Ernst Kantorowicz

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Ernst Hartwig Kantorowicz (* 3. Mai 1895 in Posen; † 9. September 1963 in Princeton, New Jersey) war ein deutscher Historiker und Mediävist. Zunächst dem George-Kreis zugehörig, von dessen Vorstellungen sein bedeutendes Jugendwerk Kaiser Friedrich der Zweite stark beeinflusst ist, emanzipierte sich Kantorowicz nach dem Tod Stefan Georges 1933 und nach der Emigration in die Vereinigten Staaten 1939 weitgehend. In den USA, wo er in Berkeley und Princeton lehrte, schrieb er neben zahlreichen kleineren Studien ein noch heute wichtiges Buch über Die zwei Körper des Königs (1957).

Leben[Bearbeiten]

Kantorowicz stammte aus dem heute polnischen Posen. Er wuchs in einer großbürgerlichen jüdischen Familie auf, sein Vater Joseph Kantorowicz war Spirituosenfabrikant. Seine Cousine war die Lyrikerin Gertrud Kantorowicz. 1913 machte er sein Abitur und begann dann zunächst eine kaufmännische Lehre in Hamburg. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich Kantorowicz freiwillig und war seit September des Jahres bei Verdun eingesetzt. 1917 wurde er zum Asien-Korps in die Türkei abkommandiert. Nach Kriegsende schloss er sich einem Freikorps in Posen und Westpreußen an (Posener Aufstand). Im Januar 1919 beteiligte er sich in Berlin an der blutigen Niederschlagung des Spartakusaufstands, im März war er gegen die Münchner Räterepublik eingesetzt. 1918/1919 studierte er ein Semester an der Berliner Universität, bevor er Anfang 1919 an die Universität München wechselte. Schon zum nächsten Wintersemester ging er dann nach Heidelberg, wo er weiter Nationalökonomie und Alte Geschichte studierte.

In Heidelberg lernte er Angehörige des George-Kreises und auch den berühmten Dichter Stefan George selbst kennen. Besonders mit Woldemar Graf Uxkull-Gyllenband, mit dem er auch eine Zeitlang zusammen wohnte, war er gut befreundet.[1] 1921 promovierte Kantorowicz in Heidelberg bei Eberhard Gothein mit einer wirtschaftsgeschichtlichen Arbeit über muslimische Handwerkerverbände. Bis 1930 unterrichtete er dann als Privatdozent an der Universität Heidelberg. Gemeinsam mit George, der bei Kantorowicz wohnte, wenn er in Heidelberg war, fasste er den Plan zu einer Biographie des Stauferkaisers Friedrich II. – obwohl er sich während des Studiums nicht mit dem Mittelalter beschäftigt hatte. Für das Werk holte er sich Anregungen vor allem von Wilhelm Stein und dessen Buch über Raffael, das Kantorowicz zutiefst beeindruckte.[2] Im Juli 1926 hatte er das Manuskript schließlich fertig, 1927 wurde es im Georg Bondi Verlag mit dem Signet von Georges Blättern für die Kunst veröffentlicht. In der Vorbemerkung bekannte sich der Autor zum Geheimen Deutschland.[3]

Von 1930 bis 1932 war er als Honorarprofessor an der Universität in Frankfurt am Main tätig, bevor er von 1932 bis 1934 an gleicher Stelle Ordentlicher Professor für mittelalterliche und neue Geschichte wurde. Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 war Kantorowicz von den Bestimmungen des schon bald erlassenen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, demzufolge „Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, [...] in den Ruhestand“ versetzt wurden,[4] zunächst aufgrund seiner Kriegsteilnahme und Freikorpsaktivitäten nicht betroffen. Dennoch reichte er beim zuständigen Minister ein Beurlaubungsgesuch für das folgende Semester ein, in dem er sich gegen die rassistischen und antisemitischen Bestimmungen stellte: „Denn solange jeder deutsche Jude [...] schon durch seine Herkunft fast für einen ‚Landesverräter‘ gelten kann; solange jeder Jude als solcher rassenmäßig für minderwertig erachtet wird; solange die Tatsache, überhaupt jüdisches Blut in den Adern zu haben, zugleich einen Gesinnungsdefekt involviert; [...] solange daher jeder deutsche und national gesinnte Jude [...] seine nationale Gesinnung eher schamhaft verbergen muß, als daß er sie unbefangen kundtun dürfte: solange erscheint es mir als unvereinbar mit der Würde des Hochschullehrers, sein nur auf innerer Wahrheit begründetes Amt verantwortlich zu versehen [...].“[5]

Im Sommersemester hielt er nur ein privates Seminar in seiner eigenen Wohnung. Zum Wintersemester 1933/34 nahm er die Lehrtätigkeit mit einer Vorlesung über Das Geheime Deutschland wieder auf. Hier bekannte er sich – Vorstellungen des George-Kreises entsprechend – zu einem geheimen Reich der toten und lebenden deutschen Kaiser, Helden und Künstler und wandte sich somit implizit vom neuen Staat Hitlers ab.[6] Schon bald begannen daraufhin nationalsozialistisch gesinnte Studenten, seine Vorlesungen zu stören. Zum 1. November 1934 wurde er emeritiert. Abgesehen von einer Gastprofessur 1934 an der Universität Oxford, wo er mit Maurice Bowra Freundschaft schloss, lebte er in Berlin.

1938 emigrierte Kantorowicz von Berlin nach Oxford und von dort aus 1939 in die USA. 1939 erhielt er in Berkeley zunächst einen Lehrauftrag für mittelalterliche Geschichte, 1945 dann eine Professur. Dort verlangte die Universität 1949 von ihren Angehörigen den von Senator Joseph McCarthy geforderten antikommunistischen Loyalitätseid (McCarthy-Ära). Als Kantorowicz sich – „die deutschen Erfahrungen vor Augen“ – weigerte, diesen zu unterschreiben, wurde er mit 21 weiteren Fakultätsmitgliedern entlassen.

Nach seiner Entlassung in Berkeley wurde ihm auf Veranlassung von Harold Cherniss 1951 eine Professur am renommierten, von Robert Oppenheimer geleiteten Institute for Advanced Study in Princeton (New Jersey) angeboten, wo er bis zu seinem Tod blieb.

Eine kollegiale Freundschaft verband Ernst Kantorowicz in Princeton u.a. mit J. Robert Oppenheimer, Erich Kahler sowie George F. Kennan, dem Architekten der amerikanischen Containment-Politik, dessen vielfach ausgezeichnetete Diplomatiegeschichte Russia Leaves the War (1956) Kantorowicz vor der Veröffentlichung gelesen und kollegial kommentiert hatte.[7] Zu seinen Schülern gehörte u.a. Robert L. Benson.

Werk[Bearbeiten]

Kantorowicz ist vor allem durch seine beiden Hauptwerke ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Noch relativ jung und als Mediävist völlig unbekannt, machte ihn die Veröffentlichung von Kaiser Friedrich der Zweite 1927 schlagartig berühmt. Das Werk ist heute teilweise überholt, gilt aber nicht zuletzt aufgrund der sprachlichen Brillanz immer noch als lesenswert. Dem Geschichtsbild des George-Kreises entsprechend, wurde Friedrich II. in dem Buch von der Darstellung der Geburt an als „End- und Erfüllungskaiser der deutschen Träume“ dargestellt. Auch aufgrund des für die Werke der Wissenschaft aus dem Kreise der Blätter für die Kunst üblichen Fehlens von Anmerkungen und Nachweisen löste die Arbeit unter Historikern eine lebhafte Diskussion aus.

Die prominenteste Kritik brachte Albert Brackmann in der Historischen Zeitschrift vor. „Der Grundfehler“, so Brackmann, „ist offenbar der, dass Kantorowicz den Kaiser zuerst ‚geschaut, gefühlt, erlebt hat‘ und mit diesem vorher gewonnenen Bilde an die Quellen herangegangen ist“. Der bekannte Historiker wandte sich damit gegen die im George-Kreis praktizierte Methode der „mythischen Schau“ einer historischen Gestalt.[8] Kantorowicz antwortete – zunächst ebenfalls in der Historischen Zeitschrift[9], kurz darauf dann auf dem Historikertag 1930 in Halle an der Saale[10] – mit dem Hinweis darauf, dass ein Historiker nicht nur die positiven Fakten einer Biographie, sondern auch und vor allem den „Mythos“ und die Wirkung einer Person darzustellen habe. Damit zusammen hing für den überzeugten Nationalisten der für ihn notwendige Bezug der historischen Forschung auf Gegenwart und Zukunft der deutschen Nation.

Auch außerhalb mediävistischer Kreise sorgte Kaiser Friedrich der Zweite für angeregte Debatten. 1931 erschien bereits die dritte Auflage (7.–10. Tausend). Vor allem in der interessierten Öffentlichkeit wurde das Werk breit rezipiert.[11] Kantorowicz lieferte einige Jahre später einen Ergänzungsband mit ausführlichen Literaturhinweisen nach. Das Buch blieb fünf Jahrzehnte die wichtigste Biographie über den Stauferkaiser.

The King’s Two Bodies (dt. Die zwei Körper des Königs) ist eine umfangreiche „Studie zur politischen Theologie des Mittelalters“, so der Untertitel des zweiten Hauptwerkes von Kantorowicz. Er entwirft darin aus der mittelalterlichen Vorstellung eines natürlichen, also sterblichen Körpers und eines übernatürlichen, also unsterblichen Körpers des Königs die Entstehungsgeschichte des modernen Staates, der zwischen der öffentlichen Funktion und der Person, die diese ausübt, unterscheidet.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Kaiser Friedrich der Zweite. Georg Bondi, Berlin 1927 (Werke der Wissenschaft aus dem Kreise der Blätter für die Kunst, Geschichtliche Reihe; Ergänzungsband Quellen und Nachweise, Berlin 1931).
  • Das Geheime Deutschland. Vorlesung, Frankfurt 1933 (Volltext: Das Geheime Deutschland).
  • Laudes regiae. A Study in Liturgical Acclamations and Medieval Ruler Worship. Berkeley/Los Angeles 1946.
  • The King’s Two Bodies. A Study in Mediaeval Political Theology. Princeton 1957 (dt.: Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters).
  • Götter in Uniform. Studien zur Entwicklung des abendländischen Königtums. Herausgegeben von Eckhart Grünewald und Ulrich Raulff, Stuttgart 1998.

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert L. Benson, Johannes Fried (Hrsg.): Ernst Kantorowicz. Erträge der Doppeltagung Institute for Advanced Study, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt. Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-06959-3 (Frankfurter historische Abhandlungen, Band 39).
  • Alain Boureau: Kantorowicz. Geschichten eines Historikers. Klett-Cotta, Stuttgart 1992, ISBN 3-608-91363-7.
  • Wolfgang Ernst, Cornelia Vissmann (Hrsg.): Geschichtskörper. Zur Aktualität von Ernst H. Kantorowicz. Fink, München 1997, ISBN 3-7705-3176-0.
  • Eckhart Grünewald: Ernst Kantorowicz und Stefan George. Beiträge zur Biographie des Historikers bis zum Jahre 1938 und seinem Jugendwerk „Kaiser Friedrich der Zweite“. Steiner, Wiesbaden 1982, ISBN 3-515-03669-5 (Frankfurter historische Abhandlungen, Band 25).
  • Robert E. Lerner: Ernst H. Kantorowicz (1895–1963), in: Helen Damico, Joseph B. Zavadil (Hrsg.): Medieval Scholarship. Biographical Studies on the Formation of a Discipline, Volume 1: History (= Garland Reference Library on the Humanities, Band 1350), Garland Publishing, New York 1995, ISBN 0-8240-6894-7, S. 263–276.
  • Barbara Picht: Erzwungener Ausweg: Hermann Broch, Erwin Panofsky und Ernst Kantorowicz im Princetoner Exil. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-20794-7.
  • Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59225-6, insbesondere S. 72–75, 157–169, 189–192, 258–261, 313–346.
  • Hans Martin Schaller: Kantorowicz, Ernst. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 11, Duncker & Humblot, Berlin 1977, ISBN 3-428-00192-3, S. 126 f. (Digitalisat).
  • Jerzy Strzelczyk (Hrsg.): Ernst Kantorowicz (1895–1963). Soziales Milieu und wissenschaftliche Relevanz. Vorträge des Symposiums am Institut für Geschichte der Adam-Mickiewicz-Universität Poznan, 23.–24. November 1995. Poznan 1996; 2. Auflage 2000, ISBN 83-86650-23-0.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. auch die Aussage von Kantorowicz, dass er mit Uxkull „seit der ersten Stunde wirklich absolut glücklich“ gewesen sei (in einem Brief an Stefan George vom 31. Oktober 1924, zitiert in: Grünewald, Ernst Kantorowicz und Stefan George, S. 42).
  2. Wilhelm Stein, Raffael, Georg Bondi Verlag, Berlin 1923.
  3. Zu Georges Einfluss auf das Friedrich-Buch vgl. zusammenfassend Thomas Karlauf, Stefan George. Die Entdeckung des Charisma, Pantheon, München 2008, S. 549–553, 556–562.
  4. Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, in: Reichsgesetzblatt I, 1933, S. 175, §3.
  5. Das Gesuch ist abgedruckt in: Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945, herausgegeben von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden, Frankfurt am Main 1963, S. 99 f.; hier zitiert nach Eckhart Grünewald, Ernst Kantorowicz und Stefan George, S. 114 f.
  6. Gedruckt in: Ernst Kantorowicz, Das Geheime Deutschland, herausgegeben von Eckhart Grünewald, in: Robert L. Benson, Johannes Fried (Hrsg.), Ernst Kantorowicz. Erträge der Doppeltagung Institute for Advanced Study, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt, Steiner, Stuttgart 1997, S. 77–93 (auch in: George-Jahrbuch, Band 3, 2000, S. 156–175). Vgl. dazu Eckhart Grünewald, „Übt an uns mord und reicher blüht was blüht!“ Ernst Kantorowicz spricht am 14. November 1933 über das „Geheime Deutschland“, in: Benson, Fried (Hrsg.), Ernst Kantorowicz, S. 57–76 (auch in: George-Jahrbuch, Band 3, 2000, S. 131–155).
  7. Norman P. Franke, „Divina Commedia teutsch“? Ernst H. Kantorowicz: der Historiker als Politiker, in: Historische Zeitschrift 291/2, 2/2010, S. 297–330.
  8. Albert Brackmann, Kaiser Friedrich II. in ‚mythischer Schau‘, in: Historische Zeitschrift 140, August 1929, S. 534–549.
  9. Ernst Kantorowicz, ‚Mythenschau‘. Eine Erwiderung, in: Historische Zeitschrift 141, März 1930, S. 457–471. Darauf antwortete wiederum Brackmann direkt im Anschluss: Nachwort. Anmerkung zu Kantorowicz’ Erwiderung, in: Historische Zeitschrift 141, März 1930, S. 472–478. Die drei Beiträge sind neu abgedruckt in: Gunther Wolf (Hrsg.), Stupor Mundi. Zur Geschichte Friedrichs II. von Hohenstaufen, Darmstadt 1966, S. 5–48.
  10. Der dortige Vortrag wurde erst im Rahmen der Erforschung von Kantorowicz’ Werk erstmals abgedruckt: Eckhart Grünewald, Sanctus amor patriae dat animum – ein Wahlspruch des George-Kreises? Ernst Kantorowicz auf dem Historikertag zu Halle a.d. Saale im Jahr 1930, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 50, 1, 1994, S. 89–125.
  11. Vgl. Eckhart Grünewald, “Not Only in Learned Circles”: The Reception of Frederick the Second in Germany before the Second World War, in: Robert L. Benson, Johannes Fried (Hrsg.), Ernst Kantorowicz. Erträge der Doppeltagung Institute for Advanced Study, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt, Steiner, Stuttgart 1997, S. 163–179.