Fräulein Else

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Fräulein Else ist eine 1924 erschienene Monolog-Novelle des österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler.

Inhalt[Bearbeiten]

Else T., Tochter eines Wiener Rechtsanwalts, befindet sich für einige Urlaubstage in einem italienischen Kurort. Dort bekommt sie einen Express-Brief ihrer Mutter, in welchem die Bitte an sie herangetragen wird, den reichen Kunsthändler Dorsday um ein dringend benötigtes Darlehen zu bitten, da Elses Vater Mündelgelder veruntreut habe und kurz vor der Verhaftung stehe. Else geht auf Dorsday zu und schildert ihm die schwierige familiäre Lage.

Dorsday willigt zwar ein, die notwendigen 30.000 Gulden zur Verfügung zu stellen, fordert aber als Gegenwert die Erlaubnis, Else nackt betrachten zu dürfen. Else reagiert empört auf dieses Ansinnen, erkennt aber im Laufe des Abends das Dilemma, in dem sie sich befindet. Gefangen zwischen unbedingter Loyalität zu ihrem Vater und der starken Sehnsucht nach Autonomie und selbstbestimmter Weiblichkeit kann sie sich auf keine der Alternativen festlegen: würde sie das Angebot Dorsdays ablehnen, müsste sie ihren Vater seinem Schicksal überlassen; das Eingehen auf Dorsday käme aber einer Selbstprostitution und damit der Aufgabe selbstbestimmten Verfügens über den eigenen Körper gleich.

In dieser Konfliktsituation, in welcher Else in ständiger Gedankenvariation ihren Handlungsspielraum auszuloten versucht, zeigen sich immer wieder auch weitere Aspekte von Elses Begehren, darunter Todessehnsucht und exhibitionistische Wünsche, Liebesbedürftigkeit und kaum eingestandenes Emanzipationsstreben. In Elses lustvoller Imagination öffentlicher Exhibition und gleichzeitiger schamhafter Abwehr einer erzwungenen Entblößung vor Dorsday ist der immer wieder deutlich werdende Zusammenhang zwischen männlicher Dominanz über das Weibliche und einem sich dagegen wehrenden weiblichen Emanzipationsstreben zu erkennen. Doch letztlich zeigt sich, dass Else nicht dazu in der Lage ist, sich gegen die Ansprüche des Vaters zu wenden und ihre eigene Integrität durchzusetzen. Zugleich wird immer klarer, dass Elses Selbstaufgabe mit einem Selbstmord einhergehen wird – ständig wird in ihre Entscheidungsgedanken der mögliche Suizid mit aufgenommen. Allerdings wird für Else ebenfalls klar, dass sie sich nicht alleine auf das Zimmer Dorsdays wird begeben können, dass sie zu dieser Erniedrigung nicht in der Lage sein würde. So verbindet sich in ihrer überraschenden Entscheidung die exhibitionistische Sehnsucht mit dem von Dorsday ausgeübten Entblößungs-Zwang: Im Musiksalon des Hotels – in Anwesenheit Dorsdays, dessen Forderung damit erfüllt ist – zeigt Else der versammelten Abendgesellschaft ihren zu Beginn von einem schwarzen Mantel verhüllten nackten Körper und fällt anschließend in eine Schein-Ohnmacht. Auf ihr Zimmer gebracht gelingt es ihr, unbemerkt das bereitgestellte Schlafmittel Veronal zu sich zu nehmen. Sie fällt in einen traumartigen Zustand, der sie endgültig zu befreien scheint.

Interpretation[Bearbeiten]

Die Novelle Fräulein Else ist ein typisches Werk der Wiener literarischen Moderne, auch Ästhetizismus genannt. Es zeigt die Liebes- und Existenzprobleme der höheren bürgerlichen Schicht auf. Arthur Schnitzlers Werk ist durchzogen von dem Versuch, adäquate sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten für die innerpsychischen Vorgänge des Menschen zu finden. In Fräulein Else erfolgt dies über die Darstellungsform des inneren Monologes: Der Leser nimmt aus der Innenperspektive der Protagonistin an der Geschichte und den Gedanken Elses teil; Schnitzler erzeugt so zugleich Identifikation mit und Distanz zur Heldin. Die monologische Spiegelung der inneren Realität wird nur gelegentlich durch die direkte Darstellung äußerer Dialoge unterbrochen: Auf diese Weise gelingt es Schnitzler, den eigentümlichen Kontrast zwischen innerer und äußerer Realität episch abzubilden.

Geld spielt eine essentielle Rolle. Es ist der Verursacher für die ganze Misere. Die gut situierten Personen im Hotel sind alle angesehene Leute, jedoch nicht aus der moralischen und scharf enttarnenden Sicht Elses, in der sie sie alle, sogar ihren Vater, als Schufte bezeichnet und damit die Brüchigkeit ihrer Familie sowie die Lebenslügen einer privilegierten Gesellschaft aufdeckt.

In ihren Überlegungen kommt auch folgender Satz vor: (S. 44, Z. 25 „Vor den Schlangen habe ich keine Angst. Wenn mich nur keine in den Fuß beißt.“) Dies hat einen mythologischen Hintergrund: Eurydike erliegt dem Biss einer Giftschlange, auf die sie bei der Flucht vor einem Vergewaltiger getreten war.

Else verfügt über eine sehr instabile Persönlichkeit mit hoher Spontaneität (S. 52, Z. 3: „Auch als Tote will ich nicht mehr zurück. Und Papa und Mama sollen sich nicht kränken mir geht es besser als ihnen. Und ich verzeihe ihnen. Es ist nicht schade um mich.“; S. 52, Z. 19 „Aber es ist ja alles nicht wahr. Ich werde nicht scheintot sein und tot auch nicht. Ich werde mich überhaupt gar nicht umbringen, ich bin ja viel zu feig.“) Dies zeigt ihre vollkommene Unentschlossenheit. Dieses Wechselspiel setzt sich über mehrere Seiten fort.

Schnitzler kritisiert die Lügen der höherrangigen Gesellschaft sowie die egozentrischen Wünsche der Männer, denen die armen Mädeln hilflos ausgeliefert sind. (S. 33, Z. 15 „Also, Else, ich bin bereit – Doktor Fiala soll übermorgen um zwölf Uhr mittags die dreißigtausend Gulden haben – unter einer Bedingung […] Nichts anderes verlange ich von Ihnen, als eine Viertelstunde dastehen dürfen in Andacht vor Ihrer Schönheit“)

Im letzten Teil wird klar, dass Else auch noch kurz vor ihrem Tode nicht von ihren Mitmenschen verstanden wird (S. 78, Z. 20 „Dorsday, Dorsday! Das ist ja der – Funfzigtausend! Wird er sie abschicken? Um Gottes Willen, wenn er sie nicht abschickt? Ich muss es ihnen sagen. Sie müssen ihn zwingen. Um Gottes willen, wenn alles umsonst gewesen ist? Aber jetzt kann man mich noch retten. Paul! Cissy! Warum hört ihr mich denn nicht? Wisst ihr denn nicht, dass ich sterbe? Aber ich spüre nichts. Nur müde bin ich. Paul! Ich bin müde. Hörst du mich denn nicht? Ich bin müde, Paul. Ich kann die Lippen nicht öffnen. Ich kann die Lippen nicht öffnen. Ich kann die Zunge nicht bewegen, aber ich bin noch nicht tot.“) Es geht am Ende nicht klar hervor, ob Else nun an einer Überdosis gestorben ist oder doch nur die halluzinogenen Auswirkungen des Veronals spürt und einschläft, da sie auch früher schon einmal zwei Päckchen Pulver auf einmal eingenommen hat. Sie bezeichnet noch ihre Mitmenschen und die Familie als Mörder. Dies kann man jedoch nicht nur auf physischer, sondern auch auf sozialer und psychischer Ebene sehen. Interessant ist auch noch, ob der Vicomte die Geldsumme überwiesen und somit den Vater gerettet hat oder ob der Vater ins Kriminal gekommen ist, bzw. Selbstmord begangen hat.

Fräulein Else kann als „Exemplifikation orthodox freudianischer Theoreme“ (Bühler?) gelesen werden: In diesem Sinne lässt Arthur Schnitzler Else also genau bestimmte psychologische Verhaltensmuster durchleben, welche Sigmund Freuds Lehren entsprechen; er bettet diese jedoch mit den Mitteln der Literatur ein in das gesellschaftliche Milieu des zeitgenössischen Wien, dem auch Freuds Ideen entstammen. Trotz aller ideellen und zeitgenössischen Nähe zu Freud – es gab einen Briefwechsel zwischen beiden – betrachtete sich Schnitzler nicht als dessen Anhänger.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Fräulein Else, Novelle. 1.–11. Tausend. Zsolnay, Berlin 1924.
  • Fräulein Else, Novelle. Herausgegeben von Johannes Pankau. Universal-Bibliothek Band 18155. Reclam, Stuttgart 2003. ISBN 3-15-018155-0.
  • Leutnant Gustl und Fräulein Else, Novellen. 211. Hamburger Leseheft, Husum 2006.

Verfilmung[Bearbeiten]

Die Novelle wurde 1929 von Paul Czinner als Stummfilm verfilmt. Die Rolle der Else spielte Elisabeth Bergner.

Im Jahr 1974 wurde der Stoff unter der Regie von Ernst Haeusserman für das österreichische Fernsehen verfilmt.[1] Die Darsteller waren unter andern Marianne Nentwich (Else), Miguel Herz-Kestranek (Paul)[2], Curd Jürgens (Dorsday) und Susi Nicoletti.

2002 erschien eine Verfilmung unter der Regie von Pierre Boutron und mit Julie Delarme in der Hauptrolle. Der Film trägt den gleichen Titel wie die Novelle, der Stoff wurde jedoch modifiziert. Beispielsweise kommen Elses Vater und ein befreundeter Staatsanwalt in einer Rahmenhandlung vor und Else wird von ihrem Vater bewusst in das Kurhotel geschickt, um mit Dorsday Kontakt aufzunehmen.[3]

Am 23. August 2013 hatte eine neue Verfilmung unter der Regie der Regisseurin Anna Martinetz beim World Film Festival in Montreal Premiere.[4] Anna Martinetz verlegte die Handlung in die heutige Zeit und in ein Hotel für wohlhabende Gäste in den Bergen Nordindiens. Dabei integrierte Martinetz Szenen des wirklichen indischen Lebens, ließ Szenen auf der offenen Straße drehen und versetzte so Schnitzlers Geschichte in die heutige Wirklichkeit einer aufstrebenden Industrienation mit einer konservativen Sozialisierung.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bühler, Arnim-Thomas: Arthur Schnitzlers Fräulein Else. Ansätze zu einer psychoanalytischen Interpretation. Kletsmeier, Wetzlar 1995. ISBN 3-930494-10-8
  • Lindken, Hans Ulrich: Erläuterungen zu Arthur Schnitzler, Leutnant Gustl, Fräulein Else. 2., überarbeitete Auflage. Königs Erläuterungen und Materialien Band 374. Bange, Hollfeld 1999. ISBN 3-8044-1661-6.
  • Polt-Heinzl, Evelyne: Arthur Schnitzler: Fräulein Else. Erläuterungen und Dokumente Universal-Bibliothek Band 16023. Reclam, Stuttgart 2002. ISBN 3-15-016023-5.
  • Lisa Holzberg: Erläuterungen zu Arthur Schnitzler Fräulein Else. Königs Erläuterungen und Materialien Band 428. Bange, Hollfeld 2005. ISBN 3-8044-1806-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Fräulein Else – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Schnitzler – Film- und Hörspielliste (Universität Freiburg i.Br.) (PDF; 430 kB)
  2. Liste der TV- und Filmrollen von Herz-Kestranek
  3. Fräulein Else – Filmbeschreibung der Produktionsfirma "SK-Film", Wien
  4. Website des Films Fräulein Else in der Regie von Anna Martinetz