Hethiter

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Das Hethiterreich (dunkelrot seine Ausdehnung um 1590 v. Chr., hellrot die um 1300 v. Chr.)

Die Hethiter waren ein kleinasiatisches Volk des Altertums, das im 2. Jahrtausend v. Chr. auch in Syrien und Kanaan (Teile des heutigen Libanon und Palästina) politisch und militärisch einflussreich war. Ihre Hauptstadt war die meiste Zeit Hattuša, unmittelbar beim heutigen Dorf Boğazkale gelegen. Die Hethiter sprachen Hethitisch, eine indogermanische Sprache. Von den Hethitern werden die Hattier unterschieden, die eine nicht-indogermanische Sprache sprachen. Allerdings nannten die Hethiter selbst ihr Reich „Hatti“.

Die Entdeckung der Hethiter[Bearbeiten]

Die Existenz der Hethiter war mit Ausnahme einiger verstreuter Bibelstellen bis zum 19. Jahrhundert unbekannt. Schon die klassische Antike hatte keine Erinnerung mehr an sie; die Überreste ihrer Kultur wurden für ägyptisch gehalten. Herodot, von dem die einzige Überlieferung der griechisch-römischen Antike stammt, hielt das hethitische Felsrelief von Karabel für eine Darstellung des ägyptischen Pharaos Sesostris III. Nach aktuellem Wissensstand stellt es Tarkasnawa von Mira dar.

Der erste archäologische Hinweis auf die Hethiter tauchte in den assyrischen Handelskolonien in Kaneš (dem heutigen Kültepe) auf, wo Aufzeichnungen einen Handel zwischen den Assyrern und einem gewissen „Land Hatti“ belegten. Einige Namen in den Aufzeichnungen waren weder hattisch (altanatolisch) noch assyrisch, sondern eindeutig indogermanisch.

Die Inschrift auf einem 1884 von William Wright bei Boğazköy gefundenen Denkmal schien zu eigenartigen hieroglyphischen Inschriften in Aleppo und Hamath (Nordsyrien) zu passen. 1887 wurden die Archive von Tell-el-Amarna gefunden, die die diplomatischen Korrespondenzen von Amenophis III. und seinem Sohn Echnaton enthielten. Zwei der Briefe aus einem „Königreich Cheta“ – in derselben Gegend gelegen wie das Hatti-Land in den mesopotamischen Texten – waren in gängiger akkadischer Keilschrift, aber in einer unbekannten Sprache geschrieben. Sie konnten von den Wissenschaftlern gelesen, aber nicht verstanden werden. Kurz danach schlug Archibald Sayce eine Identifizierung des Hatti-Lands und des Königreichs Cheta mit dem aus der Bibel bekannten Volksstamm der Hethiter vor. Dies konnte sich im frühen 20. Jahrhundert durchsetzen, so dass der biblische Name Hethiter auf die in Boğazköy gefundene Zivilisation überging.

Bei 1905 begonnenen sporadischen Ausgrabungen in Boğazköy fand der Archäologe Hugo Winckler ein königliches Archiv mit 10.000 Tafeln, die in Keilschrift und derselben unbekannten Sprache abgefasst waren wie die ägyptischen Briefe aus Cheta, so dass die Identität dieses Namens mit den Hethitern bestätigt werden konnte. Er bewies, dass die Ruinen bei Boğazköy die Überreste der Hauptstadt eines mächtigen Reichs sind, das zeitweilig auch das nördliche Syrien kontrollierte.

Schließlich wurde die Sprache dieser Tafeln vom tschechischen Linguisten Bedřich Hrozný (1879–1952) entziffert, der seine Resultate bei einem Vortrag am 24. November 1915 vorstellte. Sein Buch Die Sprache der Hethiter; Ihre Struktur und ihre Zugehörigkeit zur indogermanischen Sprachfamilie erschien 1917 in Leipzig. In diesem Buch konnte er zeigen, dass die bislang geheimnisvolle Sprache der Hethiter zu den indogermanischen Sprachen zählt und somit deren älteste schriftlich festgehaltene Vertreterin ist.

Mitarbeiter des Deutschen Archäologischen Instituts graben Hattuša seit 1932 (mit kriegsbedingten Unterbrechungen) systematisch aus.

Geschichtliche Übersicht[Bearbeiten]

Hauptartikel: Geschichte der Hethiter

Datierung[Bearbeiten]

Eine gesicherte Datierung der Regierungsdauer hethitischer Könige/Herrscher ist nicht möglich, da hethitische Quellen bislang keine sicheren Nachweise liefern. Briefe mit anderen Königen und Inschriften erlauben deshalb nur punktuelle Datierungsmöglichkeiten, die sich zusätzlich an die „kurze“ oder „mittlere“ Chronologie anlehnen. Außerdem erwähnt Mursili II. in seinem 10. Regierungsjahr eine Sonnenfinsternis; in seiner Regierungszeit traten in kurzen Abständen aber mindestens drei Sonnenfinsternisse auf, die verschiedene Datierungen ermöglichen:

  • 13. August 1315 v. Chr. mit 95 % 15:00 – 17:23 Uhr (Sichtbarkeitsdauer, 16:12 Uhr fast total).
  • 11. Juni 1312 v. Chr. mit 12 % 11:36 – 14:30 Uhr (Sichtbarkeitsdauer, 13:06 Uhr kaum bemerkbar).
  • 31. März 1308 v. Chr. mit 10 % 5:34 – 7:22 Uhr (Sichtbarkeitsdauer, 6:31 Uhr kaum bemerkbar).[1]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Herkunft und mögliche Einwanderungswege indogermanischer Anatolier können bisher nicht belegt werden. Die folgenden Angaben von Sprachwissenschaftlern beruhen auf intuitiven Hochrechnungen: Beispielsweise nimmt Oettinger (2002) „indogermanische Sprachträger“ im 3. Jahrtausend v. Chr. an.[2] Melchert (2003) nimmt eine Einwanderung im 4. Jahrtausend v. Chr. an.[3]

Im 3. Jahrtausend v. Chr. lebten in Zentral-Anatolien die sprachlich isolierten Hattier. Indogermanisch-anatolische Sprachen dagegen sind erst seit Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. in Anatolien belegt. Sie sind damit die ältesten belegten indogermanischen Sprachen. Nahezu gleichzeitig ist das Palaische im Norden, das Luwische im Südwesten belegt, erst im 1. Jahrtausend v. Chr. das Lykische, Lydische und Karische.

Die Hethiter übernahmen von den Hattiern die Bezeichnung Hatti für das Land. Ihre Sprache nannten sie Nesili, nach der Stadt Kanesch/Nescha. Der erste hethitische Großkönig, der in Hattuša/Boğazköy residierte, stammte wie Anitta ursprünglich aus Kuschar, einer Stadt, die noch nicht identifiziert worden ist.

Das hethitische Großreich[Bearbeiten]

Das Hethiterreich und seine Nachbarn um 1400 v. Chr.

Zu diesem Reich zählten weite Teile Anatoliens und zeitweise auch die nördliche Hälfte des heutigen Syrien. Hauptstadt des Reiches war Hattuša im Norden von Zentralanatolien, etwa 150 Kilometer östlich von Ankara.

Hattuša wurde vor allem durch ca. 30.000 Texttafeln berühmt, die hier Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt wurden. Bis dahin kannte man die Hethiter nur aus altorientalischen und ägyptischen Texten, die entsprechenden Sprachen/Schriften waren bereits Anfang des 19. Jahrhunderts entziffert worden. Der tschechische Orientalist Bedřich Hrozný entzifferte ab 1915 auch die hethitischen Texte, die seitdem als Quellen zu Geschichte, Religion und Kultur dieses Volkes zur Verfügung stehen.

Die Herrscher Ägyptens, Babyloniens und Assyriens betrachteten den hethitischen Großkönig weitgehend als gleichrangigen Partner, mit dem sie diplomatische Kontakte und Handelsbeziehungen unterhielten, aber auch Kriege führten. Ein Beispiel für dieses Spiel der Mächte ist die Schlacht bei Kadesch (1274 v. Chr.) und der nachfolgende Friedensvertrag zwischen Ramses II. und Hattušili III. Hierbei handelt es sich um den ältesten bekannten Friedensvertrag der Welt, von dem – als ein Symbol für den Frieden – eine Kopie im UNO-Gebäude in New York City zu sehen ist.

Das hethitische Großreich umfasste eine ganze Reihe von Vasallen- und Nachbarstaaten wie Tarhuntassa oder Karkemisch. Von besonderem Interesse in der Forschung der letzten Jahre ist der mögliche hethitische Einfluss auf die Troas (siehe Troja) sowie die Kontakte mit mykenischen Stadtstaaten, insbesondere an der kleinasiatischen Westküste (vor allem mit dem Land Arzawa und der Stadt Milet/Milawanda). Zu den seltenen Belegen dieser Kontakte gehören die mykenischen Importgefäße in der hethitischen Provinzstadt Kusakli-Sarissa in Ostkappadokien.

Der Untergang des hethitischen Großreichs ist auf das frühe 12. Jahrhundert v. Chr. datiert. Die meisten städtischen Zentren Zentralanatoliens wurden durch Brände zerstört oder aufgelassen. Die Ursachen für den Zusammenbruch sind ungeklärt. Angriffe der „Seevölker“ wurden erwogen, ebenso ein Feldzug der Kaskäer. Zunehmend werden auch innere Konflikte oder ein Krieg gegen Tarhuntašša diskutiert. Missernten und Kriege an mehreren Fronten könnten den Untergang des Großreichs beschleunigt haben.

Späthethitische Kleinkönigtümer[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Großreichs hielten sich späthethitische Reiche im Osten (Karkemiš und Tabal), im Süden (Tarhuntašša) sowie im Südosten Meliddu noch mehrere Jahrhunderte, ebenso (Klein-)Fürstentümer wie Karatepe und Zincirli. Sie wurden zum Teil zunehmend aramäisiert und fielen schließlich unter assyrische Herrschaft. Vermutlich sind die Erwähnungen der Hethiter in der Bibel Spuren der Erinnerung an diese Kleinkönigtümer.

Die Struktur des Hethiterreichs[Bearbeiten]

Lage der Teilbereiche und der umliegenden Reiche

Das Reich der Hethiter war ein relativ kompliziertes Gebilde mit deutlichen Anklängen an ein feudales System. An der Spitze stand der Großkönig (Labarna, später auch Tabarna), der oberster Priester, Richter und Feldherr war und über eine Anzahl nachgeordneter Könige herrschte, die größtenteils aus den angestammten Herrscherhäusern der Gebiete kamen. Diese Vasallenkönige mussten dem Großkönig einen persönlichen Eid ableisten, der bei jedem Wechsel auf dem hethitischen Thron erneuert werden musste, was auch regelmäßig zu Unruhen führte. Neben diesen Vasallenkönigen gab es in der Großreichszeit (also ab etwa 1350 v. Chr.) die Vizekönigreiche von Kadesch und Aleppo in Nordsyrien, die von Mitgliedern der königlichen Sippe verwaltet wurden und vor allem im militärischen Bereich große Selbständigkeit gegenüber der Zentralgewalt genossen. Eine ähnliche Position hatte auch der König von Mira, der ebenfalls in der Spätzeit für die westlichen Gebiete Anatoliens zuständig war.

Neben dem Großkönig stand die Großkönigin, die Tawananna, die sehr selbständig war und im eigenen Namen Staatsverträge abschließen konnte. Sie war oberste Priesterin und verlor diese Position auch beim Tod ihres Gemahls nicht.

Neben dem König stand der hethitische Senat (Panku), der an Gesetzen und Verträgen mitwirkte und sogar das Recht hatte, über den König zu richten. Dies war in der Verfassung des Telipinu (um 1460 v. Chr.) festgelegt. Verfassung ist hier eine nicht so weit hergeholte Analogie – das Dokument sieht einer modernen Verfassung relativ ähnlich. Im Kern ist es eine Nachfolgeregelung für den Thron des Großkönigs, worin genau festgelegt wird, in welcher Reihenfolge die Prinzen thronfolgeberechtigt sind. Zum Wächter dieser Bestimmungen wird der Panku eingesetzt, der somit die oberste Legalitätsinstanz bildet. Der Zweck dieser „Verfassung“, den ständigen Thronwirren ein Ende zu setzen, wurde allerdings verfehlt: auch in der späteren hethitischen Geschichte sind Thronstreitigkeiten und Usurpationen sehr häufig. Insgesamt zeigt sich hier aber eine Stellung des Königs als Primus inter pares, wie sie im Alten Orient eher selten ist.

Die Heere wurden gewöhnlich vom König selbst angeführt. Vor der Schlacht wurden meist Orakel nach dem Ausgang befragt. Nach hethitischem Glauben eilten die Götter dem Heer voraus und griffen direkt in die Schlacht ein, etwa durch Stürme, Donnerkeile oder indem sie den gegnerischen König mit Krankheit schlugen.

Kultur[Bearbeiten]

Schrift und Sprache[Bearbeiten]

Hauptartikel: Hethitische Sprache

Die Sprache der Hethiter zählt zur anatolischen Gruppe der indogermanischen Sprachen. Sie überschichtete zu Beginn des zweiten Jahrtausends die Sprache der nicht-indogermanischen Hattier, von denen sie neben vielen anderen Wörtern auch die Bezeichnung Hatti für das Land übernahmen. Ihre Sprache nannten die Hethiter selbst dagegen Nesili (Nesisch) nach der Stadt Kanisch/Nescha.

Das Hethitische (auch Hittitisch) ist die älteste bekannte indogermanische Sprache. Im Hethiterreich scheinen auch noch verschiedene andere Sprachen wie Luwisch und Palaisch gebräuchlich gewesen zu sein, die allerdings mit dem Hethitischen mehr oder weniger eng verwandt waren. Das Luwische spielte für den Kult eine besondere Rolle. Mit diesen Sprachen bildet das Hethitische den anatolischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie, der sich von den übrigen Zweigen vor allem im Wortschatz teilweise stark unterscheidet.

Man schrieb auch mit unterschiedlichen Schriftsystemen. Während die offizielle diplomatische Korrespondenz und die Palastarchive in der assyrischen (akkadischen) Keilschrift verfasst wurden, benutzte man für die zahlreichen Felsreliefs und offiziellen Inschriften die Hieroglyphenschrift, die, wie man heute weiß, zum Luwischen gehört. Auch das Hurritische war eine wichtige Diplomatensprache, die besonders im Kontakt mit dem Mittanireich Verwendung fand.

Mythologie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Hethitische Mythologie

Die hethitische Mythologie war einem steten Wandel unterworfen und kannte ein mit über tausend Göttern ausgesprochen umfangreiches Pantheon. Hauptgötter waren der Wettergott Tarḫunna und die Sonnengöttin von Arinna. Das Götterbild der Hethiter war wie in vielen antiken Kulturen stark anthropomorph, so dass diese insbesondere die menschlichen Schwächen wie Wut, Angst, Wollust oder Neid kannten.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Metallurgie – die Erfindung des härtbaren Eisens[Bearbeiten]

Eine in der wissenschaftlichen Reflexion bisher unterschätzte bahnbrechende Erfindung der Hethiter war neben der frühen Nutzung von Eisen (möglicherweise aus Eisenmeteoriten) die Verhüttung von Eisenerz zu härtbarem Stahl.

Aus den Keilschriftaufzeichnungen der Hethiter des 1907 und 1911/12 ergrabenen Archiv von Boğazkale (ehemals Boğazköy, nahe der ehemaligen Hauptstadt Hattuša in Zentralanatolien) geht hervor, dass weiches Eisen – nicht gehärtet – bereits zur Zeit von König Anitta (ca. 1800 v. Chr.) bekannt war.[4]

Aufgrund seiner Seltenheit und schwierigen Herstellung wurde es zunächst zu kultischen Bräuchen in Form von winzigen Figurinen und Sonnenscheiben oder zur Grundsteinlegung wichtiger Bauten Nägel und Pflöcke benutzt.[5] Weiterhin galt es als Prestigemetall zur Repräsentation. Es finden sich im Archiv Boğazkale mehrere Kopien eines gleichen Textes, der beschreibt, wie der König Anitta von seinem letzten Widersacher, dem Herrscher von Purušanda, einen eisernen Thron und Zepter als Anerkennung seiner Oberhoheit bekommt.[6] Eisen in diesem Umfang symbolisiert hier nicht nur ein Zeichen unglaublichen Reichtums, sondern gleichzeitig Ausdruck von Macht in geradezu mythischen Dimensionen. Nur Göttern schrieb man sonst zu, dass sie eiserne Sitzgelegenheiten haben.[7] Ein Schmieden aus den seltenen Eisenmeteoriten scheint aufgrund der Größenordnung ausgeschlossen. Eine Fundgruppe von sechs eisernen Artefakten aus einem Grab in Alaca Höyük, darunter ein Dolch mit einem goldenen Griff, könnte das belegen. Chemische Analysen weisen auf eine menschliche Herstellung hin, da der Nickelgehalt mit 2,4 % und 2,7 % für eine Herstellung aus Meteoreisen zu gering ist.[8] Eine reichverzierte Prunkaxt mit eisernem Blatt, auf 1450 bis 1365 v. Chr. datiert, wurde in Ugarit gefunden, das zum unmittelbaren hethitischen Einflussgebiet gehörte.[9]

„Die Worte des Herrschers, Königs und Großkönigs Arnuwanda (...) (sind) von Eisen, nicht zu vernichten, nicht zu brechen.“

– Archiv von Boğazkale, in: Brandau/Schickert: Hethiter. Die unbekannte Weltmacht. S. 233

Spätestens um 1400 v. Chr. (nach König Telipinu)[10] gelang den Hethitern durch Verhüttung von Eisenerz in einfachen Rennöfen und nachfolgendes Vergüten, aus dem weichen Eisen harten Stahl zu erzeugen und Waffen oder Werkzeuge zu schmieden, die den Waffen aus Bronze häufig überlegen waren. Es ist schriftlich belegt, dass auch Eisenwaffen in der Schlacht bei Kadesch (1274 v. Chr.) gegen die Ägypter eingesetzt wurden, welchen nur Bronzewaffen zur Verfügung standen. In den Aufzeichnungen der Hethiter wurde der Stahl als gutes Eisen bezeichnet.[10]

„Betreffend das gute Eisen, wovon Du mir geschrieben hast. – Gutes Eisen in Kizzuwatna in meinem Siegelhaus, gibt es nicht. Ich habe (ja) geschrieben, dass (die Zeit) schlecht für die Herstellung von Eisen ist. Sie werden Eisen herstellen, noch sind sie nicht fertig. Sobald sie fertig sind, lasse ich es Dir bringen. Jetzt nunmehr lasse ich Dir eiserne (Schwert-) klingen senden.“

– Auszug aus einem Brief Hattušili III. an seinen Bruder, wahrscheinlich der ägyptische Pharao Ramses II.

Der Brief gibt darüber Auskunft, dass zur Herrschaft Hattušili III. Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr. in dem kilikischen Eisenerzgebiet eine königliche Manufaktur mit Verhüttungszentrum bestanden hat und die Schmiede in der Lage waren, das gute Eisen zu härten. Er bezeichnet auch, dass Eisen zu jener Zeit kein Gebrauchsmetall war. Die alltäglichen Werkzeuge und auch Waffen bestanden weiterhin aus Bronze.

Vor und zu dieser Zeit blieb die Verhüttung von Eisen weitgehend ein Monopol des hethitischen Reichs[10] und war ein Faktor für dessen Aufstieg.[11] Ab 1200 v. Chr. fand mit dem Untergang der Hethiter und der Verbreitung des entsprechenden Wissens zum Vorderen Orient der lange Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit statt. Es gibt Thesen, dass neben der Materialüberlegenheit des Eisens auch ein Mangel an Zinn, das zur Bronzeherstellung benötigt wird und meist importiert werden musste (vergl. Kassiteriden), den Übergang beschleunigte.

Möglich ist, dass die bedeutende metallurgische Erfindung auch von den Chalybern an die Hethiter überging, in deren unmittelbarer Nachbarschaft und vermutlicher Abhängigkeit diese im nordost-anatolischen Gebirge siedelten. Wahrscheinlich ist aber, dass sich dieses Volk nach dem Untergang des hethitischen Reichs die metallurgischen Kenntnisse zur Verhüttung von Eisen bewahren und vor allem weiterentwickeln konnte, da die Chalyber erst nach dem plötzlichem Verschwinden der Hethiter schriftlich z. B. durch Xenophon erwähnt wurden. Die Existenz der Hethither selbst war den Griechen nicht mehr bekannt. Chalybs bedeutet im Altgriechischen gehärtetes Eisen – Stahl.

Bewässerung[Bearbeiten]

Aus Alaca Höyük in der Provinz Çorum ist der hethitische Staudamm von Gölpınar bekannt.[12] Ein Kanal führte das Wasser einer Quelle aus dem Staubecken zu einem Absetzbecken. Der Damm ist 130 Meter lang und 15 Meter breit, er besteht aus Andesit-Felsen, die mit Lehm abgedichtet sind. Eine Tafel mit hethitischen Hieroglyphen aus dem Absetzbecken berichtet, dass Großkönig Tudhalia den Damm zu Ehren von Hepat erbaute. Er wurde 1935 entdeckt und 2002 im Rahmen der Ausgrabungen in Alaca Höyü freigelegt. Das türkische Amt für Wasserwirtschaft (DSİ) ließ den Stausee in Zusammenarbeit mit Archäologen säubern, seit 2007 ist der Damm wieder einsatzbereit und wird zur Bewässerung von 20 Hektar Land genutzt.[12]

Insgesamt wurden als Reaktion auf die Dürre von 1240 v. Chr. zehn Dämme erbaut. Weitere hethitische Dämme sind aus Böget (Eşmekaya) in Aksaray und Örükaya in der Provinz Çorum bekannt. Sie bestehen ebenfalls aus Felsen, die mit Lehm abgedichtet sind. Der Damm von Örükaya ist 40 Meter lang, 16 Meter hoch und 5 Meter breit und besitzt eine Schleuse mit einem Tor aus Holz.

Die „Hethiter“ in der Bibel[Bearbeiten]

Im Alten Testament werden sowohl das Volk der Hethiter als auch einzelne Mitglieder dieses Volks des Öfteren erwähnt, unter anderem in vier der fünf Bücher Mose, im Buch Josua und im Buch der Richter. Der Ehemann von Bathseba, mit der König David die Ehe brach, Urija (Uria), den der König später bei einer Schlacht in den Tod schickte, war ebenfalls Hethiter. Der Bericht darüber findet sich im 2. Buch Samuel 11,1–26.

Vor den Ausgrabungen in Hattuša waren die Hethiter nur aus der Bibel bekannt, und man nahm an, dass sie ein einheimischer Stamm in Kanaan seien. Die Identität mit den Hethitern Kleinasiens ist unwahrscheinlich, da sich die kleinasiatischen Reiche nie bis in die Levante ausdehnten. Umstritten ist, ob die biblische Erwähnung von Hethitern aus dem neuassyrischen und neubabylonischen Sprachgebrauch herzuleiten ist, in dem die Region Syrien-Palästinas überhaupt „Hatti-Land“ genannt wird, oder ob die biblischen „Hethiter“ hurritischstämmige Kreise bezeichnen, die ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. in Palästina ansässig waren und auf Grund ethnischer und kultureller Beziehungen in den zum hethitischen Großreich gehörenden syrischen Bereich „Hethiter“ genannt wurden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ekrem Akurgal: Die Kunst der Hethiter. Hirmer, München 1976, ISBN 3-7774-2770-5.
  • Kurt Bittel: Die Hethiter. Beck, München 1976, ISBN 3-406-03024-6.
  • Birgit Brandau, Hartmut Schickert: Hethiter. Die unbekannte Weltmacht. Piper, München 2001, ISBN 3-492-04338-0.
  • Trevor Bryce: The Kingdom of the Hittites. 2. Auflage. Clarendon Press, Oxford 2005, ISBN 0-19-927908-X.
  • Trevor Bryce: Life and Society in the Hittite World. Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 0-19-927588-2.
  • Meik Gerhards: Die biblischen „Hethiter“. In: Die Welt des Orients. Band 39, 2009, S. 145–179.
  • Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. Handbuch der Orientalistik. Abt. 1, Bd 15. Brill, Leiden 1994, ISBN 90-04-09799-6.
  • Volkert Haas: Die hethitische Literatur. Texte, Stilistik, Motive. de Gruyter, Berlin 2006, ISBN 3-11-018877-5.
  • Bedrich Hrozny: Die Sprache der Hethiter, ihr Bau und ihre Zugehörigkeit zum indogermanischen Sprachstamm. Ein Entzifferungsversuch. Leipzig 1917, Dresden 2002 (Repr.), ISBN 3-86005-319-1.
  • Horst Klengel: Geschichte des hethitischen Reiches. Handbuch der Orientalistik. Abt. 1, Bd 34. Brill, Leiden 1998, ISBN 90-04-10201-9.
  • Jörg Klinger: Die Hethiter. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-53625-0.
  • Yasemin Kuslu, Sahin Üstun: Water Structures in Anatolia from Past to Present. In: Journal of Applied Sciences Research. Faisalabad 5.2009, S. 2109-2116, ISSN 1816-157X.
  • Peter Neve: Hattusa. Stadt der Götter und Tempel. Zaberns Bildbände zur Archäologie. 2. Auflage. Zabern, Mainz 1996, ISBN 3-8053-1478-7.
  • Kaspar K. Riemschneider: Hethitische Fragmente historischen Inhalts aus der Zeit Hattušilis III. In: Journal of Cuneiform Studies. Bd 16, Nr. 4. Boston 1962, S. 110–121, ISSN 0022-0256
  • Helga Willinghöfer (Red.): Die Hethiter und ihr Reich. Ausstellungskatalog. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1676-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hethiter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Hethiter – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Umgerechnetes Datum auf gregorianischen Kalender 2007. Die genannten Daten der Sonnenfinsternis beziehen sich auf den proleptischen julianischen Kalender. Es sind daher 13 Tage zum Datum 2007 hinzuzuziehen. Sonnenfinsternisse 1400–1301 v. Chr. und Sonnenfinsternisse - Verlauf und Uhrzeiten für 1400–1301 v. Chr. für Hatti (Ort Ankara). In: nasa.gov.
  2. Norbert Oettinger: Indogermanische Sprachträger lebten schon im 3. Jahrtausend v. Chr. in Kleinasien. Die Ausbildung der anatolischen Sprachen. In: Helga Willinghöfer (Red.): Die Hethiter und ihr Reich. Das Volk der tausend Götter. Theiss-Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1676-2.
  3. Harold C. Melchert: The Luwians. Brill, Leiden 2003, ISBN 90-04-13009-8.
  4. Otto Johannsen: Geschichte des Eisens. auf S. 44, 3. völlig überarb. Auflage, Verlag Stahleisen, Düsseldorf, 1953, 621 S., ISBN 978-3514000025.
  5. Jana Siegelová: Gewinnung und Verarbeitung von Eisen im hethitischen Reich im 2. Jahrtausend v. u. Z., Náprstek-Museum, 1984, S. 71‑178
  6. Jens Nieling: Die Einführung der Eisentechnologie in Südkaukasien und Ostanatolien während der Spätbronze- und Früheisenzeit, aarhus university press, 2009, ISBN 978-8779344440. auf S. 41
  7. Jana Siegelová: Metalle in hethitischen Texten, in: Anatolian Metals III, Deutsches Bergbau-Museum Bochum, 2005, auf S. 38
  8. Jens Nieling: Die Einführung der Eisentechnologie in Südkaukasien und Ostanatolien während der Spätbronze- und Früheisenzeit, aarhus university press, 2009, ISBN 978-8779344440. auf S. 39 f.
  9. Hans-Günter Buchholz (Hrsg.): Erkennungs-, Rang- und Würdezeichen, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012, S. 132 (Google Books), ISBN 9783525254431.
  10. a b c Friedrich Cornelius: Geistesgeschichte der Frühzeit, Verlag Brill-Archive, Band 1, Erstaufl. 1960, S. 132 (Google Books) (aktuell 5., unveränd. Aufl. 1992). Literatur von und über Hethiter im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
  11. Friedrich Cornelius: Grundzüge der Geschichte der Hethiter 5. Auflage, WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 1992, 382 S., ISBN 9783534061907.
  12. a b Yaşemin Kuşlu, Sahin Üstun: Water Structures in Anatolia from Past to Present. In: Journal of Applied Sciences Research. Faisalabad 5.2009, S. 2110. ISSN 1819-544X.