Italienische Regentschaft am Quarnero

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Italienische Regentschaft am Quarnero
Reggenza Italiana del Carnaro
Repubblica del Carnaro
1919–1920
Flagge der Italienischen Regentschaft am Quarnero Wappen der Italienischen Regentschaft am Quarnero
Flagge Wappen
Wappen Fiume.png Navigation Flag of the Free State of Fiume.svg
Wahlspruch Quis contra nos?
Verfassung Carta del Carnaro
Amtssprache Italienisch
Hauptstadt Fiume
Staatsform Republik
Regierungsform Parlamentarische Demokratie
Staatsoberhaupt Gabriele D’Annunzio
Regierungschef Kabinettschef
Giovanni Guirinati (1919)
Alceste de Ambris (1919–1920)
Fläche 21 km² (1920)
Einwohner 50.000 (1920)
Bevölkerungsdichte 2381 EW/km²
Währung Österreichische Krone
Italienische Lira
Gründung 12. September 1919
(Besetzung von Fiume durch die Arditi)
Auflösung 12. November 1920
(Grenzvertrag von Rapallo)
Nationalhymne unbekannt
Zeitzone UTC+1 MEZ
Karte der Italienischen Regentschaft am Quarnero


D’Annunzio auf einer Briefmarke aus Fiume, 1920. Der Text auf der Briefmarke: Hic manebimus optime = Hier (in Fiume) werden wir am besten bleiben.

Die Italienische Regentschaft am Quarnero (italienisch:Reggenza Italiana del Carnaro) wurde am 8. September 1920 von Gabriele D’Annunzio in Fiume (heute Rijeka in Kroatien) ausgerufen. Die Kvarner-Bucht (italienisch: Golfo del Quarnero, auch Quarnaro, Carnaro; kroatisch: Kvarnerski zaljev) an der die Stadt liegt, gab dem Staatsgebilde ihren Namen. Die Italienische Regentschaft am Quarnero blieb ohne internationale Anerkennung und wurde im Dezember 1920 durch den Freistaat Fiume ersetzt.

Geschichte der Regentschaft[Bearbeiten]

Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Saint Germain am 10. September 1919 wurde die Stadt am 12. September 1919 von 2500 italienischen Freischärlern, den sogenannten Arditi und Teilen der regulären Armee unter der Führung des italienischen Nationalisten und Schriftstellers Gabriele D’Annunzio besetzt, die alliierte Kontrollkommission wurde vertrieben. D’Annunzio wollte damit Fiume und Umgebung für Italien sichern, bevor die unschlüssigen Entente-Staaten die Stadt dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zusprechen würden. Die Besetzer hofften auf eine Annexion des Gebiets Fiume durch Italien, wurden jedoch enttäuscht. Italien verhängte eine Blockade über die Stadt und forderte die Freischärler zur Aufgabe auf.

D’Annunzio rief die Italienische Regentschaft am Quarnero aus und gab dem Staat Repubblica del Carnaro eine Verfassung, die viele Details des späteren faschistischen Systems andeutete, die aber auch revolutionäre Sozialreformen vorsah; darunter die rechtliche Anerkennung der Gewerkschaften, Pressefreiheit und das Wahlrecht für Frauen. Hier entstanden Symbole und Rituale, die später von italienischen und deutschen Faschisten übernommen wurden: Uniformen, Zeremonien, Reden vom Balkon, Dialoge mit Zuhörern, Lieder und Schlachtrufe sowie der römische Gruß mit dem rechten Arm. D’Annunzio ignorierte den Grenzvertrag von Rapallo vom 12. November 1920 und erklärte Italien am 21. Dezember den Krieg. Nach dem Beschuss seines Palastes durch das italienische Kriegsschiff Andrea Doria und den Kämpfen der „Blutigen Weihnacht“ vom 24. Dezember 1920 bis zum 30. Dezember 1920 übergaben die Legionäre schließlich die Stadt.

Die Carta del Carnaro[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Nach Besetzung der Hafenstadt Fiume verschlechterten sich die Lebensverhältnisse für die Bevölkerung infolge der Blockade der Zufahrtswege ganz erheblich. Unruhen breiteten sich aus. Es war unklar, wie die italienische Regierung unter Francesco Saverio Nitti reagieren würde. D’Annunzio setzte nach dem Rücktritt seines nationalistisch eingestellten Kabinettschefs Giovanni Guirinati am 23. Dezember 1919 den bekannten Anarchosyndikalisten Alceste de Ambris als Nachfolger ein. Er gab ihm den Auftrag, für den neuen Staat eine Verfassung zu entwerfen.

Nach zweieinhalb Monaten erhielt D’Annunzio den Verfassungsentwurf am 18. März 1920, den er anschließend überarbeitete und ergänzte. Nach ihrer Bekanntgabe am 30. August 1920 wurde die Carta zeitgleich mit dem Generalstreik in Italien am 8. September 1920 in Kraft gesetzt. Sie sollte ein Modell für ein neuartiges Zusammenleben und ein Vorbild für ganz Italien werden. D’Annunzio hoffte zeitweise auf eine Revolution zusammen mit den Sozialisten nach einem Marsch auf Rom und der Gründung einer Republik Italien.

Doch da sich die Ereignisse im Herbst und Winter 1920 in Fiume überstürzten, wurde die Carta nicht mehr umgesetzt. Nur wenige Strukturelemente wie die Mitwirkung von Korporationen wurden in den folgenden Jahren von den Faschisten unter Mussolini aufgegriffen. Dieser lehnte die Carta als Ganzes ab, weil sie ihm zu liberal war.

Inhalt[Bearbeiten]

Die Carta del Carnaro war eine Verfassung, die anarchistische, proto-faschistische und demokratische Elemente enthielt. Die Verfassung mit ihren 65 Artikeln beinhaltete folgende Grund- und Menschenrechte:

  • eine vollständige Gleichberechtigung von Mann und Frau
  • für Frauen aktives und passives Wahlrecht
  • Toleranz zwischen Religionen und Atheisten
  • eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche.

Vorgesehen war ein Ausgleich bei Justizirrtum mit Haftung der Amtsträger und eine Entschädigung für Betroffene bei Machtmissbrauch. Die Bürger konnten im Rahmen direkter Demokratie durch Volksbegehren und Volksabstimmung Einfluss nehmen. Sie hatten Anrecht auf einen Mindestlohn, eine umfassende soziale Sicherung, Gesundheits- und Altersversorgung. Die Schulen sollten wertfrei ohne religiöse und politische Indoktrination erziehen.

Das Eigentum sollte auch eine soziale Wirkung entfalten. Aus der Verpflichtung zur Arbeit leiteten sich Rechte ab. Die produktive Arbeit galt als wichtiges Grundelement des Staates. Man wollte die Entfremdung der Arbeit nach Karl Marx überwinden.

Politische Leitungsfunktionen wurden nur auf Zeit und ohne Ämterhäufung vergeben, um eine statische Bürokratie zu vermeiden und dem Nachwuchs eine Karrierechance zu bieten. Konflikte sollten im Konsens gelöst werden. Deshalb fehlten Regelungen bei Abstimmungen.

Die Handschrift des Schriftstellers D’Annunzio wurde besonders im Bereich Kultur deutlich, weil ihm ästhetische und musische Bildung sehr wichtig waren. Der Autor De Ambris hob als Syndikalist die Gestaltung der autonomen Korporationen anstelle von Parteien hervor. Er gab neun Korporationen vor, die unterschiedlichen Berufsbereichen zugeordnet waren (z.B. Arbeiter, Personen mit Leitungsfunktionen, Arbeitgeber, Lehrer und Studenten, Seeleute und Kunstschaffende). In einen „Rat der Beauftragten" (Consiglio dei Provvisori) wurden 60 Delegierte gewählt. Dieser regelte zweimal im Jahr das Arbeits- und Wirtschaftsrecht. Eine zweite Kammer, der „Rat der Besten“ (Consiglio degli Ottimi) regelte die öffentliche Ordnung, die Bildung und die Schöne Künste. Je 1000 Bürger, die über 20 Jahre alt sind, wählten einen Delegierten. Beide Kammern zusammen bildeten den Nationalrat, bestimmten die Regentschaft mit sieben Ministern und dem Kommandanten, sowie die fünf Gerichte mit dem Verfassungsgericht an der Spitze.

Die zehnte Korporation sollte mystische Kräfte entfalten und nach dem alten toskanischen Motto „Arbeit ohne Erschöpfung“ die Regentschaft mit kreativer Energie versorgen. Staatliche Chöre und Instrumentalgruppen sollten in allen Kommunen aufgebaut werden. Ädilen sollten nach römischem Vorbild für eine Verschönerung des Bürgerlebens sorgen. Um einen Handlungsspielraum sicherzustellen, bleiben viele Reglungen für die Kommunen unbestimmt. Eine strikte Gewaltenteilung wurde eingehalten. Bei einem Notstandsfall durfte der Kommandant eine Diktatur begrenzt auf sechs Monate errichten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Renzo de Felice: La Carta del Carnaro , Bologna 1974 (italienischer Text der Carta)
  • Hans Ulrich Gumbrecht, Der Dichter als Kommandant - D’Annunzio erobert Fiume , 1996 (enthält auch die deutsche Übersetzung der Carta, S. 49-66)
  • Michael A. Ledeen: The First Duce , Baltimore 1977 (historische Einordnung)
  • Hans Gangl: D’Annunzio und De Ambris als Verfassungsgeber , in Bernd Christian Funk, Staatsrecht und Staatswissenschaft im Wandel , S. 105-124, n1992 (juristische Analyse der Carta)

Weblinks[Bearbeiten]