Gerhard Tersteegen

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Verbliebener Teil der Altstadt Mülheim mit dem Tersteegenhaus (links im Bild)
Tersteegendenkmal im Witthausbusch

Gerhard Tersteegen (niederdeutsch Gerrit ter Steegen; * 25. November 1697 in Moers; † 3. April 1769 in Mülheim an der Ruhr) war ein deutscher Laienprediger und Schriftsteller. Er wirkte am Niederrhein als bedeutender Kirchenlieddichter und Mystiker des reformierten Pietismus.

Leben[Bearbeiten]

Tersteegen stammte aus einem frommen Elternhaus. Er hatte noch fünf ältere Brüder und zwei Schwestern. Einer der Brüder war Prediger, die anderen Kaufleute. Der Vater, der Kaufmann Heinrich Tersteegen, verstarb bereits 1703. Im gleichen Jahr, also im Alter von sechs Jahren, begann er mit dem Besuch der Lateinschule Adolfinum, wo er auch Griechisch und Hebräisch lernte. Da seiner Mutter, Maria Cornelia Triboler, die Mittel für ein von ihm gewünschtes Theologiestudium fehlten, ging Tersteegen 1713 zu einem Schwager nach Mülheim, um Kaufmann zu werden, gründete auch nach Abschluss der Lehre 1717 ein eigenes Geschäft, zog sich dann aber bereits 1719 wieder aus dem Beruf zurück, da er ihn nach seiner Erweckung mit 16 Jahren zu sehr zerstreute und vom Wachsen der Gnade abhielt, und suchte sich ein stilleres Gewerbe zuerst als Leineweber und da ihm diese Arbeit nicht gesundheitlich zuträglich war dann als Seidenbandweber in kärglicher Armut und Einsamkeit. Zugleich nahm er an den Übungen, den wöchentlichen Erbauungsstunden, des Candidaten Wilhelm Hoffmann teil und nahm hier auch selbst das Wort. 1728 gab er das Weben ganz auf und lebte von Gaben zu seinem Lebensunterhalt und für seine Mildtätigkeit. So wurde er Laienprediger und der einzige Mystiker des reformierten Pietismus, in dem er u. a. Schriften katholischer Mystiker wie Teresa von Ávila übersetzte. Er predigte auch im ganzen Niederrhein und in Holland. 1756 musste er dies wegen schlechter Gesundheit einschränken und im März 1769 erkrankte er an Wassersucht (Herzinsuffizienz) und starb friedlich am 3. April.

Einfluss und Wirken[Bearbeiten]

Er beeinflusste so maßgeblich die junge protestantische Erweckungsbewegung. Sein Büchlein Geistliches Blumen-Gärtlein Inniger Seelen [1] von 1729 bringt Kirchenlieder, von denen manche noch heute gesungen werden: "Für dich sei ganz mein Herz und Leben" (Strophe 8: „Ich bete an die Macht der Liebe“), „Gott ist gegenwärtig“, „Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Engel in Chören“.

Alte Postkarte von der früheren Gaststätte „Tersteegensruh“

Ich bete an die Macht der Liebe: Nachwirkung im Großen Zapfenstreich der Deutschen Bundeswehr[Bearbeiten]

Die Melodie des heute beim Großen Zapfenstreich der Deutschen Bundeswehr außer in Bayern regelmäßig gespielten Chorals "Ich bete an die Macht der Liebe" nach der Schluss-Strophe von Tersteegens Lied ist ursprünglich eine Komposition des in Sankt Petersburg wirkenden ukrainischen Komponisten Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751 - 1825) zu dem von Michail Matwejewitsch Cheraskow (1733 - 1807) verfassten, später als Freimaurerlied bekannt gewordenen Text "Kol' slaven naš Gospod' v Sione" ("Wie gepriesen ist unser Herr in Zion"). Diese Liedstrophe wurde am Zarenhof Alexanders I. von Russland eingeführt. Die Zuordnung der Melodie zu der Liedstrophe Gerhard Tersteegens findet sich zum ersten Mal in einem durch den ehemaligen katholischen Priester Johannes Evangelista Goßner (1773 - 1858), einen aus Bayerisch Schwaben stammenden, 1820 - 1824 an der Malteserkirche in Sankt Petersburg tätigen pietistischen Pfarrer, und durch den dort an der lutherischen St.-Katharinen-Kirche wirkenden russischen Organisten Ivan Karlovič Čerlickij [Iwan Karlowitsch Tscherlitzky] (1799 - 1865) bearbeiteten Choralbuch. Enthaltend die Melodieen zu der Sammlung auserlesener Lieder von der erlösenden Liebe und den Liedern im Schatzkästchen von Johannes Gossner. Mit Stereotypen gedruckt. Leipzig bei Karl Tauchnitz, 1825, S. 82, [Nr.] 86: "Ich bete an die Macht der Liebe &c. [...]." Durch seine Tätigkeit in Berlin (1826 - 1858) vermittelte Gossner die Melodie, die er in Sankt Petersburg kennengelernt hatte, samt pietistischem Text an den Hof des Königs Friedrich Wilhelms III. von Preußen und seiner Nachfolger.

Die Wechselwirkung zwischen Pietismus und staatstreuem Patriotismus entsprach dem religiösen Hintergrund der 1815 geschlossenen Heiligen Allianz zwischen Preußen, Österreich und Russland, der zum Teil, vermittelt über den Pietisten und zeitweiligen Freimaurer Johann Heinrich Jung-Stilling an Juliane Freifrau von Krüdener, auf Johann Albrecht Bengel zurückgeht. Dieser war der Ansicht, vor dem Beginn des ersten glücklichen Millenniums (1836) schlage der Teufel nochmals um sich; dagegen gelte es, sich zu wappnen.[2]

Wirkung auf den Radikalen Pietismus[Bearbeiten]

Gerhard Tersteegen übte einen bedeutenden Einfluss auf den radikalen Pietismus aus. Seine Werke, vor allem das Predigtbuch Geistliche Brosamen, Von des Herrn Tisch gefallen, von guten Freunden aufgelesen und hungrigen Herzen mitgeteilt, wurden in diesen Kreisen viel gelesen. Da Tersteegen unverheiratet blieb, deckte sich sein Ideal der sexuellen Askese mit dem der Radikalpietisten. Er wandte sich aber gegen die Abkehr von der Staatskirche trotz aller Versuche der Herrnhuter Brüdergemeine, ihn für sich zu gewinnen.

Ausübung der Heilkunst[Bearbeiten]

Ein nicht unwichtiger Teil seiner Nächstenliebe bestand in der Ausübung der Heilkunst. Tersteegen mischte Hausmittel zusammen und verteilte sie unentgeltlich an Bedürftige. 1723 forderte dann ein Gesetz, dass nur Fachleute Arzneien herstellen dürfen. Tersteegen gelang es, den Nachweis seiner Kenntnisse zu erbringen. Schwerere Fälle wurden von ihm aber an die Ärzte der Universität Duisburg verwiesen.

In vielen Städten, gerade in Nordrhein-Westfalen, tragen soziale Einrichtungen, wie Pflege- und Krankenhäuser, auch Altenheime und Gemeindehäuser den Namen von Gerhard Tersteegen. Das wohl bekannteste Tersteegen-Haus ist sein Wohnhaus in Mülheim an der Ruhr (Teinerstraße 1), das er 1746 erwarb und in dem er bis zu seinem Tod wohnte. Heute ist dort das Mülheimer Heimatmuseum angesiedelt. Es zeigt neben seinen Werken Exponate bekannter Mülheimer Künstler.

Lieder in kirchlichen Gesangbüchern[Bearbeiten]

Sonderbriefmarke zum 300. Geburtstag mit dem Titel des bekanntesten Kirchenliedes „Ich bete an die Macht der Liebe“.

Im Evangelischen Gesangbuch (EG) sind zehn Lieder von Tersteegen abgedruckt. Im freikirchlichen Gesangbuch Feiern und Loben (F&L) fanden acht Lieder Aufnahme. Im Mennonitischen Gesangbuch (MG) finden sich drei Lieder von Tersteegen. Manche finden sich auch im römisch-katholischen Gotteslob (GL) oder gehören zur Liste der Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut (Ö) oder Kinderharfe 1908 (KH):

  • Jauchzet ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören (EG 41; F&L 211; GL 251; Ö)
  • Brunn alles Heils, dich ehren wir (EG 140; F&L 112; MG 64; Ö)
  • Ein Tag, der sagt’s dem andern (KH 171)
  • Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten (EG 165; F&L 1; MG 1; Ö)
  • Jesus, der du bist alleine Haupt und König der Gemeine (EG 252)
  • Gott rufet noch. Sollt ich nicht endlich hören (EG 392)
  • Kommt, Kinder, lasst uns gehen (EG 393)
  • Nun schläfet man (EG 480)
  • Nun sich der Tag geendet (EG 481; F&L 475; Ö)
  • Ich bete an die Macht der Liebe (in mehreren EG-Regionalteilen; F&L 358, MG 41)
  • Der Abend kommt, die Sonne sich verdecket (EG-Regionalteile Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck 645)
  • Gott, du bist Licht und wohnst im Licht (F&L 359)
  • Nun so will ich denn mein Leben (F&L 360)
  • Ich schließe mich aufs Neue (F&L 397)

Aufnahmen[Bearbeiten]

Dem dichterischen Werk Tersteegens haben Musikproduzenten wie Margret Birkenfeld und Gerhard Schnitter schon Konzeptproduktionen mit bekannten Chören wie dem Wetzlarer Jugendchor oder dem Solistenensemble gewidmet:

Werke[Bearbeiten]

Tersteegens Geburtshaus in Moers am Altmarkt
  • Außerlesene Lebensbeschreibungen Heiliger Seelen (In welchen nebst derselben Lebens-Historie/ hauptsächlich angemerket werden die Innere Führungen Gottes über Sie/ und die mannigfaltige Austheilungen seiner Gnaden in Ihnen/ Wobei viele wichtige Nachrichten in allen Ständen des Christlichen Lebens vorkommen/ Zur Bekräftigung der Wahrheit und Möglichkeit des Inwendigen Lebens/ Aus verschiedenen glaubwürdigen Urkunden/ in möglichster Kürze zusammen getragen.) 3 Bände, ca. 1500 S. 1785 Essen; Bd.2: digital bei archive.org
  • Gerhard Tersteegens Lebensbeschreibung; Solingen, 1775, Digitalisat (112S.)
  • Gerhard Terstegen’s Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen; Frankfurt 1729. (Digitalisat in der Digitalen Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern)
  • Geistliche Reden; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1979.
  • Briefe in niederländischer Sprache; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1982.
  • Briefe, 2 Bände; hrsg. von Gustav Adolf Benrath; Texte zur Geschichte des Pietismus, Abteilung V, Band 7; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008.
  • Unpartheiischer Abriß christlicher Grundwahrheiten, 1724; posthum 1801 Spelldorf/Mülheim, digital bei archive.org
  • Gerhard Tersteegen: Nachgelassene Aufsätze und Abhandlungen: Herausgegeben aus Anlaß der Einweihungsfeier des am 6. Apr. 1838 zu Mülheim a. d. Ruhr gesetzten Denkmals, Essen 1842

Übersetzung[Bearbeiten]

  • Thomae a Kempis Bücher von der Nachfolge Jesu Christi : auffs neue, nach einer der allerältesten Handschrifften, treulich übersetzet, und an statt des vierten Buchs vermehret mit denen Göttlichen Hertzens-Gesprächen des gottseligen Gerlachs, insgemein genandt der andere Thomas a Kempis, nun erstlich verteutschet ... - Düsseldorf : van der Smissen, 1730. (Digitalisat)

Gedenktag[Bearbeiten]

3. April im Evangelischen Namenkalender.

Literatur[Bearbeiten]

  • l. u.: Tersteegen, Gerhard. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 37, Duncker & Humblot, Leipzig 1894, S. 576–579.
  • Historisch bedeutsame Persönlichkeiten der Stadt Mülheim a. d. Ruhr. Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft der heimatkundlichen Vereine in Mülheim an der Ruhr. Mülheim an der Ruhr, 1983, S. 75-78.
  • Friedhelm Ackva ua.: Geschichte des Pietismus, Band 2, S. 390-410: online bei google-books
  • Karl Barthel: Leben Gerhard Tersteegens, 109 S. Bielefeld, 1852 Digitalisat
  • Thomas Baumann (Hrsg.): In Gottes Gegenwart. Gedanken zum geistlichen Leben. Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2011, ISBN 978-3-86256-012-7. (Auswahl an Schriften mit Einführung in Leben und Werk)
  • Wolfram Janzen: Gerhard Tersteegen. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 11, Bautz, Herzberg 1996, ISBN 3-88309-064-6, Sp. 674–695.
  • Manfred Kock, Jürgen Thiesbonenkamp (Hrsg.): Gerhard Tersteegen – evangelische Mystik inmitten der Aufklärung; Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte 126; Köln, Bonn: Habelt, 1997; ISBN 3-7927-1680-1
  • Albert Löschhorn: Gott ist gegenwärtig – Eine Anleitung zu geistlichen Übungen für evangelische Christen. Verlag Linea, Bad Wildbad, 2009, ISBN 978-3-939075-35-6
  • Albert Löschhorn: Gerhard Tersteegens Schule des Gebets. Verlag Linea, Bad Wildbad, 2009, ISBN 978-3-939075-34-9;- Verlagsseite zu Tersteegen
  • Hansgünter Ludewig: Gebet und Gotteserfahrung bei Gerhard Tersteegen, Diss. Göttingen 1986 Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek
  • Dietrich Meyer: Pietismusforschung Rheinland 1965-85, in: Pietismus und Neuzeit Bd.13, S.163-172 (guter Literaturüberblick), online bei google-books
  • Jost Müller-Bohn: Gerhard Tersteegen – Leben und Botschaft: Eine Herausforderung für unsere Zeit; Telos-Dokumentation 2360; Lahr: St. Johannis, 1993; ISBN 3-501-01202-0
  • Kurt Pfeifle: Gotteszeugen / Gerhard Tersteegen, eine Schriftenreihe aus dem Verlag Junge Gemeinde Heft 16, Verlag "Junge Gemeinde" Stuttgart, 1955
  • Richard Reschika: Ich will ins Meer der Liebe mich versenken. Die Mystik Gerhard Tersteegens für heute, Claudius Verlag, München, 2013, ISBN 978-3-532-62448-7

Weitere Quellen[Bearbeiten]

  • Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr, Bestand 881 (Tersteegensammlung)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zum historischen Vorbild des Titels Geistliches Blumen-Gärtlein vgl. ein Sammelwerk mit fünf Abhandlungen des von Andreas Karlstadt und Thomas Müntzer beeinflußten Täufers Hans Denck und einer seines Anhängers Jörg Haugk von Juchsen: (H[ans] D[enck]:) Geistliches Blumengaertlein/ bestehend In sechs erbaulichen alten Theologischen Tractaetlein [...]. Ambsterdam/ Gedruckt im Jahr 1680. - Der Titel stellt eine Hommage an die "Taufgesinnten" dar, also an Täufer, die gegen die Taufscheinautomatik die Notwendigkeit einer bewußten Glaubensentscheidung betonten. Vgl. Reinhard Breymayer: "Ja alle Wissenschaft / sie nutzt auch hier und dort." Der Pietismus und die Schatzkammern des Wissens. In: Barock und Pietismus. Wege in die Moderne. (Katalog: Werner Unseld und Renate Föll), (Ludwigsburg 2004) (Kataloge und Schriften des Landeskirchlichen Museums [Ludwigsburg], Bd. 12, <hg. von Werner Unseld|), S. 57 - 65, hier S. 60 f. mit Anm. 16 auf S. 65. - Der Titel begegnet bereits bei dem reformcalvinistischen Hofprediger Johannes Neomenius (Johann Neumond) in Brieg (Schlesien): Geistliches Blumengärtlein [Leichenpredigt auf Prinz August Herzog zu Brieg (1618 - 1619). Brieg 1620].
  2. Vgl. Reinhard Breymayer: Freimaurer vor den Toren des Tübinger Stifts: Masonischer Einfluss auf Hölderlin? In: Tubingensia. Impulse zur Stadt- und Universitätsgeschichte. Hrsg. von Sönke Lorenz und Volker [Karl] Schäfer. Thorbecke, Sigmaringen 2008, S. 355 - 395, hier S. 360.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gerhard Tersteegen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Gerhard Tersteegen – Quellen und Volltexte