Nacktschwanzgürteltiere

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Nacktschwanzgürteltiere
Kleines Nacktschwanzgürteltier (Cabassous chacoensis)

Kleines Nacktschwanzgürteltier (Cabassous chacoensis)

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Überordnung: Nebengelenktiere (Xenarthra)
Ordnung: Gepanzerte Nebengelenktiere (Cingulata)
Familie: Gürteltiere (Dasypodidae)
Gattung: Nacktschwanzgürteltiere
Wissenschaftlicher Name
Cabassous
McMurtrie, 1831

Die Nacktschwanzgürteltiere (Cabassous) sind eine Säugetiergattung aus der Familie der Gürteltiere (Dasypodidae). Ihr Name kommt von dem im Vergleich zu den anderen Gürteltierarten ungepanzerten Schwanz. Die Gattung wird in vier Arten unterteilt, die allesamt stark spezialisierte Insektenfresser sind und sich meist von Ameisen und Termiten ernähren. Ihr Lebensraum umfasst unterschiedliche Biotope von offenen Grasländern bis hin zu Wäldern. Die Lebensweise ist ansonsten eher wenig erforscht.

Beschreibung[Bearbeiten]

Nacktschwanzgürteltiere sind mittelgroße Gürteltiere, die eine Kopf-Rumpf-Länge von 30 bis 49 cm und eine Schwanzlänge von 9 bis 20 cm erreichen. Ihr Gewicht kann zwischen 2 und 6,5 kg variieren. Der stämmige Kopf weist eine kurze, breite Schnauze auf. Die Ohren stehen weit auseinander und sind trichterförmig. Der typische Kopfschild ist eher schmal und oval geformt und besteht aus einzelnen kleinen Knochenplättchen. Das Gebiss besitzt abweichend von jenem der anderen Säugetiere charakteristische Zahnbildungen ohne Zahnschmelz, die Zähne sind mit nur einer Wurzel ausgestattet. Dabei befinden sich im Oberkiefer 7 bis 10, im Unterkiefer 8 bis 9 solcher Zähne pro Kieferhälfte, insgesamt also 30 bis 38, die Zahnanzahl ist aber auch innerhalb der einzelnen Arten oft stark variabel. Der Rückenpanzer weist eine eiförmige Gestalt auf und ist kuppelartig geformt. Er besteht ebenfalls aus einzelnen Knochenplättchen in bänderartiger Anordnung, von denen die mittleren 11 bis 14 Bänder besonders beweglich, die Bereiche über der Schulter und dem Becken aber fester sind. In der Regel ist er dunkelbraun bis schwarz gefärbt und hat einen helleren Rand. Die Unterseite des Körpers besitzt eine gelblich-weiße Färbung. Im Gegensatz zu anderen Gürteltierarten weist der lange, schlanke Schwanz keine gepanzerten Ringe auf, sondern manchmal nur dünne, weit auseinander stehende Schuppen. Alle Gliedmaßen enden in fünf Zehen, die Krallen tragen. Die Krallen der mittleren Zehen der Vorderfußzehen sind dabei besonders lang und sichelförmig gebogen.[1][2]

Verbreitung[Bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet der Nacktschwanzgürteltiere reicht vom südlichen Mexiko in Mittelamerika über weite Bereiche Südamerikas östlich der Anden. Die südlichste Verbreitungsgrenze liegt dabei im nördlichen Argentinien. Dabei bewohnen sie Grasländer und bewaldete, trockenere Gebiete mit gut gelockertem Boden in Hoch- und Tiefländern. Oft findet man sie in der Nähe von Flüssen, sie kommen aber auch in sumpfigeren Gebieten vor. Dabei ist das Mittelamerikanische Nacktschwanzgürteltier neben dem Neunbinden-Gürteltier (Dasypus novemcinctus) die einzige Gürteltierart, die nicht auf Südamerika beschränkt ist.[1][3]

Lebensweise[Bearbeiten]

Territorialverhalten[Bearbeiten]

Die Nacktschwanzgürteltiere sind vorwiegend Einzelgänger und benutzen Aktionsräume, in denen sie ihre Bauten anlegen, die sich häufig an Uferböschungen befinden. Es sind weitgehend nachtaktive Tiere, tagsüber ziehen sie sich in Baue zurück, die sie mit ihren kräftigen Krallen graben, in der Nacht gehen sie auf Nahrungssuche. Zur Fortbewegung benutzen sie die Außenkanten der Vorderfüße, um die Krallen nicht abzunutzen und die Sohlen der Hinterbeine, außerdem können sie gut schwimmen. Im Bedrohungsfall können sie über kurze Distanzen schnell laufen und versuchen, sich in ihren Bau zurückzuziehen.[1][2]

Ernährung[Bearbeiten]

Die Nahrung der Nacktschwanzgürteltiere besteht fast ausschließlich aus Insekten, vorwiegend Termiten und Ameisen. Mit ihren kräftigen Krallen graben sie sich in deren Bauten und schlecken ihre Beute mit ihrer langen Zunge auf. Ihr gutentwickelter Geruchssinn hilft ihnen, die Nahrung zu finden. Diese vollständige Spezialisierung auf die genannten Nahrungsressource führt dazu, dass nur äußerst selten andere Wirbellose wie etwa Spinnen in ihren Verdauungsresten gefunden werden. Die Nahrung wird nur teilweise zerkaut, wie unverdauliche Chitinreste an den Kotstellen zeigen. Auch werden manchmal Bodenteile verschluckt, um den Mineralhaushalt auszugleichen.[1][2]

Fortpflanzung[Bearbeiten]

Über die Fortpflanzung dieser Tiere ist so gut wie nichts bekannt. Man weiß lediglich, dass je Wurf im Durchschnitt nur ein Junges geboren wird, welches 100 bis 115 g wiegt.[1]

Systematik[Bearbeiten]

Innere Systematik der rezenten Gürteltiere nach Delsuc et al. 2003[4] und Möller-Krull et al. 2007[5]
 Dasypodidae 


 Dasypodinae


     
 Tolypeutinae 

 Tolypeutes


     

 Priodontes


     

 Cabassous




     

 Chlamyphorinae 


 Euphractinae 

 Zaedyus


     

 Chaetophractus


     

 Euphractus








Die Nacktschwanzgürteltiere (Cabassous) sind eine Gattung innerhalb der Familie der Gürteltiere (Dasypodidae) und der Ordnung der Gepanzerten Nebengelenktiere (Cingulata). Sie formen mit ihen nächsten Verwandten, den Kugelgürteltieren (Tolypeutes) und dem Riesengürteltier (Priodontes), die Unterfamilie Tolypeutinae. Dieser gehören auch einige ausgestorbene Gattungen an, so das aus dem Oligozän stammende Kuntinaru.[6] Innerhalb der Unterfamilie sind Cabassous und Priodontes dabei wesentlich enger verwandt und bilden die Tribus der Priodontini. Dem Riesengürteltier sind die Nacktschwanzgürteltiere dabei äußerlich sehr ähnlich und unterscheiden sich von ihm weitgehend durch ihre geringere Größe und die fehlende Schwanzpanzerung. Tolypeutes gehört demgegenüber zur Tribus Tolypeutini.[2] Die nächstverwandte Gruppe stellen die Chlamyphorinae dar, die den Gürtelmull (Chlamyphorus truncatus) und den Burmeister-Gürtelmull (Calyptophractus retusus) einschließen, weiter außerhalb stehen die Euphractinae mit unter anderem dem Sechsbinden-Gürteltier (Euphractus sexcinctus).[4][5] Molekulargenetische Untersuchungen erbrachten, dass sich die Euphractinae und Tolypeutinae im Oligozän vor 33 Millionen Jahren trennten, bereits im Unteren Miozän vor über 20 Millionen Jahren diversifizierten sich die Tolypeutini, wobei sich möglicherweise erst Priodontes abspaltete und kurze Zeit später aus dessen Schwesterlinie Cabassous und Tolypeutes hervorgingen.[7]

Heute werden vier Arten anerkannt:[8][9]

Der Gattungsname Cabassous wurde im Jahr 1831 von Henry McMurtrie eingeführt, der die Gattung aber als monotypisch ansah und nur das Südliche Nacktschwanzgürteltier in sie verwies, zudem meinte er sie sei eine Untergattung von Dasypus. Ein bereits 1830 von Johann Georg Wagler vergebener Name, Xenurus, ist ungültig, da er schon vorher durch eine Gattung der Vögel präokkupiert ist.[10] Die ersten Hinweise in Europa auf die Existenz von Nacktschwanzgürteltieren gab es 1614, als der Kapuzinermönch P. d'Abbeville über das Südliche Nacktschwanzgürteltier berichtete. Im 19. Jahrhundert war teilweise der deutsche Trivialname „Kabassu“ oder „nacktschwänziges Kabassu“ im Gebrauch.[11] Cabassous stellt die latinisierte Version des Wortes capacou dar, welches aus der Sprache der Kariben im heutigen Französisch-Guayana stammt und „Gürteltier“ bedeutet.[12] Der abgeleitete Begriff cabasú ist heute die häufigst gebrauchte Form für das Nacktschwanzgürteltier im spanisch sprachigen Lateinamerika.[9]

Stammesgeschichte[Bearbeiten]

Obwohl die Linie der Nacktschwanzgürteltiere bereits im Unteren Miozän vor über 20 Millionen Jahren begann, gibt es so gut wie keine fossilen Nachweise. Lediglich einige wenige Fundstücke aus Brasilien können dem Südlichen Nacktschwanzgürteltier zugewiesen werden und stammen aus dem Mittleren bis Oberen Pleistozän.[2]

Bedrohung[Bearbeiten]

Vor allem in Südamerika werden Nacktschwanzgürteltiere wegen ihres Fleisches gejagt, in Mittelamerika aufgrund des Volksglauben jedoch nicht. Weiterhin besteht bei einigen Arten ein großer Rückgang des bewohnten Gebietes durch Landwirtschaft. Trotzdem sind Nacktschwanzgürteltiere noch relativ häufig, nur das Kleine Nacktschwanzgürteltier wird von der IUCN als leicht gefährdet eingestuft, die Bestände der drei anderen Arten sind bisher nicht bedroht.[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World. Johns Hopkins University Press, 1999 ISBN 0-8018-5789-9
  • Alfred L. Gardner: Mammals of South America, Volume 1: Marsupials, Xenarthrans, Shrews, and Bats. University of Chicago Press, 2008 (S. 148–153) ISBN 0226282406, 9780226282404

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Mariella Superina: Biologie und Haltung von Gürteltieren (Dasypodidae). Universität Zürich, 2000, S. 1–248
  2. a b c d e Paul Smith: The Xenarthra famalies Myrmecophagidae and Dasypodidae. Fauna Paraguay Handbook of the Mammals of Paraguay 2012, S. 1–35
  3. a b Agustín Manuel Abba und Mariella Superina: The The 2009/2010 Armadillo Red List Assessment. Edentata 11 (2), 2010, S. 96-114
  4. a b Frédéric Delsuc, Michael J. Stanhope und Emmanuel J.P. Douzery: Molecular systematics of armadillos (Xenarthra, Dasypodidae): contribution of maximum likelihood and Bayesian analyses of mitochondrial and nuclear genes. Molecular Phylogenetics and Evolution 28, 2003, S. 261–275
  5. a b Maren Möller-Krull, Frédéric Delsuc, Gennady Churakov, Claudia Marker, Mariella Superina, Jürgen Brosius, Emmanuel J. P. Douzery und Jürgen Schmitz: Retroposed Elements and Their Flanking Regions Resolve the Evolutionary History of Xenarthran Mammals (Armadillos, Anteaters and Sloths). Molecular Biology and Evolution 24, 2007, S.2573–2582
  6. Guillaume Billet, Lionel Hautier, Christian de Muizon und Xavier Valentin: Oldest cingulate skulls provide congruence between morphological and molecular scenarios of armadillo evolution. Proceedings of the Royal Society B 278, 2011, S. 2791–2797
  7. Frédéric Delsuc, Sergio F Vizcaíno und Emmanuel J. P. Douzery: Influence of Tertiary paleoenvironmental changes on the diversification of South American mammals: a relaxed molecular clock study within xenarthrans. BMC Evolutionary Biology 4 (11), 2004, S. 1–13
  8. Mammal Species of the World: GENUS Cabassous
  9. a b Mariella Superina und John M. Aguiar: A Reference List of Common Names for the Edentates. Edentata 7, 2006, S. 33–44
  10. Alfred L. Gardner: Mammals of South America, Volume 1: Marsupials, Xenarthrans, Shrews, and Bats. University of Chicago Press, 2008 (S. 146–148) ISBN 0226282406, 9780226282404
  11. Leopold Joseph Fitzinger:: Die natürliche Familie der Gürteltiere (Dasypodes). Sitzungsberichte der Methematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften, Wien, Abteilung 1 64, 1871, S. 209–276 und 329–390
  12. Virginia Hayssen: Cabassous tatouay (Cingulata: Dasypodidae). Mammalian Species 46 (909), 2014, S. 28–32

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nacktschwanzgürteltiere (Cabassous) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien