Jüdisches Waisenhaus Berlin

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Jüdisches Waisenhaus Berlin
Berlin Pankow orphanage.jpg
Daten
Ort Berlin
Architekt Alexander Beer
Bauherr Jüdische Gemeinde zu Berlin
Baujahr 1912/13
Koordinaten 52° 34′ 7″ N, 13° 24′ 44″ O52.56861111111113.412222222222Koordinaten: 52° 34′ 7″ N, 13° 24′ 44″ O

Das Jüdische Waisenhaus in Berlin-Pankow ist ein denkmalgeschütztes Gebäude in der Berliner Straße 121 im Bezirk Pankow. Das neobarocke Eckgebäude prägt mit seinem hohen Mansarddach und einem mächtigen Segmentgiebel über dem Mittelrisalit das Bild der Straße. Es wurde in den Jahren 1912/13 von Alexander Beer an der Stelle älterer Bauten auf dem Grundstück des II. Waisenhauses für die Berliner jüdische Gemeinde errichtet.

Das seit 53 Jahren bestehende Waisenhaus wurde im Jahr 1940 zur Zeit des Nationalsozialismus geschlossen. Sein Gebäude diente danach verschiedenen Zwecken, wurde im Innern verändert und stand ab 1991 leer. Im Jahr 1999 erwarb es die Dr. Walter und Margarete Cajewitz-Stiftung, ließ es wiederherstellen und vermietet es seitdem zur Unterbringung der Bezirksbibliothek und einer Schule.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung und erste Jahrzehnte[Bearbeiten]

In den Jahren 1881/82 ereigneten sich in Russland blutige Judenverfolgungen. Um jüdische Flüchtlinge zu unterstützen, reiste 1882 eine Abordnung des deutschen „Hilfskomitees für die russischen Flüchtlinge“ unter Leitung Hermann Makowers nach Brody an der österreich-ungarisch-russischen Grenze und holte 39 teils elternlose Flüchtlingsjungen nach Berlin. Für ihre Unterbringung erwarb das Komitee ein Landhaus in Pankow als Erziehungshaus zu Pankow. Die Jungen wurden beschult und sollten nach Abschluss einer Handwerkerlehre nach Brody zurückkehren, jedoch gingen alle in die USA. Die letzten russischen Zöglinge verließen Pankow 1893 mit dem Ziel New York.

Inzwischen waren auf die frei gewordenen Stellen jüdische Waisen- und Halbwaisenknaben aus Berlin nachgerückt und die Berliner jüdische Gemeinde hatte 1887 die Einrichtung vom Hilfskomitee übernommen. Ab 1898 hieß sie II. Waisenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Im Jahr 1901 erwarb die jüdische Gemeinde das Nachbargrundstück zur Hadlichstraße und verband das dort stehende Wohnhaus durch einen kleineren Neubau mit dem Altbau. Auf dem erweiterten Grundstück entstanden eine Kegelbahn und eine Turnhalle, gestiftet von Emil Mosse. Die Anstalt hatte nun 55 Zöglinge, die „vorzugsweise zu Handwerkern“ ausgebildet wurden.[1] Die Aktivitäten des Waisenhauses förderten namhafte jüdische Persönlichkeiten und auch die Kaiserin Auguste Viktoria schenkte 1897 dem Waisenhaus 3000 Mark.[2]

Nachdem der Altbau 1911 durch Brand erheblichen Schaden genommen hatte, entschloss sich die jüdische Gemeinde zu einem Neubau des Komplexes. Entworfen und ausgeführt wurde er 1912/13 durch den Leiter des Bauamts der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Alexander Beer.[3] Den imposanten Betsaal im zweiten Obergeschoss stiftete der auf dem Nachbargrundstück ansässige Zigarettenfabrikant Josef Garbáty und ließ ihn durch August Unger gestalten. Die Familie Garbáty unterstützte das Waisenhauses regelmäßig finanziell. Das Waisenhaus war ein Internat für 6– bis 14-jährige Schüler, die anschließend intern oder extern bis zum 18. Lebensjahr weiterführende Schulen oder eine Berufsausbildung absolvierten. Im Neubau war Platz für 80 Schüler und 25 Lehrlinge. Den Zöglingen bot das Waisenhaus ein vielfältiges sportliches und musisches Freizeitangebot. Ab 1916 stand ihnen ein Ferienhaus in Wustrow an der Ostsee, später ein weiteres in Agnetendorf im Riesengebirge zur Verfügung.

In der NS-Zeit[Bearbeiten]

Im nationalsozialistischen Berlin verschärfte sich stetig die Situation der Juden durch administrative Anordnungen, politische Kampagnen und individuelle Terroraktionen. Antisemitisch verhetzte Angehörige der Hitlerjugend provozierten immer wieder vor dem Haus oder versuchten einzudringen. Im Sommer 1938 kam es zu einem Überfall, doch zogen die Randalierer nach einer energischen Aufforderung ab. Die 1935 verordnete Rassentrennung bei der Einschulung hatte eine Vergrößerung der Schule des Waisenhauses für Externe zur Folge. Im Jahr 1936 wurde sie für jüdische Kinder aus Pankow, darunter erstmals Mädchen, denen der Besuch öffentlicher Schulen nun verwehrt war, zur V. Jüdische Volksschule erweitert. Zum Leiter des Waisenhauses und der Schule berief die jüdische Gemeinde Kurt Crohn. Angesichts der Novemberpogrome von 1938 und der beschleunigten Entrechtung der Juden gelang es ihm, mehrere Kinder mit Kindertransporten nach Großbritannien und in die Niederlande in Sicherheit zu bringen, und fünf Jungen konnten mit der Jugend-Alija nach Palästina ausreisen.

Heim und Schule existierten bis Dezember 1940. Dann wurden sie mit dem „Auerbachschen Waisenhaus“ in Prenzlauer Berg zum Berliner jüdischen Waisenhaus „Auerbach-Pankow“ zusammengelegt. Dorthin kamen auch Kinder aus anderen Einrichtungen, darunter die des Säuglings- und Kleinkinderheims in Berlin-Niederschönhausen. Das Heim wurde am 31. Dezember 1942 geschlossen. Noch im August 1942 hatten sich dort 282 Säuglinge und Kinder und 14 Erzieher befunden. Sie wurden von der Gestapo über das Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße in Vernichtungslager in den besetzten Ostgebieten deportiert.

Im Holocaust wurden 44 Zöglinge, Lehrer, Erzieher und Beschäftigte des Waisenhauses Pankow in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet.[4]

Nach 1940 zogen Bewohner geräumter jüdischer Altenheime in das ehemalige Waisenhaus, um von dort auf andere Wohnstätten in Berlin verteilt zu werden. Im Dezember 1942 ging das Haus in den Besitz der Polizeiverwaltung des Deutschen Reichs über, die dort Ende 1943 die zentrale Sichtvermerkstelle des Reichssicherheitshauptamts einrichtete. Diese Nutzung dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an.

In Ost-Berlin[Bearbeiten]

Weil von 1945 bis 1950 die sowjetische Bezirkskommandantur das Rathaus Pankow beanspruchte, hatte in dieser Zeit das Bezirksamt Pankow im ehemaligen Waisenhaus seinen Sitz. Nach dessen Rückkehr ins Rathaus nutzte es bis Ende 1951 der Deutsche Sportausschuss, der die Anzahl der Räume durch Einbau von Trennwänden erheblich vergrößerte. Im Jahr 1952 ging das Gebäude an die Polnische Mission bzw. die polnische Botschaft in der DDR über. Zwischen 1968 und 1971 stand es leer. Nach einer Renovierung war es bis 1991 Sitz der kubanischen Botschaft. Das Haus erfuhr in diesen Jahren eine Reihe von Um- und Anbauten, wie einen separaten Kleinlastenaufzug, und die Überbauung des Betsaals, wobei die kostbare Kassettendecke, infolge des Einhängens einer Zwischendecke stark beschädigt, erhalten blieb. Seit dem 16. März 1978 steht das Gebäude unter Denkmalschutz.[5]

Nach der Wiedervereinigung Berlins[Bearbeiten]

Das seit 1991 ungenutzte Haus wurde 1993 der Jewish Claims Conference restituiert, die es dem Staat Israel übereignete. Dessen Botschafter Avi Primor erwog, es zu seinem Sitz zu machen. Weil die Kosten sich angesichts des sanierungsbedürftigen Zustands und der neuen Nutzungs- und Sicherheitsanforderungen auf möglicherweise 20 Millionen DM belaufen hätten, nahm Israel davon Abstand und bot es zum Kauf an.[6] Die Dr. Walter und Margarete Cajewitz-Stiftung kaufte 1999 das durch langjährigen Leerstand weiter verfallene Gebäude, um es nach aufwendiger Restaurierung für neue Nutzer zur Verfügung zu stellen. Im Jahr 2001 konnte die nach Janusz Korczak benannte Zweigstelle der Stadtbibliothek Pankow in einen Teil des ehemaligen jüdischen Waisenhauses einziehen.[7]

Der Betsaal mit der freigelegten und wiederhergestellten Kassettendecke wurde 2002 feierlich eingeweiht. Der nie ganz unsichtbar gewordene Schriftzug am Gebäude konnte nach historischem Vorbild erneuert und im April 2002 enthüllt werden. Seit 2007 ist im Gebäude außerdem die freie Gemeinschaftsschule SchuleEins untergebracht.[8] Vor dem Eingang steht die granitene Skulptur Stein-Händler von Alexander Polzin, der auch eine bronzene Collage für die Gedenktafeln des Eingangsbereichs schuf.

Seit den 2010er Jahren erinnert der Verein der Förderer und Freunde des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses in Pankow an das Heim. Dem Kuratorium des Vereins gehören unter anderem Jutta Limbach und Wolfgang Thierse an. Bis zu ihrem Tode waren auch Christa Wolf und Thomas Garbáty Mitglieder des Kuratoriums. Der Betsaal des Waisenhauses dient als Erinnerungsstätte an das jüdische Leben in Pankow. Im Eingangsbereich sind auf sechs Bronzetafeln die Namen der 579 deportierten und ermordeten Pankower Juden verzeichnet.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Aus der Satzung, siehe Albrecht (Lit.), S. 118, dort auch die Umbenennung und Lehrpläne in Faksimile, S. 118–120
  2. Albrecht (Lit.), S. 133
  3. Zum Gebäude Beers siehe Sylvia Müller-Pfeifruck: Das II. Jüdische Waisenhaus 1912/13. Gestalt - Nutzung - Bauhistorische Bewertung. In: Albrecht (Lit.), S. 143–170
  4. Namensliste bei Albrecht (Lit.), S. 141f.
  5. Eintrag in der Berliner Landesdenkmalliste mit weiteren Informationen
  6. Lammel (Lit.), S. 8f., zitiert Avi Primor: „... mit Ausnahme Deutschlands“. Als Botschafter Israels in Bonn. Ullstein, Berlin 1997, ISBN 3-550-07099-3, S. 202ff.
  7. Informationen zur Janusz-Korczak-Bibliothek
  8. Homepage SchuleEins in Pankow, abgerufen am 29. Dezember 2012