Herat

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هرات
Herat
Herat (Afghanistan)
Red pog.svg
Koordinaten 34° 21′ N, 62° 11′ O34.3562.183333333333Koordinaten: 34° 21′ N, 62° 11′ O
Basisdaten
Staat Afghanistan

Provinz

Herat
Höhe 925 m
Einwohner 308.203 (Berechnung 2012)
Webseite www.herat.gov.af
Blick von der Zitadelle auf die Stadt, 2004
Blick von der Zitadelle auf die Stadt, 2004

Herat (persisch ‏هرات‎, DMG Herāt, in der Antike Haraiva[ta]) ist eine Stadt im westlichen Afghanistan im Tal des Hari Rud. Sie ist die Hauptstadt der Provinz Herat und die drittgrößte Stadt des Landes nach Kabul und Kandahar. Ihre Einwohnerzahl beträgt nach einer Berechnung etwa 308.000 für das Jahr 2012[1], hauptsächlich Tadschiken (Eigenbezeichnung Farsi).

Geographie[Bearbeiten]

Zentralasien mit Seidenstraße

Herat ist eine alte Stadt mit vielen historischen Bauwerken, obwohl diese unter den militärischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte litten. Die meisten Gebäude sind aus Lehmziegeln erbaut. Die kürzlich wiederaufgebaute Zitadelle von Herat, die unter Alexander dem Großen errichtet wurde, beherrscht die Ansicht der Stadt. Im 15. bis 17. Jahrhundert wurde Herat auch als das Florenz Asiens bezeichnet. Die Stadt hat eine günstige Lage an den Handelsrouten zwischen Iran, Indien, der Volksrepublik China und Europa. Die Straßen nach Turkmenistan und in den Iran sind noch immer von strategischer Bedeutung. Im Jahr 2007 haben der Iran und Afghanistan vereinbart eine Eisenbahnlinie aus dem Iran nach Herat zu bauen.

Klima[Bearbeiten]

Die Temperaturen schwanken im Winter zwischen 5 und 10 °C und liegen im Sommer um 30 °C.

Herat
Klimadiagramm
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Temperatur in °CNiederschlag in mm
Quelle: wetterkontor.de
Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Herat
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Max. Temperatur (°C) 9,1 11,9 17,9 24,0 29,6 35,0 36,7 35,1 31,4 25,0 17,8 12,0 Ø 23,8
Min. Temperatur (°C) -2,9 -0,6 3,8 9,1 13,3 18,2 21,2 19,2 13,2 7,4 1,0 -1,4 Ø 8,5
Niederschlag (mm) 52 45 55 29 10 0 0 0 0 2 11 36 Σ 240
Sonnenstunden (h/d) 4,8 5,4 6,5 7,9 10,6 12,1 12,2 11,1 10,8 8,8 7,8 4,6 Ø 8,6
Regentage (d) 6 8 7 4 1 0 0 0 0 1 1 6 Σ 34
Luftfeuchtigkeit (%) 72 69 62 56 45 34 30 30 34 42 55 67 Ø 49,6
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Geschichte[Bearbeiten]

Blick auf Herat, 1969

Der iranische Stamm Aria, altpersisch Haraiva[ta], altgriechisch Artakoana, siedelte um 800 v. Chr. in der Oase Hera.[2] Artakoana war die Hauptstadt der Region Aria und der gleichnamigen persischen Satrapie.

Die unter Alexander erbaute Zitadelle in Herat

Alexander der Große eroberte die Stadt 330 v. Chr. und baute sie unter dem Namen Alexandria in Aria zu einem militärischen Stützpunkt aus.[3] In dieser Zeit entstand die berühmte Zitadelle der Stadt. Die Region um Herat wurde nach dem Fall der Seleukiden von den einheimischen Parthern erobert – von hier aus begann die Gründung des mächtigen Parther-Imperiums.

Mit dem Fall der persischen Sassaniden wurde Herat Teil des muslimischen Kalifats. Die Samaniden erhoben Herat später zu einer Residenzstadt und entwickelten sie zu einem Zentrum der persischen Kunst, Kultur und Literatur.

Um 1000 n. Chr. eroberten die türkischen Ghaznawiden die Stadt und circa 1100 die Seldschuken. Ab 1175 herrschten hier die einheimischen Ghuriden, bevor die Stadt 1215 an die Choresm-Schahs fiel.

Ruinen des Musalla-Komplexes
Freitagsmoschee in Herat

In dieser Zeit war Herat ein wichtiges Zentrum der Herstellung von Metallwaren, besonders Bronze, die oft mit kunstvollen Einlegearbeiten aus wertvollen Metallen verziert wurden. 1221 eroberten die Mongolen unter Dschingis Khan Herat und zerstörten es. Im Jahre 1245 wurde die Stadt an die Kartiden vergeben.

Timur Lang zerstörte Herat um 1381. Unter seinem Sohn Schah-Ruch wurde es wieder aufgebaut und zur Hauptstadt Chorasans und des Timuridenreiches erklärt. Schah-Ruchs Frau Gauhar-Schad errichtete hier u. a. den Musalla-Komplex mit seinen zum Teil noch heute stehenden Minaretten.

Die Usbeken eroberten Herat 1507; nur wenige Jahre später wurde die Stadt von Ismail Safawi eingenommen. Herat wurde wieder Teil von Persien und blieb bis zur Eroberung durch die Afghanen eine der wichtigsten Städte der Safawiden in Chorasan.

Ein Werbeplakat aus dem Jahre 1910

Zwischen 1718 und 1880 gab es viele Schlachten um Herat. 1749 eroberte der Paschtune („Afghane“) Ahmad Schah Durrani Herat von den Persern und vereinigte die Städte Kandahar und Kabul zu seinem neuen afghanischen Reich. Um 1800 begannen Machtkämpfe zwischen den beiden herrschenden Clans der Durranis, die 1819 faktisch ein autonomes Emirat unter der einen Dynastielinie zur Folge hatten. Besitzansprüche der Perser führten im Lauf des 19. Jahrhunderts zu mehreren Schlachten um die Stadt, die 1852 und 1856 von Persern besetzt und zu großen Teilen zerstört wurde.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann The Great Game, das politische Schachspiel der beiden europäischen Kolonialmächte Russland und Großbritannien um Zentralasien. Der Konflikt endete 1887, und mit Afghanistan entstand eine Pufferzone zwischen Russland und Britisch-Indien, die gleichzeitig die Unabhängigkeit Persiens und Afghanistans versicherte.

Im Jahr 1837 belagerte die persische Armee Mohammed Schah Herat. Der zufällig in Herat anwesende britische Artillerieoffizier Eldred Pottinger bot dem Emir von Herat seine Dienste an. Ihm wurde die Verteidigung übertragen und es gelang, die Stadt zu halten. Der russische Botschafter Graf Simonitsch übernahm das Kommando über die persische Armee. Daraufhin landeten britische Truppen am Persischen Golf. Dies hatte zur Folge, dass sich die persischen Truppen zurückzogen und sowohl Simonitsch, als auch Witkewitsch nach Russland zurückbeordert wurden. Diese Situation führte schließlich zum Ersten Anglo-Afghanischen Krieg.

1863 wurde Herat von Dost Mohammed, dem Begründer der Baraksai-Dynastie eingenommen. 1879 unterstellte sein Enkel Mohammed Yakub Khan, Emir Afghanistans aus Herat, das Land der britischen Kontrolle. Erst mit Abdur Rahman Khan, der von 1880 bis 1901 regierte, kam es zu einer Periode relativer politischer Stabilität und kulturellen Wiederbelebung. Die ausgeprägte Musikszene in Herat war zu dieser Zeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts persisch, im Unterschied zu der von Indien beeinflussten Musik Kabuls.[4]

Schon vor der sowjetischen Invasion Afghanistans Ende 1979 gab es eine umfangreiche Präsenz von sowjetischen Beratern mit ihren Familien in Herat. Vom 10. bis zum 20. März 1979 meuterte die Armee in der Stadt unter Führung von Ismail Khan und 350 Sowjetbürger wurden getötet. Die Sowjets bombardierten die Stadt, was zu umfangreichen Zerstörungen und zu tausenden Toten führte, und eroberten die Stadt mit Panzern und Fallschirmjägern zurück.

Ismail Khan wurde Mudschahidin-Kommandeur und nach dem Abzug der Sowjets Gouverneur von Herat. 1995 eroberten die Taliban Herat. In dieser Zeit entstand das geheime Frauencollege „Goldene-Nadel-Nähschule“. Am 12. November 2001 fiel Herat an die Nordallianz und Ismail Khan kam in der Region wieder an die Macht.

Im Jahre 2004 setzte Hamid Karzai Ismail Khan ab und ernannte Said Mohammad Kheir-Khowa zum neuen Gouverneur. Kurz danach rebellierten die Einwohner Herats, da sie mit der Entscheidung Karzais nicht einverstanden waren.

Verkehr[Bearbeiten]

Der Flughafen Herat liegt 10 km südöstlich an der Straße nach Farah. Fluglinien wie Ariana Afghan Airlines, Kam Air, Pamir Airways fliegen ihn an.

Seit Juli 2006 ist eine Eisenbahnlinie von Maschad, Iran in Bau. Während die Arbeiten auf iranischer Seite weit fortgeschritten sind steht auf afghanischem Territorium die Konstruktion 2010 offenbar noch aus.[5]

Wirtschaft[Bearbeiten]

Banken:

  • Afghanistan International Bank
  • Arian Bank
  • Azizi Bank
  • Bank-E-Mili
  • Alfalah Bank Ltd
  • Export Promotion Bank
  • The First MicroFinance Bank
  • Habib Bank of Pakistan
  • Kabul Bank
  • National Bank of Pakistan
  • Pashtany Tejaraty Bank
  • Punjab National Bank – India
  • Standard Chartered Bank

Bildung und Forschung[Bearbeiten]

In Herat wird zur Zeit die Universität im nördlichen Teil der Stadt aufgebaut. Trotz der Aufbauarbeiten, findet der Lehrbetrieb in den schon errichteten Gebäuden statt. Es gibt derzeit 10 Fakultäten:

  1. Agrarwirtschaft
  2. Naturwissenschaften
  3. Bildungs- und Erziehungswissenschaften
  4. Wirtschaftswissenschaften
  5. Ingenieurswissenschaften
  6. Bildenden Künste
  7. Islamische Studien
  8. Literaturwissenschaften
  9. Jura und Politikwissenschaften
  10. Informatik

Kultur[Bearbeiten]

Illustration zu Dschamis Haft Awrang

Herat war lange Zeit ein Zentrum der persisch-muslimischen Kulturwelt. Besonders bekannt ist die Stadt für ihre bedeutende Kunst- und Literaturtradition. Einer der bekanntesten Dichter Persiens, Dschami, der gleichzeitig als der letzte bedeutende Sufi-Meister des Mittelalters gilt, war aus Herat. Auch der Halveti- und der Cheschti Sufi-Orden wurden in Herat gegründet. Eine weitere Berühmtheit der Stadt war Ustad Kamal-ud Din Behzad, der bedeutendste Vertreter der persisch-muslimischen Miniaturmalerei. Herat ist zudem für seine handgeknüpften Perserteppiche bekannt. Der (nach der Stadt benannte) Herat-Stil gehört zu den teuersten und bekanntesten seiner Art.

Bis zum Zerfall des Safawiden-Reichs war Herat, damals auch bekannt als Perle Persiens, die zweitgrößte Stadt des Königreichs und die wichtigste Metropole im Osten Persiens.

Bedeutende Personen aus und in Herat[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Dietrich Brandenburg: Herat. Eine timuridische Hauptstadt. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1977
  • Veronica Doubleday: Three Women of Herat. Jonathan Cape, London 1988. Neuauflage: Three Women of Herat: A Memoir of Life, Love and Friendship in Afghanistan. Palgrave Macmillan, Hampshire 2006 (Feldforschung in den 1970er Jahren)
  • Heinz Gaube: Herat und sein Umland im 15. Jahrhundert nach literarischen und archäologischen Quellen. In: Rathjens, C. (Hrsg.): Neue Forschungen zu Afghanistan, Opladen 1981, S. 202–213

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Herat – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:[1] [2] Vorlage:Toter Link/bevoelkerungsstatistik.deHerāt. World Gazetteer
  2. Brandenburg, S. 1
  3. Gavin Hambly (Hrsg.): Fischer Weltgeschichte. Bd. 16, Frankfurt/Main 1966, S. 39
  4. John Baily: Music of Afghanistan: Professional Musicians in the City of Herat. Cambridge University Press, Cambridge 1988, S. 12–19
  5. http://www.andrewgrantham.co.uk/afghanistan/railways/iran-to-herat/