M. Blecher

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

M. Blecher (* 8. September 1909 in Botoșani im nordöstlichen Rumänien[1]; † 31. Mai 1938 in Roman) war ein jüdisch-rumänischer Schriftsteller, der seiner schweren Erkrankung ein schmales, aber gewichtiges Werk abtrotzte.[2] Die Auswirkung der nationalsozialistischen Herrschaft in halb Europa stieß seine Bücher in Vergessenheit und führte erst Jahrzehnte nach seinem Tod zur Wiederentdeckung.

Leben[Bearbeiten]

Blechers Vorname bleibt im Unklaren. Die Deutsche Nationalbibliothek gibt gleich drei Verweisungsformen an: Mihail, Marcel und Max. Die Wochenzeitung Die Zeit hingegen legte sich fest, er habe „Max L. Blecher“ geheißen.[3] Fest steht gemäß der Quellenarbeit des Übersetzers und Wiederentdeckers Ernest Wichner, dass der junge Rumäne seinen Vornamen nicht mochte, wohl aber gelegentlich Briefe mit Max oder Marcel unterzeichnete. Alle seine Bücher veröffentlichte er ausschließlich unter dem selbst gewählten Autorennamen M. Blecher.

Der Fabrikantensohn ging im Alter von 19 Jahren nach Paris, um in der französischen Hauptstadt ein Medizinstudium zu beginnen. Man entdeckte bald, dass er an Knochentuberkulose litt. Er wurde in einem Sanatorium in Frankreich operiert. Während der Bettlägerigkeit schrieb er Gedichte und zwei autobiografisch gefärbte Romane, die seine Beobachtungen und Introspektionen verarbeiten. Später verlegte man ihn versuchsweise in zwei weitere Sanatorien in der Schweiz und in Rumänien. Jahrelang verbrachte der Kranke sein Leben liegend, so wie Heinrich Heine in der „Matratzengruft“. Seine Gelenke versteiften, die Muskulatur schwand. Um ihn herum starben die oft jungen Patienten vielfach oder mussten Amputationen erleiden. Minutiös zeichnete er eigene und mitangesehene „Verluste“ auf. Blecher verstarb 1938, wurde nicht einmal 30 Jahre alt.

Wirkung und Nachleben[Bearbeiten]

Das Besondere an Blechers Prosa ist seine illusionslose Prägnanz, sein ähnlich wie bei Franz Kafka oder Gottfried Benn gänzlich unsentimentaler Stil. Blecher richtete das „helle Licht des Verstandes“ auf den Schmerz.[2] Schlimmer als das rein Körperliche wiegen oft Folgen und Erlebnisse im persönlichen Beziehungsumfeld. Das amputierte Bein einer vormaligen Tänzerin bedeutet, dass sie ihren Zustand nun ihrem Geliebten nicht mehr bemänteln oder verbergen kann.[2]

Die rumäniendeutsche Autorin Herta Müller beschrieb in ihrem Begleittext zum ersten Buch Blechers bildhafte Sprache wie folgt: „Blechers Erotik der Wahrnehmung braucht immerzu den Vergleich des einen Dings mit einem nie für möglich gehaltenen anderen.“[4] Es gibt in dieser auch das heftige Begehren nach einer Frau und die Eifersucht auf ihren Verlobten. Dennoch ist Blechers Vernarbte Herzen trotz der gleichartigen Bedrohung, Begierden und „horizontalen Lebenslage“ kein „Zauberberg“ à la Thomas Mann.[3] [5]

Das Erscheinen seines ersten Romans Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit wurde 1937 von Eugène Ionesco begeistert besprochen.[4] Danach wurden seine Bücher in Folgejahren unter den Nazis und später unter den Kommunisten aus den Erinnerungen gelöscht. Anfang der 1970er wurde der Roman in Rumänien wiederveröffentlicht. Wenig später folgte 1972 eine von Maurice Nadeau veranlasste Übersetzung ins Französische. Die FAZ sah das Buch 2004 in einer Mittelstellung zwischen Henri Michaux "Plume" (1935) und Jean-Paul Sartres La nausée (1938) platziert.[6]

Auf Deutsch kam das Buch erstmals 1990 heraus. Da es ein Kleinverlag war, die Berliner „Edition Plasma“, blieb es zunächst wenig beachtet. Erst im Jahr 2003 erregte die Neuausgabe in der Bibliothek Suhrkamp größere Aufmerksamkeit und zahlreiche Besprechungen. 2006 erschien der erstmals 1937 und erneut 1995 in Rumänien publizierte zweite Roman, Vernarbte Herzen, viel beachtet wiederum bei Suhrkamp. Erst 2008 folgte ebendort das Sanatoriumstagebuch unter dem Titel Beleuchtete Höhle, wiederum vom gleichen Übersetzer ins Deutsche übertragen. Der Titel ist eine beziehungsreiche Anspielung auf Platons Höhlengleichnis. Lediglich der Gedichtband Corp transparent aus 1934 und die Briefe und Kurzprosa fehlen noch zu einer deutschen Werkausgabe. In Bukarest veröffentlichte man 1999 die Gesammelten Werke und 2000 die vollständige Korrespondenz.[6] Blecher führte weitgespannte Briefwechsel mit zahlreichen französischen und rumänischen Intellektuellen jener Zeit.

Ungeachtet aller Bemühungen, in seinem Geburtshaus in Roman ein Museum einzurichten, ließ die Stadtverwaltung von Roman es zu, dass es im Juli 2013 abgerissen wurde.[7]

Literatur[Bearbeiten]

  • Lucia Gorgoi: Die Problematik der Angst bei Franz Kafka und M. Blecher In: Jura Soyfer (Zeitschrift der rumänischen Germanisten-Vereinigung) Nr. 2/1997[8]
  • Doris Mironescu: Viaţa lui M. Blecher. Impotriva biografiei. Ed. Timpul, Iaşi 2011. ISBN 978-973-612417-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.schrillerille.ch/buch/unwirklichkeit.html
  2. a b c Deutschlandfunk Büchermarkt von 25. Februar 2009: „Sturz ins Nichts“ Rezension zu Beleuchtete Höhle. Sanatoriumstagebuch
  3. a b DIE ZEIT vom 18. Mai 2006: Rezension zu M. Blechers Roman „Vernarbte Herzen“, Buch „ist eine Entdeckung – und jetzt schon ein jugendfrischer Klassiker“
  4. a b Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16. April 2006, Seite 28: Ein flüchtig verleimter Mensch. Fast siebzig Jahre nach seinem Tod erscheinen die Romane M. Blechers auf deutsch
  5. Neue Zürcher Zeitung vom 22. Juli 2006: Ein milchiges Leuchten : «Vernarbte Herzen»: M. Blechers Roman aus der Todeszone
  6. a b FAZ vom 3. Februar 2004: Meine Haut wie ein Sieb. Entdeckungsreise unter der Schädeldecke: M. Blechers enorme Prosa
  7. Markus Bauer: Eine kulturelle Schandtat. In der rumänischen Stadt Roman wurde das Haus M. Blechers abgerissen - er war einer der großen der Weltliteratur. In: Neue Zürcher Zeitung (internationale Ausgabe) vom 30. Juli 2013, S. 22.
  8. http://www.soyfer.at/zs/97_2.htm