Hendrik Witbooi

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum gleichnamigen Kaptein siehe Hendrik Witbooi (Politiker) (1934–2009).
Hendrik Witbooi
Hendrik Witbooi um 1900

Hendrik Witbooi (auch Hendrik Wittboy), eigentlich ǃNanseb ǀGabemab[Khi 1], (* um 1830 in Pella, Südafrika; † 29. Oktober 1905 auf Vaalgras (deutsch Fahlgras, westlich Asab, Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia)) war seit Ende des Jahres 1888 Kaptein des mit den Nama verwandten Volks der Orlam, der Witbooi.

Herkunft[Bearbeiten]

Hendrik Witboois Familie gehörte über Generationen zur führenden Schicht der Nama, sowohl sein Großvater Kido Witbooi (ǂA-ǁêib) als auch sein Vater Moses Witbooi (ǀGâbeb ǃA-ǁîmab) waren Nama-Kapteine. Sein Großvater führte ab 1855 den Stamm aus der Kapprovinz nach Norden über den Oranje-Fluss in das spätere Nama-Land. Die Familie lebte im christlichen Glauben, nachdem der Großvater 1868 getauft worden war. Hendrik Witbooi selbst hatte zwölf Kinder: sieben Söhne und fünf Töchter.

Das Geburtsjahr Hendrik Witboois ist unbekannt, die Quellen schwanken zwischen 1824 und 1838. Sicher ist, dass er in Pella aufwuchs, dem damaligen Siedlungsort der Witbooi, unweit des Südufers des Oranje-Flusses auf dem Gebiet der Kapprovinz. Als junger Mann erlebte er den Zug seines Stammes nach Norden mit. Die Witbooi-Nama ließen sich etwa 160 Kilometer nördlich des Oranje in dem von ihnen mit dem biblischen Namen Gibeon benannten Ort nieder. Da sie bereits in ihrer früheren Heimat von christlichen Missionaren betreut worden waren, baten sie die in Südwestafrika tätige Rheinische Missionsgesellschaft um die Entsendung eines Missionars nach Gibeon. Die Aufgabe wurde 1868 Johannes Olpp übertragen. Er baute einen engen Kontakt zur Kapteinsfamilie der Witbooi auf und taufte bereits im ersten Jahr seiner Tätigkeit die gesamte Familie. Für viele Jahre war Olpp eine wichtige Bezugsperson für Hendrik Witbooi.

Aufstieg[Bearbeiten]

Nama - Kaptein Hendrik Witbooi (Mitte) mit seinem Stabe

Hendrik Witbooi beschäftigte sich intensiv mit dem christlichen Glauben, darüber hinaus erlernte er mehrere europäische Sprachen. 1875 ernannte ihn Olpp zum Ältesten der Kirchengemeinde Gibeon. Andererseits hatte Hendrik Witbooi auch ein ausgeprägtes Machtstreben, wobei er es ausgezeichnet verstand, seine daraus resultierenden Handlungen mit christlichen Argumenten zu untermauern.

Dies wurde besonders deutlich, als er gegen den Willen seines Vaters den Witbooi-Stamm weiter nach Norden führen wollte. Dieses Vorhaben begründete er mit der Behauptung, Gott wäre ihm erschienen und hätte ihm den Auftrag gegeben, sein Volk nach Norden zu führen. Er stellte sich mit seinem Plan nicht nur gegen seinen Vater, der inzwischen Kaptein geworden war und durch das Handeln seines Sohnes die eigene Autorität schwinden sah, er schlug auch die eindringlichen Warnungen der Missionare in den Wind. Diese Warnungen waren nicht unbegründet, denn der Zug der Witbooi nach Norden bedeutete unweigerlich einen Konflikt mit den Herero, die in diesem Gebiet siedelten.

Unter Berufung auf den göttlichen Befehl brach Hendrik Witbooi im Mai 1884 mit dem größten Teil der Bewohner Gibeons nach Norden auf. Der Zug kam etwa 200 Kilometer voran, ehe er nördlich von Rehoboth von den Herero angegriffen wurde. Nachdem Witbooi die Übermacht des Gegners erkannte, bat er den Herero-Häuptling Maharero in einem Brief um Friedensschluss und unbehelligten Weiterzug. Die Kontaktaufnahme mit seinen Gegnern über Briefe war auch später immer wieder eine typische Handlungsweise Witboois. Maharero akzeptierte zwar das Friedensangebot, lehnte aber den Weitermarsch der Witbooi ab, sodass Hendrik Witbooi am 14. Juli 1884 nach Gibeon zurückkehren musste.

Dort sah er sich erneut heftigem Tadel der Missionsgesellschaft ausgesetzt, die ihn obendrein seiner kirchlichen Ämter enthob und ihm die Abendmahlszulassung entzog. Davon tief getroffen, wandte sich Witbooi in einem langen Brief an den neuen Missionsleiter Friedrich Rust, in dem er sich mit der ihm erteilten göttlichen Weisung rechtfertigte, einen erneuten Zug nach Norden ankündigte und Rust aufforderte, den Zug zu begleiten.

Rust lehnte das Ansinnen ab, aber trotzdem brach Witbooi im Juli 1885 mit etwa 600 Leuten erneut gen Norden auf. Ziel des Zuges war diesmal der Ort Okahandja, der Sitz des Herero-Häuptlings. Dort besetzten die Witbooi eine Wasserstelle und wurden daraufhin erneut von den Herero angegriffen, die sich diesmal auf keine Friedensangebote einließen und den Witbooi eine verheerende Niederlage beibrachten. Obwohl Hendrik Witbooi die verlorene Schlacht auch noch mit dem Tod zweier Söhne bezahlen musste, gab er den Kampf nicht auf. Nachdem er erkennen musste, dass die Herero seinen göttlichen Auftrag vereitelt hatten, war nun die Bestrafung des Gegners sein neues Ziel. Er führte über Jahre hinweg gegen die Herero einen Guerillakrieg.

Im Jahre 1887 war Witboois Vater Moses durch seinen Konkurrenten Paul Visser als Kaptein abgesetzt worden und wurde am 22. Februar 1888 von diesem ermordet. Visser rief den Ort Hornkranz, fast 200 Kilometer nördlich der bisherigen Siedlung Gibeon, als neuen Sitz der Witbooi aus. Dort stellte ihn Hendrik Witbooi am 12. Juli 1888 zum Kampf und tötete ihn. Die Witbooi ernannten ihn daraufhin zum neuen Kaptein. Um seine Macht noch weiter auszubauen, veranlasste Witbooi die anderen Namagesellschaften, teilweise unter Gewaltanwendung, ihn als Herrscher des gesamten Namavolkes anzuerkennen.

Konflikt mit der Deutschen Kolonialmacht[Bearbeiten]

In der Zwischenzeit war Witbooi mit den deutschen Einwanderern ein neuer Störfaktor erwachsen. Die Herero hatten schon 1885 nach Hendrik Witboois zweitem Marsch in das Hereroland einen „Schutzvertrag“ mit der deutschen Kolonialverwaltung abgeschlossen. Nachdem Witbooi seine Überfälle ständig weiterführte, beriefen sich die Herero auf den zugesicherten deutschen Schutz und forderten, Witboois Angriffe durch die deutsche Schutztruppe zu unterbinden. Diese hatte jedoch zu wenig Soldaten, um militärisch eingreifen zu können, und auch Vermittlungsgespräche mit dem Reichskommissar Göring führten zu keinem Erfolg.

Daraufhin verstärkte das Deutsche Reich 1889 seine Schutztruppe und ernannte den Hauptmann von François zu deren Kommandeur. Auch dieser führte zunächst Verhandlungen mit Witbooi und bot den Nama ebenfalls einen Schutzvertrag an, doch Hendrik Witbooi wies alle Angebote mit Hinweis auf die Souveränität des Namavolkes zurück. Als François daraufhin ein militärisches Vorgehen ankündigte, besann sich Witbooi und schloss im November 1892 Frieden mit den Herero.

Kaptein Hendrik Witbooi 1896 mit Gouverneur Leutwein und deutschen Verwaltungsbeamten
Kriegerdenkmal für die gefallenen deutschen Soldaten im Krieg gegen den Stamm der Witbooi (1893 und 94) im heutigen Zoo-Park Windhuk

François kam zu der Überzeugung, dass Witbooi auf Dauer für die Weiterführung der deutschen Kolonisation in Südwestafrika ein Hindernis sein würde und beschloss, Witboois Macht endgültig zu brechen. In der Hoffnung, ihn zu stellen, überfiel er am 12. April 1893 das Namalager in Hornkranz und ließ das Feuer auf die Bewohner eröffnen (Massaker von Hornkranz). Witbooi gelang es jedoch, mit seinen Kriegern zu fliehen, ließ aber Frauen und Kinder zurück, die im Kugelhagel der Schutztruppe niedergemetzelt wurden. François ließ Hornkranz besetzen und machte zunächst vergeblich weiter Jagd auf Witbooi. Diesem gelang es, sich über ein Jahr lang zu verbergen oder weiteren Angriffen zu entkommen, er griff seinerseits deutsche Posten und Farmer an. Erst als François durch den Major Leutwein ersetzt wurde, konnte Witbooi in der felsigen Naukluft aufgespürt und nach zweiwöchigen Kämpfen am 11. September 1894 zu Verhandlungen gezwungen werden. Leutwein verzichtete angesichts der deutschen Verluste auf die endgültige Vernichtung des Gegners, zwang Witbooi allerdings, einen so genannten Schutzvertrag abzuschließen, der den Nama auferlegte, wieder in ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet in Gibeon zurückzukehren, sich unter die Aufsicht einer deutschen Garnison zu stellen und der deutschen Schutztruppe Heerfolge zu leisten. Witbooi durfte Nama-Kaptein bleiben und erhielt obendrein eine Jahresrente von 2.000 Reichsmark. Für diese milde Behandlung erntete Leutwein viel Unverständnis, doch belehrte Witbooi selbst die Kritiker eines besseren, denn er hielt sich zehn Jahre lang an den Vertrag.

1904 begann der Aufstand der Herero und Nama. Wie Witbooi sich vertraglich verpflichtet hatte, beteiligten sich die Nama anfangs an der Niederschlagung der aufständischen Herero. Geschockt durch das unmenschliche Vorgehen des Generalleutnants von Trotha flohen mehrere der auf Seiten der deutschen Truppen kämpfenden Nama. Sie berichteten Mitte September Witbooi von der Schlacht am Waterberg und der Kriegführung der Deutschen. Wie schwer ihm die Vertragstreue fiel, lässt er in einem Brief deutlich werden, den er im Oktober 1904 an zwei Namaführer richtete:

„Wie ihr wisst, bin ich seit geraumer Zeit unter dem Gesetz, in dem Gesetz und hinter dem Gesetz gelaufen, und zwar wir alle mit aller Gehorsamkeit, doch in der Hoffnung und mit der Erwartung, dass Gott der Vater […] uns erlösen würde aus dieser zeitlichen Mühsal. Soweit habe ich in Frieden und mit Geduld ertragen, und alles, was auf mein Herz drückte, habe ich an mir vorbeigehen lassen …“ (Reeh, Ein Leben für die Freiheit).

Ab September 1904 gelangten die Nama unter den Einfluss des „Propheten“ Shepherd Stuurman (auch Hendrik Bekeer), einem Vertreter der „Äthiopischen Bewegung“, die sich gegen die europäischen Missionare richtete und ein rein afrikanisches Christentum anstrebte. Stuurman stammte aus der britischen Kapkolonie, wo diese häretische Bewegung um 1900 eine große Rolle spielte. Es ist ungeklärt, ob Hendrik Witbooi selbst der Äthiopischen Bewegung anhing oder ob er sich ihrer nur bediente, um seine Leute dem Einfluss der Missionare zu entziehen.

Beide Ereignisse heizten die Stimmung gegen die Deutschen in einem Maße an, dass Witbooi sein Volk in den Kampf gegen die deutschen Truppen führte, zumal sein ehemaliger Vertragspartner Leutwein nicht mehr Befehlshaber war. Gegenüber von Trotha fühlte sich Witbooi nicht mehr verpflichtet.

In einem Brief vom 3. Oktober 1904 an den Bezirkshauptmann von Burgsdorff kündigte er den Schutzvertrag auf, und am gleichen Tage begannen die Angriffe sowohl gegen die deutsche Truppe als auch gegen die deutschen Siedler. Witbooi, mittlerweile über 70 Jahre, übergab kurz nach dem Ausbruch der Kämpfe seinem Sohn Isaak Witbooi die Führung. Allerdings beteiligte er sich weiter an den Gefechten und beriet seinen Sohn in taktischen Fragen. Die Nama wandten wieder ihre altbewährte Guerillataktik an und waren so schwer zu stellen. Sie operierten zeitweise von dem unwegsamen Gelände der Karasberge im Süden des Landes aus. Auf dem etwa 20 Kilometer westlich von Asab gelegenen Farmgebiet Vaalgras (deutsch: Fahlgras) wurde Witbooi bei einem Überfall auf einen deutschen Nachschubtransport am 29. Oktober 1905 durch eine Gewehrkugel am Oberschenkel getroffen.[1] Die Wunde konnte nicht gestillt werden, und Witbooi verblutete am gleichen Tage. Sein Stamm zerfiel in mehrere Gruppen, von denen sich Samuel Isaak mit seinen Anhängern schon am 26. November 1905 kampflos den deutschen Truppen ergab. Vier Monate später ergab sich auch Hendriks Nachfolger Isaak Witbooi (ǃNanseb ǂKharib ǃNansemab) mit dem Rest des Stammes. Die gefangenen Nama wurden unter Bruch der ausgehandelten Kapitulationsbedingungen ebenso wie die überlebenden Herero in Konzentrationslager gebracht (die Witbooi überwiegend auf die Haifischinsel), wo ein großer Teil von ihnen starb.[2] Die im deutschen Heer verbliebenen Nama waren sofort nach Ausbruch der Feindseligkeiten entwaffnet und in die anderen deutschen Kolonien Kamerun und Togo deportiert worden, wo die Mehrzahl von ihnen an Krankheiten zugrunde ging.

Nach der Unabhängigkeit Namibias 1990 wurde Hendrik Witbooi zum Nationalhelden des Landes ausgerufen. Er war auf allen Banknoten des Namibia-Dollar der ersten Serie (1993 – 2012) und ist auf den 50-, 100- und 200-Dollar-Noten der zweiten Serie (seit 2012) abgebildet. Seine Tagebücher wurden im Jahr 2005 in die Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen.[3]

Nachfahren[Bearbeiten]

Ein Enkel Witboois war der 1903 geborene Markus Witbooi, der als Evangelist unter den Nama wirkte, als diese im Jahre 1946 die Rheinische Missionsgesellschaft verließen und sich der African Methodist Episcopal Church (AMEC) anschlossen.

Ein Urenkel von Witbooi ist der 1934 geborene Hendrik Witbooi (ǃNanseb ǀGabemab), SWAPO-Politiker und langjähriger Vizepräsident der SWAPO sowie Vize-Premierminister Namibias.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Horst Drechsler: Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft. Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus (1884–1915). 2. durchgesehene Auflage. Akademie-Verlag, Berlin (DDR) 1984.
  • Heinrich Loth: Vom Schlangenkult zur Christuskirche. Religion und Messianismus in Afrika. Union Verlag, Berlin (DDR) 1985.
  • Günther Reeh: Hendrik Witbooi. Ein Leben für die Freiheit. Zwischen Glaube und Zweifel. Rüdiger Köppe Verlag, Köln 2000, ISBN 3-89645-315-7.
  • Otto von Weber: Geschichte des Schutzgebietes Deutsch-Südwest-Afrika. Namibia Wissenschaftliche Gesellschaft, Windhoek 2010, ISBN 3-936858-38-1 (Deutschland), ISBN 99916-40-08-8 (Namibia).
  • Hendrik Witbooi: Afrika den Afrikanern! Aufzeichnungen eines Nama-Haeuptlings aus der Zeit der deutschen Eroberung Südwestafrikas 1884 bis 1894. Herausgegeben von Wolfgang Reinhard. Dietz, Bonn 1982, ISBN 3-8012-0070-1.

Literarische Bearbeitungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Otto von Weber: Geschichte des Schutzgebietes Deutsch-Südwest-Afrika. Namibia Wissenschaftliche Gesellschaft, Windhoek 2010, ISBN 3-936858-38-1, S. 162.
  2. Otto von Weber: Geschichte des Schutzgebietes Deutsch-Südwest-Afrika. Namibia Wissenschaftliche Gesellschaft, Windhoek 2010, ISBN 3-936858-38-1, S. 164
  3. Letter Journals of Hendrik Witbooi im UNESCO-Programm „Memory of the World“
  4. Biographies of Namibian Personalities – W, Klaus Dierks, abgerufen 24. Januar 2009
  1. Anmerkung: Dieser Artikel enthält Schriftzeichen aus dem Alphabet der im südlichen Afrika gesprochenen Khoisan-Sprachen. Die Darstellung enthält Zeichen wie z. B. ǀ, ǁ, ǂ und ǃ. Nähere Informationen zur Aussprache langer oder nasaler Vokale oder bestimmter Klicklaute finden sich unter Khoekhoegowab.