Wilhelm Jerusalem

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Wilhelm Jerusalem (* 11. Oktober 1854 in Drenitz (Böhmen); † 15. Juli 1923 in Wien) war ein österreichischer Pädagoge, Philosoph und Soziologe.

Werdegang[Bearbeiten]

Von 1872 bis 1876 studierte er klassische Philosophie an der Universität Prag und promovierte über „Die Inschrift von Sestos und Polybios“. 1878 erhielt er von der Jüdischen Gemeinde in Prag auch die Lehrerlaubnis als Rabbiner[1]. Bis 1887 war er Gymnasiallehrer in Prag und Nikolsburg. 1888 wurde er Mitglied des Lehrkörpers am k.k. Staatsgymnasium im VIII. Bezirk Wiens. 1891 wurde er als Privatdozent an der Universität Wien zugelassen, zwischen 1894 und 1902 lehrte er auch an der Jüdisch-Theologischen Lehranstalt in Wien[2]. Wilhelm Jerusalem war auch jahrelang Präsident von B’nai B’rith "WIEN"[3]- Jerusalem forderte höflich aber bestimmt eine Bildungsreform in der k.u.k. Monarchie. Besonders interessierte er sich für die Bildungschancen von Minderheiten. Er verfasste die erste Monographie über die Erziehung von Taubblinden. 1890 veröffentlichte Jerusalem eine psychologische Studie über die taubblinde Laura Bridgman. Er hat das literarische Talent der taubblinden Autorin Helen Keller entdeckt und war mit ihr in Briefkorrespondenz[4] 1907 gründete er zusammen mit Rosa Mayreder, Max Adler, Rudolf Goldscheid, Ludo Hartmann, Karl Renner, Rudolf Eisler, Josef Redlich und Michael Hainisch die „Soziologische Gesellschaft“, die bis in die zwanziger Jahre eine rege Vortrags- und Publikationstätigkeit entwickelte. Besonders interessiert war Jerusalem an der philosophischen Richtung und Methode des Pragmatismus, dessen Hauptwerk „Der Pragmatismus“ von William James er 1907 in die deutsche Sprache übersetzte. Jerusalems eigene philosophische Anschauung war dem Pragmatismus verwandt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Jerusalem außerordentlicher Professor für Philosophie und Pädagogik an der Wiener Universität. Im Frühsommer 1919 wurde Jerusalem Pädagoge des Schönbrunner Kreises. Dem Wiener Vizebürgermeister Max Winter gelang es, im Hauptgebäude des Schlosses Schönbrunn Räumlichkeiten den Kinderfreunden zur Verfügung zu stellen. In dieser Schönbrunner Erzieherschule, in der junge Menschen zu Pädagogen ausgebildet wurden, konnte Jerusalem seine reformpädagogischen Programme gemeinsam mit seinen Kollegen Alfred Adler, Max Adler, Marianne Pollak, Josef Luitpold Stern und Otto Felix Kanitz verwirklichen. 1923 wurde Wilhelm Jerusalem von Otto Glöckel zum ordentlichen Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Wien ernannt.

Jerusalem starb am 15. Juli 1923 in Wien an Herzversagen. Im Jahr 1954 wurde in Wien Floridsdorf (21. Bezirk) die Jerusalemgasse nach ihm benannt. Nach seiner Tochter Irene Jerusalem ist seit 2006 der Irene-Jerusalem-Weg im 13. Bezirk Hietzing benannt.

Zu seinen Schülern und Studenten zählten unter anderem: Stefan Hock, Karl Renner, Viktor Ullmann, Otto Felix Kanitz und Anton Wildgans.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Zur Reform des Unterrichtes in der philosophischen Propädeutik. In: Programm des Staats-Gymnasiums in Nikolsburg. Nikolsburg 1885, S. 3–32 (Digitalisat)
  • Laura Bridgman, Erziehung einer Taubblinden. Verlag des k.k. Staatsgymnasiums im VIII.Bezirk, Wien 1890.
  • Grillparzers Welt- und Lebens- Anschauungen. Eisenstein Verlag, Wien 1891.
  • Die Urtheilsfunction. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1895.
  • Das Haus der Piaristen. Zum 16. November 1901. In: Festschrift zur Feier des zweihundertjährigen Bestandes des k. k. Staatsgymnasiums im VIII. Bezirke Wiens. Wien 1901, S. V-IX (Digitalisat)
  • Die Aufgaben des Mittelschullehrer. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1903.
  • Kants Bedeutung für die Gegenwart. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1904.
  • Marie Heurtin. Erziehung einer blind und taub Geborenen. Verlagsbuchhandlung Carl Konegen, Wien 1905.
  • Gedanken und Denker. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1905
  • Der kritische Idealismus und die reine Logik. Wien und Leipzig 1905. (Digitalisat in der Digitalen Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern)
  • Wege und Ziele der Ästhetik. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1906.
  • Der Pragmatismus, Vorwort zur Übersetzung des Werkes von William James. Felix Meiner Verlag, Leipzig 1907.
  • Die Aufgaben des Lehrers an Höheren Schulen. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien/Leipzig 1912.
  • Der Krieg im Lichte des Gesellschaftslehre. Ferdinand Enke, Stuttgart 1915.
  • Zu dem Menschen redet eben die Geschichte. In: Friedenspflichten des Einzelnen. Verlag Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1917.
  • Moralische Richtlinien nach dem Kriege. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien 1918
  • Meine Wege und Ziele. In: Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Band III herausgegeben von Raymond Schmidt. Felix Meiner Verlag, Leipzig 1922.
  • Einleitung in die Philosophie. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien 1899. 9./10. Auflage 1923.
  • Die soziologische Bedingtheit des Denkens und der Denkformen. In: Versuche zu einer Soziologie des Wissens. Herausgegeben von Max Scheler. Verlag Duncker & Humblot, München/Leipzig 1924.
  • Gedanken und Denker Neue Folge. Herausgegeben von Edmund und Erwin Jerusalem, Verlag Wilhelm Braumüller, Wien 1925.
  • Lucien Lévy-Bruhl 'Das Denken der Naturvölker'. Mit einem Geleitwort von Wilhelm Jerusalem, Verlag Wilhelm Braumüller, Wien 1926.
  • Einführung in die Soziologie. Verlag Wilhelm Braumüller, Wien 1926.
  • Wilhelm Jerusalem – Helen Keller – Briefe, herausgegeben von Herbert Gantschacher. ISBN 978-3-9503173-0-5, ARBOS-Edition © & ® 2010-2012[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Wladimir I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. (1909) in: "Werke, Band 14" - Dietz Verlag, Berlin 1962
  • Bertrand Russell: Der Pragmatismus. (1909) in: Philosophische und politische Aufsätze. - Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 1971
  • Max Adler (Herausgeber): Festschrift für Wilhelm Jerusalem zu seinem 60. Geburtstag. mit Beiträgen von Max Adler, Rudolf Eisler, Sigmund Feilbogen, Rudolf Goldscheid, Stefan Hock, Helen Keller, Josef Kraus, Anton Lampa, Ernst Mach, Rosa Mayreder, Julius Ofner, Josef Popper, Otto Simon, Christine Touaillon und Anton Wildgans – Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1915.
  • Edmund und Erwin Jerusalem: Verzeichnis der Veröffentlichungen Wilhelm Jerusalems - Verlag Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig 1924, erweiterte Ausgabe 1925.
  • Moritz Schlick: Wilhelm Jerusalem zum Gedächtnis. - Typoskript 1928, Wiener Kreis Archiv (Noord-Hollands Archief, Haarlem/NL) 017/A.63
  • Edmund Jerusalem: Helen Keller, die taub-blinde Schriftstellerin in: Dvar Liladim, Jerusalem 1940 (aus dem Hebräischen übersetzt von Michael Jerusalem, Kfar Saba 2010).
  • Karl Renner: An der Wende zweier Seiten. - Danubia Verlag, Wien 1946.
  • Hans Brockard: Jerusalem, Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 418 f. (Digitalisat).
  • H.J. Lieber: Jerusalem, Wilhelm. In: Wilhelm Bernsdorf/Horst Knospe: Internationales Soziologenlexikon. Band 1 (S.196 f.) herausgegeben von Wilhelm Bernsdorf und Horst Knospe - Enke, Stuttgart 1980.
  • Rudolf Haller und Friedrich Stadler (Herausgeber): Ernst Mach - Werk und Wirkung. Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien 1988
  • William James: Der Pragmatismus. (herausgegeben von Klaus Oehler) – Felix Meiner Verlag, Hamburg 1994.
  • Siegfried Nasko / Johannes Reichl: Karl Renner. - Verlag Holzhausen, Wien 2000.
  • Jürgen Habermas: "Über Wilhelm Jerusalem". in: Habermas and Pragmatism. herausgegeben von Mitchell Aboulafia. Myra Bookman und Katherine Kemp - Routledge Verlag, London-New York 2002.
  • Ludwig Nagl: Wilhelm Jerusalems Rezeption des Pragmatismus. in: Verdrängter Humanismus - verzögerte Aufklärung. herausgegeben von Michael Benedikt, Reihold Knoll und Cornelius Zehetner unter Mitarbeit von Endre Kiss - WUV, Wien 2005.
  • Heinz Weiss: Die Pädagogen des Schönbrunner Kreises. Katalog des Österreichischen Staatsarchivs, Wien 2007.
  • Herbert Gantschacher: Zeuge und Opfer der Apokalypse. ARBOS, Wien-Salzburg-Arnoldstein 2007/2008.
  • Herbert Gantschacher: Dem Vergessen entreißen! - Der Briefwechsel zwischen dem österreichisch-jüdischen Philosophen Wilhelm Jerusalem und der amerikanischen taubblinden Schriftstellerin Helen Keller. - GebärdenSache, Wien 2009.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Originaldokument der Jüdischen Gemeinde in Prag im Familienbesitz, aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt von Michael Jerusalem, Kfar Saba 2010
  2. Encyplaedica Iudaica, Volume 9 Is-Jer, Keter-Publishing, Jerusalem 1971
  3. Todesanzeige von B'nai B'rith „WIEN“ für Wilhelm Jerusalem vom 16.Juli 1923
  4. Herbert Gantschacher Wilhelm Jerusalem – Helen Keller – Briefe, ISBN 978-3-9503173-0-5, ARBOS-Edition © & ® 2010-2012 .
  5. http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/2286490/neuebuehne-villach-dialog-finsternis.story

Weblinks[Bearbeiten]