Großmarkthalle (Frankfurt am Main)

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Großmarkthalle mit noch erhaltenen Annexbauten, Blick vom Deutschherrnufer, Mai 2007

Die Großmarkthalle im Frankfurter Stadtteil Ostend war von 1928 bis zu ihrer Schließung am 4. Juni 2004 ein gewerblicher Großmarkt, in dem vorwiegend Obst und Gemüse gehandelt wurde. Das Gebäude wird seit 2010 in den Neubau der Europäischen Zentralbank integriert, dessen Fertigstellung für 2014 geplant ist.

Geschichte[Bearbeiten]

Blick vom Main Tower auf Halle und Osthafen, Juni 2007
Gedenktafel zu den Deportationstransporten jüdischer Bürger, zwischen 1941 und 1945

Vom Mittelalter bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fanden Einzel- und Großhandel in der Stadt auf öffentlichen Straßen und Plätzen oder in den sogenannten Schirnen statt. Wachsende Bevölkerungszahlen und gestiegene Anforderungen an Hygiene und die damit verbundene Überwachung des Marktbetriebes führten 1877 bis 1879 zur Errichtung der ersten Frankfurter Markthalle an der Fahrgasse.

Trotz ihrer großzügigen Bauweise genügte die Markthalle jedoch bereits nach wenigen Jahren nicht mehr den Anforderungen einer wachsenden Großstadt. 1883 wurde mit der sogenannten Lederhalle in der Trierischen Gasse ein weiterer Marktbetrieb eröffnet. Ab 1907 gab es einen zusätzlichen Freimarkt am Börneplatz sowie kleinere Markthallen für den Handel mit Fischen und Blumen in der Börnegasse und der Battonnstraße. Der Wunsch, die zersplitterten Marktbetriebe wieder zu konzentrieren, führte 1910 auf Initiative von Oberbürgermeister Franz Adickes zu ersten Überlegungen, außerhalb der Innenstadt eine neue Großmarkthalle mit Bahnanschluß zu errichten. 1911 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, ein Gelände an der Sonnemannstraße in unmittelbarer Nähe des neuen Frankfurter Osthafens dafür zu reservieren.[1] Der Erste Weltkrieg und die Inflationszeit verhinderten lange die Ausführung dieser Pläne. Erst am 14. Juni 1926 genehmigte die Stadtverordnetenversammlung den Bau.

Der von dem Architekten Martin Elsaesser entworfene, wuchtige Bau am rechten Ufer des Mains wurde am 25. Oktober 1928 eingeweiht und ist Teil des Projekts Neues Frankfurt. Mit 220 Metern Länge, 50 Metern Breite und einer Höhe zwischen 17 und 23 Metern der seinerzeit größte Gebäudekomplex der Stadt, bot die Halle auf 13.000 Quadratmetern Platz für rund 130 Verkaufsstände, die in erster Linie Großverbraucher, zum Beispiel aus der Gastronomie sowie gewerbliche Wiederverkäufer bedienten. Des Weiteren befanden sich im und um den Bau Büros und Lagerflächen für die Großhändler, Speditionen und Agenturen.

Bahnhof Großmarkthalle[Bearbeiten]

Ab Oktober 1941 verwendeten die Nationalsozialisten die Kellerräume der Großmarkthalle als Sammelpunkt und den Bahnhof Großmarkthalle zur Deportation jüdischer Männer, Frauen und Kinder aus Frankfurt und Umgebung. Die jüdischen Bürger wurden von der Deutschen Reichsbahn wie Vieh mit aus geschlossenen Güterwagen bestehenden Zügen in die Vernichtungs- und Konzentrationslager gebracht. Diese Transporte mit Viehwagen aus dem Güterbahnhof der Großmarkthalle spielte daher eine bedeutende Rolle bei dem Völkermord innerhalb der Vernichtungsmaschinerie des Holocaust. Seit 1997 erinnert eine Gedenktafel[2] daran.

Denkmalschutz[Bearbeiten]

Die Großmarkthalle, die im Frankfurter Volksmund auch „Gemieskerch“ („Gemüsekirche“) genannt wird, steht seit 1984 unter Denkmalschutz. Die Funktion des Großmarkts für den Großraum Frankfurt übernahm 2004 das neu gebaute Frischezentrum Frankfurt im Ortsbezirk Kalbach-Riedberg mit insgesamt 128.000 Quadratmetern Fläche, wovon die Verkaufsfläche 23.000 Quadratmeter einnimmt.

Großmarkthalle (rechts) mit Deutschherrnbrücke und Skyline von Osten, Januar 2005

Baubeschreibung der Halle[Bearbeiten]

Innenansicht in Richtung Westen, August 2009
Östliche Innenwand der Halle, August 2009

Die Großmarkthalle Frankfurt am Main ist ein Hallenbau in Massivbauweise mit einer freien Spannweite von 50 Metern. Sie war zum Zeitpunkt ihrer Errichtung das am weitesten gespannte massive Flächentragwerk in moderner Schalenbauweise. Die gesamte Grundfläche wird durch 15 Tonnengewölbe mit einer Trägerspannweite von 36,9 Metern und einer Gewölbespannweite von 14,1 Metern überdacht.

Die Tonnengewölbe wurden in Zeiss-Dywidag-Schalenbauweise in Beton ausgeführt und besitzen eine Stärke von nur 7 Zentimetern. Die Grundform der Gewölbequerschnitte ist eine Halbellipse von 6 Metern Höhe. Sie wurde 1926–1928 von Franz Dischinger und Ulrich Finsterwalder konstruiert. Der Hallenbau wurde in einer Bauzeit von 24 Wochen durch die Firmen Dyckerhoff & Widmann AG und Wayss & Freytag AG erstellt.

Die Baukosten beliefen sich auf insgesamt 15,372 Millionen Reichsmark.

Neue Nutzung durch die Europäische Zentralbank (EZB)[Bearbeiten]

Blick auf die Südseite der Fassade mit entfernten Fenstern und Durchbruch für den geplanten Querriegel, August 2010
Ansicht der Nordseite von innen, August 2009
Durchbruch für den Querriegel an der Südseite, August 2010

Zum 1. Januar 2005 wurde das Areal der Großmarkthalle von der Stadt Frankfurt an die Europäische Zentralbank übergeben, die dort ihren zukünftigen Hauptsitz errichten wird. Der Kaufvertrag wurde bereits im Jahre 2002 unterzeichnet.

Die Halle wird erhalten bleiben und die öffentlichsten Funktionen der EZB aufnehmen. Sie wird über einen Besucherbereich, eine Kantine für die Mitarbeiter der EZB, einen Presse- sowie einen Konferenzbereich verfügen. Zwischen dem Main und der Großmarkthalle soll der Neubau der Europäischen Zentralbank aus zwei 180 Meter hohen ineinandergreifenden Hochhäusern entstehen. Der vom Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au stammende Entwurf ist seit Februar 2010 im Bau. Er soll bis Ende 2013 fertiggestellt und 2014 bezogen werden. Im Frühjahr 2007 schrieb die Stadt Frankfurt am Main in enger Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und der Europäischen Zentralbank einen europaweiten Wettbewerb zur Gestaltung einer Gedenkstätte für die deportierten Juden aus. Die Gedenkstätte soll bis zum Einzug der EZB fertiggestellt sein.[3]

Am 6. November 2006 nahm der Planungsausschuss einen Bericht des Magistrats der Stadt Frankfurt zustimmend zur Kenntnis, der beantragt die sogenannten Annexbauten (Sozialgebäude an den Kopfbauten der Halle) aus dem Denkmalschutz zu entlassen. Den Abriss der sogenannten Annexbauten hat das Landesamt für Denkmalschutz mittlerweile genehmigt. Darüber hinaus wird das westliche Drittel des Hallendaches, das im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den Nachkriegsjahren wieder aufgebaut wurde, durch einen diagonalen Querriegel durchdrungen damit nach den Plänen der Architekten „die neue Funktion nach außen dringt“.[4]

Nach Ansicht der Erben (Regine und Thomas Elsaesser) des 1957 verstorbenen Martin Elsaessers, dem Architekten der Großmarkthalle, unterliegt die Gestalt der Großmarkthalle dem Änderungsverbot nach dem Urheberrecht und bedarf der Zustimmung der Erben als derzeitigen Rechteinhaber, da das Urheberrecht an der Gestaltung der Halle erst 70 Jahre nach dem Tode des Urhebers erlischt.[5][6]

Diese Auffassung ist möglicherweise falsch, da inzwischen bekannt wurde, dass zwischen Martin Elsaesser und der Stadt Frankfurt 1932 eine vertragliche Vereinbarung getroffen wurde, wonach Änderungen an der Bausubstanz der Halle zulässig sind.[7] Im Frühjahr 2008 einigten sich schließlich die Erben Elsaessers mit der Stadt Frankfurt und der Europäischen Zentralbank über die Realisierung des Entwurfs. Die aus dem Denkmalschutz entlassenen Annexbauten wurden im Sommer 2008 abgerissen.[8]

Im Juli 2010 wurden die Fensterscheiben des Hallenbauwerks entfernt und die Fassaden im Bereich des vorgesehenen Querriegels bis auf die Stützpfeiler des Tonnengewölbes abgetragen. Seit Anfang August ist die Halle völlig durchtrennt, also in einen kleinen Westteil einen größeren Ostteil geteilt; die Kellerdecke ist abgerissen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Günter Günschel: Große Konstrukteure 1 Freyssinet, Maillart, Dischinger, Finsterwalder. Ullstein, Berlin 1966.
  • Walter Bachmann: Frankfurter Großmarkthalle. JW-Verlag, Frankfurt 2001, ISBN 3-934354-02-5.
  •  Wolf-Christian Setzepfandt: Architekturführer Frankfurt am Main/Architectural Guide. 3. Auflage. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-496-01236-6, S. 44 (deutsch, englisch).
  • Stadtplanungsamt Frankfurt am Main (Hrsg.): ZwischenZeit. Momentaufnahmen der Frankfurter Großmarkthalle. Frankfurt am Main 2008.
  • Walter Vorjohann (Fotografien), Eva Schestag (Texte): Ort der Abwesenheit - Die Frankfurter Großmarkthalle. Verlag Kleinheinrich, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-930754-58-8.[9]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Franz Lerner, Das tätige Frankfurt. Verlag Gerd Ammelburg, Frankfurt am Main 1955, S. 266
  2. Gedenktafel an der Großmarkthalle, dokumentiert beim Institut für Stadtgeschichte, Karmeliterkloster, Frankfurt am Main
  3. Magistratsvorlage M289 (PDF; 321 kB) vom 21. Dezember 2012
  4. Frankfurter Rundschau vom 7. November 2006
  5. Frankfurter Rundschau vom 24. November 2006
  6. Für beispielhafte Gerichtsentscheidungen siehe
  7. FAZ vom 13. Dezember 2006
  8. Matthias Alexander: Einigung mit Elsaesser-Erben. In: F.A.Z. vom 5. Mai 2008. Abgerufen: 8. Oktober 2008.
  9. FAZ vom 30. August 2010, S. 32: Zwischenzustand: Fotografien der Frankfurter Großmarkthalle

50.1094444444448.7025Koordinaten: 50° 6′ 34″ N, 8° 42′ 9″ O