Madeleine Vionnet

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Madeleine Vionnet (* 22. Juni 1876 in Chilleurs-aux-Bois, Département Loiret; † 2. März 1975) war eine französische Modeschöpferin. Von 1912 bis 1940 leitete sie, mit einer Unterbrechung während des Ersten Weltkrieges, ihren eigenen Modesalon in Paris.

Die Marke Vionnet wurde im Jahr 2002 von dem kuwaitischen Geschäftsmann Majid al Saben gekauft und wiederbelebt. Der Italiener Maurizio Pecoraro schuf für diese Marke eine Haute Couture Kollektion für die Saison 2004.

Leben[Bearbeiten]

Madeleine Vionnet wurde als Tochter von Abel Vionnet in Chilleurs-aux-Bois bei Orléans geboren, wuchs aber an der französisch-schweizerischen Grenze in Aubervilliers im Jura auf, welches sie zeitlebens als ihre Heimat betrachtete. Nach der Trennung ihrer Eltern wurde sie ab ihrem zweiten Lebensjahr von ihrem Vater erzogen, der sie, obwohl sie eine begabte Schülerin war, in eine Schneiderlehre gab.

In Paris erhielt Madeleine als 18-Jährige eine kurze Ausbildung zur Näherin, heiratete, ließ sich aber scheiden, nachdem sie ein Kind kurz nach der Geburt verloren hatte und „emanzipierte“ sich.

Madeleine ging nach England zu Kate Reilly, die die Damen der englischen Aristokratie einkleidete, übernahm fünf Jahre lang die Leitung einer Schneiderei und kehrte nach Paris zurück, wo sie von 1901 bis 1906 als Zuschneiderin von Nesselstoffmodellen und Schnittenwerferin für die Lizenzen im Modeatelier Callot Soeurs tätig war, das von den Schwestern Marie, Marthe, Regine und Josephine Callot geführt wurde. Angelernt wurde sie von Marie Gerber geborene Callot. Im Gegensatz zu den Autodidaktinnen Elsa Schiaparelli und Coco Chanel lernte sie das Entwerfen und Schneidern von der Pike auf. Im Jahr 1907 wurde sie Mitarbeiterin von Jacques Doucet, der auch schon Paul Poiret beschäftigt hatte. Doucet bot Madeleine an, eine eigenen Linie zu verwirklichen.

Mit einem Startkapital von 100.000 gesparten und 200.000 geborgten Francs konnte sie im Jahr 1912 ihren ersten eigenen Salon in der Pariser Rue de Rivoli Nummer 222 eröffnen, der nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges bereits wieder schließen muss, jedoch 1922/23 neu eröffnet wurde, jetzt direkt im Pariser Modeviertel auf der Avenue Montaigne, in der Hausnummer 50.

In den 1930er Jahren beschäftigte die talentierte und erfolgreiche Modeschöpferin in ihren Ateliers 1.200 Arbeiterinnen in der Schnittabteilung, mit der Pelzfertigung und sogar einem eigenen Raum, um Accessoires wie Schleifen oder Stoffrosen zu bügeln. Zwanzig Jahre lang fertigte Madeleine Vionnet legendäre Kleider für reiche und berühmte Kundinnen, mit denen sie in engem Kontakt stand. Modellentwürfe für Lizenzen lehnte sie weitgehend ab.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges musste das Haus Vionnet im Jahr 1940 endgültig schließen. Madeleine Vionnet zog sich gänzlich in ihr bescheidenes Bauernhaus in Cély zurück, wo sie leidenschaftlich gärtnerte, viel las und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Unterricht im Diagonalschnitt gab. Unter anderem unterrichtete sie Marcelle Chaumont und Jacques Griffe. Eine Fotografie aus ihren letzten Lebensjahren zeigt eine rosige und hübsche alte Dame mit Brille auf der Nase und einem Buch in der Hand, in ihrem Sessel thronend.

Madeleine Vionnet starb im Jahr 1975 kurz vor Vollendung ihres 99. Lebensjahres.

Sie hatte im Jahr 1920 den 18 Jahre jüngeren russischen Offizier Dimitri Netchovoldoff geheiratet, dem sie die Verantwortung für ein Schuhgeschäft übertrug, an dem er aber bald das Interesse verlor. Die anfänglich romantisch anmutende Ehe, in der Madeleine eine fürsorgliche Mutterrolle einnahm, scheiterte und wurde 1943 geschieden.

Im Gegensatz zu Coco Chanel vergaß Madeleine Vionnet niemals ihre Herkunft und war sozial engagiert. Ihre Erscheinung war stets tadellos, auch besaß sie elegante Ferienhäuser, darunter ein strahlendweißes Domizil in Bandol, doch führte sie ein einfaches Privatleben abseits von Glamour und Mondänitäten.

Werk[Bearbeiten]

Entwicklung ihres Modestils[Bearbeiten]

Auch wenn Paul Poiret dies für sich in Anspruch nahm, so war es doch eigentlich die Vionnet, die als erste Modeschöpferin konsequent das Korsett ablehnte. Schon zu Beginn Madeleine Vionnets Karriere, am Anfang des 20. Jahrhunderts, verzichteten ihre Entwürfe auf das Korsett. So entwarf sie während ihrer Zeit bei Jacques Doucet (1907-1912) hauchzarte, an Déshabillés orientierten Gewänder ohne Korsett – die Verkäuferinnen allerdings boykottierten diese „wäschigen“ Entwürfe teilweise.

1932 kam es zum der 30er Jahre, die die Vionnet maßgeblich prägte. Hier bringt sie ihre Schnitttechniken und Drapierungen zur vollen Geltung. Ihre bereits in den 20er Jahren entwickelte Silhouette feiert ihre größten Erfolge.

Die 1930er Jahre bringen aber auch einen Umschwung mit sich: der New Yorker Börsenkrach von 1929, Weltwirtschaftskrise und den drastischen Anstieg der Arbeitslosenzahl, zudem das Anwachsen des Nationalsozialismus' in Deutschland. Der Zeitgeist verändert sich, die Frau suchte Häuslichkeit und Geborgenheit und schien des Vamp- und Garconne- Daseins müde zu sein. Diese Wandlung spürte auch die Vionnet, und änderte ihre Linie, wobei sie nun ins Romantische ging: Kleider mit angesetzten weiten Röcken aus Tüll und Gaze, entfernt inspiriert von den Moden aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit den langen, weiten und durch Krinolinen gestützten Röcken, nur das die Vionnet diese dem modernen Leben durch bewegungsfreundliche Schnitte anpasste. Kurz, es waren Stilkleider, ähnlich denen, die Jeanne Lanvin in den 20er Jahren in der Pariser Haute Couture favorisierte.

Arbeitsweise[Bearbeiten]

Eine bedeutende Rolle für die Mode der „Königin der Couturiers“ spielte ihre freie Art des Entwurfs. Sie nahm besondere Rücksicht auf die räumliche Wirkung eines Kleides und fertigte deshalb bereits die erste „Skizze“ als körperhaftes Gebilde im Raum an, nie als zweidimensionale Zeichnung auf dem Papier.

Bei der von Anfang an praktischen Arbeit mit dem Stoff, den sie an einer Holzpuppe von allen Seiten gestaltete, entstanden so die Vionnet-typischen Draperien. Madeleine Vionnet erprobte alle Schnitte immer zuerst mit einfachem Nesseltuch an einer ca. 80 cm hohen Puppe aus Palisanderholz. Sie arbeitete solange an einem Entwurf bis er ihr gefiel, dann übergab sie das Werk an eine Assistentin, welche für eine Anfertigung des Schnitts in Originalgröße sorgte. Im Grunde genommen ist die Übertragung eines Entwurfs auf den Menschen der allerletzte Arbeitsschritt.

Auch die Auswahl der Stoffe war genau durchdacht. Zugunsten eines edlen Faltenwurfs verwendete die Vionnet vorrangig sehr elegant fallende Stoffe wie Crêpe romain, Crêpe de chine, Seidenmusselin und Chameuse.

Auf diese Art und Weise entwickelte Madeleine Vionnet ein völlig neues Profil für Damenkleidung.

Zudem war die vielleicht begabteste Designerin des 20. Jahrhunderts auch eine „grande patronne“. Jedenfalls soll den Näherinnen, die von Chanel kamen, das Haus Vionnet wie das „Hôtel Ritz“ vorgekommen sein: lichte riesige Ateliers, ein eigenes Restaurant, eine Krankenstation, eine Zahnarztpraxis mit kostenloser Behandlungsmöglichkeit – all dies wurde den Angestellten zur Verfügung gestellt. Hinzu kam noch bezahlter Urlaub, was für die damaligen Verhältnisse, noch längst keine Selbstverständlichkeit war.

Körper und Schnitt[Bearbeiten]

Einem klassischen Künstler gleich, ging es ihr um die Realisierung eines zeitenthobenen Schönheitsbegriffs, wozu sie sich der Haute Couture, der „Hohen Schneiderkunst“, im wahrsten Sinne des Wortes bediente. Ihre herausragende Leistung bestand aus ihrem neuartigen Umgang (Diagonalschnitt) mit dem Stoff: Die Kleider wirkten, als hätten sie eine Art Eigenleben, umflossen den Körper ihrer Trägerin und vollzogen dessen Bewegungen nach.

So betonte die Vionnet auch stets den Dialog zwischen Körper und Kleid: „Wenn eine Frau lächelt, dann muss ihr Kleid mit ihr lächeln.“ Sie hatte das Bestreben, eine zeitlose Schönheit zu schaffen, und positionierte sich damit ihrer Meinung nach als außerhalb der Mode agierend: „Wenn man behaupten kann, dass es heutzutage eine Schule Vionnet gibt, dann vor allem deshalb, weil ich gezeigt habe, dass ich die Mode ablehne. Es verbirgt sich in diesen saisonalen, flüchtigen Kapricen etwas Oberflächliches, Instabiles, dass meinen Sinn für Schönheit beleidigt.“ (Quelle?) In demselben Gespräch behauptete sie, Kleider für ganz verschiedene Frauen zu machen; doch dann folgte der Nachsatz: „Mein ganzes Leben lang habe ich versucht eine Art Arzt der Silhouette zu sein, und als Arzt wollte ich erreichen, dass meine Kundinnen den eigenen Körper respektieren, sich sportlich betätigen und eine strikte Körperpflege betreiben, damit er für immer von seiner ihn verformenden Rüstung (Korsett, Anm.) befreit bleibe.“ (Quelle?) Madeleine Vionnet wurde zur Vorreiterin einer neuen Kunst der Kreation, welche, laut Valerie Steele, „einige der schönsten jemals gefertigten Kleider“ entwarf und von Diana Vreeland (legendärer kreativer Kopf der amerikanischen Vogue) lange Zeit als „wichtigste Modeschöpferin des 20. Jahrhunderts“ betrachtet wurde.

Diagonalschnitt[Bearbeiten]

Madeleine Vionnet gilt als Erfinderin des Diagonalschnitts, bei welchem der Stoff, statt dem Fadenlauf folgend zugeschnitten zu werden, schräg verlaufend verarbeitet wird und welcher noch heute eine der wichtigsten Techniken der Haute Couture ist. Modehistoriker sind sich heute allerdings auch einig darüber, da bereits vorher einige im Diagonalschnitt gefertigte Teile existierten, dass die Vionnet diesen Schnitt nicht neu entwickelt hat, sondern ihn einfach perfektionierte und der Architektur eines Kleides anpasste. Sie sagte später selbst, sie sei gleichsam zufällig auf diese Technik gestoßen: Beim Drapieren eines Stoffes um ihre Holzpuppe, sei sie darauf gestoßen, dass der Stoff, diagonal gelegt, sehr viel besser falle. Natürlich hat ihre Entdeckung nicht so sehr mit Zufall zu tun, sondern mit ihrem großen Können und ihrer Aufmerksamkeit für die Wirkung von Stoffen. Sie erzielte durch eine fast mathematisch genaue Umsetzung ihrer Beobachtungen im geometrischen Schnitt eines Kleides umwerfende Ergebnisse. Issey Miyake, selbst ein Schnittmeister unter den Designern, verglich ihre Roben einmal mit einem Meisterwerk der griechischen Bildhauerkunst, der Nike von Samothrake: „Ich glaubte, dass die Nike-Statue durch die Kleider der Vionnet wieder zum Leben erweckt worden sei. Sie hatte den schönsten Aspekt der klassischen griechischen Ästhetik eingefangen: den Körper und die Bewegung.“ (Quelle?)

Inspiration[Bearbeiten]

Vionnet protegierte ein griechisch geprägtes Schönheitsideal. Ihr Interesse daran weckte wahrscheinlich die Tänzerin Isadora Duncan (1877-1927), die damalige Begründerin einer neuen Antikenbewegung, die den künstlerischen Tanz im Sinne des altgriechischen Chortanzes umgestaltete.

Also inspirierte sich Vionnet an der Silhouette griechischer Statuen oder Zeichnungen auf griechischen Vasen. Mit diesem Faible übte sie auch einen großen Einfluss auf die Kreationen ihrer Zeitgenossen aus. Die antike griechische Kleidung bestand v.a. aus Drapierungen und wurde nicht genäht, daher konnte der Faltenwurf schlicht und gerade aber auch außerordentlich reich und bewegt sein. Daran orientierte sich Madeleine Vionnet und drapierte viele ihrer Kleider nach einem ausgeklügelten Schema, so dass diese sich lebendig und immer wieder anders gestalten ließen.

Die griechische Inspiration wurde auch in den Geschäften der Vionnet offenkundig sichtbar – zum Beispiel war ihr Modehaus in der Avenue Montaigne mit Fresken im Stil der Antike auf denen griechische Schönheiten in Vionnet-Entwürfen zu sehen waren geziert.

Schönheitsideal[Bearbeiten]

Ihre Kleider verlangten einen schlanken, straffen Körper – allerdings ein Körper, der durch Bewegung in Form gehalten wird und nicht durch ein Korsett. Die Kundinnen mussten schmal und athletisch gebaut sein und eigentlich über gut trainierte Tänzerinnenkörper verfügen. Madeleines Traumkundin sollte hochgewachsen, schlank, blond und attraktiv sein; die Modemacherin schwärmte schöne Frauen regelrecht an: „Wenn ich eine hässliche, untersetzte oder fettleibige Frau bei mir sähe, würde ich sie hinauswerfen.“ (Quelle?) Ein Satz, den die Vionnet tatsächlich ernst meinte, denn sie bediente außer bestimmten Kundinnen (z.B. die Herzogin von Windsor) niemandem in ihrem Salon – ein Rückzug aus Furcht vor der eigenen Strenge.

Nun könnte man annehmen, dass die Voraussetzung bei solch einer Meinung anderen gegenüber, die Urteilende selbst mit einem perfekten Äußeren glänzen würde. Aber dieser Maßstab galt nur in Bezug auf die Kundin; Madeleine Vionnet war klein und kräftig, beschrieb sich als „untersetzt“ und „plump“: „Ich habe niemals Kleider für mich selbst entworfen, außer Sackkleider.“ (Quelle?)

Das Verschwinden der Madeleine Vionnet aus dem Gedächtnis[Bearbeiten]

Trotz dass die Vionnet mehr von perfektem Schnitt verstand, als ihre Zeitgenossinnen Chanel und Schiaparelli, war sie aber (ebenfalls im Unterschied zu beiden) keine Stilikone: „Sie sah aus wie eine Gouvernante, doch ließ andere Frauen wie Göttinnen erscheinen“, so die Modedesign-Biografin Valerie Steele. (Quelle?)

Ihre Zurückgezogenheit ist vielleicht einer der Gründe für die heutige Stille um den Namen Vionnet – auch wenn kein anderes Werk so gut wie das ihre dokumentiert ist (hatte sie doch selbst frühzeitig für die Archivierung ihrer Entwürfe gesorgt). In erster Linie ging es ihr immer um die Kleider, nie um die eigene Person, wodurch sie sich letztlich nicht zum Stilvorbild für die eigene Kundin eignete und somit den größten Vorteil einer weiblichen Modeschöpferin nicht nutzen konnte. Sie war eine große Schneiderin, aber kein Marketinggenie. Diese Tatsache zeigt sich auch, als die Vionnet in Zusammenarbeit mit dem Designer Boris Lacroix und dem Parfumhaus Coty 4 verschiedene Düfte in ästhetischen Flakons entwickelte, doch gab es nie eine große Lancierung der Parfums, was einer verschleuderten Chance gleichkommt. Heute würde man es als Kardinalfehler werten, dass es die Vionnet nicht schaffte, ein wirkliches Markenimage zu hinterlassen. Auch wenn der Name Vionnet bei Insidern noch als legendär gilt, so verbindet er sich doch nicht mit dem Antlitz einer Person, sondern mit dem Schnitt eines Kleides. „Wenn eine Frau lächelt, dann muss ihr Kleid mit ihr lächeln.“ (Quelle?) Die Frau im lächelnden Kleid war nicht sie selbst.

Literatur[Bearbeiten]

  • Stefanie Schütte: Die großen Modedesignerinnen. Von Coco Chanel bis Miuccia Prada. C.H. Beck Verlag, München 2005, ISBN 978-3-406-54820-8
  • Ingrid Loschek: Reclams Mode- und Kostümlexikon. 5. Aufl. Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 3-15-010577-3, S. 578.
  • NJ Stevenson: Die Geschichte der Mode. Stile, Trends und Stars. Haupt, Bern u. a. 2011, ISBN 978-3-258-60032-1, S. 104f.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Madeleine Vionnet – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien