Acheuléen

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Acheuléen
Zeitalter: SteinzeitAltpaläolithikum
Absolut: ca. 1,76 Millionen – 150.000 Jahre vor heute
Ausdehnung
Afrika, Europa, Eurasien, Naher Osten, Indien
Leitformen

bifaciale Faustkeile, Kratzer, grobe Spitzen

Das Acheuléen (engl.: Acheulean) ist eine archäologische Kultur der Altsteinzeit, die durch die Existenz von Faustkeilen definiert wird. Während das Altacheuléen dem Altpaläolithikum angehört, wird - je nach Bearbeiter - zum Teil bereits das Mittelacheuléen[1], einheitlich jedoch das Jungacheuléen durch das Vorhandensein der Levalloistechnik dem Mittelpaläolithikum zugeordnet.[2]

Faustkeile treten in Afrika erstmals im Early Stone Age vor etwa 1,76 Millionen Jahren auf.[3] Ihnen voran gingen Geröllgeräte des Oldowan als älteste Werkzeuge der Menschheit. Als Hersteller der Faustkeilkulturen kommen die gleichzeitig in Ostafrika existierenden Hominini-Arten Homo habilis, Homo rudolfensis und Homo ergaster bzw. Homo erectus in Frage. Faustkeile kommen im gesamten Afrika und in den meisten Regionen Eurasiens vor, wo sie jedoch erst deutlich später, vor etwa 600.000 Jahren häufiger nachgewiesen sind.

Neben Faustkeilen gibt es im Acheuléen weitere typische Steinwerkzeuge. In Afrika sind das große Hackmesser (Cleaver) und Abschläge, im europäischen Acheuléen vor allem Schaber und kleine Faustkeile, die auch Fäustel genannt werden.

Faustkeil aus Saint-Acheul

Forschungsgeschichte[Bearbeiten]

Namengebend ist einer der frühesten Fundorte von Faustkeilen, Saint-Acheul, ein Vorort von Amiens. An dieser Stelle befindet sich heute der Archäologische Garten von Saint-Acheul. Die bis zu wahrscheinlich etwa 500.000 Jahre alten Fundschichten wurden 1838 von Jacques Boucher de Perthes entdeckt. Zuvor hatte bereits John Frere im Jahre 1797 einige Faustkeile vom Fundplatz Hoxne bei der Society of Antiquaries of London eingereicht, die jedoch von der Wissenschaft nicht akzeptiert wurden.[4] Auch die Funde von Boucher de Perthes wurden zunächst abgelehnt, bis Jean Paul Rigollot in denselben Schichten weitere Faustkeile fand, deren Alter vom Geologen Joseph Prestwich bestätigt wurde.

Ab 1869 schuf Gabriel de Mortillet anhand von namengebenden Fundstellen in Frankreich eine Klassifizierung und Nomenklatur der Perioden des Paläolithikums unter Einbeziehung des Acheuléens.[5][6] Das europäische Acheuléen (ab ca. 600.000 vor heute) wurde 1924 von Hugo Obermaier in Alt- und Jung-Acheuléen geteilt (Grenze bei ca. 300.000 vor heute). Klaus Günther führte 1964 zusätzlich das Spätacheuléen ein. Heute gilt eine (chronologisch nicht klar fassbare Unterteilung) in Alt-, Mittel- und Jung-Acheuléen. Besonders das Ende des Acheuléens ist unklar umrissen, zum Beispiel im subsaharischen Afrika beim Sangoan. So zeigt sich, dass viele Inventare der von Gerhard Bosinski eingeführten „Lebenstedter Gruppe“ des Jungacheuléen[2] heute in die mittlere Würm-Kaltzeit bzw. Weichsel-Kaltzeit (60.000 bis 50.000 vor heute) zu datieren sind und der eponyme Fundplatz von Salzgitter-Lebenstedt in das Micoquien zu stellen ist. Daneben bestehen während der frühen Weichsel-Kaltzeit unscharf definierte Grenzen zwischen Acheuléen und Moustérien de tradition Acheuléen (zum Beispiel Fundstelle Ochtmissen bei Lüneburg). Hauptcharakteristikum ist stets das Vorhandensein von Faustkeilen, verbunden mit einer großformatigen Abschlag-Industrie mit Schabern.[2] Sowohl die evolutionistische Sichtweise eines primitiven Acheuléen (Abbevillien oder Protoacheuléen), als auch die Gegenüberstellung faustkeilfreier Inventare als Clactonien sind heute überholt. Obwohl ein genereller Entwicklungstrend zu regelmäßigen und dünneren Faustkeilen besteht, kommen diese vereinzelt schon vor mindestens 500.000 Jahren vor (zum Beispiel Boxgrove Quarry, England).

Verbreitung[Bearbeiten]

Die geographische Verbreitung des Acheuléen ist in paläoklimatischen und ökologischen Faktoren begründet, wobei sowohl die Eiszeiten als auch die Desertifikation der Sahara eine Rolle gespielt haben.[7] Werkzeuge des Acheuléen wurden auf dem gesamten afrikanischen Kontinent gefunden, bis hin zum Regenwald am Kongo. Die Verbreitung nach Norden erfolgte vermutlich über Kleinasien und die Arabische Halbinsel ins heutige Iran[8] und Pakistan bis nach Indien und darüber hinaus. Die so genannte Movius-Linie, die die weiteste geographische Ausbreitung der Faustkeilkulturen in Asien anzeigen soll, gilt heute jedoch als veraltet, da Faustkeile auch in Südostasien gefunden wurden. Neue Funde aus Südchina (zum Beispiel Bose-Region) sowie von der philippinischen Insel Luzon zeigen die Verbreitung von Faustkeilen bis ins östliche Südostasien an und damit weit jenseits der Movius-Linie.[9]

In Europa ist die Einführung von Faustkeilen im mediterranen Raum bereits vor etwa 900.000 Jahren belegt,[10] nördlich der Alpen dagegen frühestens vor etwa 600.000 Jahren (Fundplatz Boxgrove Quarry).

Acheuléen-Industrie[Bearbeiten]

Typischer bifacialer (das heißt beidseitig bearbeiteter) Faustkeil des Acheuléen

Alt-Acheuléen[Bearbeiten]

Sogenannte Protofaustkeile in Afrika werden der Stufe des Alt-Acheuléen zugeordnet. Die ältesten, auf ein Alter von 1,76 Mio. Jahre datierten Funde stammen aus Kokiselei vom Westufer des Turkana-Sees in Kenia;[3] nahezu gleich alte, auf 1,75 Mio. Jahre datierte Funde stammen aus der Konso Formation im südlichen Äthiopien und wurden – wie die Funde vom Turkana-See – mit Homo erectus in Verbindung gebracht.[11]

Die ältesten Funde des nordalpinen Europa stammen vom Fundplatz Boxgrove Quarry. Der Großteil der europäischen Acheuléen-Funde stammt jedoch aus der Holstein-Warmzeit und der anschließenden Abkühlungsphase im frühen Saale-Komplex. Die Mehrzahl der Fundorte im Vereisungsgebiet dürfte durch Solifluktion der nachfolgenden Saalekaltzeit (bzw. alpinen Riß-Kaltzeit) zerstört worden sein.

Der Faustkeil stellt hierbei die wichtigste Zäsur bei den Steinwerkzeugen dar. Erstmals wurden für einzelne Tätigkeiten spezialisierte Typen hergestellt. Faustkeile bilden oft nur einen geringen Teil im Fundniederschlag des Acheuléens. Weitaus häufiger sind Abschläge und daraus gearbeitete Geräte (zum Beispiel Schaber).

Acheuléen-Faustkeil, Fundort Madrid, ca. 200.000  Jahre

Mittel-Acheuléen[Bearbeiten]

Im Mittel-Acheuléen verbessert sich die Fundlage. Neue und besser bearbeitete Geräte wurden gefunden. Die Faustkeile sind lanzenförmig, die Abschlaggeräte zahlreich. Es finden sich Schaber, Spitzen, gezähnte Werkzeuge und Bohrer. Bereits ab dem mittleren Acheuléen wurden vereinzelt Geräte in der sogenannten Levallois-Technik (Schildkern-Technik) hergestellt,[1] die für das Mittelpaläolithikum typisch werden. Das Mittel-Acheuléen ist in Westeuropa weit verbreitet, Funde gibt es aus ganz Frankreich, England (Swanscombe-Schädel) und Belgien.

In Südafrika entdeckte, 500.000 Jahre alte Steinartefakte wurden im Jahr 2012 als Projektilspitzen interpretiert; sollte diese Deutung korrekt sein, wären die aus der Fundstelle Kathu Pan 1 (KP1) stammenden Funde die ältesten Belege für die Nutzung von Speeren.[12]

Jung-Acheuléen[Bearbeiten]

In die Zeit des Jungacheuléen, es beginnt in der späten Riß-Kaltzeit und endet zu Beginn der letzten Kaltzeit, fällt der Übergang vom Homo erectus zum Neandertaler. Die hergestellten Werkzeuge gewannen weiter an Qualität. Es treten lanzenförmige aber auch herz- und mandelförmige Faustkeile auf, die sich durch fein herausgearbeitete Spitzen und geradlinige Seitenkanten auszeichnen. Die teilweise über die reine Funktionalität hinaus gestalteten Faustkeile werden als Anzeichen ästhetischen Empfindens interpretiert. Die mit Levalloistechnik bearbeiteten Geräte verbreiten sich schnell. Abschlaggeräte sind oft vom typischen Moustérien kaum noch zu unterscheiden. Funde gibt es aus Frankreich, England, Belgien, Portugal und Spanien.

Die letzte Stufe, das Spätacheuléen, lag zum Teil im selben Zeitraum wie die folgenden Stufen des Micoquien bzw. des Moustérien. Gleichzeitig mit dem Acheuléen gibt es die Kulturen des Clactonien und des Tayacien.

Lebensweise[Bearbeiten]

Über die Lebensweise des Homo erectus geben die Fundplätze des Acheuléen Auskunft. Die meisten Fundstellen sind Freilandfundplätze. Erst später wurden zunehmend auch Höhlen bewohnt. Erste Spuren der Nutzung des Feuers finden sich in der Mindel-Kaltzeit. Größeres Wild, zum Beispiel Waldnashorn und Waldelefant, wurde bereits regelmäßig gejagt, wie man aus dem recht häufigen Fund von Knochen zusammen mit Werkzeugen des Acheuléen erkennen kann. Gräber haben sich nicht erhalten. Man weiß auch nichts über die soziale Organisation oder religiöse Ansichten der damaligen Menschen.

Steinwerkzeuge, die 2008 und 2009 von einem amerikanisch-griechischen Forschungsteam bei Plakias an der südwestlichen Küste Kretas gefunden wurden, legen die Vermutung nahe, dass die Frühmenschen womöglich schon vor 700.000 Jahren in der Lage waren als Seefahrer ferne Küsten zu erreichen.[13]

Wichtige Hominidenfunde[Bearbeiten]

Fundplätze in Deutschland[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Bosinski: Das Mittelpaläolithikum: Steinbearbeitung – Steinwerkzeugformen und Formengruppen – Bearbeitung von Holz, Knochen und Geweih – Schmuck. In: E.-B. Krause (Hrsg.): Die Neandertaler. Feuer im Eis. 250.000 Jahre europäische Geschichte. Gelsenkirchen 1999, S. 74–104.
  • J. Hahn: Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten. Einführung in die Artefaktmorphologie. Archaeologica Venatoria 10, 1991.
  • S. Keates: The Movius Line, Fact or Fiction? In: Bulletin of the Indo-Pacific Prehistory Association. Vol. 22, 2003, S. 17–24.
  • A. F. Pawlik, W. P. Ronquillo: The Palaeolithic in the Philippines. In: Lithic Technology. 28 (2), 2003, S. 79–93.
  • Yamei Hou, R. Potts, Yuan Baoyin, Guo Zhengtang, A. Deino, Wang Wei, J. Clark, Xie Guangmao und Huang Weiwen: Mid-Pleistocene Acheulean-like stone technology of the Bose Basin, South China. In: Science. 287, 2000, S. 122.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Acheulean – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Joachim Hahn: Südeuropa und Nordafrika. In: O. Bar-Yosef u. a: Neue Forschungen zur Altsteinzeit. (= Forschungen zur Allgemeinen und Vergleichenden Archäologie. Band 4.) Beck, München 1984, S. 50 ff.
  2. a b c Gerhard Bosinski: Die mittelpaläolithischen Funde im westlichen Mitteleuropa. Fundamenta A/4. Köln, Graz 1967
  3. a b Christopher J. Lepre et al.: An earlier origin for the Acheulian. In: Nature. Band 477, 2011, S. 82–85, doi:10.1038/nature10372
  4. O. Bar-Yosef, O. und A. Belfer-Cohen: From Africa to Eurasia - Early Dispersals. In: Quaternary International, Band 75, 2001, S. 19–28
  5. Gabriel de Mortillet: Essai d’une classification des cavernes et des stations sous abri fondée surles produits de l’industrie humaine. Materiaux pour l’histoire de l’Homme 5, 1869, Paris, S. 172-179
  6. Gabriel de Mortillet: Classification des diverses périodes de l’age de la pierre. Revue d’Anthropologie, I, 1872, S. 432-435, Paris.
  7. Todd, L., Glantz, M., Kappelman, J.: Chilga Kernet: An Acheulean landscape on Ethiopia's western plateau. Antiquity 76, 293 S. 611–612
  8. Biglari, F. and Shidrang: The Lower Paleolithic Occupation of Iran, Near Eastern Archaeology 69(3–4): 2006, S. 160-168
  9. Alfred F. Pawlik: The Palaeolithic Site of Arubo 1 in Central Luzon, Philippines. In: Bulletin of the Indo-Pacific Prehistory Association, Band 24, S. 3–12.
  10. Gary R. Scott und Luis Gibert: The oldest hand-axes in Europe. In: Nature, Band 461, 2009, S. 82–85, doi:10.1038/nature08214
  11. Yonas Beyene et al.: The characteristics and chronology of the earliest Acheulean at Konso, Ethiopia. In: PNAS. Online-Vorabveröffentlichung vom 28. Januar 2013, doi:10.1073/pnas.1221285110
  12. Jayne Wilkins et al.: Evidence for Early Hafted Hunting Technology. In: Science. Band 338, Nr. 6109, 2012, S. 942–946, doi:10.1126/science.1227608
    eurekalert.org (mit Abb.) vom 15. November 2012: Archaeologists identify spear tips used in hunting a half-million years ago.
  13. On Crete, New Evidence of Very Ancient Mariners (en). In: The New York Times, nytimes.com, 15. Februar 2010. Abgerufen am 2010–07–05. 
  14. W. Bernhardt, A. Rudolph: Die mittelpaläolithischen Steinartefakte der Sammlung F. Mann im Naturkundemuseum Leipzig. In: Veröffentlichungen des Naturkundemuseums Leipzig. 13, 1995, S. 1–22
  15. W. Baumann, D. Mania, V. Toepfer, L. Eissmann: Die paläolithischen Neufunde von Markkleeberg bei Leipzig. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Dresden 16. Berlin 1983
  16. L. Eissmann, W. Bernhardt, A. Rudolph: Die Acheuléenfunde von Eythra bei Leipzig. In: Arch. Korr. 25, 1995, S. 275–289
  17. L. Eissmann et al.: Die paläolithischen Steinartefakte aus dem Tagebau Cospuden bei Leipzig. In: Veröffentlichungen des Naturkundemuseum Leipzig. 14, 1996, S. 1-23
  18. Pasda, C.: Silexverarbeitung am Rohmaterialvorkommen im Mittelpleistozän. Ergebnisse der Rettungsgrabung in Zwochau (Kr. Delitzsch). – In: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 38, 1996, S. 13-56
  19. Weber, T.: Analytische Untersuchungen und Entwicklungstendenzen der Technologie altpaläolithischer Inventare von Wallendorf, Bilzingsleben und Markkleeberg. – In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 21, 1980, S. 53-71
  20. L. Steguweit: Neue Untersuchungen am mittelpleistozänen Flintinventar von Lübbow. Ldkreis Lüchow-Dannenberg. Die Kunde N. F. 49, 1998, S. 1–40
  21. Schäfer, D.: Untersuchungen zum frühsaalezeitlichen Paläolithikum von Woltersdorf (Lkr. Lüchow-Dannenberg). – In: Beiträge zur Steinzeit in Niedersachsen, Teil I. Veröffentlichungen der urgeschichtlichen Sammlungen des Landesmuseums zu Hannover 47, 1997 Oldenburg (Isensee)
  22. Dürre, W.: Das Öring- Paläolithikum: Ein Diskussionsbeitrag zum Übergang vom Alt- zum Mittelpaläolithikum. Jahreshefte für Heimatforschung und Heimatpflege. Heimatbund des Kreises Soltau, Schneverdingen, 1991
  23. Pastoors, A.: Die mittelpaläolithische Freilandstation Salzgitter-Lebenstedt (Niedersachsen). Unterlagen zur 40. Tagung der H. Obermaier-Gesellschaft 1998, S. 12-13
  24. Klostermann, J. & J. Thissen: Die stratigraphische Stellung des Lößprofils von Mönchengladbach-Rheindahlen (Niederrhein). – In: Eiszeitalter und Gegenwart 45, (1995), S. 42-58 doi:10.3285/eg.45.1.05
  25. Thieme, H.: Siedlungsstrukturen der saalezeitlichen Fundschicht B3 (Ostecke) in Rheindahlen (BRD). – In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 30 (1989), S. 561-572