Günter Wand

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Günter Wand (* 7. Januar 1912 in Elberfeld, heute Stadtteil von Wuppertal; † 14. Februar 2002 in der Ortschaft Ulmiz, Kanton Freiburg, Schweiz) war ein deutscher Dirigent.

Künstlerischer Werdegang[Bearbeiten]

Er studierte bei Paul Baumgartner und Walter Braunfels an der Hochschule für Musik Köln sowie Franz Dorfmüller (Klavier) und Walter Courvoisier (Komposition) an der Hochschule für Musik und Theater München[1]. Nach ersten Praxiserfahrungen in Wuppertal, Allenstein (Ostpreußen) und Detmold wurde er 1939 unter GMD Karl Dammer Erster Kapellmeister der Kölner Oper, an der er 35 Jahre blieb.

Im Jahr 1946 wurde er anstelle von Eugen Papst mit 34 Jahren zum damals jüngsten Generalmusikdirektor in Deutschland und zum Leiter der Gürzenich-Konzerte ernannt. Von der Leitung der Kölner Oper zog er sich jedoch bereits 1948 wieder zurück und konzentrierte sich fortan als "Gürzenich-Kapellmeister" nur noch auf den Konzertbetrieb.

Wand setzte sich in seiner Kölner Zeit vor allem für die Rehabilitierung der unter den Nationalsozialisten als "entartet" gebrandmarkten Komponisten und für die zeitgenössische Musik ein. In ganz normalen Abonnementkonzerten - nicht in Sonderkonzerten - konfrontierte er das Kölner Publikum neben dem klassisch-romantischen Standardrepertoire von Mozart, Haydn über Beethoven, Schubert, Brahms bis hin zu Bruckner mit Werken von Schönberg, Webern, Strawinsky, Bartok und Hindemith sowie Messiaen, Koechlin, Fortner, Martin, Henze, Bernd-Alois Zimmermann u.a. Wand zeichnete in dieser Zeit für viele deutsche Ur- und Erstaufführungen verantwortlich. So dirigierte er am 8. Juni 1957 die Uraufführung von Wolfgang Fortners Oper Bluthochzeit an der Kölner Oper.

Daneben arbeitete er als Gastdirigent mit zum Teil bedeutenden Orchestern im In- und europäischen Ausland. 1959 wurde er als erster westdeutscher Dirigent nach dem Zweiten Weltkrieg in die UdSSR eingeladen.

1974, bereits nach seinem offiziellen Abschied aus Köln, nahm er, als Auftakt einer Gesamteinspielung, die 5. Sinfonie von Anton Bruckner mit dem WDR Sinfonieorchester Köln für die Schallplatte auf, die bei ihrer Veröffentlichung großes Aufsehen erregte. Ebenfalls mit dem WDR Sinfonieorchester Köln produzierte Wand mit demselben Erfolg eine Gesamtaufnahme aller Schubert-Sinfonien.

Zu Beginn der 1980er Jahre übernahm Günter Wand noch einmal Verantwortung für ein Orchester: Von 1982 bis 1991 war Wand Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters und wurde 1987 zu dessen Ehrendirigenten ernannt. Mit diesem Orchester nahm er in den 1980er Jahren alle Beethoven- und Brahms-Sinfonien im Studio auf. Diese Einspielungen stießen ebenfalls auf begeisterte Kritiken.

Die herausragende Qualität von Wands Beethoven-Interpretationen wurde auch und gerade immer in Großbritannien, dem Land von Gardiner und Norrington, gesehen. Dort gehörte die Gesamtaufnahme zur allerersten Empfehlung sowohl bei der Zeitschrift Gramophone als auch im Penguin Guide.

Wolfgang Seifert zitiert in der Wand-Biografie den Kritiker Hugh Canning von der Sunday Times, der 1994 u.a. schrieb:

„Günter Wands Kopplung der Pastoral- und der Fünften Sinfonie mit dem NDR-Sinfonieorchester … provozierte den Gedanken, dass die ganzen sog. >authentischen Revolutionen< eines Norrington, Harnoncourt oder Gardiner total unnötig gewesen wären, wenn Beethoven-Aufführungen immer die Qualität hätten, die Wand erreicht … Beide Sinfonien wirken unter seinen Händen förmlich revitalisiert, frisch und überraschend neu, rhythmisch gespannt wie bei Toscanini, aber nicht so rigide, auf Klemperer-Art zerklüftet, aber gleichzeitig architektonisch geradezu meisterlich kontrolliert.“

Und der britische Musikologe H.C. Robbins Landon urteilte 1995:

„Die gesamte Wand-Serie hatte für mich etwas sehr Anrührendes, manchmal kam es mir vor, >als wäre ich bei der Schöpfung gegenwärtig<. Der Zyklus der Beethoven-Sinfonien zählt zu den besten, die je eingespielt wurden … Vielleicht kommen diese Aufnahmen dem Bild, das Beethoven im Sinn hatte, am nächsten, den Einsatz moderner Instrumente vorausgesetzt.“

Von 1987 bis 2001 dirigierte Günter Wand das jährliche Eröffnungs- bzw. Abschlusskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals - anfangs noch im Lübecker Dom, seit Mitte der 1990er Jahre dann in der Musik- und Kongresshalle Lübeck bzw. im Kieler Schloss.

1982 leitete er zum ersten Mal das BBC Symphony Orchestra, das ihn noch im selben Jahr zu seinem "Principal Guest Conductor" ernannte. 1989 hatte er sein USA-Debüt mit dem Chicago Symphony Orchestra. In dieser zweiten Karriere fand er zu seinem gültigen Altersstil. Während er in Köln experimentierfreudig war und zahlreiche moderne Werke aufführte, reduzierte er sein Repertoire in seiner späten Zeit auf wenig mehr als die Sinfonien von Bruckner, Brahms, Beethoven und Schubert. Diese Sinfonien führte er immer wieder auf, teilweise mit verschiedenen Orchestern.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt arbeitete Günter Wand - neben "seinem" NDR-Sinfonieorchester - vor allem intensiv mit den Münchner Philharmonikern und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO Berlin, vormals RIAS-, dann Radio-Symphonie-Orchester Berlin) zusammen. Letzteres ernannte ihn in den 1990ern zuerst zum Ersten Gastdirigenten, später dann zum Ehrendirigenten.

Im März 1995 erfolgte die Wiederbegegnung mit den Berliner Philharmonikern, die er seit 1982 nicht geleitet hatte. Bereits im April 1949 hatte Günter Wand bei diesem Spitzenorchester im Titania-Palast in Berlin-Steglitz mit Beethovens Erster und Bruckners Vierter Symphonie debütiert. Die Zusammenarbeit war in den folgenden Jahrzehnten aber immer wieder von längeren Pausen überschattet, was nicht zuletzt auf Günter Wands unnachgiebige Probenforderungen zurückzuführen sein wird. Im September 1996 verliehen die Berliner Philharmoniker Günter Wand dennoch die Hans-von-Bülow-Medaille:

"Wir durften erfahren, mit welcher Sorgfalt, Liebe und Bescheidenheit Sie mit den Werken der großen Meister umgehen, aber auch, mit welcher Leidenschaft Sie ein Orchester im Konzert zu führen vermögen. Wir sind glücklich, Sie wieder als Freund gewonnen zu haben, und zeigen unsere Hochachtung vor Ihrer Lebensleistung."[2]

Günter Wand dirigierte sein letztes Konzert Ende Oktober 2001 in Hamburg. Auf dem Programm standen die Fünfte Sinfonie von Franz Schubert und Bruckners Vierte, die Romantische. Im Anschluss an diese Konzerte gastierten er und das NDR-Sinfonieorchester mit diesem Programm noch in Wuppertal und Frankfurt am Main.

Ende November 2001 gab Günter Wand seinem Biografen Wolfgang Seifert ein letztes ausführliches Interview in seinem Haus in Ulmiz, das aufgezeichnet und später auf DVD veröffentlicht wurde. Kurz darauf stürzte er schwer und brach sich den rechten Arm, seinen "Schlagarm". Von diesem Sturz erholte sich Günter Wand nicht mehr. Wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag starb Günter Wand am 14. Februar 2002 in seiner Wahlheimat Ulmiz.

Ein für März 2002 geplantes Konzert mit den Berliner Philharmonikern, bei dem unter anderem Bruckners Sechste Sinfonie aufgeführt und aufgenommen werden sollte, kam nicht mehr zustande. Michael Horst schloss seinen Nachruf "Der demütige Zauberer" in der Berliner Morgenpost mit den Worten:

"(...) Noch für den kommenden März waren drei Konzerte angesetzt, in denen Wand mit Bruckners sechster Sinfonie eine weitere Lücke in der Kette der Live-Mitschnitte schließen wollte. Die Lücke wird für immer bleiben. Günter Wand ist nicht zu ersetzen. Er war eine Instanz für musikalische Ernsthaftigkeit, für Integrität und künstlerische Demut, an der sich alle messen lassen mussten. Und er wird es, dank der vielen, kostbaren Aufnahmen, die er hinterlässt, auch in Zukunft bleiben."[3]

Künstlerischer Stil[Bearbeiten]

Wand war unnachgiebiger Verfechter absoluter Werktreue. Partituren erschienen ihm grundsätzlich völlig unantastbar. Eigenmächtige Ritardandi oder Crescendi galten ihm als beifallheischender „Firlefanz“. Einen Schritt hin zur „historischen Aufführungspraxis“ ist er jedoch auch bei Mozart und Beethoven nie gegangen. Insofern hat seine absolute Werktreue bei diesen Komponisten etwas eigentümlich Gebrochenes; doch auch jenseits von aufführungspraktischen Überlegungen ist seine Kunst von Strenge und Stringenz geprägt.

Als noch junger Dirigent wurde er gefragt, wie er denn die Neunte Sinfonie Beethovens zu interpretieren gedenke, eher wie Arturo Toscanini oder mehr im Stile Wilhelm Furtwänglers. Seine lakonische Antwort lautete: „Wie Beethoven“.

Seinem Publikum bleiben besonders die Auftritte seiner späten Jahre unvergessen, wenn er, auf dem Podium noch immer frei stehend, meist ohne Partitur, mit sparsamen Bewegungen, aber unter strengem Augenkontakt mit dem Orchester, „seine“ Bruckner-Sinfonien dirigierte.

Obwohl Wand sich im Verlauf seiner Karriere zunehmend auf Beethoven, Schubert, Bruckner und Brahms konzentrierte, war ihm auch die damals zeitgenössische Musik stets ein wichtiges Anliegen. So setzte er sich unter anderem für Werke von Walter Braunfels, Wolfgang Fortner und Bernd Alois Zimmermann ein.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Günter-Wand-Platz vor dem Gürzenich

Die Stadt Köln widmete Günter Wand, der als Generalmusikdirektor und Gürzenich-Kapellmeister das Orchester wie kein anderer vor ihm prägte, einen eigenen Platz, der mit seinem Wirken eng verbunden ist. Am 24. Oktober 2010 wurde der südliche Vorplatz des Gürzenichs als Günter-Wand-Platz eingeweiht.[5]

Anekdote[Bearbeiten]

Nachdem Wand im Kölner Gürzenich ein zeitgenössisches Werk dirigiert hatte, erhielt er neben schwachem Applaus zahlreiche Buh-Rufe. Darauf verbeugte er sich vor dem Publikum und sagte: „Ich sehe, Sie haben das Stück noch nicht verstanden. Ich werde es Ihnen daher nochmals zu Gehör bringen.“ Dies geschah dann auch.

Diskographie[Bearbeiten]

Anlässlich seines 100. Geburtstags im Januar 2012 erschien eine 28 CDs umfassende Box mit dem Titel The Great Recordings, aufgenommen 1974–1999.[6]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Seifert: Günter Wand: so und nicht anders. Gedanken und Erinnerungen. Hoffmann und Campe, Hamburg 1998, ISBN 3-455-11154-8

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. siehe Weblink Wolfgang Seifert: Günter Wand: so und nicht anders
  2. Erklärung von Orchestervorstand Rudolf Watzel, siehe Wolfgang Seifert: Günter Wand, S. 453
  3. Berliner Morgenpost vom 15. Februar 2002
  4. www.werner-steinbach.de Liste von Trägern des Ehrenrings der Stadt Wuppertal, Zugriff Mai 2008
  5. Simone Winkelhog: Köln benennt Platz nach dem Dirigenten Günter Wand. Feierstunde mit Reden von Oberbürgermeister, Gürzenich-Kapellmeister und Bezirksbürgermeister. Stadt Köln - Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, 19. Oktober 2010, abgerufen am 13. März 2013.
  6. 28 CDs ehren Günter Wand Rezension von Wolfram Goertz in RP Online vom 22. Februar 2012. Die Box enthält auch eine DVD mit einer Dokumentation über Wand.