Nackt und zerfleischt

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Filmdaten
Deutscher Titel Nackt und zerfleischt
Originaltitel Cannibal Holocaust
Produktionsland Italien, Kolumbien
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 1980
Länge 96 Minuten
Altersfreigabe FSK ungeprüft und beschlagnahmt
Stab
Regie Ruggero Deodato
Drehbuch Gianfranco Clerici
Produktion Franco Di Nunzio
Franco Palaggi
Musik Riz Ortolani
Kamera Sergio D’Offizi
Schnitt Vincenzo Tomassi
Besetzung

Nackt und zerfleischt (Originaltitel: Cannibal Holocaust) ist ein dem Exploitation-Genre nahestehender Kannibalenfilm von Ruggero Deodato aus dem Jahr 1980.

Handlung[Bearbeiten]

Der Anthropologe Harold Monroe reist an den Amazonas, um eine vermisste Gruppe von Dokumentarfilmern wiederzufinden. Alan Yates, Tina „Faye“ Daniels, Jack und Mark wollten dort eine Dokumentation über Kannibalen filmen. Monroe entdeckt bei einem Stamm von Eingeborenen die Kamera des Filmteams und gleich daneben die Überreste und Knochen der Leute. Wieder zuhause in New York sichtet er den Film und entdeckt dabei eine grausame Geschichte. Um besonders spannende und authentische Szenen zu bekommen, scheute das Filmteam nicht davor zurück, ein komplettes Dorf niederzubrennen und dabei den Tod vieler Eingeborener in Kauf zu nehmen. Darüber hinaus filmte das Team die Vergewaltigung einer Eingeborenen durch Mitglieder der Crew. Trotz des Protests von Seiten Monroes will der produzierende Fernsehsender die Aufnahmen in einer Dokumentation verwenden, wovon erst abgesehen wird, nachdem die Verantwortlichen selber die grausamen Schlussszenen vorgeführt bekommen, in denen die Mitglieder der Filmcrew von den aufgebrachten Eingeborenen gefangen und regelrecht zerfleischt werden. Am Ende erhalten die Filmvorführer den Auftrag, das komplette Material zu vernichten. Mit den Worten: „I wonder who the real cannibals are?“, (dt. „Ich frage mich, wer die echten Kannibalen sind.“) verlässt der Professor das Gebäude, um dann im Großstadtdschungel unterzutauchen.

Allgemeines[Bearbeiten]

Nackt und zerfleischt wird oft als Höhepunkt des Kannibalen- oder Mondo-Films betrachtet. Deodato inszenierte sein Werk teilweise in einem realistisch anmutenden Dokumentationsstil, und es besitzt, im Vergleich zu anderen Filmen des Genres, sogar eine schlüssige Handlung. Zudem thematisiert Deodato ein – wenn auch paradoxes – politisches Anliegen: Trotz seiner eigenen reißerischen Blutrünstigkeit schwingt sich der Film zur moralischen Kritik an der Sensationslust der Massenmedien auf. Des Weiteren sollen die vom Filmteam verübten Gräueltaten ein Verweis darauf sein, wie leicht der Damm aus Kultur und Zivilisation bricht. Gerade die Schlussbemerkung des Professors ist somit für die Selbstrechtfertigung des Films ungemein wichtig, da der implizierte Hinweis auf die Verrohtheit des modernen, zivilisierten Menschen dem Film einen (wenn auch oberflächlichen) sozialkritischen Anstrich verpasst.

Hintergründe[Bearbeiten]

Rote Brigaden und italienischer Journalismus[Bearbeiten]

In Auseinandersetzung mit der Berichterstattung der italienischen Medien über die roten Brigaden in Italien, entwickelte Deodato nach eigenem Bekunden Ideen zu dem Verhalten des Kamerateams im Film. Nach Deodatos Empfinden fokussierten die italienischen Medien auf die Darstellung von Gewalttaten, ohne dabei journalistische Integrität und Ethik zu bewahren. Ebenfalls äußerte er Bedenken, dass bestimmte Kameraeinstellungen von Nachrichtenmaterialien gestellt waren.[1]

Jacopetti und Prosperi – Mondo[Bearbeiten]

Nach Deodato wurde als Anspielung auf das Schaffen des Mondo-Regisseurs Gualtiero Jacopetti der fiktive Film „The Last Road to Hell“, welcher Videomaterial von echten Hinrichtungen beinhaltet, als eine vermeintliche Vorgängerdokumentation des Filmteams aus Cannibal Holocaust eingefügt.[1] Nach Riz Ortolani, der die Musik für Cannibal Holocaust komponierte, und von Deodato wegen seiner Arbeit für Jacopettis Mondo Cane engagiert wurde, stellt der Film in gewisser Weise eine Hommage an die Filme des Regieduos Jacopetti und Prosperi dar.[2]

Kontroverse[Bearbeiten]

In vielen Ländern trafen den stellenweise außerordentlich brutalen Film Zensurmaßnahmen, Indizierungen oder Beschlagnahmungen, unter anderem auch in Deutschland. Selbst innerhalb der Horrorfilm-Fangemeinde kam Kritik an den im Kannibalengenre verbreiteten realen Tiertötungen auf. Deodatos Aussage zufolge wurden diese allerdings anschließend vom Filmteam oder den Eingeborenen verspeist.

Auch wurde Deodato vorgeworfen, für seinen Film echte Menschenleichen verwendet zu haben und speziell für eine Szene eine Frau gepfählt zu haben, was ihm eine Gerichtsverhandlung einbrachte. Die Pfählungsszene wurde jedoch mittels eines Baumstammes, an dessen Ende sich ein Fahrradsattel befand, realisiert. Der Schauspielerin wurde dann symmetrisch zum „Unterstamm“ ein Ast aus „Weichholz“ in den Mund gesteckt.

Alle Versionen des Films sind in Deutschland wegen § 131 StGB durch richterliche Beschlüsse beschlagnahmt oder indiziert.[3][4] Die einzigen Firmen, die in Deutschland den Film wiederholt veröffentlicht haben, sind Astro Records & Filmworks und Laser Paradise.

Regie[Bearbeiten]

Nackt und zerfleischt ist nicht Ruggero Deodatos erster Ausflug in die Welt der Kannibalenfilme. 1977 drehte er den Nachfolger zu Umberto Lenzis Mondo Cannibale von 1972, den Film Mondo Cannibale, 2. Teil – Der Vogelmensch. Laut Deodato boten ihm mehrere Produzenten eine Menge Geld für einen zweiten Teil von Cannibal Holocaust, den er aber nie drehte.

Fortsetzungen und Remakes[Bearbeiten]

  • 1985 erschien ein Kannibalenfilm von Mario Gariazzo, welcher unter anderem auch unter dem Namen Cannibal Holocaust 2 erschienen ist, jedoch nichts mit dem Original zu tun hat und als eigenständiger Kannibalenfilm agiert, was viele Horrorfans als Markenschwindel sehen.
  • 1988 erschien mit Green Inferno (im Original: Natura contro) unter der Regie von Antonio Climati ein weiterer Vertreter des Genres. Für die DVD-Auswertung wurde der Film in Cannibal Holocaust II umbenannt.
  • Die Firma Relevant Entertainment kaufte die Rechte am Film und gab bekannt, dass ein Remake des im Jahre 1980 gedrehten Originals geplant sei. Die Dreharbeiten sollten im Sommer 2007 beginnen.
  • 2007 erschien mit Cannibals – Welcome to the Jungle von Jonathan Hensleigh mehr eine Hommage an den 1970er Kannibalenfilm als ein echtes Remake von Cannibal Holocaust.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Estein, Axel 1991: Kannibalen. Fleisch ist Fleisch. In: Splatting Image, Nr. 8, S. 5-14
  • Jauregui, Carolina Gabriela 2004: "Eat it alive and swallow it whole!" Resavoring Cannibal Holocaust as a Mockumentary. In: Invisible Culture 7, S. 1-11 Volltext (PDF; 96 kB)
  • Petley, Julian: Cannibal Holocaust and the Pornography of Death. In: King, Geoff (Hg.) 2005: Spectacle of the real. From Hollywood to reality TV and beyond. S. 173-186, Portland: Intellect Books, ISBN 1-84150-120-4

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Ruggero Deodato: Interview mit Sage Stallone; Bob Murawski. Cult-Con 2000. Cannibal Holocaust DVD Commentary. Tarrytown, New York. 12. November 2000.
  2. Ortolani, Riz (interviewee). (2003). In the Jungle: The Making of Cannibal Holocaust (Documentary). Italy: Alan Young Pictures.
  3. schnittberichte.com mit Hinweis auf den Beschlagnahmebeschluss des AG Karlsruhe vom 17. Oktober 2002. Abgerufen am 3. Januar 2013
  4. schnittberichte.com Abgerufen am 3. Januar 2013