Großer Zapfenstreich

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Dieser Artikel behandelt den Großen Zapfenstreich in der Bundesrepublik Deutschland. Zu der musikalischen Zeremonie in Österreich siehe Großer Österreichischer Zapfenstreich, zu dem historischen Großen Zapfenstreich in der DDR siehe Großer Zapfenstreich der Nationalen Volksarmee.
Großer Zapfenstreich zum Anlass des fünfzigsten Gründungstages der Ramstein Air Base (2002)
Großer Zapfenstreich auf dem Gelände des Bundesministeriums der Verteidigung in Bonn (2002)

Der Große Zapfenstreich ist eine feierliche, am Abend abgehaltene Militärzeremonie mit Streitkräften und Militärmusik. In Deutschland ist sie das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr.

In seinem Ablauf stellt er eine Kunstform des ursprünglichen militärischen Zapfenstreichs dar und wird heute insbesondere zur Ehrung von Persönlichkeiten, vereinzelt bei öffentlichen Gelöbnissen, bei Jubiläen sowie zum Abschluss großer Manöver abgehalten. Die Gesamtdauer beträgt etwa 20 Minuten.

Besondere öffentliche Aufmerksamkeit erhalten die Großen Zapfenstreiche aus Anlass der Verabschiedung aus dem Amt geschiedener Bundespräsidenten, Bundeskanzler und Bundesverteidigungsminister. Tatsächlich werden Große Zapfenstreiche häufiger durchgeführt, als von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Jedes Heeresmusikkorps hat etwa ein bis zwei Große Zapfenstreiche pro Jahr zu absolvieren.

Geschichte[Bearbeiten]

Hauptartikel: Zapfenstreich

Wenn die Landsknechte zur festgesetzten Abendstunde in das Lager zurückkehren sollten, ging ein Offizier, begleitet von einem Pfeifer oder Trommler, durch die Gaststuben und schlug mit seinem Stock auf den Zapfen des Fasses. Danach durfte der Wirt keine Getränke mehr ausgeben und die Soldaten mussten in die Zelte. Diesen musikalischen Befehl nannten die Landsknechte „Zapfenstreich“. Wer sich ihm widersetzte, wurde hart bestraft. Der Begriff des Zapfenstreiches wurde erstmals 1596 erwähnt. Der sächsische Obristleutnant Johann Friedrich von Flemming beschrieb 1726 diesen militärischen Brauch erstmals ausführlich in seinem Buch „Der vollkommene teutsche Soldat“.

Der Große Zapfenstreich in seiner heutigen Form entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. ordnete während der Befreiungskriege 1813 die Ausweitung des Zapfenstreiches um das Präsentieren des Gewehrs, ein stilles Gebet und das Blasen eines Militärliedes an. Er folgte damit dem Beispiel Russlands, Österreichs und Schwedens. Nicht überliefert ist, welches Musikstück ursprünglich als Gebet gespielt wurde; schon bald setzte sich allerdings der noch heute verwendete Choral Ich bete an die Macht der Liebe durch.

Die seit der Ausweitung mehrfach veränderte Form des Großen Zapfenstreiches mit musikalischem Gebet und Militärmusik stellte der damalige Musikdirektor des Musikkorps des preußischen Gardekorps Wilhelm Wieprecht zusammen. Seine erste Aufführung fand am 12. Mai 1838 in Berlin zu Ehren des russischen Zaren Nikolaus I. statt. Nach der Gründung des deutschen Kaiserreiches 1871 wurde – bei Anwesenheit des Monarchen – vor dem Gebet die Kaiserhymne Heil dir im Siegerkranz intoniert. Seit 1922 erfolgte zum Abschluss der Zeremonie das Abspielen der Nationalhymne, des Deutschlandliedes. Inzwischen wird bei Anwesenheit hoher ausländischer Gäste oder Truppenteile auch deren Nationalhymne gespielt.

Auch die DDR führte 1962 den Großen Zapfenstreich wieder ein. 1981 wurde er um „Elemente des progressiven militärischen Erbes“ ergänzt, beispielsweise um das Lied Für den Frieden der Welt des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch (siehe Großer Zapfenstreich der Nationalen Volksarmee).

Der Große Zapfenstreich gilt als höchste Auszeichnung, die die Bundeswehr einer Zivilperson zuteilwerden lassen kann. Grundsätzlichen Anspruch auf eine Verabschiedung durch einen Großen Zapfenstreich haben der Bundespräsident, der Bundeskanzler und der Bundesminister der Verteidigung; allen Militärs im Range eines Generals oder Generalleutnants (bzw. Admirals oder Vizeadmirals) steht ebenfalls ein Zapfenstreich bei ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst zu.

Die wohl größten und öffentlichkeitswirksamsten Großen Zapfenstreiche wurden zur Verabschiedung der Westalliierten aus Berlin vor dem Brandenburger Tor sowie zur Verabschiedung von Helmut Kohl aus dem Amt des Bundeskanzlers vor dem Kaiserdom zu Speyer aufgeführt.

Der frühere Bundespräsident Horst Köhler wurde am 15. Juni 2010 mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet, zuvor wurde der scheidende Bundespräsident Johannes Rau am 29. Juni 2004 mit diesem Zeremoniell geehrt. An diesem nahmen insgesamt 450 Soldaten des Wachbataillons und des Musikkorps der Bundeswehr teil. Johannes Rau war der erste aus der SPD hervorgegangene Bundespräsident, der sich mit einem Großen Zapfenstreich verabschieden ließ. Gustav Heinemann zog eine Bootsfahrt auf dem Rhein mit geladenen Gästen dem militärisch-religiösen Ritual vor. Als Bundeskanzler wurde zuletzt Gerhard Schröder am 20. November 2005 in seiner Heimatstadt Hannover mit einem Großen Zapfenstreich aus dem Amt verabschiedet.

Im März 2011 trat Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zurück. Der große Zapfenstreich zu seiner Verabschiedung erfuhr mediale Aufmerksamkeit, unter anderem, weil zu Guttenberg das für diesen Anlass eher ungewöhnliche Lied „Smoke on the Water“ der britischen Hardrockband Deep Purple vom Musikkorps spielen ließ.[1] Der Große Zapfenstreich am 8. März 2012 für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff – der sich unter anderem „Over the Rainbow“ wünschte – ließ die öffentliche Diskussion über den Anspruch auf Ehrung für alle ausgeschiedenen Amtsträger wieder aufleben. In Berlin demonstrierten einige hundert Bürger unter anderem mit Vuvuzelas gegen die Ehrung Wulffs.[2] Zur Verabschiedung von Verteidigungsminister Thomas de Maizière am 8. Januar 2014 spielte das Stabsmusikkorps der Bundeswehr Live Is Life der österreichischen Rockband Opus.[3]

Elemente und Personal[Bearbeiten]

Die Ausführung des Großen Zapfenstreiches obliegt mindestens einem Musikkorps mit angeschlossenem Spielmannszug, zwei Zügen Begleitkommando unter Gewehr und einer Begleitformation aus Fackelträgern. Bereits vor dem Aufmarsch des Großen Zapfenstreichs ist am Ort des Geschehens die sogenannte „Perlenkette“, eine zusätzliche Linie von Fackelträgern, die den Zapfenstreich im Hintergrund rahmt, angetreten. Die gesamte marschierende Abteilung wird vom Kommandierenden während des Zeremoniells als „Großer Zapfenstreich“ angesprochen; der Begriff meint also sowohl das Zeremoniell an sich als auch die daran beteiligten Soldaten. Das heute von der Bundeswehr ausgeführte Zeremoniell schließt vor dem Beginn des eigentlichen Zapfenstreiches eine sogenannte Serenade ein (s. u.), die an sich nicht zum Ablauf des eigentlichen Großen Zapfenstreiches gehört, aber insbesondere im Fall einer Aufführung zur Ehrung einer Einzelperson dem Ablauf eine jeweils individuelle Prägung verleihen soll.

Die Elemente des Großen Zapfenstreiches sind folgende:

  • Der Aufmarsch des Großen Zapfenstreiches mit dem Yorckschen Marsch und der Meldung an die zu ehrende Persönlichkeit bzw. den protokollarisch höchstrangigen Anwesenden durch den Leitenden.
  • Nach dem Kommando „Serenade!“ die Serenade, eine Aufführung von bis zu vier Musikstücken, die die zu ehrende Person auswählen darf. Wird der Große Zapfenstreich nicht zu Ehren einer Einzelperson, sondern anlässlich eines besonderen Ereignisses aufgeführt, werden die Stücke der Serenade vom Leiter des Musikkorps bestimmt und sollen von ihrem Titel bzw. ihrer Bedeutung her dem jeweiligen Ereignis angemessen sein.
  • Nach dem Kommando „Großer Zapfenstreich stillgestanden! Großer Zapfenstreich!“ folgt der eigentliche Große Zapfenstreich, der sich aus folgenden Bestandteilen zusammensetzt:
  • Locken zum Großen Zapfenstreich durch den Spielmannszug; dies erinnert an die Trommelsignale, die den bevorstehenden Zapfenstreich im Feldlager ankündigten
  • Preußischer Zapfenstreichmarsch als Traditionselement der Fußtruppen
  • Retraite mit drei Posten (Fanfarenrufe) als Traditionselement der berittenen Truppen; die drei Posten unterscheiden sich durch eine zunehmende Getragenheit und Melancholie im Vortrag und rufen symbolisch nacheinander die Versprengten und die Verwundeten nach der Schlacht zurück, die dritte und letzte Post ist ein musikalischer Gruß an die Toten, die nicht mehr zurückkehren
  • Ruf zum Gebet durch den Spielmannszug
  • Nach dem Kommando „Helm ab zum Gebet!“ das musikalische Gebet, die von Dmytro Bortnjanskyj komponierte Choralstrophe, die später mit dem Text „Ich bete an die Macht der Liebe“ von Gerhard Tersteegen unterlegt wurde. Die beteiligten Soldaten halten dazu den Helm mit der linken Hand vor die Brust; anwesende Soldaten in Uniform nehmen formlos ihre Kopfbedeckung ab.
  • Das Kommando „Helm auf!“, Abschlagen nach dem Gebet und Ruf nach dem Gebet.
  • Nach dem Kommando „Achtung, präsentiert!“ (bzw. Wachbataillon: „Das Gewehr über! Achtung, präsentiert das Gewehr!“) die deutsche Nationalhymne,
  • Abmeldung des Großen Zapfenstreiches und Ausmarsch der Formation zu den Klängen des Preußischen Zapfenstreichmarsches.

Das Locken zum Großen Zapfenstreich, das Zeichen zum Gebet und das Abschlagen nach dem Gebet werden als musikalische Kommandos nur von den Spielleuten (Spielmannstrommel und -pfeife) unter Leitung des Tambourmajors ausgeführt, die übrigen Musikstücke vom gesamten Musikkorps. Der Ruf nach dem Gebet knüpft musikalisch an die Retraite an und umrahmt so den Gebetsteil. Auf- und Abmarsch sowie die Meldungen sind mit weiteren Kommandos verbunden.

Aufgrund der besonderen Tradition der Bayerischen Armee bis 1919 kann in Bayern eine abgeänderte Form des oben beschriebenen Zapfenstreichs zur Aufführung kommen. In ihr wird der „Bayerische Zapfenstreichmarsch“ anstelle des preußischen Zapfenstreichmarsches und das „Bayerische Militärgebet“ von Johann Kaspar Aiblinger anstelle des Chorals „Ich bete an die Macht der Liebe“ gespielt.

Sonstiges[Bearbeiten]

  • Allen Musikkorps der Bundeswehr ist es untersagt, Bestandteile des oben aufgelisteten eigentlichen Großen Zapfenstreiches bei anderen Gelegenheiten aufzuführen. Dadurch soll der besondere Rang des Großen Zapfenstreiches als höchstes militärisches Zeremoniell betont werden. Ausnahmen von dieser Vorschrift bedürfen mindestens der Genehmigung des zuständigen Divisionskommandeurs und werden nur für besondere Anlässe erteilt. So wurde beispielsweise beim Auftritt des Musikkorps der Bundeswehr bei einem Militärmusikfestival in Moskau 2007 der Preußische Zapfenstreichmarsch zur Aufführung gebracht, um die enge historische Verbundenheit der deutschen und russischen Militärmusik hervorzuheben.
  • Der Große Zapfenstreich wird in Deutschland auch von zivilen Musikkapellen, Spielmannszügen und Vereinsorchestern zu besonderen Anlässen wie z.B. Feuerwehr-Jubiläen, Stadt- oder Schützenfesten aufgeführt.[4]

Kritik[Bearbeiten]

Forderungen, den Großen Zapfenstreich abzuschaffen, gab es immer wieder. Antimilitaristische und pazifistische Gruppen stellten sich in der Vergangenheit gegen diese Zeremonie.

Abgelehnt werden von Kritikern etwa die formale Fortführung preußischer Militärtradition, die als antiquiert, überholt und martialisch gesehen wird. Das Thema selber und der Anlass der Feierlichkeit werden dabei nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Gefordert wird häufig nur eine modernere und zeitgemäßere Form der Inszenierung. Eine tiefer gehende Form von Kritik zielt direkt auf die durch das Ritual transportierte Botschaft bzw. die Institution Bundeswehr selber bzw. ihre momentan wahrgenommenen militärischen Aufgaben. Unterstellt werden u.a. ein Bekenntnis zur Remilitarisierung der Gesellschaft und angebliche nationale Machtphantasien.[5]

1996 scheiterten PDS und Bündnis 90/Die Grünen im Petitionsausschuss des Bundestages mit ihrer Forderung, die Aufführung des Zapfenstreichs und/oder die religiösen Riten darin abzuschaffen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Markus Euskirchen: Militärrituale. Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments. PapyRossa-Verlag, Köln 2005, ISBN 3-89438-329-1, S. 135 ff., S. 152.
  • Bernhard Höfele: Militärmusik - Noten und Geschichte des Großen Zapfenstreichs. Books on Demand, Norderstedt 2005, ISBN 3-8334-2822-8.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Großer Zapfenstreich – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Großer Zapfenstreich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. Ralf Klassen: Smoke on the Bendlerblock. Stern, 10. März 2011, abgerufen am 6. März 2012.
  2. Zapfenstreich für Wulff: Abschied ohne Würde. auf: Spiegel Online. 8. März 2012.
  3. Zapfenstreich für de Maizière, bild.de, Meldung vom 8. Januar 2014
  4. Anleitung des Landesfeuerwehrverbandes Baden-Württemberg zur Organisation eines Großen Zapfenstreichs (inkl. Historie, Anlässe, Rahmenbedingungen) (PDF; 58 kB)
  5. Ulrich Steuten: Der große Zapfenstreich / Eine soziologische Analyse eines umstrittenen Rituals. Duisburger Beiträge zur soziologischen Forschung No. 2/1999, Gerhard-Mercator-Universität Gesamthochschule Duisburg, Duisburg 1999, DNB 957851820, S. 30 ff.