Mikrolith

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Vorgeschichtlicher Mikrolith.

Mikrolithen (von altgriechisch μικρός mikrós ‚klein‘, ‚kurz‘, ‚gering‘ und altgriechisch λιθος líthos ‚Stein‘) sind steinzeitliche Kleinstgeräte von bis zu 3 cm Größe. Als Rohmaterial wurde gut spaltbares Kieselgestein wie Feuerstein oder vulkanisches Glas Obsidian verwendet, aus dem so genannte Kompositgeräte gefertigt wurden. Zu typischen Kompositgeräten zählen Sicheln, bei denen mehrere Mikrolithen in einem hölzernen Schaft zu einem komplexeren Gerät zusammengesetzt sind. Manche Formen wurden vorwiegend als Pfeilspitzen verwendet. In der Archäologie unterscheidet man Mikrolithen aus speziellen, sehr kleinen Klingen (Mikroklingen) und geometrische Mikrolithen (z. B. trapezförmig), die durch das gezielte Zerbrechen und anschließende Retuschieren größerer Klingen hergestellt wurden.

Mikrolithen sind typisch für das Mesolithikum und Epipaläolithikum. Die interne Chronologie des Mesolithikums beruht vor allem auf den wechselnden Häufigkeiten dieser Geräteinsätze. In rezenten Jäger-Sammler-Kulturen sind auch kunstvoll gefertigte Pfeilspitzen aus Glas bekannt. In Teilen der Türkei hat man Mikrolithen für die Herstellung von Dreschschlitten verwendet.

Ursachen der Entstehung[Bearbeiten]

Zur Schäftung siehe: Schäftung (Vor- und Frühgeschichte)

Als Grund für ihre Entstehung im Rahmen der steinzeitlichen Gerätetechologie nimmt man auch Umweltgründe an, als sich etwa im europäischen Mesolithikum bedingt durch das Ende der Eiszeit große Waldgebiete entwickelten, welche die Bewegungsfreiheit der Menschen einengten und sie zwangen, mit den vorhandenen Rohstoffen sparsamer umzugehen und auch Nahrungsquellen zu nutzen, die sie bisher verschmäht hatten wie Muscheln und Schnecken (die großen Schalenhaufen sind für mesolithische Fundstellen typisch) oder sich die Aleuten auf die gleichnamigen kargen Inseln ausbreiteten. Auch die Aridisierung Nordafrikas ab etwa dem dritten vorchristlichen Jahrtausend, die als globales Phänomen des späten Holozäns jedoch auch in anderen Teilen der Welt ihre Spuren hinterließ, dürfte hierher gehören. Ähnliche klimatische Vorgänge dürften sich auch während der Höhepunkte der letzten großen Eiszeit (in Mittel- und Westeuropa (Würmeiszeit) zwischen 60.000 und 12.000 BP) zugetragen haben, die mit einer starken Trockenperiode in den subtropischen und tropischen Gebieten einherging.

Vorkommen[Bearbeiten]

Nachdem man früher angenommen hatte, Mikrolithen seien eine Spätentwicklung des Paläolithikums, weiß man inzwischen, dass es sie in fast allen steinzeitlichen Kulturkomplexen gab, wenn auch in von Fundort zu Fundort schwankender Anzahl. Ursache dieses forschungsgeschicktlichen Wandels war die Tatsache, dass sie früher wenig beachtet oder wegen grober Grabungsmethoden übersehen wurden.[1]

Afrika[Bearbeiten]

In Afrika sind Mikrolithen typisch für das afrikanische Later Stone Age, wo sie vor 40000-20000 Jahren erstmals vorkommen und sich vermutlich aus den Abschlagtechiken des Middle Stone Age entwickelten. Aus dem südlichen Afrika sind mehrere Fundstellen mit etwa 65000 Jahre alten Ablagerungen bekannt, die als Howieson's Poort bezeichnet wird. Kennzeichnend sind Geräte, die abgesehen von der Größe, den Mikrolithen späterer Phasen entsprechen. Es handelt sich dabei immer um nur wenige tausend Jahre, dann sind die großen Mikrolithen wieder verschwunden.

In Südafrika treten sie etwa vor 40.000 Jahren auf. Im nordafrikanischen Capsien (9000–3000 v. Chr.) sind sie besonders häufig. Im subsaharischen Afrika finden sich aber auch Mikrolithen, die etwas größer und deutlich älter sind. Die Mikrolithen der Howieson’s Poort Industrie sind etwa 95.000–80.000 Jahre alt (nach einer anderen Datierung der Cambridge History of Africa 70.000–60.000), und in Zaire reicht eine ununterbrochene Reihe mikrolithischer Industrien in der Höhle von Matupi 32.000 bis 40.000 Jahre zurück.[2]

Europa[Bearbeiten]

Auch in Europa finden sich Mikrolithen bereits zusammen mit Faustkeilkomplexen (z. B. Tautavel), wo sie allerdings keine regelrechte miktolithische Industrien ausbilden, sondern wie in Afrika als Bearbeitungsaspekt des klassischen Acheuléen angesehen werden. Eine eindeutige Interpretation dieses Befundes gibt es nicht, jedoch fällt auf, dass es sich bei den entsprechenden altpaläolithischen Stationen Europas fast stets um langfristig belegte oder häufig besuchte Plätze handelt, die als zentrale Lager gedient hatten, wo in großem Umfang Aktivitäten ausgeübt wurden, bei denen kleinformatige Steingeräte erforderlich oder einfach nützlich waren. Dazu könnte eine abnehmendes Rohmaterialangebot etwa von Silex gekommen sein, das an solchen Plätzen notwendigerweise mit der Zeit auftreten musste. Ähnliches gilt auch für die vielen mittelpaläolithischen Fundplätze in Europa, wo benutzte kleine Abschläge die Zahl der ausgearbeiteten größeren Werkzeuge wie Schaber und Messer um ein Vielfaches übersteigen.[3]
In ihrer elaborierten klassischen Formenvielfalt treten Mikrolithen und nun eindeutige identifizierbare Industrien jedoch vor allem seit dem Aurignacien (frühestens 45.000 bis 25.000 bzw. 15.000 BP) vor allem aber im späten Magdalenien (ca. 17.000–11.000 BP = Jahre vor der Gegenwart: Before Present) des Jungpaläolithikums auf. In Südrussland gab es sie vor 25.000 Jahren, in Norddeutschland vor 13.000 Jahren. Vor allem finden sie sich aber im europäischen Mesolithikum, wo man die Mikrolithenindustrien in Nordeuropa in drei Perioden unterteilt: die Maglemose-Kultur (ca. 8000–5600 BP), die Kongemose-Kultur (7600–6500 BP) und die Ertebølle-Kultur (6500–5200 BP). Trapeze werden auch noch in der Trichterbecherkultur gefertigt.

Nordamerika[Bearbeiten]

Mikrolithe kommen auf dem Nordamerikanischen Kontinent am Ende der paläoindianischen und dem Anfang der Archaischen Periode auf. Besondere Bedeutung hatten sie in den arktischen Gebieten, insbesondere den Kulturen der Eskimos und Aleuten des arktischen Stadiums III. Dort gibt es eine ausgeprägte Mikroklingenindustrie. Das Stadium III spaltete sich zwischen 2500 und 1900 v. Chr. vom paläoindianischen Stadium II ab, und die Eskimos wurden im Norden an Stelle der Paläoindianer nun zum bestimmenden Element. Diese arktische Kleingeräteindustrie umfasst vor allem hochentwickelte Mikroklingen, die als Schneiden für aus mehreren Teilen zusammengesetzte Knochen-, Elfenbein- und Holzgeräte dienten. Die Kulturtradition könnte, wie anthropologische Befunde etwa der Aleuten nahelegen, ihre Wurzeln durchaus in Ostsibirien gehabt haben und dehnte sich rasch bis nach Grönland aus. Aus der arktischen Kleingerätetradition gingen während der Ausbreitung nach Osten mehrere Untertypen hervor: vor allem die Independence-I-Kultur (Kanada und Grönland), die Prä-Dorset-Kultur (Kanada) und die Sarqaq-Kultur in Grönland.

Außerdem sind Mikrolithe charakteristisch für die Poverty Point-Kultur am Unterlauf des Mississippi Rivers am Ende der Archaischen Periode.

Asien[Bearbeiten]

Im Jungpaläolithikum sind Mikrolithen in Nordchina sogar schon für den Homo erectus nachgewiesen, der sich dort bis vor etwa 40.000 bis 10.000 Jahren hielt, wie neuere anthropologische Befunde zeigen und dem man bisher derartig komplexe feinmotorische Leistungen nicht zugetraut hatte, zumal seine Gerätekomplexe sonst relativ groß und eher grob und meist in Kerntechnik und nicht in Abschlagtechnik gefertigt sind. Die mikrolithischen Funde sind in diesem Zusammenhang sogar besonders zahlreich und gehen bei vielen Fundstellen in die Tausende, zeigen jedoch auch eine große regionale und temporale Variationsbreite.

Auch im übrigen Ost- und Zentralasien finden sich im ausgehenden Paläolithikum und im Neolithikum zahlreiche mikrolithische Werkzeuge, meist vom Klingentyp, die selten sekundär retuschiert sind. In Sibirien, der Mongolei und Mandschurei gab es sie offenbar besonders lang bis tief ins dortige Neolithikum hinein. Mit dem Beginn der Keramik und des Steinschliffes um etwa 3000 v. Chr. in diesen Gebieten klingt diese Gerätetradition aus.

Ab etwa 4000 v. Chr. treten geometrische Mikrolithen auf Sulawesi (Celebes) auf.

Australien[Bearbeiten]

Die australische Small-Tool-Tradition stammt aus der Zeit zwischen 4000 und 3000 v. Chr. So wurden etwa in der Kenniff-Höhle im Carnarvon National Park[4] in Queensland geometrische Mikrolithen gefunden, die man stratigraphisch anhand der Schichtfolge auf 5000 bis 2500 v. Chr. datieren konnte.

Typen und Herstellung[Bearbeiten]

Man unterscheidet die europäisch nur im Mesolithikum vorkommenden geometrischen (z. B. trapezförmige) von den nicht geometrischen Mikrolithen.

Erster Bearbeitungsschritt bei der Herstellung von Mikrolithen: Eine Kerbe wird an der Lamelle erzeugt. Die nächsten Bearbeitungsschritte s. das Bild gegenüber.
Herstellung von geometrischen Mikrolithen (Dreieck, Trapez, Segment), je nachdem ob das proximale oder distale Ende des Ausgangsmaterials genutzt wird.

Geometrische Mikrolithen wurden mit Hilfe der sog. Kerbtechnik (Kerbbruchtechnik) aus sog. Mikroklingen gefertigt. Durch seitliche Einkerbungen an einer Klinge wird diese gezielt gebrochen. Anschließendes Retuschieren (Modifikation von Abschlägen oder Klingen aus Feuerstein durch leichten Druck oder Schlag, so dass scharfe Kanten oder stumpfe Enden bzw. Zähnungen entstehen) bringt die Bruchstücke in die gewünschte Form. Ein Kerbrest (Mikro-Stichel) bleibt als typisches Abfallstück zurück. Derartige Kerbreste findet man in Nordafrika vor allem im Ibéromaurusien (15.500–12.000 BP), in Europa finden sie sich als eher zufälliges Restprodukt schon im Gravettien bzw. dem zeitgleichen Pavlovien (Tschechien) (26.000–19.000 BP). Der Form nach unterscheidet man dreieckige, viereckige, Segmente und Trapeze. Wie alle Mikrolithen wurden sie in Kombinationsgeräte als Spitzen oder Zähne eingesetzt, teilweise quer geschäftet und mit Harz befestigt. Der Form nach gibt es starke regionale Unterschiede.

Nicht geometrische Mikrolithen wurden aus sehr kleinen Klingen (Lamellen) hergestellt und retuschiert. Besonders häufig sind hier die sog. „einfachen Mikrospitzen“. Sie sind so definiert, dass der Winkel an ihrer Spitze nicht größer als 45° sein darf. Es gibt nur eine Retusche am Ende, nicht jedoch am Rücken. Sie kommen ab dem späten Jungpaläolithikum vor, waren einfach herzustellen und fanden meist als Pfeilspitzen Verwendung.

Eine zweite Variante ist die technisch anspruchsvollere „Sauveterrespitze“. Sie ist symmetrisch, sehr spitz und hat manchmal zwei Spitzen. Sauveterrespitzen waren in ganz Europa verbreitet.

Die dritte Variante wird als „Mikrorückenspitze“ bezeichnet und umfasst alle auf dem Rücken retuschierten Spitzen des Mesolithikums, die nicht dem ersten oder zweiten Typ angehören. Als vierter Typus findet sich schließlich die „Dreieckspitze“, deren Form dadurch entsteht, dass die Basis quer retuschiert wird, so dass ein Dreieck mit einem 90°-Winkel entsteht.

Literatur[Bearbeiten]

  • John Desmond Clark (Hrsg.): The Cambridge History of Africa. Band 1: From the Earliest times to c. 500 BC. Cambridge University Press, Cambridge 1989, ISBN 0-521-22215-X, S. 297f, 302ff, 315, 477.
  • M. D. Coe, D. Snow, Elizabeth Benson (Hrsg.): Weltatlas der alter Kulturen: Amerika vor Kolumbus. Geschichte, Kunst, Lebensformen. Christian Verlag, München 1985, ISBN 3-88472-091-0, S. 46–47.
  • Barry Cunliffe (Hrsg.): Illustrierte Vor- und Frühgeschichte Europas. Campus Verlag, Frankfurt/M 1996, ISBN 3-593-35562-0, S. 107 ff.
  • Encyclopedia Britannica. 15. Auflage. 1993, ISBN 0-85229-571-5, Bd. 14, S. 242; Bd. 16, S. 65.
  • Rudolf Feustel: Technik der Steinzeit, Archäolithikum-Mesolithikum. Böhlau, Weimar 1985.
  • Lutz Fiedler, Gaëlle Rosendahl, Wilfried Rosendahl: Altsteinzeit von A bis Z. WBG, Darmstadt 2011, ISBN 978-3-534-23050-1, S. 247ff.
  • Joachim Hahn: Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten. Einführung in die Artefaktmorphologie. Archaeologica Venatoria e.V., Institut für Urgeschichte der Universität Tübingen, Tübingen 1993, ISBN 3-921618-31-2.
  • Emil Hoffmann: Lexikon der Steinzeit. C. H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-42125-3.
  • Andrew Sherratt (Hrsg.): Die Cambridge Enzyklopädie der Archäologie. Christian Verlag, München 1980, ISBN 3-88472-035-X, S. 161, 336, 361f.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Fiedler u. a., S. 247.
  2. Fiedler u. a., S. 247f.
  3. Fiedler u. a., S. 248f.
  4. Carnarvon National Park in der engl. Wikipedia