Social Tagging

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Gemeinschaftliches Indexieren)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Auszug einer Tag Cloud des Internet-Tagebuchs Netbib

Social Tagging ist eine Form der freien Verschlagwortung (Indexierung), bei der Nutzer von Inhalten die Deskriptoren (Schlagwörter) mit Hilfe verschiedener Arten von sozialer Software ohne Regeln zuordnen. Die bei diesem Prozess erstellten Sammlungen von Schlagwörtern werden Folksonomien genannt.

Derzeit bietet die deutsche Sprache keine gebräuchliche Entsprechung des Fachausdrucks. Die bekannten englischsprachigen Ausdrücke für diese Art der Erschließung lauten collaborative tagging bzw. social tagging. Die hierbei vergebenen freien Schlagwörter werden als Tags bezeichnet, welche gesammelt eine folksonomy bilden. Mehrere Tags können zusammen als Tag Cloud (Wortwolke) visualisiert werden.

Anwendung[Bearbeiten]

Die Folksonomy findet ihre Anwendung hauptsächlich auf Internetseiten beziehungsweise in den von ihnen angebotenen Gemeinschaften, um deren Inhalte zu verschlagworten. Andere Benutzer finden diese Informationen dann durch die Suche nach einem Schlagwort. Populäre, auf diese Art und Weise von vielen Personen indexierte Objekte sind Blogeinträge, Fotos oder soziale Lesezeichen. Die Nutzer agieren dabei in offenen Gemeinschaften ohne festgelegte Indexierungsregeln. Das gemeinschaftliche Indexieren dient dabei vor allem der Sacherschließung.

Häufig bedient man sich der grafischen Darstellung einer Tag Cloud, bei der die populärsten Schlagwörter typographisch am größten dargestellt werden.

Entstehung und Ursprung[Bearbeiten]

Die Entstehung des Kofferwortes Folksonomy aus „folk taxonomies“, also Laien-Taxonomien, wird auf Thomas Vander Wal zurückgeführt. Folksonomy wurde im Jahre 2003 zuerst auf der Internetseite del.icio.us angewandt.

Jon Udell führte im Jahr 2004 aus, dass diese Art der Indexierung schon bekannt sei, neu sei allerdings die Möglichkeit der Rückkopplung durch einzelne Nutzer.

Eine umfassende Studie über Folksonomies hinsichtlich Wissensrepräsentation und Information Retrieval legte 2009 Isabella Peters[1] vor.

Vorteile gegenüber kontrollierter Erschließung[Bearbeiten]

Durch eine Folksonomie kann jeder Benutzer etwas zur Verschlagwortung beitragen. So verteilt sich zum einen der Kategorisierungsaufwand auf viele Schultern, zum anderen werden bessere Suchergebnisse erzielt, wenn die Informationsobjekte von denjenigen kategorisiert werden, die sie auch benutzen. Durch die zumeist große Zahl von Benutzern sollen Informationen und Zusammenhänge, die dem Einzelnen nicht aufgefallen sind, sichtbar gemacht werden.

Neben individuellem Nutzen für die Selbstorganisation des einzelnen Nutzers hat dieser die Möglichkeit, seine Schlagwortsammlung der Allgemeinheit zugänglich zu machen. So können zum Beispiel Dokumente mit identischen Schlagwörtern oder Nutzer mit ähnlichen Interessen (welche anhand ihrer Schlagwörter identifiziert werden) in Verbindung gebracht werden. Das offene Teilen der Schlagwörterzuordnungen der Einzelnen mit Anderen bietet der Gemeinschaft einerseits eine gute Suchmöglichkeit (gemeinsames Erschließen eines Informationsraumes), erlaubt es einzelnen Benutzern aber auch, über die Zuordnung der Schlagwörter zu Benutzern auf andere Objekte oder andere Sichtweisen aufmerksam zu werden.

Nachteile gegenüber kontrollierter Erschließung[Bearbeiten]

Bei der herkömmlichen manuellen Erschließung, beispielsweise durch Bibliothekare, werden meist Klassifikationen oder andere zentral verwaltete kontrollierte Vokabulare eingesetzt.

Aufgrund der Neuheit der Technik fehlt bei der Folksonomy eine etablierte Methode des gemeinschaftlichen Indexierens. Es gibt keine Instanz, die festlegt, welche Schlagwörter zu verwenden sind und welche nicht. Durch die freie Auswahl der Schlagwörter kommt es zu einer Zersplitterung der Kategorien; so wird z.B. die gleiche Sache von einigen Benutzern im Singular (Beispiel: Buch) und von anderen im Plural (Bücher) bezeichnet. Hinzu kommt bei internationalen Gemeinschaften eine Folksonomy in verschiedenen Sprachen (Buch, Bücher, Book, Books usw.). Bei zusammengesetzten Begriffen kann man sich, falls nur ein Wort und nicht mehrere technisch zugelassen sind, für ein Trennzeichen (open_access) oder die Zusammenschreibung entscheiden (openaccess).

Ein weiterer Nachteil der freien Verschlagwortung ist eine Problematik, die durch Synonyme und Homonyme entsteht: Begriffe können – vorwissenschaftlich formuliert – für völlig verschiedene Konzepte stehen, und die genaue Bedeutung eines Schlagworts ist oft nur im Kontext eindeutig zu verstehen. So steht zum Beispiel das englische Wort „apple“ im allgemeinen Sprachgebrauch für die Frucht Apfel, während in der Elektronikindustrie die Firma Apple Inc. und in der Musikbranche das Plattenlabel Apple Records gemeint sein kann, oder die Stadt New York als Big Apple damit verkürzt bezeichnet sein kann. Ein weiteres Beispiel: Versieht ein Nutzer seine Fotos eines internationalen Politikgipfels mit den Rednern Kohl und Bush auf einer Webanwendung wie Flickr mit den Schlagwörtern Kohl, Bush, Gipfel - ermöglicht dies anderen Nutzern gezielt Fotos zu finden, die mit diesen Schlagwörtern übereinstimmen. Wie dieses Beispiel zeigt, ist das Vorgehen der freien Verschlagwortung aber mitunter problematisch, da es zu Doppeldeutigkeiten kommen kann. In diesem Fall mit den Gewächsen Kohl und Busch sowie Gipfel, einer geomorphologischen Bezeichnung.

Um dieser Problematik entgegenzuwirken, können verwandte Schlagwörter angezeigt werden und Methoden der halbautomatischen Indexierung (Vorschlagen von passenden Tags bei der Tagvergabe) benutzt werden. Als weiteres Korrektiv wird die Masse an Benutzern angesehen, die Nutzer dazu bringen könnte, sich an dem jeweils populärsten Schlagwort zu orientieren. Zudem können Data-Mining-Methoden, wie zum Beispiel Clustering eingesetzt werden. Hierdurch können Gruppen von gleichartigen Ressourcen voneinander unterschieden werden. Zudem sollten immer mehrere Schlagwörter zur Beschreibung des Inhalts vergeben werden.

Gemeinschaftliches Indexieren mit kontrolliertem Vokabular[Bearbeiten]

Neue Internetprojekte kombinieren das gemeinschaftliche Indexieren mit lexikalischen oder semantischen Datenbanken, wie der Wikipedia oder der semantischen DBpedia, um eine spezielle Form eines kontrollierten Vokabulars anzubieten. [2][3][4]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sascha A. Carlin: Schlagwortvergabe durch Nutzende (Tagging) als Hilfsmittel zur Suche im Web. Ansatz, Modelle, Realisierungen. August 2006 ([1])
  • Scott Golder, Bernardo A. Huberman: The Structure of Collaborative Tagging Systems. August 2005. [5]
  • Marieke Guy, Emma Tonkin: Folksonomies – Tidying up Tags?. D-Lib Magazine 12, 1, 2006 [6]
  • Markus Heckner, Susanne Mühlbacher, Christian Wolff: "Tagging tagging. Analysing user keywords in scientific bibliography management systems". Journal of Digital Information 27, 9, 2008 [7]
  • George Macgregor, Emma McCulloch: Collaborative Tagging as a Knowledge Organisation and Resource Discovery Tool. In: Library Review, Band 55, Nummer 5, 2006. [8]
  • Isabella Peters: Folksonomies. Indexing and Retrieval in Web 2.0. Berlin: De Gruyter Saur, 2009.
  • Isabella Peters, Wolfgang G. Stock: Folksonomies in Wissensrepräsentation und Information Retrieval. März 2008 (PDF)
  • Wolfgang G. Stock (Autor), Mechtild Stock: Folksonomie, Kapitel 9: Kollaborative Inhaltserschließung, Kapitel 10: Bearbeitung von Tags, In: Wissensrepräsentation: Auswerten und Bereitstellen von Informationen, Oldenbourg, 2008, ISBN 978-3-486-58439-4
  • Clay Shirky: Ontology is Overrated: Categories, Links, and Tags. Mai 2005. [9]
  • Jakob Voss: Tagging, Folksonomy & Co - Renaissance of Manual Indexing?. Januar 2007 [10]
  • Jakob Voss: Collaborative thesaurus tagging the Wikipedia way. April 2006 [11]
  • Birgit Gaiser, Thorsten Hampel, Stefanie Panke: Good Tags - Bad Tags: Social Tagging in der Wissensorganisation, Waxmann, 2008, Tagungsband, Workshop der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) im Tübinger Institut für Wissensmedien (IWM), [12]
  • Jutta Bertram: Social Tagging - Zum Potential einer neuen Indexiermethode., In: Information: Wissenschaft und Praxis, Bd. 60 (2009) Nr. 1, S. 19-26.
  • Herbert Frohner: Social Tagging. Grundlagen, Anwendungen, Auswirkungen auf Wissensorganisation und soziale Strukturen der User, Hülsbusch, 2010, ISBN 978-3-940317-03-2
  • Fabian Abel, Ricardo Kawase, Daniel Krause, Patrick Siehndel, Nicole Ullmann: The Art of Multi-Faceted Tagging. April 2010 (PDF)
  • Ágnes Veszelszki: Web 2.0., information retrieval, taxonomy (Web 2.0, információelérés, taxonómia). [2], In: Magyar Tudomány, 2013/4. 468–472.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Isabella Peters (2009) Folksonomies. Indexing and Retrieval in Web 2.0. Berlin: De Gruyter. ISBN 978-3-598-25179-5
  2. Faviki
  3. Semantic Tagging with Faviki - ReadWriteWeb
  4. Zigtag
  5. [cs/0508082] The Structure of Collaborative Tagging Systems
  6. Folksonomies: Tidying up Tags?
  7. Heckner
  8. Collaborative Tagging as a Knowledge Organisation and Resource Discovery Tool | E-LIS. E-prints in Library and Information Science
  9. Shirky: Ontology is Overrated - Categories, Links, and Tags
  10. [cs/0701072] Tagging, Folksonomy & Co - Renaissance of Manual Indexing?
  11. [cs/0604036] Collaborative thesaurus tagging the Wikipedia way
  12. http://web.archive.org/web/20090612114133/http://www.waxmann.com/kat/inhalt/2039Volltext.pdf