Gertrud Kolmar

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Berliner Gedenktafel für Gertrud Kolmar in Berlin-Westend
Stolperstein am Haus Münchener Straße 18a, in Berlin-Schöneberg

Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, * 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz) war eine deutsche Lyrikerin und Schriftstellerin.

Leben[Bearbeiten]

Gertrud Kolmar war die Tochter des jüdischen Rechtsanwaltes Ludwig Chodziesner (1861-1943) und seiner Frau Elise, geborene Schoenflies (1872-1930), und Cousine von Walter Benjamin und dessen Bruder Georg Benjamin (→ Familien Schoenflies und Hirschfeld). Sie wuchs im Charlottenburger Westend auf, dem heutigen Berliner Westend, und besuchte nach mehreren privaten Berliner Mädchenschulen 1911/12 eine haus- und landwirtschaftliche Frauenschule in Elbisbach bei Leipzig. Sie war zwischenzeitlich in einem Kindergarten tätig, lernte Russisch und absolvierte 1915/16 ein Seminar für Sprachlehrerinnen in Berlin mit einem Diplom für Englisch und Französisch. Zu dieser Zeit hatte sie eine Liebesbeziehung mit einem Offizier, die mit einer Abtreibung und der anschließenden Trennung endete.

1917 erschien ihr erster Gedichtband unter dem Pseudonym Gertrud Kolmar. Das Pseudonym erklärt sich aus der Herkunft ihres Familiennamens von der Stadt Chodziesen (poln. Chodzież) in der damaligen preußischen Provinz Posen, die 1878 in Kolmar umbenannt worden war. In den Jahren 1917/18 arbeitete Gertrud Kolmar als Zensorin in dem Kriegsgefangenenlager Döberitz bei Berlin. 1921 zog die Familie Chodziesner in die Berliner Innenstadt, 1923 nach Falkensee bei Spandau in die Villenkolonie Finkenkrug. Gertrud war während dieser Zeit Erzieherin in verschiedenen Berliner Familien, 1927 ging sie in dieser Funktion auch nach Hamburg. Im selben Jahr unternahm sie eine Studienreise nach Frankreich mit Aufenthalten in Paris und Dijon. Ab 1928 übernahm sie wegen einer schweren Erkrankung der Mutter die Führung des elterlichen Haushalts und arbeitete daneben als Sekretärin für ihren Vater, seinetwegen blieb sie nach 1933 in Deutschland, während ihren Geschwistern die Flucht gelang.

Ab Ende der 1920er-Jahre erschienen einzelne ihrer Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien. 1934 wurde ihr zweiter Gedichtband Preußische Wappen im Verlag Die Rabenpresse von Victor Otto Stomps publiziert. Diese Veröffentlichung brachte den Verlag auf eine Liste unerwünschter Verlage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, von dem er dann boykottiert wurde. Kolmar durfte ab 1936 nicht mehr unter ihrem Künstlernamen publizieren, sondern nur noch unter ihrem Familiennamen Chodziesner.

Ihr dritter Gedichtband Die Frau und die Tiere, der im August 1938 in einem jüdischen Verlag erschien, wurde nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 eingestampft. Die Familie Chodziesner wurde infolge der verschärften Judenverfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus noch im November 1938 zum Verkauf ihres Hauses in Finkenkrug und zum Umzug in eine Etagenwohnung in einem Judenhaus in Berlin-Schöneberg gezwungen.

Ab Juli 1941 musste Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Ihr Vater wurde im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort im Februar 1943. Gertrud Kolmar wurde am 27. Februar 1943 im Verlauf der Fabrikaktion verhaftet und am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport des RSHA ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Von den etwa 1500 Berliner Juden, die in diesem Zug am 3. März 1943 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion an der 'Alten Rampe' 535 Männer und 145 Frauen als „arbeitsfähige“ Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen. Die übrigen etwa 820 Deportierten dieses Zuges, darunter Gertrud Kolmar, wurden nicht als Häftlinge registriert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet.[1]

Gertrud Kolmar, von deren Werk zu Lebzeiten relativ wenig erschien, gilt heute als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Nach eher konventionellen Anfängen fand sie in ihren Gedichten vor allem ab Ende der Zwanzigerjahre zu einem eigenen, unverkennbaren Ton, geprägt von großer sprachlicher Virtuosität und Expressivität, unter gleichzeitiger Beibehaltung traditioneller Formen. In ihrem Werk herrschen Natur- und Frauenthemen vor, oft ins Mystische und Hymnische gesteigert.

Ehrungen[Bearbeiten]

Gertrud-Kolmar-Bibliothek in Schöneberg
  • 1956 wurde Gertrud Kolmar postum mit dem Deutschen Kritikerpreis ausgezeichnet.
  • Die Stadtteilbibliothek Schöneberg-Nord im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg trägt ihren Namen, ebenso je eine Straße in Berlin-Mitte und in Falkensee-Finkenkrug.
  • Im Jahr 2007 wurden bei ihrem letzten Wohnhaus in Falkensee für sie und ihren Vater Stolpersteine verlegt.[2] Und an der Straßenfront des Wohnhauses befindet sich eine steinerne Gedenktafel, die in der Brandenburger Denkmalliste enthalten ist.
  • Das Museum und Galerie der Stadt Falkensee widmet sich in seiner Dauerausstellung ausführlich Leben und Werk Gertrud Kolmars.[3]
  • Taufe einer Rosen-Neuzüchtung aus Hamburg 2011: Namensgebung der „Gertrud-Kolmar-Rose“ im Garten von Museum und Galerie Falkensee[3]

Werke[Bearbeiten]

Veröffentlichungen zu Lebzeiten[Bearbeiten]

  • Gedichte, Berlin, Fleischel & Co. 1917
  • Preußische Wappen, Berlin, Die Rabenpresse 1934
  • Die Frau und die Tiere, Berlin, Jüdischer Buchverlag E. Löwe 1938

Posthume Ausgaben[Bearbeiten]

  • Welten, Berlin, Suhrkamp 1947
  • Das lyrische Werk, Heidelberg, Darmstadt, Lambert Schneider 1955
  • Das lyrische Werk, München, Kösel 1960
  • Eine Mutter, München, Kösel 1965
  • Briefe an die Schwester Hilde, München 1970
  • Das Wort der Stummen. Nachgelassene Gedichte. Hrsg. und mit einem Nachwort von Uwe Berger und "Erinnerungen an Gertrud Kolmar" von Hilde Benjamin, Berlin, Buchverl. Der Morgen 1978
  • Susanna, Frankfurt am Main, Suhrkamp 1993; auf 2 CD Berlin: Herzrasen Records, 2006
  • Nacht, Verona 1994
  • Briefe. Hrsg. von Johanna Woltmann. Göttingen, Wallstein 1997
  • Das lyrische Werk. Hrsg. von Regina Nörtemann. 3 Bände. (erste kritische, kommentierte Ausgabe). Göttingen, Wallstein 2003 (² 2010)
  • Die Dramen. Hrsg. von Regina Nörtemann. Göttingen, Wallstein 2005

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Byland: Zu den Gedichten Gertrud Kolmars. Diss. Zürich 1971
  • Rüdiger Frommholz: Kolmar, Gertrud. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 12, Duncker & Humblot, Berlin 1980, ISBN 3-428-00193-1, S. 472 f. (Digitalisat).
  • Beatrice Eichmann-Leutenegger: Gertrud Kolmar. Leben und Werk in Texten und Bildern. Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1993. ISBN 3-633-54072-5
  • Ulrich Ott (Hrsg.): Marbacher Magazin 63/1993. Gertrud Kolmar 1894 - 1943. Bearbeitet von Johanna Woltmann. Marbach am Neckar 1993
  • Marion Brandt: Schweigen ist ein Ort der Antwort. Eine Analyse des Gedichtzyklus „Das Wort der Stummen“ von Gertrud Kolmar. Hoffmann, Berlin 1993. ISBN 3-929120-00-3
  • Johanna Woltmann: Gertrud Kolmar Göttingen 1994 (zugl. Diss. phil. Univ. München) Neuaufl. Suhrkamp TB ISBN 3-518-39754-0
  • Birgit R. Erdle: Antlitz - Mord - Gesetz. Figuren des Anderen bei Gertrud Kolmar und Emmanuel Lévinas. Passagen, Wien 1994. ISBN 3-85165-095-6
  • Marion Brandt (Hrsg.): Gertrud Kolmar, Orte (Ausstellungskatalog). Kontext-Verlag, Berlin 1994. ISBN 3-86161-027-2
  • Monika Shafi: Gertrud Kolmar, München 1995. ISBN 3-89129-233-3
  • Heidy Margrit Müller (Hrsg.): Klangkristalle, rubinene Lieder. Studien zur Lyrik Gertrud Kolmars. Lang, Bern [u.a.] 1996. ISBN 3-906755-42-8
  • Karin Lorenz-Lindemann (Hrsg.): Widerstehen im Wort. Studien zu den Dichtungen Gertrud Kolmars . Wallstein-Verlag, Göttingen 1996. ISBN 3-89244-230-4
  • Barbara C. Frantz: Gertrud Kolmar's prose. Lang, New York [u.a.] 1997. ISBN 0-8204-3658-5
  • Gudrun Jäger: Gertrud Kolmar: Publikations- und Rezeptionsgeschichte. Campus-Verlag, Frankfurt/Main [u.a.] 1998. ISBN 3-593-35964-2
  • Chryssoula Kambas (Hrsg.): Lyrische Bildnisse. Beiträge zu Dichtung und Biographie von Gertrud Kolmar. Aisthesis, Bielefeld 1998. ISBN 3-89528-199-9
  • Kathy Zarnegin: Tierische Träume. Niemeyer, Tübingen 1998. ISBN 3-484-32097-4
  • Flavia Arzeni (Hrsg.): Gertrud Kolmar, la straniera. Bulzoni, Roma 1999. ISBN 88-8319-292-3
  • Annegret Schumann: „Bilderrätsel“ statt Heimatlyrik. Bild und Identität in Gertrud Kolmars Gedichtsammlung „Das preußische Wappenbuch“. Iudicium, München 2002. ISBN 3-89129-666-5
  • Marion Brandt: „Mehr als ein seltsam belebtes Bild - und weniger als eine Zauberin“. Über Gertrud Kolmar. In: Walter Fähnders u. Helga Karrenbrock (Hrsg.) Autorinnen der Weimarer Republik, Bielefeld 2003, S. 59-77.
  • Cornelia Naumann: Liebe Trude, Schauspiel. UA Teamtheater, München 2003
  • Simon Schiller: Kaddisch - Totengebet für Gertrud Kolmar, Theaterstück. Nonnenberg, Engelthal 2004. ISBN 3-00-014618-0
  • Sibylle Quack: Cora Berliner, Gertrud Kolmar, Hannah Arendt. Straßen am „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ehren ihr Andenken. Hentrich, Berlin 2005 (Reihe: Jüdische Miniaturen 33) ISBN 3-938485-12-4
  • Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 14. Saur, München 2006, S. 218–228
  • Silke Nowak: Sprechende Bilder. Zur Lyrik und Poetik Gertrud Kolmars. Wallstein, Göttingen 2007. ISBN 978-3-8353-0153-5
  • Dieter Kühn: Gertrud Kolmar. Leben und Werk, Zeit und Tod. S. Fischer, Frankfurt/Main 2008. ISBN 978-3-10-041511-0
  • Friederike Heimann: Beziehung und Bruch in der Poetik Gertrud Kolmars. Verborgene deutsch-jüdische Diskurse im Gedicht. DeGruyter, Berlin/Boston 2012. ISBN 978-3-11-029722-5
  • Chryssoula Kambas (Hrsg.): Sand in den Schuhen Kommender. Gertrud Kolmars Werk im Dialog. Wallstein, Göttingen 2012. ISBN 978-3-8353-1031-5
  • Ilse Nagelschmidt / Almut Constanze Nickel / Jochanan Trilse-Finkelstein (Hrsg.): Dichten wider die Unzeit. Textkritische Beiträge zu Gertrud Kolmar. Lang, Frankfurt a.M. 2013. ISBN 978-3-631-62814-0

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939-1945, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 429
  2. Stolperstein-Verlegung für Gertrud und Ludwig Chodziesner 2007
  3. a b Museum und Galerie Falkensee