Mitleid

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel wurde in der Qualitätssicherung Philosophie eingetragen. Dabei werden Artikel gelöscht, die nach Fristablauf sich als nicht relevant herausstellen oder kein akzeptables Niveau erreicht haben. Bitte hilf mit, die inhaltlichen Mängel dieses Artikels zu beseitigen, und beteilige dich bitte an der Diskussion! Bitte entferne diesen Hinweis nicht ohne Absprache!


Mitleid ist die gefühlte Anteilnahme an Schmerz und Leid anderer.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Mitleid in Antike und Christentum

Das Mitleid, seine Funktion und die Frage, was genau unter Mitleid zu verstehen sei, wurde in den verschiedensten Kontexten, etwa der Literaturtheorie oder Ethik, seit der Antike immer wieder diskutiert. Mitleid erscheint als Gegenstand der Literatur bereits in der „Ilias" von Homer, wenn Achill von seinem Zorn lässt und dem Priamos auf dessen Bitte den Leichnam seines Sohnes Hektor übergibt. Es gilt in den meisten Philosophien und Religionen als positive Eigenschaft oder Tugend. Aristoteles, welcher den ersten Versuch unternahm, das Mitleid zu definieren, bestimmte es wie folgt:

„Mitleid sei definiert als eine Art Schmerz über ein anscheinend leidbringendes Übel, das jemanden trifft, der es nicht verdient, ein Übel, das erwartungsgemäß auch uns selbst oder einen der Unsrigen treffen könnte [...] Denn es ist klar, dass derjenige, der Mitleid empfinden soll, gerade in einer solchen Verfassung sein muss, dass er glaube, er selbst oder einer der Seinen würde ein Übel erleiden [...]. Ferner haben wir Mitleid mit denen, die uns bezüglich Alter, Charakter, Gewohnheiten, sozialer Stellung und Herkunft ähnlich sind [...].“

Aristoteles, Rhetorik 1385b

Zentrale Voraussetzung, um Mitleid zu empfinden, ist nach Aristoteles also eine zumindest partielle Identifikation mit demjenigen, mit dem man Mitleid empfindet.

In der stoischen Philosophie wurde das Mitleid dagegen explizit abgelehnt. Ihr Ziel war die Apatheia, die Freiheit von allen Affekten. Der stoische Weise steht seinem eigenen etwaigen Unglück ebenso emotionslos und gelassen gegenüber wie fremden Leid. Dies schloss aber Hilfsbereitschaft und Mildtätigkeit keineswegs aus.[1] Der Philosoph Seneca (ca. 1-65) schrieb in der Kaiser Nero gewidmeten Mahnschrift De Clementia (Über die Milde):

„Der Weise [...] fühlt kein Mitleid, weil dies ohne Leiden der Seele nicht geschehen kann. Alles andere, das meiner Ansicht nach die Mitleidigen tun sollten, wird er gern und hochgemut tun: zu Hilfe kommen wird er fremden Tränen, aber sich ihnen nicht anschließen; reichen wird er die Hand dem Schiffbrüchigen, [...] dem Armen eine Spende geben, aber nicht eine erniedrigende, wie sie der größere Teil der Menschen, die mitleidig erscheinen wollen, hinwirft und damit die verachtet, denen er hilft.“

L. Annaeus Seneca, Über die Milde II,6

Im Christentum ist Mitleid die Voraussetzung für Barmherzigkeit (Misericordia) und damit wesentlicher Bestandteil tätiger Nächstenliebe.

[Bearbeiten] 18. Jahrhundert und Lessing

In der Gefühlsethik des 18. Jahrhunderts wurde das Mitleid zum zentralen sozialen Gefühl und einem wichtigen Begriff der Moral. Insbesondere Gotthold Ephraim Lessing, einer der wichtigsten und wirkungsmächtigsten Theoretiker des Mitleids, charakterisierte das Mitleid als die positive menschliche Eigenschaft schlechthin. Zunächst bestimmte er es als das wichtigste Gefühl, welches ein Autor von Trauerspielen (Tragödien) beim Publikum bewirken solle, vertrat aber auch darüber hinaus die Auffassung, dass derjenige, welcher Mitleid empfindet, auch in moralischer Hinsicht „der beste Mensch“ sei:

„Wenn es also wahr ist, daß die ganze Kunst des tragischen Dichtens auf die sichere Erregung und Dauer des einigen Mitleidens geht, so sage ich nunmehr, die Fähigkeit der Tragödie ist diese: sie soll unsere Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern. Sie soll uns nicht blos lehren, gegen diesen oder jenen Unglücklichen Mitleid zu fühlen, sondern sie soll uns so weit fühlbar machen, daß uns der Unglückliche zu allen Zeiten, und unter allen Gestalten, rühren und für sich einnehmen muß. Und nun berufe ich mich auf einen Satz, den Ihnen Herr Moses vorläufig demonstriren mag, wenn Sie, Ihrem eignen Gefühl zum Trotz, daran zweifeln wollen. Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmuth der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes thut, thut auch dieses, oder – es thut jenes, um dieses thun zu können.“

Lessing, Briefwechsel über das Trauerspiel (Brief an Friedrich Nicolai, November 1756)[2]

Arthur Schopenhauer vertrat ebenfalls eine Mitleidsethik, in der das Gefühl des Mitleids in ähnlicher Weise im Mittelpunkt stand.

[Bearbeiten] Nietzsches Kritik am Mitleid

Friedrich Nietzsche stand dem Mitleid ablehnend gegenüber. Er nannte es ein „Bedürfnis der Unglücklichen“, welche mit ihrem Mitleid letztlich nur die eigene Überlegenheit gegenüber dem Bemitleideten zum Ausdruck bringen würden. Mitleid sei gewissermaßen das Gefühl, trotz der eigenen Schwäche immer noch stärker als andere, noch Schwächere zu sein und prinzipiell die Möglichkeit zu haben, ihnen „wehe zu tun“:

„Vielmehr beobachte man Kinder, welche weinen und Schreien, damit sie bemitleidet werden, und deshalb den Augenblick abwarten, wo ihr Zustand in die Augen fallen kann; man lebe im Verkehr mit Kranken und Geistig-Gedrückten und frage sich, ob nicht das beredte Klagen und Wimmern, das Zur-Schau-tragen des Unglücks im Grunde das Ziel verfolgt, den Anwesenden weh zu tun: das Mitleiden, welches Jene dann äußern, ist insofern eine Tröstung für die Schwachen und Leidenden, als sie daran erkennen, doch wenigstens noch Eine Macht zu haben, trotz aller ihrer Schwäche: die Macht, wehe zu tun. Der Unglückliche gewinnt eine Art von Lust in diesem Gefühl der Überlegenheit, welches das Bezeugen des Mitleides ihm zum Bewusstsein bringt; seine Einbildung erhebt sich, er ist immer noch wichtig genug, um der Welt Schmerzen zu machen. Somit ist der Durst nach Mitleid ein Durst nach Selbstgenuss, und zwar auf Unkosten der Mitmenschen; es zeigt den Menschen in der ganzen Rücksichtslosigkeit seines eigensten lieben Selbst [...]“

Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches I, II, Nr.50[3]

Mitleid ist bei Nietzsche also eher ein egoistisches als ein altruistisches Gefühl.

[Bearbeiten] 20. Jahrhundert

Max Scheler unterscheidet zwei Arten von Mitleid: das echte Mitleid und die reine Gefühlsansteckung. Bei letzterer leidet die betreffende Person.

Käte Hamburger vertrat in ihrem 1985 erschienenen Buch Das Mitleid die Position, dass das Mitleid ein ethisch neutrales Gefühl wäre.

Im Mahayana-Buddhismus ist Mitleid das zentrale Motiv, das Bodhisattvas auf die eigene Erleuchtung verzichten lässt, um Menschen auf dem Weg zu dieser zu verhelfen (zur buddhistischen Konzeption von Mitleid vergleiche auch Karuna).

[Bearbeiten] Siehe auch

Wikiquote Wikiquote: Mitleid – Zitate

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Christoph Halbig, Die stoische Affektenlehre, in: Barbara Guckes (Hrsg.), Zur Ethik der älteren Stoa, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 66f
  2. http://www.uni-duisburg-essen.de/einladung/Vorlesungen/dramatik/lessingbr.htm
  3. http://www.textlog.de/21623.html
Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen