen und Absätzen im Typoskript überließ sie ihrem Mentor Hans Weigel. Für die Publikation wechselte Haushofer vom österreichischen Zsolnay-Verlag zu S. Mohn (Gütersloh).[3]

Rezeption[Bearbeiten]

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Haushofers Roman kann in vielfältiger Weise rezipiert werden. Er kann als radikale Zivilisationskritik verstanden werden, die den Menschen wieder in die Natur zurückversetzt und ihm Kulturgüter wie den am Haus langsam zuwachsenden Mercedes als ebenso unsinnig wie überflüssig entzieht. Positiv betrachtet, sichert sie dem Menschen dadurch das Überleben – und die Möglichkeit, sich zu läutern. Andererseits fordert sie durch die solipsistische und isolierte Lebensweise der Erzählerin einen hohen Tribut.

Der einzige weitere Überlebende erweist sich als so aggressiv, dass er, kaum eingeführt, von der Protagonistin erschossen wird. Eine darauf Bezug nehmende Lesart ist, den Roman als Kritik am Patriarchat aufzufassen. Zwar wird der verstorbene Ehemann der Erzählerin in ihren Erinnerungen nicht angeprangert, doch er spielt eine Nebenrolle.

Deutlich sind die Eigenschaften einer Robinsonade zu erkennen: Ein Mensch wird unversehens und unverschuldet zu einem einsamen Inseldasein gezwungen und muss sich die notwendigen Kulturtechniken erst wieder aneignen, um überleben zu können. Auch die zutiefst verunsichernde Begegnung mit dem lange verborgen gebliebenen anderen Menschen gibt es in Die Wand – im Unterschied zu Robinson Crusoe endet hier allerdings das Zusammentreffen sofort in einer Katastrophe.

Nochmals erscheint das Motiv der Wand im 1966 erschienenen, stark autobiografisch geprägten Kindheitsroman Himmel, der nirgendwo endet. Dort heißt es: „Ganz langsam wächst eine Wand zwischen Mutter und Tochter auf. Eine Wand, die Meta nur in wildem Anlauf überspringen kann; kopfüber in die blaue Schürze, in eine Umarmung, die Mama fast den Hals verrenkt und ihr das Haar aus dem Knoten reißt.“[4] Von dieser Warte aus lässt sich die Lage der Wand-Erzählerin auch als Metapher für die Einsamkeit des Menschen verstehen, als Gefangenschaft im Ich. Diesen Blickwinkel nimmt Henner Reitmeier in seinem Relaxikon-Artikel über Haushofer ein.[5] Nebenbei macht Reitmeier auf eine bedenkliche Schwachstelle in der Romankonstruktion aufmerksam. Zu Beginn, nach dem Zusammenstoß mit der unsichtbaren Sperre am Ausgang der Schlucht, kann die Ich-Erzählerin gar nicht wissen, welches Ausmaß das Verhängnis haben wird. Eine kurze Untersuchung des Verlaufs der rätselhaften Wand bricht sie ab, um sich um eine mitgefangene Kuh zu kümmern. Gleichwohl geht sie sofort davon aus, im Gebirgskessel isoliert zu sein. Das bestätigt sich erst Wochen später bei einer Wanderung zur Alm. Hier liegt der Verdacht nahe, trotz der Tragik unserer Verloren- und Verlassenheit begrüße sie diese auch. Die Wand zwingt sie dazu, sich ihrer Angst zu stellen. Sie kann nicht mehr vor sich selber weglaufen.

Über die vorangegangenen Rezeptionsansätze hinaus lässt sich Haushofers Roman auch als Geschichte eines letztlich harmonischen Zusammenlebens von Mensch und Tier in einer größtenteils unberührten Natur lesen. In manchen Passagen erscheinen sogar Züge einer Katzengeschichte, die die Autorin wiederum im Kinderbuch Bartls Abenteuer (1964) aufnimmt. Insgesamt bleibt Haushofers Roman eine in schlichter, wenn auch sehr genauer Sprache dargebotene Utopie, die zwischen Aufbegehren und Versöhnlichkeit zu schwanken scheint und vielleicht gerade darum das beliebteste Werk der Autorin ist.

Ausgaben (Auswahl)[Bearbeiten]

Hörbuch[Bearbeiten]

  • Marlen Haushofer: Die Wand, ungekürzte Lesung von Julia Stemberger, Doppel-CD, 2002, Preiser Naxos

Verfilmung[Bearbeiten]

In den Jahren 2010 und 2011 verfilmte der österreichische Regisseur Julian Pölsler den Roman mit Martina Gedeck in der Hauptrolle. Der gleichnamige Film wurde von Coop99 und Starhaus Filmproduktion produziert und hatte seine Premiere zur Berlinale 2012.[6] Kinostart war im Oktober 2012.[1]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Website des Films
  2.  Marlen Haushofer: Die Wand. 14. Auflage. Claassen Verlag, Hamburg und Düsseldorf 2004, S. 275.
  3. Daniela Strigl: „Wahrscheinlich bin ich verrückt …“, List Verlag, 2008 ISBN 978-3-548-60784-9 S. 242 ff., Kapitel: 1960 - Flucht durch die Wand
  4.  Marlen Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet. Ullstein Verlag, Berlin 2005, S. 15.
  5. Der Große Stockraus, Berlin 2009, S. 80; der Artikel ist auch online nachlesbar, abgerufen am 4. Juli 2012.
  6. Webseite der Berlinale