Experimentalflugzeug

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North American X-15: Grundlagenuntersuchungen zum Hochgeschwindigkeitsflug

Der Begriff Experimentalflugzeug wird in der Luftfahrt vielfältig eingesetzt, da das Ziel der Versuche und die Herkunft dieser Flugzeuge sehr unterschiedlich sein können. Vielfach werden auch synonym die Bezeichnungen Versuchsflugzeug oder Forschungsflugzeug verwendet. Allen Experimentalflugzeugen ist gemeinsam, dass sie entweder Einzelstücke sind oder nur in einer kleinen Serie von wenigen Exemplaren hergestellt oder umgerüstet werden.

Die international bekanntesten Institutionen, die regelmäßig Versuchsflugzeuge betreiben, sind in den USA die NASA und in Großbritannien das Royal Aircraft Establishment. In den USA werden aber auch von den einzelnen Waffengattungen Versuchseinrichtungen betrieben. Für die US Air Force ist dies das US Air Force Operational Test And Evaluation Centre [1] und für die US Navy die Naval Air Station Patuxent River ("NAVAIR").[2]

Im militärischen Bereich übernahm in Deutschland diese Aufgabe vor und während des Zweiten Weltkriegs die Erprobungsstelle Rechlin. Ähnliche Aufgaben werden bei der Bundesluftwaffe seit 1957 von der Wehrtechnischen Dienststelle 61 übernommen.

Im zivilen Bereich ist in Deutschland das Zentrum für Luft- und Raumfahrt der Betreiber einer größeren Flotte von Forschungsflugzeugen. Aber auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) übernimmt in einzelnen Projekten den Großteil der Kosten (s. HALO)

Die nachfolgend vorgenommene Kategorisierung der Verwendung von Versuchsflugzeugen beruht auf einer Einteilung anhand der typischen Einsatzmöglichkeiten und einem gemeinsamen Einsatzhintergrund. Aus der Literatur ist jedoch keine anerkannte Einteilung in dieser Form bekannt, wobei natürlich zwischen den einzelnen Kategorien durchaus fließende Übergänge vorliegen können.

Heinkel He 178: Grundlagenforschung zum Strahlantrieb in einem Flugzeug 1939
Bell Model 30 Ship 1A: Grundlagenforschung zum Helikopter 1942
NASA AD-1: Grundlagenforschung zur Machbarkeit eines Oblique Wing Flugzeugs 1979
Ground testing der V-173 („Flying Pancake“), aufgenommen 1942

Forschungsflugzeuge – Grundlagenuntersuchungen[Bearbeiten]

Im Bereich der angewandten Forschung werden Flugzeuge eingesetzt, die von der Konzeption her nur als Versuchsflugzeuge gedacht sind. Es werden grundlegende Lösungen für technisch- wissenschaftliche Fragestellungen im Bereich der Aerodynamik, des Triebwerkbaus und der grundlegenden Auslegung von Flugzeugen gesucht. Ebenso kann unter diesem Punkt die Forschungstätigkeit im Zusammenhang mit der technische Umsetzbarkeit von physikalischen Effekten, die als im Flugzeugbau verwendbar angesehen werden, eingeordnet werden.

Die Konstruktionen, die in der Anfangszeit der Luftfahrt entstanden, kann man im weiteren Sinne generell als Forschungsflugzeuge bezeichnen, da nur wenig über die physikalischen Grundlagen der Aerodynamik und über die baulichen Anforderungen an ein sicheres Flugzeug bekannt war. Jedes neu gebaute Flugzeug unterschied sich, zumindest in Details von seinem Vorgänger, da die zuvor gewonnenen Erkenntnisse berücksichtigt wurden.

Eines der ersten Versuchsflugzeuge mit einem Forschungszweck im engeren Sinne war sicher die Junkers J1, die 1915 zum ersten Mal flog. Das Untersuchungsziel war die grundlegende Erprobung neuer Konstruktionsprinzipien. Dazu gehörten:

  • Freitragende Ganzmetallbauweise
  • Neuartiger konstruktiver Aufbau ähnlich eines Monocoque, mit einer teilweisen Aufnahme von Kräften durch die Flugzeughaut.

Zu dieser Kategorie gehört die Mehrzahl der US-amerikanischen Flugzeuge, die von der NASA und der USAF betrieben wurden und Bezeichnungen innerhalb der „X“ Reihe erhielten.

Weitere Beispiele:

Einsatzorientierte Forschungsflugzeuge[Bearbeiten]

Flugzeuge, die die praktische Umsetzbarkeit der in den Grundlagenuntersuchungen gefundenen Lösungen für einen spezifischen Einsatzzweck zeigen sollen. Ebenso fällt hierunter die Optimierung der grundsätzlich als durchführbar gefundenen Lösungen für eine vorgegebene Rolle.

Das erste Versuchsflugzeug dieser Kategorie war vielleicht die 1916 gebaute Junkers J2. Die grundsätzlichen Erkenntnisse zum Ganzmetallbau, die bei der Junkers J1 gewonnen wurden, sollten in einem Jagdflugzeug umgesetzt werden.

Weitere Beispiele:

  • Lockheed XFV-1, Convair XFY-1 – Eignung von VTOL-Flugzeugen für die Rolle als militärisches Jagdflugzeug
  • Do 31, XC-142 – Eignung von VTOL-Flugzeugen als ziviler und militärischer Transporter
  • X-35 – Einsatz einer einfachen S/VTOL Technologie für ein Hochleistungsjagdflugzeug
  • XB-35, XB-49 – Eignung der Nurflügelauslegung für den Einsatz als Bomber
  • XP-55 – Eignung der Nurflügelauslegung für den Einsatz als Jagdflugzeug

Serienfertigungsversager als Versuchsflugzeuge[Bearbeiten]

Flugzeuge, die ursprünglich als Prototypen einer Serienfertigung geplant waren, bleiben manchmal Einzelexemplare. Dies kann z. B. dadurch bedingt sein, dass sich die Anforderungen an das in Auftrag gegebene Flugzeug kurzfristig geändert haben. Es ist aber genauso möglich, dass durch den Einsatz ungenügend erprobter Technologien sich nicht vorhersehbare Schwierigkeiten ergeben können, die eine Serienfertigung verhindern. Die bereits produzierten Exemplare werden in Einzelfällen dazu verwendet neue Technologien zu erproben, v. a. dann wenn der Grund des Abbruchs der Serienfertigung durch unerprobte technische Umsetzungen bedingt war.

Beispiele:

  • Short Sperrin – Triebwerkserprobung
  • XB-70 – Machbarkeit eines Mach 3 Bombenflugzeugs

Auch Prototypen die vom Hersteller nicht verkauft wurden, können als Versuchsflugzeuge verwendet werden. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Boeing 367-80 "Dash-80", die zuerst als Prototyp für die KC-135 und Boeing 707 diente, anschließend aber noch viele Jahre als Flugzeug für unterschiedliche Versuchsprogramme eingesetzt wurde.

Boeing NB-52 als Träger für die X-43

Serienflugzeuge nach Umrüstung als Versuchsträger[Bearbeiten]

Aus einer laufenden oder auch bereits abgeschlossenen Serienfertigung werden Einzelexemplare zu Testträgern für unerprobte Geräte, Triebwerke, usw. umgerüstet.

Beispiele:

Sonstige Forschungsflugzeuge[Bearbeiten]

Dazu zählen alle Flugzeuge, die für Forschungsthemen außerhalb der flugzeugbezogenen Technik eingesetzt werden. Vorwiegend sind dies Flugzeuge, die als Träger für Experimente dienen, die nur luftgestützt durchgeführt werden können.

Beispiele:

In Deutschland wird der Begriff „Forschungsflugzeug“ fast ausschließlich für diese Kategorie von Versuchsflugzeugen verwendet. In den USA steht „Research Aircraft“ jedoch auch für den Einsatz von Flugzeugen im Bereich grundlegend neuer Konzeptionen. Der Grund für diese unterschiedliche Begriffsverwendung kann darin liegen, dass in Deutschland so gut wie keine grundlegende Forschung im Bereich neuer Flugzeugkonzepte mehr betrieben wird. Anders war dies noch in den 1950er Jahren, als v. a. bei der Technologie senkrechtstartender Flugzeuge in Deutschland umfangreiche Grundlagenuntersuchungen durchgeführt wurden.

Gelegentlich werden auch Flugzeuge, die zur logistischen Unterstützung von Forschungsmaßnahmen/-expeditionen dienen, als Forschungsflugzeuge bezeichnet, obwohl sie ganz normale Serienflugzeuge darstellen. [9]

Problematik der Bezeichnungen[Bearbeiten]

Es besteht einige Konfusion bezüglich der Bedeutung des Prefixes „X“ in Bezeichnungen der amerikanischen Streitkräfte.

Seit 1948 verwendet die USAF den Buchstaben „X“ als Kennzeichnung des Haupteinsatzzweckes Forschung (Research) bei Flugzeugen. Alle Flugzeuge dieser Bezeichnungsreihe können deshalb generell als Versuchsflugzeuge angesehen werden. Neben der USAF verwendet auch die NASA diese Bezeichnungsserie. Diese Flugzeuge sind meistens Einzelstücke, werden aber auch in geringer Serienauflage (z. B. drei Exemplare X-15, zwei Exemplare X-22) gebaut.

Dagegen ist der „X“ – Zusatz in der Typenbezeichnung als Kennung für den experimentellen Status eines Luftfahrzeugs nicht gleichbedeutend mit einer Deklarierung des Typs als Experimentalflugzeug. Diese Statuskennung soll nur während der Entwicklungs- und Testphase benutzt werden. Wurde das Muster nicht in Serie gefertigt, setzte man natürlich oft das vorhandene Material für Forschungszwecke ein (z. B. XB-70). Seit 1962 wurde dieser Bezeichnungszusatz nicht mehr vergeben.

Die letzten vergebenen Nummern mit einem X-Prefix waren:

  • Bei F-Serie: XF-104 Starfighter (1952)
  • Bei B-Serie: XB-70 Valkyrie (1962)
  • Bei C-Serie: XC-142 (1962)

Als Übergang zwischen Prototypstatus und Serienfertigung wurde bis 1962 manchmal die Vorserien-Statuskennung „Y“ verwendet. Inzwischen gilt „Y“ offiziell als Statuskennung für einen Prototyp, da durch die besseren technischen Berechnungs- und Planungsmöglichkeiten keine Prototypen im eigentlichen Sinne zur grundlegenden Erprobung der Konstruktion mehr hergestellt werden müssen.

Von Amateuren selbst gebaute Flugzeuge (sog. homebuilts), fliegen in den USA mit einem „Experimental Category Airworthiness Certificate“ und werden durch die Aufschrift Experimental gekennzeichnet, sie dürfen aber nicht mit Versuchsflugzeugen verwechselt werden (siehe auch Experimentalzulassung).

Auswahl aktueller Testzentren[Bearbeiten]

Die Liste fasst eine Auswahl aktueller Flugversuchsplätze und ihrer Betreiber zusammen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. www.navair.navy.mil
  2. Eignung von Brennstoffzellen als APU
  3. http://www.tu-braunschweig.de/iff/forschung/forschungsflugzeug Meteorologische Daten mit der Do 128
  4. High Altitude and Long Range Research Aircraft
  5. russ. Geophysica
  6. Kenndaten des SOFIA Projekts bei dlr.de
  7. Taifunvorhersage
  8. Homepage AFOTEC
  9. Informationen zu Zhukovsky Test Einrichtungen