Enrico Mattei

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Enrico Mattei (rechts) zusammen mit dem Abgeordneten Francesco Salerno

Enrico Mattei (* 29. April 1906 in Acqualagna bei Pesaro, Italien; † 27. Oktober 1962 in Bascapè, Italien) war ein italienischer Manager an der Spitze der 1953 gegründeten staatlichen Erdölgesellschaft Eni, die den global dominierenden Ölkonzernen („Sieben Schwestern“) auf dem Weltmarkt – der durch Überproduktion bereits angespannt war – durch günstigere Preisvereinbarungen Konkurrenz machte. Er kam 1962 bei einem mysteriösen Flugzeugunglück ums Leben.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Der Sohn eines Carabiniere wurde bereits mit 20 Jahren Leiter eines kleinen Unternehmens, verließ im Alter von 30 Jahren die Marken und ging nach Mailand, wo er erfolgreich ein Chemieunternehmen vertrat, das die italienische Armee belieferte. Später schloss er sich der Resistenza an und wurde ein bekannter Partisan und Chef der katholischen Widerstandsbewegung in Italien. Er vertrat die Democrazia Cristiana im Comitato di Liberazione Nazionale (CLN; dt. Nationales Befreiungskomitee).

Der CLN berief ihn 1945 an die Spitze von Agip, der von den Faschisten gegründeten nationalen Erdölgesellschaft, um diese alsbald zu schließen. Mattei arbeitete jedoch hart daran, die Gesellschaft zu restrukturieren und zu einem der wichtigsten Industrieunternehmen seines Landes umzugestalten.

1949 gab Mattei zur allgemeinen Überraschung bekannt: Der Untergrund von Norditalien sei reich an Erdöl- und Methanvorkommen; Italien könne alle seine Energiebedürfnisse durch den Gebrauch seiner eigenen Ressourcen befriedigen. In der italienischen Presse förderte er die Vorstellung, die Nation (die noch immer an den Folgen des Zweiten Weltkrieges litt) würde bald reich sein. Agips Börsenwert stieg und die Gesellschaft (die zwar dem Staat gehörte, aber wie eine private Gesellschaft arbeitete) wurde sehr schnell solide und wichtig. Tatsächlich war jedoch in der Region Cortemaggiore in der Po-Ebene nur ein Methanvorkommen mit einer geringen Menge Erdöl gefunden worden. Agip beantragte dennoch eine exklusive Konzession für die Ölprospektierung innerhalb des nationalen Territoriums und der damit verbundenen Gewinne. Die politischen Ansichten waren geteilt: Die Linken unterstützten den Plan, während die Konservativen zusammen mit den Industriellen diesen ablehnten.

Zu jener Zeit soll Mattei angeblich die inoffiziellen Ressourcen von Agip für ausgedehnte Bestechung insbesondere von Politikern und Journalisten genutzt haben. In Bezug auf den Movimento sociale italiano (MSI), die Nachkriegsfaschistenpartei sagte er: „Ich benutzte sie wie ein Taxi: Ich stieg ein, bezahlte für die Reise und stieg aus.“ Agip erhielt die Kontrolle über Hunderte von Gesellschaften in allen Wirtschaftssektoren. Offensichtlich zollte Mattei der Presse große Aufmerksamkeit, denn Agip übernahm das Eigentum von einigen Zeitungen und zwei Nachrichtenagenturen.

1953 wurde die Ente Nazionale Idrocarburi, besser bekannt als Eni, durch Gesetz geschaffen, in der Agip als Marke des Tankstellennetzes aufging. Mattei war Gründungspräsident, Administrator und Generaldirektor in einem. Faktisch war Eni Mattei und Mattei Eni. Die Parallelen zu Pierre Guillaumat und seinem Aufbau der Elf Aquitaine in Frankreich sind unübersehbar.

Mattei beobachtete den internationalen Erdölmarkt. Er erfand (oder erzählte gerne) die Geschichte von der kleinen Katze: „Eine kleine Katze trat ein, als einige große Hunde sich über einen Teller Fressen hermachten. Die Hunde griffen sie an und verbellten sie. Wir [Italiener] sind wie die kleine Katze und auf dem Teller befindet sich Erdöl für alle, aber Jemand will uns nicht an den Teller lassen.“

Diese Fabel machte Mattei ziemlich populär im armen Nachkriegsitalien und er erhielt die öffentliche Unterstützung, die für die politische Unterstützung notwendig ist. Um das Oligopol der großen Ölgesellschaften zu brechen, ging Mattei Übereinkünfte mit den ärmsten Staaten des Nahen Ostens und Staaten aus dem Ostblock ein. Als Eni 1957 bereits im Wettbewerb mit Giganten wie Esso oder Shell stand, finanzierte er im Geheimen die algerischen Unabhängigkeitskämpfer gegen das koloniale Frankreich. Er schmiedete Verträge mit Tunesien und Marokko, denen er 50:50-Partnerschaften zur Ausbeutung ihres Öls anbot, zu deutlich anderen Bedingungen als die Konzessionen, die normalerweise von den großen Erdölgesellschaften angeboten wurden. Dem Iran und Ägypten bot er außerdem an, das Prospektionsrisiko komplett durch Eni übernehmen zu lassen: Falls es kein Erdöl gäbe, würden die Länder keinen Cent zu bezahlen haben.

Nach der Unterzeichnung einer Vereinbarung mit der Sowjetunion 1960 und während der Verhandlungen mit der Volksrepublik China erklärte Mattei das amerikanische Erdölmonopol für beendet. Die Reaktion fiel anfangs mild aus und Eni wurde zu einer Teilnahme an einer Prospektierungskarte in der Sahara eingeladen. Dennoch gelang es Mattei, die Unabhängigkeit Algeriens zu einer Bedingung seiner Teilnahme zu machen. Es würde keine Übereinkunft geben, bevor diese erreicht sei. Als Folge dieses Standpunkts wurde Mattei als Ziel der rechtsextremen französischen Terrororganisation OAS angesehen, die gegen Algeriens Unabhängigkeit war und ihm eindeutige Drohungen zusandte.

1962 wurde sein Flugzeug sabotiert, jedoch wurde dies vom Piloten rechtzeitig entdeckt.

Es gab Gerüchte, dass die CIA um ihn nicht trauern würde, denn während des Kalten Krieges war es den USA ein Dorn im Auge, dass Mattei mit der Sowjetunion einen größeren Rohstoffdeal einfädelte, während die USA ihr Embargo infolge der Kubakrise gegen die Sowjetunion gebrochen sahen. Obwohl der italienische Geheimdienst Servizio Informazioni Forze Armate mit loyalen Unterstützern besetzt war, traute Mattei ihm nicht und richtete eine Art persönlichen Sicherheitsdienst mit früheren Resistenza-Partisanen ein, Mitarbeitern von Eni (die meisten von ihnen sicher Kommunisten), und fühlte sich durch sie geschützt.

Tod[Bearbeiten]

Bei einem Flug von Catania, Sizilien, nach Mailand-Linate im Oktober 1962 verunglückte Matteis Flugzeug in der Umgebung eines kleinen Dorfs in der Lombardei zwischen Pavia und Mailand während eines Sturms. Die offiziellen Untersuchungen erklärten den Absturz zu einem Unfall.

Es bestehen jedoch Zweifel an der Theorie eines technischen Defekts:

  • Francesco Rosi bat 1970 den Journalisten Mauro De Mauro, die letzten Tage von Mattei auf Sizilien für einen Film über Mattei zu recherchieren, den Rosi vorbereitete. De Mauro entdeckte schnell eine Tonbandaufnahme der letzten Rede von Mattei und verbrachte Tage damit, sie zu studieren. De Mauro verschwand acht Tage, nachdem er das Band aufgespürt hatte, spurlos. Sein Leichnam wurde niemals gefunden. 1994 sagte der reuige Mafioso Gaspare Mutolo aus, De Mauro sei vor seinem Haus von der Cosa Nostra entführt und noch am gleichen Tag erdrosselt worden.
  • Die meisten Ermittler der Carabinieri und der Polizei, die nach De Mauro suchten und deshalb seine vermutete Verschleppung konsequenterweise untersuchten, wurden später ermordet. Unter ihnen befand sich der bekannte General Carlo Alberto Dalla Chiesa.
  • Der bekannte geständige Mafioso Tommaso Buscetta erklärte dem berühmten Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, dass die Affäre De Mauro keine Mafia-Angelegenheit sei. Buscetta stellte einen Zusammenhang zwischen De Mauros Ermittlungen zum Tode Matteis und seinem Verschwinden her. Ein weiterer geständiger Mafioso, Gaetano Ianni, legte eine spezielle Vereinbarung zwischen der Cosa Nostra und „einigen Ausländern“ zur Eliminierung von Mattei nahe.
  • Admiral Fulvio Martini, späterer Chef des italienischen Militärgeheimdienstes SISMI, erklärte, dass Matteis Flugzeug abgeschossen wurde.
  • 1986 erklärte der ehemalige Ministerpräsident Amintore Fanfani den Zwischenfall als Abschuss.

Siehe auch[Bearbeiten]

Strategie der Spannung

Bibliographie[Bearbeiten]

  • Giorgio Galli: La sfida perduta. Bompiani, Milano, 1976.
  • Italo Pietra: Mattei, la pecora nera. Sugarco, Milano, 1987
  • Nico Perrone: Obiettivo Mattei. Gamberetti, Roma, 1995 ISBN 8-87990-010-2
  • Nico Perrone: Enrico Mattei. Il mulino, Bologna, 2001 ISBN 8-81507-913-0
  • Giovanni Buccianti: Enrico Mattei. Giuffrè, Milano, 2005.
  • Regine Igel: Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien. Herbig, München 2006, ISBN 3-7766-2465-5

Weblinks[Bearbeiten]