Gezeitenmühle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Eine Gezeitenmühle (seltener auch Tide(n)mühle oder Flutmühle genannt) wird periodisch mittels Ebbe und Flut an Küsten mit ausreichendem Tidenhub angetrieben. Sie ist mit herkömmlichen Wassermühlen verwandt und kann ganzjährig betrieben werden.

Gezeitenmühle Birlot auf der Île de Bréhat

Funktionsweise[Bearbeiten]

Gezeitenmühlen lagen gewöhnlich in den Mündungen von Tideflüssen, weit genug vom Meer entfernt, um negative Einflüsse des Wellenganges zu vermeiden, und nahe genug, um den Tidenhub zu nutzen. Durch einen Damm mit einer Schleuse wurde überflutetes Gebiet, oder ein Teil eines Ästuars zu einem Staubecken gemacht. Die Flut strömt durch die Schleuse, welche sich automatisch schließt, wenn die Tide zurückgeht, in den Mühlenweiher. Bei niedrigem Wasserstand kann man das aufgestaute Wasser über das Mühlrad zurückströmen lassen.

Verbreitung[Bearbeiten]

Gezeitenmühle von Olhão, (Moinho de mare) Portugal
Luftbild der Gezeitenmühle von Loix-en-Ré, Frankreich
Meermühle (Molino de mareas) auf der Isla Cristina (Huelva) Spanien

Gezeitenmühlen kommen in Europa an den Küsten des Atlantiks zwischen den Britischen Inseln und Portugal (Alhos Vedros, Corroios, Mourisca, Olhão) vor. Die bislang früheste archäologisch dokumentierte Gezeitenmühle wurde auf dem Gelände des Nendrum-Klosters auf einer Insel im Strangford Lough in Nordirland entdeckt. Sie wurde dendrochronologisch auf das Jahr 787 datiert.[1] Ihre Mühlsteine haben einen Durchmesser von 830 mm, und das horizontale Rad konnte eine Spitzenleistung von etwa 0,65 kW entwickeln. Eine noch ältere Mühle (aus dem Jahr 619) wird im „Domesday-Buch“ (1086) erwähnt und stand im Hafen von Dover. Möglicherweise wurde die Kraft der Gezeiten in England (4 Mühlen) und Frankreich (etwa 70 Moulin à marée). Das sie bereits von den Römern genutzt wurden ist unwahrscheinlich, da die mediterranen Kulturen keine Gezeitensituation vorfanden.[2] Im frühen Mittelalter wurden sie zum Mahlen von Getreide oder Gewürzen, später auch als Antrieb für Hammer- und Sägewerke in der Papier- und Stoffindustrie genutzt.

Im Vereinigten Königreich gibt es noch vier erhaltene Gezeitenmühlen:

Die Gezeitenmühle von Woodbridge im Mündungsgebiet des Deben geht auf die Zeit um 1170 zurück und wurde 1792 wieder aufgebaut. Sie ist ein Museum in städtischem Besitz und öffentlich zugänglich. Nur die „Eling Tide Mill“ arbeitet heute noch. Diese Mühle wurde erstmals 1086 urkundlich erwähnt; der heutige Bau stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die Flutmühle landeinwärts am Lea River liegt mitten im Londoner Industriegebiet „Bromley-by-Bow“.

In London gab es viele Gezeitenmühlen, einschließlich zweier an der London Bridge. In den USA arbeiteten zu einer Zeit am Atlantik etwa 750 Gezeitenmühlen[3].

In Frankreich gab es einst etwa 70 „Moulins à marée“. Sie sind in der Bretagne (Île d'Arz, Île-de-Bréhat, La Vicomté-sur-Rance, Ploumanac’h, Trégastel) verbreitet.

Die letzte und lange Zeit einzige Gezeitenmühle in Deutschland war die Sierkesche Mühle (auch Au-Mühle genannt), eine Wassermühle am Marschdamm bei Horneburg in Niedersachsen (53° 30′ 37″ N, 9° 35′ 20″ O53.5103959.588752). Sie nutzte die Kraft der Flut, welche von der Unterelbe durch die Lühe bis in die Alte Aue hineindrückt. Die 1877 errichtete Mühle wurde nach der Stilllegung des Betriebes zu einem Wohngebäude umgebaut.[4]

Gezeitenkraftwerke[Bearbeiten]

In neuerer Zeit wird Tideenergie in Gezeitenkraftwerken genutzt. Seit Ende 1966 arbeitet das Gezeitenkraftwerk Rance bei St. Malo an der Rance. Die insgesamt 24 Turbinen erzeugen jährlich rund 500 GWh Strom, das sind ca. 0,2 % des französischen Strombedarfs. Für den Bau dieser Gezeitenkraftanlage wurden rund 200 Millionen € aufgewendet.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Tide Mill from 787 AD. found at the Nendrum Monastic Site, Northern Ireland
  2. Spain, Rob: „A possible Roman Tide Mill“, Paper submitted to the Kent Archaeological Society (PDF; 1,9 MB)
  3. Minchinton, W. E. : „Early Tide Mills: Some Problems,“, in: Technology and Culture, Bd. 20, Nr. 4 (Okt. 1979), S. 777-786
  4. Sehenswürdigkeiten im Flecken Horneburg. Samtgemeinde Horneburg, abgerufen am 7. April 2011.

Literatur[Bearbeiten]

  • McErlean, T. & Crothers, N.: Harnessing the Tides: The Early Medieval Tide Mills at Nendrum Monastery, Strangford Lough, 2007, The Stationery Office, UK, ISBN 0-337-08877-2
  • Minchinton, W. E. : Early Tide Mills: Some Problems, in: Technology and Culture, Bd. 20, Nr. 4 (Okt. 1979), S. 777-786
  • Rynne, Colin: Milling in the 7th Century – Europe’s earliest tide mills, in: Archaeology Ireland 6, 1992
  • Spain, Rob: A possible Roman Tide Mill (PDF; 1,9 MB), Paper submitted to the Kent Archaeological Society

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gezeitenmühlen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien