Nationale Islamische Vereinigte Front zur Rettung Afghanistans

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Fahne des Islamischen Staates Afghanistans und der Vereinten Islamischen Front

Die Nationale Islamische Vereinte Front zur Rettung Afghanistans (persisch ‏ جبهه متحد اسلامی ملی برای نجات افغانستان‎ , Dschabhe-ye Mottahed-e Eslami-ye Melli baraye Nedschat-e Afghanistan), kurz Vereinte Front und in westlichen Medien meist als Nordallianz bekannt, war ein gegen die Taliban gerichtetes militärisches und politisches Bündnis. Bis 1998 gab es zwei Fraktionen der Vereinten Front, eine unter der Führung Ahmad Schah Massouds und die andere unter Raschid Dostum. Von 1999 bis September 2001 verblieb Ahmad Schah Massoud der einzige Anti-Taliban-Führer in Afghanistan. Die Vereinte Front vereinte Vertreter aller Ethnien Afghanistans (Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken, Turkmenen) gegen das Taliban-Regime. Ahmad Schah Massoud verfolgte das Ziel, mit Hilfe der Vereinten Front eine demokratische Staatsform in Afghanistan zu errichten.

Von Ende 1996 bis November 2001 kontrollierte die Vereinte Front Gebiete, in denen etwa 30 Prozent der Bevölkerung Afghanistans beheimatet waren. Hierzu zählten u. a. die Provinzen Badachschan, Kapisa, Tachar, Parwan, Kunar, Nuristan, Laghman, Samangan, Kunduz, Ghor und Bamiyan.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eroberte die Vereinte Front mit amerikanischer Luftunterstützung weite Teile Afghanistans, stürzte das Taliban-Regime und errichtete mit internationaler Unterstützung die demokratische Islamische Republik Afghanistan.

Kommandanten und Fraktionen[Bearbeiten]

Ahmad Schah Massoud galt ab 1998 als der unbestrittene Anführer der Vereinten Front.

Der Vereinten Front hatten sich folgende Kommandanten angeschlossen:

  • aus dem Norden: Bismillah Khan Mohammadi, Mohammed Fahim, Gul Haider, Haji Rahim, Piram Qol, Haji Mohammad Mohaqeq, Raschid Dostum, Qazi Kabir Marzban und Ata Mohammad
  • aus dem Osten: Haji Abdul Qadir, Hazrat Ali, Jaan Daad Khan und Abdullah Wahedi, Kommandanten Qatrah und Najmuddin
  • aus dem Süden: Kommandanten Qari Baba, Noorzai und Hotak
  • aus dem Westen: Ismail Khan, Doktor Ibrahim und Fazlkarim Aimaq
  • aus Zentralafghanistan: Hussain Anwari, Said Hussein Aalemi Balkhi, Said Mustafa Kazemi, Akbari, Mohammad Ali Jawed, Karim Khaili und Sher Alam

Die beiden stärksten Anwärter auf das Präsidentenamt bei den afghanischen Präsidentschaftswahlen 2009 waren ebenfalls Mitglieder der ehemaligen Vereinten Front:

  • Abdullah Abdullah war ein enger persönlicher Freund und Berater Massouds sowie der Außenminister der Vereinten Front
  • Hamid Karzai war in den Jahren 2000/2001 auf einer diplomatischen Mission in Europa und Amerika, um für Unterstützung für Massoud und die Vereinte Front zu werben

Politische Parteien spielten zu jener Zeit im Gegensatz zu den Kommandanten eine untergeordnete Rolle. Die folgenden Parteien hatten sich der Vereinten Front offiziell angeschlossen:

  • Die Islamische Vereinigung Afghanistans (persisch ‏جمعيت اسلامی افغانستان‎, Dschamiat-i Islāmī-yi Afghanistān) wurde von persischsprachigen sunnitischen Tadschiken dominiert und offiziell von Burhānuddin Rabbāni geleitet.
  • Die Harakat-e Eslami (Islamische Bewegung Afghanistans) (persisch ‏حركت اسلامی افغانستان ‎, Harakat-e Eslami-ye Afghanistan) war eine schiitische Vereinigung unter Ajatollah Mohammad Asif Mohseni und Hussain Anwari.
  • Die Hezb-e Wahdat (Islamische Einheitspartei Afghanistans) (persisch ‏حزب وحدت اسلامی افغانستان‎, Hezb-e Wahdat-e Eslami-ye Afghanistan) wurde von schiitischen Hazara gebildet. Sie wurde von Hadschi Mohammed Mohaqiq und Karim Chalili geführt.
  • Die Dschonbesch-e Melli (Nationale Vereinigung Afghanistans) (persisch ‏جنبش ملی افغانستان ‎, Dschonbesh-e Melli-ye Afghanistan) war die Partei der Usbeken unter Raschid Dostum.
  • Die Ettehad-e Eslami (Islamische Union zur Befreiung Afghanistans) (persisch ‏اتحاد اسلامی ملی برای آزادى افغانستان‎, Ettehad-e Eslami Baraye Azadi-ye Afghanistan) war eine sunnitische Paschtunen-Partei unter der Leitung von Abdul Rasul Sayyaf.

Geschichte[Bearbeiten]

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Hintergründe[Bearbeiten]

Nach dem Zusammenbruch des sowjetgestützten kommunistischen Regimes von Präsident Mohammed Nadschibullāh einigten sich die Widerstandsparteien im Jahre 1992 auf einen Friedensvertrag, die Peshawar Accords, welche den Islamischen Staat Afghanistan begründeten und eine Regierung für eine Übergangszeit einsetzten.[1]

Gulbuddin Hekmatyār und seine Hizb-i Islāmī-Miliz starteten eine umfassende Bombenkampagne gegen die Hauptstadt Kabul und die von den Parteien benannte Übergangsregierung. Dies geschah, obwohl Hekmatyār wiederholt das Amt des Ministerpräsidenten angeboten worden war. Hekmatyār wurde von Pakistan bewaffnet, finanziert und angeleitet.[2] Der Afghanistan-Experte und Universitätsprofessor Amin Saikal kam in Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival zu dem Schluss, dass es „Pakistan es auf einen Durchbruch in Zentralasien abgesehen hatte“, „Islamabad wusste, dass die neu ernannten islamischen Regierungsmitglieder in Afghanistan nicht ihre eigenen nationalen Interessen denen Pakistans unterordnen würden, damit Pakistan seine regionalen Ambitionen erfüllen konnte“ und dass „ohne die logistische Unterstützung und die Lieferung einer großen Menge an Raketen durch den pakistanischen Geheimdienst ISI Hekmatyars Truppen nicht halb Kabul unter Beschuss nehmen und zerstören hätten können.“[3] Rashid Dostum und seine Miliz gingen Anfang 1994 eine Allianz mit Hekmatyār ein. Die Machtstrukturen in Afghanistan waren sehr dezentralisiert.

Der Süden Afghanistans war weder unter der Kontrolle der Zentralregierung noch unter der Kontrolle von außen kontrollierter Milizen wie der Hekmatyārs. Lokale Milizen- oder Stammesführer beherrschten den Süden. 1994 traten die Taliban in der südlichen Stadt Kandahar erstmals in Erscheinung. Die Taliban-Bewegung stammte ursprünglich aus religiösen Schulen für afghanische Flüchtlinge in Pakistan, welche meist von der politischen pakistanischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam geführt wurden.[4] Im Laufe des Jahres 1994 übernahmen die Taliban die Macht in verschiedenen südlichen und westlichen Provinzen Afghanistans.

Ebenfalls Ende 1994/Anfang 1995 besiegten Truppen des afghanischen Verteidigungsministers Ahmad Schah Massoud die Milizen, die um die Kontrolle der Hauptstadt Kabul gekämpft hatten. Die Bombardierung der Hauptstadt kam zu einem Ende.[5][6] Massoud initiierte einen landesweiten politischen Prozess mit dem Ziel nationaler Konsolidierung und demokratischen Wahlen.[7] Es fanden drei Konferenzen mit Vertretern aus den meisten Provinzen Afghanistans statt.[7] Massoud lud die Taliban ein, sich diesem Prozess anzuschließen und sich an der Schaffung von Stabilität zu beteiligen.[7] Die Taliban nahmen nicht teil, da sie eine demokratische Staatsform ablehnten.[7]

Anfang 1995 starteten die Taliban großangelegte Kampagne von Bombenangriffen auf Kabul. Amnesty International zufolge war dies das erste Mal nach einigen Monaten, dass die Zivilisten Kabuls das Ziel von Bombenangriffen wurden, die sich gegen Wohnbezirke in der Stadt richteten.[5] Die Taliban erlitten eine Niederlage gegen die Truppen Massouds und mussten sich zurückziehen.[5] Im September 1996 hatten sich die Taliban mit militärischer Unterstützung Pakistans und finanziellen Hilfen aus Saudi-Arabien neu formiert und planten eine erneute Großoffensive gegen Kabul. Am 26. September 1996 befahl Massoud einen strategischen Rückzug seiner Truppen in den Norden Afghanistans.[8] Am 27. September 1996 marschierten die Taliban in Kabul ein und errichteten das Islamische Emirat Afghanistan, welches lediglich von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt wurde. Die Regierung des Islamischen Staates Afghanistans blieb die international anerkannte Regierung Afghanistans mit einem Sitz bei den Vereinten Nationen.

Die Taliban verhängten über die Gebiete unter ihrer Kontrolle ihre strenge politische und juristische Interpretation des Islam. Musik und Unterhaltung waren verboten, Frauen lebten quasi unter Hausarrest.[9]

Massaker der Taliban[Bearbeiten]

Nach einem Bericht der Vereinten Nationen begingen die Taliban systematische Massaker gegen die Zivilbevölkerung während sie versuchten ihre Kontrolle über die Gebiete im Westen und Norden Afghanistans zu konsolidieren.[10] Die Vereinten Nationen benannten 15 Massaker in den Jahren 1996 bis 2001.[10] Diese seien höchst systematisch gewesen und alle auf das Verteidigungsministerium der Taliban oder Mullah Omar persönlich zurückzuführen.[10] Die sogenannte „055−Brigade“ von Al-Qaida war ebenfalls an Greueltaten gegen die afghanische Zivilbevölkerung beteiligt.[11] Der Bericht der Vereinten Nationen zitiert Zeugenaussagen welche beschreiben, dass arabische Milizionäre lange Messer mit sich trugen, mit denen sie Kehlen aufschnitten und Menschen häuteten.[10]

Gründung der Vereinten Front[Bearbeiten]

Territoriale Kontrolle Afghanistans im Winter 1996: Massoud (blau), Taliban (grün), Dostum (rosa), Hezb-i Wahdat (gelb)

Ahmad Schah Massoud und Rashid Dostum, frühere Gegner, gründeten die Vereinte Front ursprünglich als Reaktion auf massive Talibanoffensiven gegen die Gebiete unter der Kontrolle Massouds auf der einen Seite und die Gebiete unter der Kontrolle Dostums auf der anderen Seite. Schon bald entwickelte sich aus der Vereinten Front jedoch eine nationale politische Widerstandsbewegung gegen die Taliban. Dieser traten die von den Taliban durch ethnische Säuberungen verfolgte Volksgruppe der Hazara bei, ebenso wie paschtunische Talibangegner wie der spätere Präsident Hamid Karzai, der aus dem Süden Afghanistans stammt, oder Abdul Qadir. Qadir entsprang einer einflussreichen Familie, welche großen Einfluss im paschtunischen Osten Afghanistans um Dschalalabad genoss.

Die Situation der Menschenrechte hing von den jeweiligen Kommandeuren ab, die bestimmte Gebiete kontrollierten. Human Rights Watch verzeichnet keine Menschrechtsverbrechen für die Truppen unter der direkten Kontrolle Ahmad Schah Massouds für den Zeitraum von Oktober 1996 bis zu Massouds Ermordung im September 2001.[12] Massoud hatte die Kontrolle über Panjshir und Tachar sowie Teile Parwans und Badachschans.

Nach Angaben von Human Rights Watch datieren die meisten Menschenrechtsverletzungen, die von Mitgliedern der Vereinten Front begangen wurden, in dem Zeitraum von 1996 bis 1998, während Rashid Dostum weite Teile des Nordens kontrollierte.[12] Bis zu seiner Niederlage im Jahr 1998 kontrollierte Dostum Samangan, Balch, Dschuzdschan, Faryab und Baglan. Im Jahr 1997 exekutierten Dostums Truppen unter dem Kommando von Abdul Malik Pahlawan 3000 Taliban-Gefangene in und um Mazar-i Sharif.[12] Im Jahr 1998 besiegten die Taliban Dostum in Mazar-i Sharif, Dostum ging ins Exil. Wenig später verloren auch die Truppen von Hezb-i Wahdat ihre Gebiete an die Taliban. Die Taliban ermordeten in der Folge um die 4000 Zivilisten in und um Mazar-i Sharif in einer gezielten Kampagne.

Ahmad Schah Massoud blieb der einzige Kommandeur, der seine Gebiete erfolgreich gegen die Taliban verteidigen konnte. Pakistan intervenierte militärisch auf Seiten der Taliban, konnte jedoch keine Niederlage Massouds herbeiführen.

Militärische Intervention Pakistans[Bearbeiten]

Pervez Musharraf sandte zehntausende Pakistaner, um an der Seite der Taliban gegen die Vereinte Front zu kämpfen.

Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf - damals u. a. als Stabschef des Militärs - entsandte zehntausende Pakistaner um an der Seite der Taliban und Al-Qaidas gegen die Vereinte Front zu kämpfen.[7][13][14][15] Insgesamt gehen Schätzungen von 28.000 pakistanischen Staatsbürgern, die innerhalb Afghanistans kämpften, aus.[7] 20.000 davon waren reguläre pakistanische Soldaten des sogenannten Frontier Corps oder der Armee. Weitere geschätzte 8000 waren Milizionäre, die in sogenannten Madrasas rekrutiert wurden, um innerhalb der auf 25.000 Kämpfer geschätzten Talibantruppen zu kämpfen.[11] Ein Dokument des amerikanischen Außenministeriums aus dem Jahre 1998 bestätigte, „20 bis 40 Prozent der regulären Talibansoldaten sind Pakistaner.“[13] Der Bericht des Außenministeriums beschreibt ebenfalls, dass die Eltern der pakistanischen Staatsbürger „nicht von der militärischen Involvierung ihrer Kinder mit den Taliban wissen, bis ihre toten Körper zurück nach Pakistan gebracht werden.“[13]

Weitere 3000 Soldaten der regulären Talibanarmee waren Milizionäre aus arabischen Ländern oder Zentralasien.[11] Von 1996 bis 2001 wurde die Al-Qaida von Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri zu einem Staat innerhalb des Talibanstaates.[16] Bin Laden sandte seine Rekruten gegen die Vereinte Front.[16]

Von geschätzten 45.000 Soldaten, die gegen die Vereinte Front innerhalb Afghanistans kämpften, waren nur etwa 14.000 Afghanen.[11][7]

Ahmad Schah Massoud[Bearbeiten]

Ahmad Schah Massoud verblieb der einzige Führer der Vereinten Front in Afghanistan, der seine Gebiete erfolgreich verteidigen konnte. Die Taliban boten ihm wiederholt eine Machtposition an, welche Massoud ablehnte. Er erklärte in einem Interview:

„Die Taliban sagen: 'Komm und akzeptiere das Amt des Ministerpräsidenten und schließe dich uns an', und sie würden das höchste Amt im Land, die Präsidentschaft, behalten. Aber für was einen Preis?! Der Unterschied zwischen uns liegt darin, wie wir über die grundlegendsten Prinzipien der Gesellschaft und des Staates denken. Wir können nicht ihre Konditionen für einen Kompromiss akzeptieren, sonst müssten wir die Prinzipien einer modernen Demokratie aufgeben. Wir sind fundamental gegen das System, welches sich ‚das Emirat Afghanistans‘ nennt.“[17] und
„Es sollte ein Afghanistan geben, indem sich jeder Afghane und jede Afghanin glücklich fühlen kann. Und ich denke, dies kann nur durch eine Demokratie, die auf Konsens basiert, gesichert werden.“[18]

Massoud wollte die Taliban davon überzeugen, sich einem politischen Prozess anzuschließen, welcher letztendlich zu demokratischen Wahlen führen sollte.[17]

Anfang 2001 wandte die Vereinte Front eine neue Strategie von lokalem militärischem Druck und einer globalen politischen Agenda an.[8] Ressentiments und Widerstand gegen die Taliban, ausgehend von den Wurzeln der afghanischen Gesellschaft, wurden immer stärker. Dies betraf auch die paschtunischen Gebiete.[8] Insgesamt flohen schätzungsweise eine Million Menschen vor den Taliban.[19][20][21] Hunderttausende Zivilisten flohen in die von Massoud gehaltenen Gebiete.[14][22] Der National Geographic kam in seiner Dokumentation „Inside the Taliban“ zu dem Schluss:

"Das einzige, was zukünftigen Massakern der Taliban im Wege steht, ist Ahmad Schah Massoud."[14]

In den Gebieten unter seiner Kontrolle errichtete Massoud demokratische Institutionen und unterschrieb die Deklaration für Frauenrechte.[7] Er trainierte verstärkt Polizeikräfte, die eine Wiederholung des Chaos von Kabul zwischen 1992 und 1994 verhindern sollten, würde die Vereinte Front erfolgreich sein.[8][7]

Im Frühling 2001 sprach Ahmad Schah Massoud vor dem Europäischen Parlament in Brüssel und bat die internationale Gemeinschaft um humanitäre Hilfe für die Menschen Afghanistans.[19] Er erklärte, dass die Taliban und Al-Qaida eine „sehr falsche Interpretation des Islam“ eingeführt hätten und dass die Taliban, wenn sie nicht die Unterstützung Pakistans hätten, ihre militärischen Operationen innerhalb eines Jahres nicht mehr aufrechterhalten könnten.[19] Auf seinem Besuch nach Europa, bei dem ihn die europäische Parlamentspräsidentin Nicole Fontaine den "Pol der Freiheit in Afghanistan" nannte, warnte Massoud davor, dass sein Geheimdienst Informationen habe, denen zufolge ein großangelegter Anschlag auf amerikanischem Boden unmittelbar bevorstehe.[23]

Am 9. September 2001 ließen zwei arabische Selbstmordattentäter, die sich für Journalisten ausgegeben hatten, während eines Interviews mit Massoud in Tachar, eine Bombe, die sie in ihrer Videokamera versteckt hatten, detonieren. Massoud starb wenig später an seinen Verletzungen.[24] Obwohl die Beerdigung in dem sehr ländlichen Panjshir-Tal stattfand, nahmen hunderttausende trauernder Afghanen daran teil. Viele befürchteten nach der Ermordung Massouds den endgültigen Sieg der Taliban.

Die Ermordung Massoud hat nach Auffassung vieler Experten eine starke Verbindung zu den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA, welche die Anschläge seien würden, vor denen Massoud bei seinem Besuch in Europa fünf Monate zuvor gewarnt hatte. John P. O’Neill, ein Experte für Terrorismusbekämpfung und bis Mitte 2001 stellvertretender Direktor des FBI, nahm zwei Wochen vor den Anschlägen auf das World Trade Center die Position des Sicherheitschef der Zwillingstürme ein. Am 10. September 2001 erzählte O'Neill zwei Freunden:

„Wir sind fällig. Und wir sind fällig für etwas Großes […] Einige Dinge sind in Afghanistan passiert [bezugnehmend auf die Ermordung Massouds]. Ich mag nicht, wie sich die Dinge in Afghanistan entwickeln. […] Ich spüre eine Veränderung, und ich denke bald wird etwas passieren. […] bald.“[25] John O'Neill starb am 11. September 2001, als der Südturm zusammenbrach.[25]

September 2001 bis heute[Bearbeiten]

Soldaten der afghanischen Armee

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA wollte die US-geführte "internationale Koalition" eigene große Bodenoperationen vermeiden und entschloss sich daher, die Vereinte Front, die nun militärisch von Mohammed Qasim Fahim, dem stellvertretendem Verteidigungsminister Afghanistans, geführt wurde, insbesondere durch Luftoperationen, zu unterstützen. Mithilfe amerikanischer Luftunterstützung und amerikanischer und britischer Spezialeinheiten eroberte die Vereinte Front weite Teile Afghanistans. Der Präsident des Islamischen Staates Afghanistan Burhānuddin Rabbāni nahm die Position des Präsidenten, die er seit 1996 nur noch de jure innehatte, auch de facto wieder ein.

Auf der Afghanistan-Konferenz in Bonn zur Befriedung und Demokratisierung des Landes im November 2001 fiel Vertretern der Vereinten Front als De-facto-Regierung eine Schlüsselrolle zu. Außenminister wurde Abdullah Abdullah, das Innenressort übernahm der Delegationsleiter der Vereinten Front Junus Ghanuni, der neue Verteidigungsminister hieß Mohammed Qasim Fahim.

Die von vielen befürchtete Wiederholung des Chaos von 1992 blieb aus. Der dominierende Einfluss der Mitglieder der Vereinten Front wurde im Kabinett mit der Zeit zurückgedrängt, ohne dass es zu größeren Regierungskrisen kam. Die Soldaten der Vereinten Front wurden weitgehend in die neu geschaffene Afghanische Nationalarmee integriert.

Abdullah Abdullah, ein enger persönlicher Freund Ahmad Schah Massouds, ehemaliger Außenminister Afghanistans unter Hamid Karzai und stärkster Gegenkandidat Karzais bei den Präsidentschaftswahlen 2009, gründete 2010 die „Koalition für Wandel und Hoffnung“ (Coalition for Change and Hope). Die „Koalition für Wandel und Hoffnung“ gewann bei den Parlamentswahlen 2010 über 90 von 249 Parlamentsmandaten und stellt damit die größte demokratische Oppositionskraft dar.

Amrullah Saleh, ehemaliger Geheimdienstler der Vereinten Front, war von 2004 bis 2010 Direktor des größten afghanischen Geheimdienstes NDS. Heutzutage leitet er eine Aufklärungskampagne gegen die Taliban und deren Unterstützer in Pakistan.

Im März 2007 gründete Burhānuddin Rabbāni die „Nationale Vereinigte Front“ (persisch ‏جبهه متحد ملی افغانستان‎, Dschabhe-ye Mottahed-e Melli), der sich einige ehemalige Mitglieder der Vereinten Front angeschlossen haben, darunter Raschid Dostum, Mohammed Fahim, Junus Ghanuni und Ismail Khan. Sie bezeichnet sich selbst als „loyale Opposition“ gegenüber der Karzai-Regierung. Die Nationale Vereinigte Front tritt für eine Schwächung der starken Rolle des Präsidenten und der Zentralregierung ein.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Neamatollah Nojumi: The Rise of the Taliban in Afghanistan: Mass Mobilization, Civil War, and the Future of the Region., Palgrave, New York 2002.
  • Amin Saikal: Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival., I.B. Tauris & Co, London, New York 2006, ISBN 1-85043-437-9.
  • Ahmed Rashid: Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad. Droemer, München 2001, ISBN 3-426-27260-1.
  • Marcela Grad: Massoud: An Intimate Portrait of the Legendary Afghan Leader., Webster University Press, 2009.
  • Steve Coll: Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001. Penguin Books, New York 2004.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Blood-Stained Hands, Past Atrocities in Kabul and Afghanistan's Legacy of Impunity. Human Rights Watch, 7. Juli 2005, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  2.  Neamatollah Nojumi: The Rise of the Taliban in Afghanistan: Mass Mobilization, Civil War, and the Future of the Region. 1. Auflage. Palgrave, New York 2002.
  3.  Amin Saikal: Modern Afghanistan: A History of Struggle and Survival. 1. Auflage. I.B. Tauris & Co, London, New York 2006, ISBN 1-85043-437-9, S. 352.
  4. Kamal Matinuddin: The Taliban Phenomenon, Afghanistan 1994–1997, Oxford University Press, 1999, pp.25–6
  5. a b c Further information on fear for safety and new concern: deliberate and arbitrary killings: Civilians in Kabul. Amnesty International, 16. November 1995, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  6. Afghanistan: escalation of indiscriminate shelling in Kabul. IKRK, 1. Februar 1995, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  7. a b c d e f g h i  Marcela Grad: Massoud: An Intimate Portrait of the Legendary Afghan Leader. 1. Auflage. Webster University Press, 2009.
  8. a b c d  Steve Coll: Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001. Penguin Books, New York 2004, ISBN 0-14303466-9.
  9. The Taliban's War on Women. A Health and Human Rights Crisis in Afghanistan. Physicians for Human Rights, 1998, archiviert vom Original am 2. Juli 2007, abgerufen am 23. November 2013 (PDF-Datei, englisch).
  10. a b c d Edward A. Gargan: Taliban massacres outlined for UN. Chicago Tribune, 12. Oktober 2001, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  11. a b c d Ahmed Rashid: Afghanistan resistance leader feared dead in blast. The Telegraph, 11. September 2001, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  12. a b c Human Rights Watch Backgrounder, October 2001. Human Rights Watch, Oktober 2001, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  13. a b c Documents Detail Years of Pakistani Support for Taliban, Extremists. George Washington University, 14. August 2007, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  14. a b c Inside the Taliban. National Geographic, 2007, abgerufen am 23. November 2013 (englisch, privat hochgeladenes Youtube-Video).
  15. Profile: Ahmed Shah Massoud. History Commons, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  16. a b Book Review: The inside track on Afghan wars by Khaled Ahmed. Daily Times (Pakistan), 31. August 2008, archiviert vom Original am 13. September 2008, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  17. a b Piotr Balcerowicz: The Last Interview with Ahmad Shah Massoud. Universität Warschau, August 2001, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  18. The man who would have led Afghanistan. St. Petersburg Times, 2. September 2002, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  19. a b c Afghan commander Masood appeals for foreign support –Massoud in the European Parliament 05.04.2001. hurriyetdailynews.com, 5. April 2001, abgerufen am 21. Januar 2011 (englisch, Meldung von Reuters).
  20. How much did Afghan leader know? – Cable says Massoud learned bin Laden was planning U.S. attack
  21. Never-Ending War in Afghanistan (Full Documentary) BBC Dokumentation
  22. Inside the Taliban. National Geographic, 2007, abgerufen am 21. Januar 2011 (englisch).
  23. Bericht. Defense Intelligence Agency, abgerufen am 23. November 2013 (PDF-Datei; 270 kB, englisch). (2001) report http://www.gwu.edu/~nsarchiv/NSAEBB/NSAEBB97/tal31.pdf
  24. Barry Bearak: Rebel Chief Who Fought The Taliban Is Buried. The New York Times, 17. September 2001, abgerufen am 23. November 2013 (englisch).
  25. a b The Man Who Knew. Public Broadcasting Service, 2002, abgerufen am 23. November 2013.