Helen Keller

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Dieser Artikel bezieht sich auf die Schriftstellerin. Für die Rechtswissenschaftlerin siehe Helen Keller (Rechtswissenschafterin).
Porträt von Helen Keller (1905)

Helen Adams Keller (* 27. Juni 1880 in Tuscumbia, Alabama; † 1. Juni 1968 in Easton, Connecticut) war eine taubblinde amerikanische Schriftstellerin.

Leben[Bearbeiten]

Helen Keller wurde in ihrem zweiten Lebensjahr taubblind. Ihre Eltern waren Captain Arthur H. Keller, ein ehemaliger Offizier der Konföderierten Armee, und seine zweite, 20 Jahre jüngere Frau Kate, geborene Adams. Ihre Großmutter war eine Cousine zweiten Grades von Robert E. Lee. Helen Keller wurde als gesundes Kind geboren, verlor aber durch eine Hirnhautentzündung im Alter von 19 Monaten ihr Seh- und Hörvermögen (sogenannte Defektheilung). Bald darauf hörte sie auch auf, lautsprachliche Äußerungen zu machen. Sie entwickelte Handzeichen, um mit ihrer Umgebung zu kommunizieren, doch konnte sie sich oft nicht verständlich machen. Ihre Frustration darüber führte zu immer heftigeren Wutausbrüchen.

Keller mit ihrer Lehrerin Anne Sullivan (1888)
Keller und Sullivan (1898)

Im März 1887 kam ihre Lehrerin Anne Sullivan Macy, ausgebildet im Perkins-Institut für Blinde und zu diesem Zeitpunkt knapp 21 Jahre alt, aus Boston nach Tuscumbia. Anne Sullivan hatte im Perkins-Institut mit Laura Bridgman zusammengelebt, der ersten Taubblinden, die sich mittels eines erlernten Fingeralphabets gegenüber Hörenden und Sehenden sprachlich ausdrücken konnte. Bridgman verwendete zur Verständigung mit ihrer Umwelt das Fingeralphabet für Gehörlose, das ihr auf die Handfläche buchstabiert wurde. Später lernte sie die Quadratschrift, eine Art Blockschrift, die mit Bleistift geschrieben wurde, und konnte Bücher in erhaben geprägter Schrift lesen und lernte die Braille-Schrift, die sich damals noch nicht durchgesetzt hatte.

Anne Sullivan wandte bei Helen Keller die Methoden von Laura Bridgmans Lehrern an: Sie ließ das Kind einen Gegenstand berühren und buchstabierte ihm dessen Namen gleichzeitig in die freie Hand, wobei sie ein Fingeralphabet, wie es zum Teil von Gehörlosen benutzt wird, verwendete. Diesen Zusammenhang begriff Helen sehr bald; der Durchbruch kam mit dem Wort water (Wasser). Sullivan berichtet hierüber:

„[E]s hat sich etwas sehr Wichtiges zugetragen. Helen […] hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu wissen verlangt. […] Als ich sie heute früh wusch, wünschte sie die Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung für etwas zu wissen wünschte, so deutete sie darauf und streichelte mir die Hand. Ich buchstabierte ihr w-a-t-e-r in die Hand und dachte bis nach Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. […] [Später] gingen wir zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher unter die Öffnung halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte Wasser hervorschoß und den Becher füllte, buchstabierte ich ihr w-a-t-e-r in die freie Hand. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten, über ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen. Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort water zu verschiedenen Malen. Dann kauerte sie sich nieder, berührte die Erde und fragte nach dem Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach meinem Namen. Ich buchstabierte teacher in die Hand. […] Auf dem ganzen Rückweg war sie in höchstem Grade aufgeregt und erkundigte sich nach dem Namen jedes Gegenstands […] [Am nächsten Morgen:] Helen stand heute früh wie eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen, fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter Freude. […] Alles mußte jetzt einen Namen haben. […] Sobald sie das betreffende Wort kennt, wendet sie ihre früheren Zeichen und Pantomimen nicht mehr an.“

Anne Sullivan[1]

Dennoch versuchte Helen Keller 1890, angeregt durch die Geschichte der taubblinden Norwegerin Ragnhild Kaata, Sprache oral zu produzieren. Keller konnte lautliche Äußerungen von anderen Menschen, die weder das Fingeralphabet noch die Brailleschrift beherrschten, durch Abtasten der Lippenbewegungen verstehen.

Keller verbrachte viel Zeit am Perkins-Institut, dessen Leiter Michael Anagnos (Schwiegersohn von Samuel Gridley Howe, Laura Bridgmans Lehrer) sie und Anne Sullivan jahrelang protegierte und blumige, übertriebene Berichte über Keller und ihre Leistungen verfasste. Es kam jedoch zum Bruch mit Anagnos, als Keller ihm eine selbstverfasste Geschichte namens The Frost King schickte, die im Jahrbuch der Schule veröffentlicht wurde. Bald darauf stellte sich heraus, dass eine nahezu Wort für Wort gleichlautende Geschichte von Margaret Canby bereits 1880 erschienen war. Keller musste diese Geschichte einmal vorgelesen worden sein, ohne dass sie sich jedoch daran erinnern konnte. Margaret Canby, die Autorin des Originals, schrieb Keller einen verständnisvollen Brief und erklärte, Kellers Version sei sogar besser als ihre eigene. Anagnos fühlte sich betrogen und zitierte die elfjährige Helen Keller vor ein Untersuchungskomitee, bestehend aus acht Lehrern (vier Blinden und vier Sehenden). Im Anschluss an das zweistündige Verhör befanden vier Mitglieder Keller des vorsätzlichen Betrugs für schuldig, vier hielten sie für unschuldig, Anagnos stimmte zu Kellers Gunsten ab. Dennoch distanzierte er sich in der Folgezeit mehr und mehr von Keller und Anne Sullivan.

Ab Herbst 1900 besuchte Helen Keller das Radcliffe College, lernte mehrere Fremdsprachen, darunter Französisch und Deutsch, und machte am 28. Juni 1904 ihren Bachelor-of-Arts-Abschluss cum laude. Später erhielt sie mehrere Ehrendoktorwürden, unter anderem von der Harvard-Universität. Mit dem österreichischen Philosophen und Pädagogen Wilhelm Jerusalem, der als einer der ersten ihr literarisches Talent entdeckt hatte, unterhielt sie eine Briefkorrespondenz.[2] Später hielt Keller Vorträge, setzte sich für die Rechte Unterdrückter ein – unter anderem für die Rechte der Schwarzen, womit sie ihre gesamte Familie gegen sich aufbrachte – und schrieb mehrere Bücher. Sie war Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas (SPA).

1915 wurde Helen Keller Vorstandsmitglied des „Permanent Relief War Fund“. Diese Organisation wurde später „American Braille Press“ genannt.

1924 gründete sie den Helen Keller Endowment Fund und trat der American Foundation for the Blind bei. Sie wurde Beraterin für nationale und internationale Beziehungen der American Foundation for the Blind.

Nach Anne Sullivans Tod 1936 lebte Helen Keller mit Polly Thompson zusammen, nach deren Tod mit Winifred Corbally. 1961 zog sich Keller nach einem Schlaganfall aus der Öffentlichkeitsarbeit für die Blinden zurück. Sie starb 1968 im Schlaf und wurde in der Washington National Cathedral beigesetzt.

„Draußen erkenne ich durch Geruch- und Tastsinn den Grund, worauf wir gehen, und die Stellen, woran wir vorbeikommen, schreibt Helen Keller in „Meine Welt”. Zuweilen, wenn es windstill ist, sind die Gerüche so gruppiert, dass ich den Charakter einer Landschaft wahrnehme, eine Heuwiese, einen Dorfladen, einen Garten, eine Scheune, ein Bauerngehöft mit offenen Fenstern, ein Fichtenwäldchen gleichzeitig ihrer Lage nach erkenne.“

Rezeption[Bearbeiten]

Der mit Helen Keller befreundete Bildhauer Jo Davidson schuf in den 1940er Jahren eine Skulptur von ihr.[3]

1954 wurde der Dokumentarfilm The Unconquered gedreht, der Realaufnahmen aus dem Alltagsleben Helen Kellers zeigte. Der Film wurde 1956 mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

1962 verfilmte Arthur Penn ihre Jugendjahre mit Anne Bancroft als Annie Sullivan und Patty Duke als Helen Keller in The Miracle Worker (Licht im Dunkel). Weitere Verfilmungen folgten 1979, diesmal mit Patty Duke als Sullivan und Melissa Gilbert als Helen und 2000 (als The Miracle Worker – Wunder geschehen für das Fernsehen) mit Hallie Kate Eisenberg als Helen und Alison Elliott als Sullivan.

Steve Kalinich hatte für das Album Pacific Ocean Blue von Dennis Wilson (Beach Boys) einen Song über Helen Keller geschrieben, der allerdings bislang noch nicht erschienen ist.[4]

2000 wurde ihr Leben in der South-Park-Folge Helen Keller: Das Musical (Episode 14 Staffel 4) dargestellt. 2004 wurde ihr Leben Vorlage für den indischen Film Black von Sanjay Leela Bhansali. Ihre Rolle wurde von Rani Mukerji gespielt.

Helen Keller auf dem Alabama-Quarter

Im Rahmen der seit 1999 nach und nach ausgegebenen Sonderserie der 25-Cent-Münze (Quarter), bei der jeder US-Bundesstaat mit einer eigenen Münze geehrt wird, wurde Helen Keller eine besondere Würdigung zuteil. Ein Porträt von ihr ist auf der Rückseite des Alabama-Quarters zu sehen. Außer ihrem Namen (in Standard- und in Brailleschrift) sind die Worte „spirit of courage“ auf der Münze zu lesen.[5]

Werke[Bearbeiten]

  • Die Geschichte meines Lebens. Robert Lutz, Stuttgart 1905, (deutsche Übersetzung der Autobiographie The Story of My Life. Edited by John Albert Macy. New York: Doubleday, Page & Company, 1905).
  • Mein Weg aus dem Dunkel. Scherz, Bern 1994.
  • Meine Lehrerin und Freundin Anne Sullivan. Scherz, Bern 1956.
  • Meine Welt. Die Grüne Kraft, Löhrbach 1988; inkl. langem Beitrag von Werner Pieper über Helen Keller.
  • My religion. Swedenborg Foundation, New York 1986.
  • Optimismus. Grüne Kraft, Löhrbach.

Literatur[Bearbeiten]

  • Max Adler (Hrsg.): Festschrift für Wilhelm Jerusalem zu seinem 60. Geburtstag. Mit Beiträgen von Max Adler, Rudolf Eisler, Sigmund Feilbogen, Rudolf Goldscheid, Stefan Hock, Helen Keller, Josef Kraus, Anton Lampa, Ernst Mach, Rosa Mayreder, Julius Ofner, Josef Popper, Otto Simon, Christine Touaillon und Anton Wildgans. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1915.
  • Edmund Jerusalem: Helen Keller, die taub-blinde Schriftstellerin. Dvar Liladim, Jerusalem 1940 (aus dem Hebräischen übersetzt von Michael Jerusalem, Kfar Saba 2010).
  • Evelyn Clevé: Helen Keller. Dressler, Berlin 1974, ISBN 3-7915-0323-5.
  • Dorothy Herrmann: Helen Keller. A Biography. Knopf, New York 1998, ISBN 0-679-44354-1.
  • Joseph P. Lash: Helen and teacher. The Story of Helen Keller and Anne Sullivan Macy. Delacorte Press, New York NY 1980, ISBN 0-440-03654-2.
  • Katja Behrens: Helen Keller. Beltz & Gelberg, Weinheim 2001, ISBN 3-407-80889-5.
  • Katja Behrens: Alles Sehen kommt von der Seele. Die Lebensgeschichte der Helen Keller. Beltz & Gelberg, Weinheim u. a. 2001, ISBN 3-407-80889-5.
  • Werner Pieper: Blind, taub und optimistisch. Leben und Lernen der Helen Keller. In: Helen Keller: Meine Welt. Die Grüne Kraft, Löhrbach 1987, ISBN 3-925817-16-6 (Der grüne Zweig 116).
  • Birgit Kindler: Helen Keller – Schriftstellerin und Kämpferin für die Blinden. Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Berühmte Frauen in Vergangenheit und Gegenwart“ vom 23. September 1999. Doc-Dokument
  • Aleksandr I. Mešcerjakov: Helen Keller war nicht allein. Taubblindheit und die soziale Entwicklung der menschlichen Psyche. Ed. Marhold, Berlin 2001.
  • Helen E. Waite: Helen Keller, Anne Sullivan. Öffne mir das Tor zur Welt! Das Leben der taubblinden Helen Keller und ihrer Lehrerin Anne Sullivan. Dt. Taschenbuch-Verlag, München 1990.
  • Herbert Gantschacher: Dem Vergessen entreißen! Der Briefwechsel zwischen dem österreichisch-jüdischen Philosophen Wilhelm Jerusalem und der amerikanischen taubblinden Schriftstellerin Helen Keller. Gebärdensache, Wien 2009.
  • Herbert Gantschacher: Wilhelm Jerusalem – Helen Keller – Briefe. Arbos-Edition, 2010–2012, ISBN 978-3-9503173-0-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Helen Keller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zitiert nach Ernst Cassirer: Versuch über den Menschen. Felix Meiner-Verlag, Hamburg 2007, S. 60 f.
  2. Herbert Gantschacher: Dem Vergessen entreißen! – Der Briefwechsel zwischen dem österreichisch-jüdischen Philosophen Wilhelm Jerusalem und der amerikanischen taubblinden Schriftstellerin Helen Keller. Gebärdensache, Wien 2009, Seite 35 ff.
  3. Fotos von Helen Keller und Jo Davidson auf highlands-gallery.com
  4. Kingsley Abbot: Arbeiten mit den Wilsons. Ein Interview mit Steve Kalinich. in: Die Beach Boys und Brian Wilson. Hannibal-Verlag, St. Andrä-Wördern 1998, ISBN 3-85445-160-1.
  5. usmint.gov: The 50 State Quarters® Program. United States Mint, archiviert vom Original am 26. Februar 2004, abgerufen am 19. Februar 2014 (englisch).